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Geburt Johannes des Täufers

Am Vorabend

Gehalten in München, Heilig Geist

Jer 1,4-10; 1 Petr 1,8-12; Lk 1,5-20

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Kinderlosigkeit wurde im Alten Israel als Fluch Gottes gedeutet. Ohne Nachkommen keine Zukunft! Kinder aber waren ein Segen Gottes.

Es war wohl dies, was dem Priester Zacharias zu schaffen machte. Seine Frau war unfruchtbar. Dabei lebten beide gerecht vor Gott und hielten sich streng an alle Gebote und Vorschriften, so heißt es in dieser biblischen Legende, die wir gerade gehört haben. Es muss ein Rätsel für sie gewesen sein. Ihr Leben war gottgefällig – und doch blieb der ersehnte Segen Gottes aus. Und nun waren sie alt, die Züge endgültig abgefahren. Wie mögen sie mit Gott gehadert haben? Wie mag ihr Gottvertrauen darunter gelitten haben?

Diese Legende ist nicht nur eine Geschichte über Zacharias und Elisabet. Sie meint uns alle. Sie beschreibt den Weg zum Glauben, zum Gottvertrauen auch da, wo alles umsonst erscheint: wo trotz unserer Bemühungen um ein gottgefälliges Leben unsere Träume und Wünsche unerfüllt bleiben. Zwar wird Kinderlosigkeit heute nicht mehr unbedingt als großes Unglück empfunden, wohl aber gibt es viele andere Situationen, in denen uns unser Leben als erfolglos, als enttäuschend, eben als unfruchtbar erscheinen kann. Wo wir zweifeln an der Güte Gottes.

Es ist eine solche Situation, in der Zacharias das Wort der Verheißung vernimmt: „Deine Frau wird dir einen Sohn gebären.“ Ihm wird Zukunft verheißen. Doch Zacharias kann es nicht glauben. Es verschlägt ihm die Sprache. Er verstummt. Wer das Wort des Glaubens vernimmt, dem bleibt zunächst die Spucke weg. Denn es übertrifft alle Erwartungen. Es wird uns eine Zukunft verheißen, die wir nicht selber machen können. Ewiges Leben in Gott wird uns zugesagt. Man kann es erst nicht glauben. Es macht zunächst sprachlos. Man zieht sich zurück. Man muss es erst verarbeiten.

So ging es Zacharias, so geht es jedem, der das Wort Gottes hört und zunächst nicht weiß, ob er ihm trauen kann. Die Erfahrung spricht ja dagegen! Und nun soll er gegen seine Erfahrung glauben.

Zacharias braucht Zeit, um zu verstehen, dass er sich bisher gar nicht wirklich auf Gott verlassen hat. Er hat sich auf seine strenge Beobachtung der Gebote verlassen, auf sein eigenes gottgefälliges Tun. Und damit doch nur wieder auf sich selbst. Er muss erst noch verstehen, dass Gottes Wort verlässlicher ist als alles eigene Tun, als alle Bemühungen, es Gott recht machen zu wollen. Er muss erst noch verstehen, dass Gottes Wort vertrauenswürdiger ist als alle Erfahrung.

Die Geschichte meint also nicht nur Zacharias und seine Frau. Sie meint uns alle. An uns alle ergeht Gottes Wort. Es will uns etwas sagen, was alle Erwartungen übertrifft. Es schenkt Gemeinschaft mit Gott und damit auch Zukunft über den Tod hinaus, über alle Vergeblichkeit und Unfruchtbarkeit unseres Lebens hinaus. Auch da, wo alle Züge bereits abgefahren sind, wo kein Mensch, kein Arzt, kein Berater und kein Politiker mehr weiterhelfen kann. Wo wir mit unserem Latein am Ende sind.

Dem Zacharias wird ein Sohn verheißen und damit Zukunft, ganz unerwartet. Und es wird ihm ein Name verheißen für dieses Kind: hebräisch Jochanan, griechisch Ioánnes. Auf Deutsch sagen wir „Johannes“. Später, bei der Geburt des Kindes, als ihm der Name gegeben werden soll, opponiert die ganze Verwandtschaft dagegen. Denn es war üblich, einem Kind den Namen eines familiären Vorfahren zu geben. Aber niemand von ihnen trug diesen Namen. Doch Zacharias beharrt auf Johannes. Ein Traditionsbruch! Es ist aber dieser neue Name, der es in sich hat: Johannes heißt übersetzt: Jahwe ist gnädig, Jahwe ist barmherzig. Es ist hier, wo Zacharias die Sprache wiederfindet. Er hat zum Glauben gefunden, zum Vertrauen in Gottes Gnade, in Gottes Barmherzigkeit. Er hat sich dieser Güte Gottes anvertraut. Er kann wieder sprechen und Gott zur Sprache bringen.

Gott, liebe Schwestern und Brüder, umgibt uns mit seiner Güte. Auch wo alles vergeblich und umsonst scheint. Doch darauf kommt es nun nicht mehr an.

Johannes der Täufer, dessen Geburt wir morgen feiern, und zwar genau an dem Tag, an dem die Tage beginnen, wieder dunkler zu werden, dieser Johannes wird den Weg bereiten für das Wort Gottes, das in sechs Monaten Fleisch werden soll, Hand und Fuß bekommt und mit dem die Tage wieder heller werden. Er wird von sich weg auf dieses Wort zeigen, auf Gottes Wort, das einzige Wort, das uns Zukunft in Gott schenkt. Auf dem Isenheimer Alter wird der Täufer von Matthias Grünewald dargestellt mit einem ganz langen, mit einem XXL-Zeigefinger, mit dem er auf das Lamm Gottes zeigt. Dieser ist es, Jesus, der das entscheidende Wort über unser Leben sagt. Ganz anders als die Talkmeister und die Politiker und leider auch manche Pfarrer unserer Zeit, die aus Gottesdiensten Unterhaltung machen, zeigt er von sich weg auf diesen Anderen. Nicht: Schaut mich an, wie toll ich bin. Sondern: Ich bin es nicht. Nach mir kommt einer. So bereitet Johannes, „Jahwe ist gütig“, den Weg für Gottes Wort, das uns erreichen, uns ansprechen und zum Glauben, zum Vertrauen in Gottes Güte führen will.

In jedem Gottesdienst will dieses Wort wieder unser Herz erreichen, dieser Name Johannes: Jahwe ist gnädig. Auf diesen Namen kann man die ganze christliche Botschaft bringen. Wie eine Kurzformel: Gott ist gnädig und barmherzig. Hier ist der Ort, von Gott zu sprechen und vom Menschen, von unserer Bestimmung, die wir uns selbst nicht geben können und von unserer Gemeinschaft mit Gott. Niemand kann sie uns mehr nehmen.

Wir feiern jetzt Eucharistie. „Seht das Lamm Gottes!“, sagt der Priester und wiederholt die Worte Johannes des Täufers. Und indem wir diese hochheilige Speise essen, nehmen wir Gottes Wort in unser tiefstes Herz auf, damit unser Mund wie der Mund des Zacharias sich wieder öffnet und uns in unserem Alltag weitersagen lässt: Johannes – Jahwe ist gütig.

 

 

 

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Fronleichnam

Gehalten in München, Hl. Geist

 

„Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.“

Diese Worte, liebe Schwestern und Brüder, schrieb der Jesuit und Widerstandskämpfer Alfred Delp, der in Bogenhausen regelmäßig predigte, im Gefängnis vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. In einer Situation also, in der er kaum Brot hatte und keine äußere Freiheit, in der er aber dem Glauben treu blieb und den wahren Gott anbetete.

Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.

Brot, Freiheit, Treue und Anbetung: diese vier Begriffe setzte er in Beziehung zueinander. In dieser Reihenfolge: vom Wichtigen zum Allerwichtigsten. Was haben sie miteinander zu tun?

In seiner Zeit sah Delp offenbar die größte Gefahr für den Menschen und für sein Menschlichsein darin, dass er diese Reihenfolge umkehrt und das Brot, den Konsum, die Gier nach immer mehr für das Wichtigste hält. Und damit seine Freiheit verliert. Ja mehr noch, dass er die Anbetung Gottes verliert, Gott verrät und den falschen Gott anbetet: Adolf Hitler.

Nicht wenige haben sich ja verführen lassen: mit Brot, mit Wohlstand, mit Karriere, mit Macht und haben so ihre Freiheit vertan, ihr Menschsein verfehlt und ihre Menschlichkeit verloren. Aus lauter Angst, sonst das Brot, das Geld, die Macht, die gesellschaftliche Anerkennung zu verlieren, waren sie erpressbar und also unfrei. Man konnte sie dazu bringen, Unmenschliches zu tun, ja, ungeheure Verbrechen zu begehen, Unmenschen zu werden. Eine Kettenreaktion von Angst und Erpressung!

Die Zeiten sind heute anders. Gott sei Dank. Aber die Natur des Menschen ist die gleiche geblieben. Wir brauchen Brot, wir brauchen Freiheit. Doch diese Freiheit gewinnen wir nur im rechten Verhältnis zum Brot, also zu den Gütern der Welt, und im rechten Verhältnis zu Gott. Auch die ganze Umweltproblematik hat damit zu tun. Ohne rechtes Verhältnis zu Gott kann man auch kein rechtes Verhältnis zur Welt haben. Nur im rechten Verhältnis zu Gott bekommen wir auch das rechte Verhältnis zum Brot, zu den Gütern der Welt und zur Natur. Und nur so gewinnen wir Freiheit. Die Reihenfolge Brot-Freiheit-Treue-Anbetung, vom Wichtigen zum Allerwichtigsten, darf also nicht umgekehrt werden. Nur in Gemeinschaft mit Gott finden wir zur Freiheit und müssen das Brot nicht vergötzen.

Brot ist wichtig. Der Leib braucht Nahrung, um zu leben und um gesund zu bleiben. Schaut man aber in unsere Supermärkte, dann kann man denken, der Mensch bestünde nur aus Magen. Und die Freiheit bestünde darin, unter 20 und mehr Brotsorten zu wählen, sich zwischen Mallorca und tausend anderen Reisezielen zu entscheiden. Wobei unsere kurze Lebenszeit nie ausreicht, um alles in sich reinzustopfen, alles zu erleben, alles zu verfrühstücken, was die Welt uns bietet. So droht der Markt immer mehr zum einzigen Sinnhorizont vieler Menschen zu werden. Der Mensch kann nur noch das wünschen, was man kaufen kann. Deshalb auch wird der Markt vergötzt. Er wird zum Ein und Alles. Er wird zur Diktatur und ist es wohl schon.

Doch Freiheit? Man muss doch mithalten, man darf nicht rausfallen, man darf den Zeitgeist nicht kritisieren, muss politisch korrekt bleiben. Wie das geht, wird uns in den Talkshows im Fernsehen vorexerziert. Die öffentliche Meinung.  Es wird uns verordnet, wie wir zu denken haben und wie wir keinesfalls denken und wählen dürfen. Sonst ist man gesellschaftlich exkommuniziert.

Aber Freiheit ist wichtiger als alles das. Mit dieser Freiheit ist nicht die Auswahl zwischen hundert Fernsehprogrammen und Smartphones und möglichen Sexpartnern gemeint, die man hintereinander vernaschen kann. Das ist bloß eine Illusion von Freiheit. Freiheit heißt, sich kritisch zu alledem und zu sich selbst verhalten zu können, sich nicht verführen zu lassen. Es bedeutet, Alternativen zu suchen, neue und ungewohnte Wege zu gehen, sich nicht einpassen zu lassen in ein System, sondern Sand im Getriebe dieser Welt aus Angebot und Nachfrage, aus Meinungsumfragen und Mehrheiten zu werden. Ja, wahre Freiheit heißt letztlich, nicht aus Angst um sich selbst zu leben, aus Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen. Unter der Macht der Angst verengt sich der Horizont, verengt sich das Leben, wird der Mensch ichgebunden und findet nicht zu seiner eigentlichen Menschlichkeit.

Jesus, unser Herr, hat uns diese Freiheit vorgelebt, die Freiheit der Kinder Gottes. Viele sind ihm gefolgt. Auch Alfred Delp. Man konnte ihnen das Leben nehmen, aber ihre Menschlichkeit nicht. Und damit eigentlich auch nicht ihr Leben. Denn diese Freiheit gründet in Gott. Der Gott Jesu ist kein Gott, wie wir ihn uns vielleicht vorstellen, kein schwarzes Loch, vor dem man wieder Angst haben muss, kein orientalischer Despot, der uns dieses Leben zur Hölle machen will. Dieser Gott hat sich uns in Jesus als Liebe ausbuchstabiert. Nur wer sich von ihm bedingungslos geliebt weiß, angenommen und anerkannt, findet auch zur Freiheit und kann frei werden von sich selbst und von den Götzen, die ihn versklaven und ihn daran hindern, sein Menschsein wahrhaft zu leben.

Die Kirche muss ein Ort dieser Freiheit der Kinder Gottes sein. Wir erleben, wie die Kirche um ihren Weg in die Zukunft ringt. Viele Reformvorschläge liegen auf dem Tisch. Dabei erleben wir auch Zerwürfnisse und Anfeindungen, Flügelkämpfe und sogar Hetze: Progressive gegen Konservative und umgekehrt. Wir vergessen manchmal, dass alles Tun der Kirche in die Anbetung Gottes münden muss, in die Eucharistie. Die vielen Stimmen der Kirche sind geeint am Tisch Gottes. Hier finden alle zusammen. Alle werden Eins in dem einen Brot und dem einen Kelch.

Denn wahres Menschsein vollzieht sich in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit in der unverratenen Anbetung des Gottes, der uns diese Freiheit schenkt. In der Anbetung Gottes findet der Mensch zu seiner eigentlichen Gestalt: er ist nicht nur ein Tier, das fressen muss, sondern steht haushoch darüber, er ist aber auch nicht Gott, wofür er sich gerne hält. Das ist die besondere Stellung des Menschen – über der animalischen Welt und doch nicht Gott. Irgendwie dazwischen. Deshalb ist unser Menschsein so großartig und zugleich so gefährdet und verführbar. Man kann zurücksinken auf die Stufe des Tieres und man kann in seinem Größenwahn sich mit Gott verwechseln. Beides zerstört unsere Menschlichkeit. Christliches Leben vollzieht sich in diesem Balanceakt, das Gleichgewicht zu wahren. Christsein ist eine Gratwanderung. Wer das Gleichgewicht verliert, stürzt ab in die Unmenschlichkeit. Sünde nennen wir das.

Weil der Mensch so gefährdet ist, so verführbar, so leicht zerstörbar, weil er einen so großen Hunger hat nach Brot, nach Freiheit, nach Anerkennung, nach Liebe, und weil es in der Welt nichts gibt, was diesen Hunger stillen kann, deshalb hat Gott uns das Brot für diesen Hunger gegeben. Es ist nicht mehr Nahrung für den Leib, sondern Nahrung für den Glauben, für die Hoffnung, für die Liebe und darin für unsere Freiheit. Heute, am Fronleichnamstag, zeigen wir es aller Welt: Schaut, Christus ist dieses Brot, das Gott uns schenkt. Er ist das einzige Brot, das nicht verdirbt. Er ist das einzige Brot, von dem man nicht wieder hungrig wird. Er ist das Brot, das uns Gemeinschaft mit Gott und untereinander schenkt. Brot, das wir teilen und essen wie jedes Brot, das uns aber die Freiheit der Kinder Gottes schenkt, die Freiheit, Ja zu sagen, wo alle Nein rufen und Nein, wo alle Ja sagen.

Fronleicham ist das Fest der unverratenen Anbetung. „Dieses Brot sollst du erheben, welches lebt und gibt das Leben.“ Das Allerkostbarste! Es ist das einzige Brot, vor dem man knien und anbeten darf.

Wir sind so frei.

 

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Pfingsten

Apg 2,1-11; Ps 104; Röm 8,8-17; Joh 20,19-23

Gehalten in München, Heilig Geist

 

Da saßen sie nun am Osterabend hinter verriegelten Türen.

Hatten alles verrammelt.

Gelähmt von Angst.

Es war ja erst der dritte Tag nach Jesu Tod am Kreuz.

Groß war die Angst, sie stünden auf der Fahndungsliste.

Die Angst, es könnte auch ihnen so ergehen wie IHM.

Denn schließlich waren sie seine Freunde gewesen, steckten mit IHM unter einer Decke.

Sympathisanten. Auf jeden Fall verdächtig.

Und nun verstecken sie sich.

Machen sich unzugänglich. Offline.

Bis der Sturm hoffentlich vorbeigeht.

Bis Gras über sein Grab wächst.

Irgendwie verständlich.

Aber es wächst kein Gras drüber.

Denn ER ist da.

ER steht in der Mitte.

Der Gekreuzigte.

Er kommt durch die verschlossene Tür,

in die verschlossenen Herzen seiner Freunde.

ER findet Zugang zu ihnen.

ER ist da.

Den Menschen getötet haben, ist nicht tot bei Gott.

Mein Gott, ER lebt!

Man hat IHN nicht tot gekriegt.

Und ER sagt: Schalom aleichäm: Friede euch!

Friede euren friedlosen und zerrissenen Herzen!

Und dann zeigt er ihnen seine durchbohrten Hände und seine geöffnete Seite.

Die Jünger sehen, was man mit IHM gemacht hat, was man IHM angetan hat.

Aber ER sagt nicht: Rächt mich! Vergeltet! Zahlt es ihnen heim!, sondern:

Schalom!

Da kommt Freude auf.

Da schwindet die Angst.

ER ist da.

ER ist bei uns.

So wie jetzt hier bei uns.

Und er sendet sie hinaus: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Sie sollen teilhaben an seiner Sendung, an der Sendung durch den Vater. Und dann haucht er sie an: Empfangt Heiligen Geist.

Im Johannesevangelium geschieht Pfingsten bereits am Ostertag. Denn wie sollten sie den Auferstandenen erkennen ohne Heiligen Geist?

Lukas streckt hingegen zwischen Ostern und Pfingsten die Zeit. 50 Tage. Die Jünger treten heraus aus den verschlossenen Türen. Sie haben Mut gefunden, Mut, der stärker ist als die Angst.

Ihr Glaube wird öffentlich. Er wird zu einer res publica.

Sie schreien ihn hinaus in die Welt, in diese zerstrittene, friedlose und aus den Fugen geratene Welt.

Sie bringen den Frieden und die Versöhnung, den Schalom, den er ihnen geschenkt hat.

Sie erleben wie Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Sprachen und Kulturen sich verstehen und mit einer Sprache sprechen.

Das ist das Pfingstwunder.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn das Evangelium von den Jüngern spricht, dann spricht es auch von uns. Wir sind doch die Jünger heute. Wer denn sonst?

Der Herr spricht uns auf unsere Angst an, auf unsere Angst, unser Herz zu öffnen, es groß und weit zu machen.

Denn auch bei uns regiert Angst: Angst vor Krieg, Angst vor Veränderung, vor der Zukunft, vor dem Klimawandel, Angst vor dem Islam, Angst um die Gesundheit, Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen und den Kürzeren zu ziehen. Auch bei uns gibt es Rückzug ins Private, hinter verriegelte Türen, hinter verschlossene Grenzen. Nur noch Ichs und kein WIR mehr.

Angst kommt von eng. Wer ängstlich ist, denkt eng und wird engherzig und kleingeistig, nur noch auf sich selbst bedacht. Es ist dieser Kleingeist, der die Welt aus den Fugen bringt, der Spaltung bewirkt auch in der Kirche, der Versöhnung und Verstehen, Frieden und gerechte Verhältnisse verhindert. Der egoistische Kleingeist, der uns in letzter Zeit immer wieder auch in der Politik begegnet und der zum Ungeist wird, zum bösen Geist, der zerstörerisch und spaltend wirkt. Der Krieg bringt statt Frieden.

Der Heilige Geist, der Geist Gottes  aber ist der Geist Jesu, der Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist. In Gott ist der Heilige Geist das göttliche WIR von Vater und Sohn. Er verbindet also Personen, das ist seine Eigentümlichkeit. Er ist der Geist, der uns mit Gott verbindet und untereinander verbindet. Er ist die eine Person in vielen Personen, nämlich in Christus und in uns. Wir nehmen im Glauben teil am WIR Gottes. Denn Gott will die Menschen aus lauter Ichs zum WIR führen, zu einem neuen Miteinander, in dem wir nicht Angst voreinander haben müssen und sogar bereit werden, Angst auch auszuhalten und zu ertragen, ohne mutlos zu werden und uns in uns selbst zu verschließen..

Der Heilige Geist ist der feurige Geist, der unseren Kleingeist überwindet, der Mut gibt, Mut zum Sein, Mut zum Leben und zu seinen Herausforderungen und auch Mut zum Sterben. Er wirkt überall dort, wo ganz verschiedene Menschen zueinander finden, wo Feinde Frieden schließen, wo Christen ihren Glauben öffentlich bezeugen, wo sie auch in Verfolgung standhalten, wo Politiker über ihren Schatten springen. Er schenkt Mut, auch auf Fremde zuzugehen und sie in ihrer Andersartigkeit zu verstehen. Er gibt Mut, in dieser verlogenen Welt die Wahrheit zu sagen. Er gibt Mut, auch denen zu vergeben, die an uns schuldig wurden. Denen, die uns verletzt haben, Frieden zu wünschen und nicht Vergeltung. Ja, der Heilige Geist ist die Gabe der Vergebung und der Versöhnung, das große JA Gottes zu uns und zur ganzen Menschheit. Wir stehen unter diesem JA. Gott will die Menschheit zum WIR führen.

Paulus bringt es auf den Punkt: „Ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, so dass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Sohnschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (2. Lesung) Zur Zeit des Neuen Testaments funktionierte die ganze Wirtschaft nur, weil es Knechte, also Sklaven gab, kostenlose Arbeitskräfte, die aller Würde beraubt waren, die man kaufen und verkaufen konnte. Deshalb das Bild mit den Sklaven.

Aber Paulus meint es noch viel tiefer. Er sieht in jedem Menschen einen Sklaven, nämlich einen Knecht der Angst um das eigene Leben. Mit dieser Angst werden wir geboren und bleiben an sie versklavt, angekettet. Und wir können uns nicht selbst daraus befreien, so wie auch ein Sklave in der Antike sich nicht selbst befreien konnte. Deshalb sind wir erlösungsbedürftig. Aber Gott hat uns von dieser fürchterlichen Macht der Angst erlöst durch seinen Sohn, der diesen neuen Geist in die Welt gebracht hat, den Geist der Sohnschaft. Es ist der Geist, der Jesus mit dem Vater verbindet. Es ist der Geist, in dem Jesus gelebt hat. Es ist der Geist, in den Jesus auch die Jünger und alle Glaubenden aufgenommen hat: der Geist der Sohnschaft. Auch wir dürfen Gott Abba, Vater! nennen und uns in ihm geborgen wissen in Glück und Unglück, in Freude und Leid, im Leben und im Sterben. Nur in diesem Geist, in diesem Vertrauen, ein geliebtes Kind Gottes zu sein, kann die Macht der Angst um uns selbst überwunden werden.

Es ist dieser Geist, der uns Christen mutig macht, für die Wahrheit einzustehen, auch wenn alle lügen; Unrecht zu benennen, auch wenn alle davon profitieren; für das Leben einzustehen, auch wenn um uns herum eine nihilistische Kultur des Todes herrscht. Es ist dieser Geist, der uns auch mutig macht, die Herausforderung der Zeit und der Zukunft anzunehmen: die drohende Klimakatastrophe, die ihre Ursache in einer Wirtschaft hat, die tötet. Weil wir von Wirtschaftsbeziehungen profitieren, die andere Völker arm machen. Die Sklaverei ist nicht überwunden. Wir halten uns ganze Sklavenvölker. Wie kann es sein, dass ein so reiches Land wie der Kongo oder Brasilien eine bitterarme Bevölkerung hat und ein so armes Land wie die Schweiz ein so reiches Volk hat? Hier haben wir den Geist der Unwahrheit, der Lüge und der Verblendung, den Geist der Gier und des kollektiven Egoismus. Es braucht Heiligen Geist, um diese Verhältnisse zu verändern. Nur in diesem neuen Geist werden gerechte Verhältnisse möglich, in dem jeder Mensch sich seiner Würde als Kind Gottes erfreuen kann.

Wir feiern Pfingsten, das Fest des feurigen Geistes, der uns begeistern und entflammen will für eine neue und gerechte Welt des Friedens. Der Geist, der die Welt heilen kann. Feuer und Flamme für das Evangelium will er uns machen. Wir singen wunderbare Lieder und stimmen ein in die herrliche Melodie des Heiligen Geistes: „Komm o du glückselig Licht,/ fülle Herz und Angesicht, /dring bis auf der Seele Grund.“

Singend und feiernd hoffen wir, ein wenig weiterzukommen auf unserem Lebensweg: vertrauend und mutig, die Herausforderungen, die kommen, anzunehmen.

„Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird verwandelt.“

Es ist Zeit, Eucharistie zu feiern, ein versöhntes WIR zu werden um diesen Tisch des Herrn. Es ist die Feier der Wandlung. Ein kleines Stück Brot wird verwandelt in IHN. Schon ein kleines Stück Welt, das verwandelt wird durch den Heiligen Geist. Damit wir es im Geiste Jesu essen und selbst verwandelt werden wie die Jünger am Osterabend und am Pfingsttag.

Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen!

 

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Christi Himmelfahrt

Apg 1,1–11; Ps 47; Hebr 9,24–28; 10,19–23; Lk 24,46–53

Gehalten in München, Heilig Geist, am 30.5.2019

Diese Predigt kann auch auf Youtube angeschaut werden: https://www.youtube.com/watch?v=97ph-_Gt8b0&t=7s

Christi Himmelfahrt

Apg 1,1–11; Ps 47; Hebr 9,24–28; 10,19–23; Lk 24,46–53

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Er führte sie hinaus in die Nähe von Betanien.

Betanien ist ein Vorort von Jerusalem. Das ist wohl nicht zufällig. Von hier aus war Jesus auf einem Esel fast triumphal am Palmsonntag in die heilige Stadt Jerusalem eingezogen. Die Menschen bereiteten ihm einen großartigen Empfang. Doch alles kam anders. Der Gang durch die Stadt verwandelte sich in einen Gang durch die Hölle. Die Stimmung schlug binnen weniger Tage um. Auf das Hosanna folgte das Crucifige!, „Kreuzige ihn!“ Was folgte, waren Anklage, Folter und ein schmachvoller Tod am Kreuz. Ein Gang durch die Hölle! Hier in Jerusalem verdichtete sich, was überhaupt sein Lebensweg war: Ein Gang durch die Hölle auf Erden: die Hölle der Politik, die Hölle der Religion, die Hölle der Armut und des Elends, die Hölle des Hasses, die Hölle, die Menschen einander bereiten können und die für so viele Menschen die Lebenswirklichkeit ist.

Und heute stehen wir wieder in Betanien. Mit ihm. „Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.“ Er segnete sie und verfluchte sie nicht. Obwohl er Grund dazu gehabt hätte nach der Hölle, die er durchgemacht hat. Nein, er segnete sie.

Liebe Schwestern und Brüder, die Hölle auf Erden hat ein Ende. Von Betanien, jenem anfangs hoffnungsvollen Ort, zieht er nun wieder ein. Nicht mehr ins irdische Jerusalem, das bis heute eine Hölle der Religion und der Politik ist, sondern ins himmlische Jerusalem. Dorthin, wo er sich immer daheim und aufgehoben wusste: in die Hände Gottes, in die Hände des Vaters. Er ist „nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, sondern in den Himmel selbst.“ So der Hebräerbrief. Also nicht auf eine glückliche Insel in der Südsee, in ein Schlaraffenland, in einen überdotierten Aufsichtsratsposten wie Herr Winterkorn. Er hat auch keinen Jackpot geknackt. Das alles ist nur irdisch, vergänglich, nur von Menschen gemacht. Nein, er ist in den Himmel selbst gegangen, in den Himmel, der nicht von Menschenhand gemacht ist.

Lassen wir uns nicht täuschen, liebe Schwestern und Brüder, von den zeitbedingten Bildern, in denen uns diese Botschaft erreicht. Manche meinen, das sei 1:1 so gemeint gewesen und halten es deshalb für ein Märchen. Als wäre der Herr auf einer Wolke wie in einem Fahrstuhl in den Himmel aufgefahren, so stand es ja in der Lesung aus der Apostelgeschichte. Dies ist ein Bild aus einer Zeit, in der man sich das Universum in drei Etagen vorstellte. Die Erde als Scheibe in der Mitte, darunter die Unterwelt und darüber der Himmel. Die neutestamentlichen Schreiber hatten kein anderes Bild, um anschaulich zu machen, was sie sagen wollten. Heute würde man die Geschichte ganz anders schreiben.

Stellen Sie sich vor, Sie schreiben einen Brief und teilen mit: „Ich komme im Leben nicht auf einen grünen Zweig“. In 1000 Jahren findet man bei Ausgrabungen diesen Brief. Diese bildliche Redewendung ist nicht mehr bekannt. Naive Menschen werden dann denken: „Aha, vor tausend Jahren saßen die Menschen auf Bäumen und versuchten, auf grüne Zweige zu kommen. Vermutlich, um die Blätter zu essen.“ Historiker und Linguisten müssten dann erklären: Nein, so war es nicht. Es ist ein Bild. Damit wollte man ausdrücken: Ich habe im Leben keinen Erfolg, ich komme nicht voran.

So ist es auch mit den alten biblischen Texten. Auch der heutige von der Himmelfahrt will sagen: Jesus ist für immer in Gott vollendet. Nichts kann ihm mehr aus der Hand Gottes reißen. Der Tod konnte ihn nicht festhalten. Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Die Hölle ist nicht die letzte Gewissheit. In einem Bild veranschaulichte man das.

Das heutige Fest ist ein Fest des Glaubens und der Hoffnung. Der Hoffnung, dass sich alles, unser Leben, unser Schicksal, die Menschheitsgeschichte in Gott vollendet und die Hölle für immer hinter sich lässt: „Wir haben also die Zuversicht, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen“, so die 2. Lesung aus dem Hebräerbrief. Und so sagt uns das heutige Fest etwas über unsere Bestimmung. Wozu sind wir gemacht? Nicht, um für immer in einem schwarzen Erdloch zu verschwinden, sondern um in Gott vollendet zu werden. Denn der Sohn Gottes hat unser aller Menschsein angenommen. Gott ist in Jesus als Mensch begegnet und uns das verkündet. Und unser aller Menschsein hat er mitgenommen „in den Himmel“, m. a. W.: in die Wirklichkeit Gottes hinein. In Christus ist das Menschsein bereits vollendet. Etwas, das keiner von uns machen kann und so unbegreiflich ist wie Gott selbst.

In der Himmelfahrt Christi wurde also unser Menschsein zu Gott erhöht. Unser Menschsein besitzt Christuswürde, Sohneswürde vor Gott. Denn Gott liebt uns mit derselben Liebe, mit der er von Ewigkeit her seinem Sohn zugewandt ist.

Liebe Schwestern und Brüder, Betanien ist überall. Auch hier, wo wir in seinem Namen versammelt sind und von ihm gesegnet werden. Hier ist der Ort, von dem wir einziehen werden ins himmlische Jerusalem. Auch die Welt wird verwandelt werden in den Himmel Gottes. Aber dazu dürfen wir nicht wie die Jünger fassungslos in den Himmel starren: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel.“ Der Engel lenkt ihren Blick zurück auf die Erde, auf unsere Realität. M. a. W.: „Glotzt nicht beim Loben immer nach oben. Schaut mal zur Seite, dann seht ihr die Pleite!“ Wir alle sind berufen, unsere Welt, die für so viele Menschen eine Hölle ist,  zu verändern, menschlicher und friedlicher zu machen. Füreinander nicht die Hölle zu bereiten, nicht Fluch zu sein, sondern füreinander und für die Welt ein Segen zu sein, den Segen des Auferstandenen weiterzugeben, die Barmherzigkeit Gottes in alle Himmelsrichtungen zu versprühen. In dem Vertrauen, dass unsere Welt einst verwandelt wird in das himmlische Jerusalem. Dazu brauchen wir den Geist Jesu, den heiligen Geist, die Gabe, die Jesus an Pfingsten zu uns herabsendet.

Wir feiern jetzt Eucharistie. In dieser allerkostbarsten Speise bleibt der Herr uns nahe. Und wir dem Himmel.

 

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6. Ostersonntag

Apg 15,1–2.22–29; Offb 21,10–14.22–23

Gehalten in München Heilig Geist am 26.5.2019

 

Diese Predigt kann auch auf Youtube angeschaut werden: https://www.youtube.com/watch?v=8gt5V8ZUdcg

Liebe Schwestern und Brüder,

Wohnraum wird für viele Menschen immer unbezahlbarer. Die Mieten und Immobilienpreise steigen exorbitant. Kündigungen erfolgen; sogar sehr alte Menschen müssen ausziehen. In Folge dieser Entwicklung steigt dann auch die Zahl der Obdachlosen.

„Wohnen“ ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wem die Wohnung gekündigt wird, weil er sie nicht mehr bezahlen kann, erlebt eine große Verunsicherung. Es ist, als werde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Man fühlt sich ungeborgen, schutzlos. Wo bleibe ich? Wo kann ich wohnen? Wo bin ich daheim?

Wohnen ist ein Grundbedürfnis des Menschen wie Essen und Trinken. Aber zum Wohnen gehört nicht nur eine Wohnung oder ein Haus. Es gehören auch Menschen dazu, bei denen man wohnen kann, bei denen man daheim ist und sich – auch in schwierigen Situationen – geborgen weiß. In der Ehe geben Mann und Frau einander Wohnung – mit umfassendem Kündigungsschutz. Auch das gehört zum Sinn der Ehe: dass man beieinander wohnen kann. Das Vertrauen, das man zueinander hat, ist dann auch etwas, in dem wir wohnen, geborgen sind. Kinder wohnen bei ihren Eltern und wissen sich behütet und geborgen. Ungeborgenheit ist nur schwer oder kaum zu ertragen. Man ist dann wie auf schwankendem Boden. Wenn Ehen zerbrechen, Familien auseinanderfallen, Vertrauen kaputt geht – solches wird oft als großes Unglück erlebt. Man ist wie aus etwas Vertrautem hinausgeworfen.

Und denken wir schließlich an die vielen Heimatlosen, deren Häuser zerstört, deren Familien auseinandergerissen sind und die sich in der Fremde aufhalten, wo sie sich nur fremd fühlen.

Der Mensch braucht Wohnung, Geborgenheit, Heimat, Menschen, bei denen er wohnen, bleiben und sein kann.

Aber auch wenn wir alles das haben, uns sicher und heimisch fühlen, so wissen wir doch: Alles das wird einmal zu Ende sein. Alles vergeht. Wenn wir sterben, müssen wir alles verlassen: unser Haus, unsere Lieben, alles das, was uns vertraut ist. Der Tod stößt uns hinaus aus aller Geborgenheit. Das ist abgesehen vom Glauben für uns die allerletzte Gewissheit. Ich verliere alles, sogar mich selbst. Der Tod ist die absolute Ungeborgenheit. Aus Angst davor versuchen wir uns ans Leben zu klammern, an unsere vermeintlichen Sicherheiten. Aber nützen tut das nichts. Es kann uns nur krank machen.

Auf diese unsere Angst um uns selbst, um unsere Geborgenheit, spricht uns das heutige Evangelium an, wo Jesus sagt:

Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.

Es ging Jesus um eine letzte Geborgenheit in Gott. Er selbst, als Wanderprediger unbehaust und ungesichert, hat diese Geborgenheit gelebt. Er hat sein Leben mit Haut und Haaren Gott anvertraut. Seine Jünger haben von ihm gelernt, was es heißt, auf Gott zu vertrauen und sich in ihm in aller Ungesichertheit geborgen und aufgehoben zu wissen. Jesus hat sie aufgenommen in sein vertrautes Verhältnis zu Gott, den er „Vater“ nannte und dem er sich im Leben und im Sterben anvertraute. Er hat sie in sein göttliches Haus aufgenommen. Das Wort Jesu verstanden sie als Wort Gottes.  Das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. Denn nur Gott kann uns sagen, dass wir bei ihm wohnen werden. Ja, es ist nicht nur ein hörbares Wort, es ist Jesus selbst. Jesus ist selbst das Wort, das Gott uns gegeben hat, um unsere Angst zu entmachten. In Jesus begegnet uns Gott als Mensch, als Mitmensch.

In unserem Glauben geht es um eine letzte Geborgenheit, um das Wohnen in Gott. Diese Gewissheit ist stärker als alle Angst und Unsicherheit. Denn Gott liebt uns mit derselben Liebe, mit der er von Ewigkeit her seinen Sohn liebt. Wer auf den Sohn hört und ihn liebt, weiß sich auch von Gott geliebt. Er lebt und wohnt dann in Gott wie in den eigenen vier Wänden.

Auch die zweite Lesung aus der Offenbarung des Johannes verkündet uns dies als letzte Wahrheit über unser Leben. Es ist eine große Zukunftsvision: Die heilige Stadt Jerusalem, die aus dem Himmel herabkommt und unsere Erde verwandelt in eine neue Stadt. Man könnte denken, es sei Sciencefiction oder wie ein surrealistisches Gemälde von Salvador Dalí. Aber auch hier wird uns diese letzte Geborgenheit in Gott verheißen: Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel. Mit anderen Worten: Nicht mehr Gotteshäuser wird es geben, sondern Gott ist selbst der Tempel, ist selbst das Haus, in dem wir wohnen und von seiner Herrlichkeit erleuchtet werden.

Aus dieser Glaubensgewissheit entstehen Frieden und Freude: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt. Wir wissen: Die Welt ist zum Frieden unfähig. Sie ist zerstritten. Weil sie keinen Frieden mit Gott hat. Wer keinen Frieden mit Gott hat, wer sich nicht in ihm geborgen weiß, wird auch kaum Frieden mit anderen und mit sich selbst haben. Wer friedlos ist, bringt Unfrieden. Der Friede Christi aber ist der Friede mit Gott, der uns zu friedliebenden Menschen macht, die auch in Konflikten und Streit die Liebe Gottes nicht vergessen, sondern weitergeben auch an Gegner und Feinde.

Diese Liebe ist der neue Geist, der Heilige Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist. Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. In diesem Geist ist Frieden möglich, Versöhnung und gegenseitiges Verstehen. Ja, es ist dieser Heilige Geist, der uns überhaupt erst zur Vernunft bringt! In diesem Geist ist es möglich, anderen Menschen auch bei uns Wohnung und Heimat zu schenken.

Jesus nimmt im heutigen Evangelium Abschied von seinen Jüngern vor seinem Leiden. Er weiß: Sein Weg ans Kreuz ist der Weg zum Vater, ist der Weg auf Ostern zu. Verständlich, dass die Jünger darüber traurig sind, dass Jesus Abschied nimmt. Aber: Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe. Jesus wohnt in Gott. Und auch wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. Aber alles kommt darauf an, dass wir zum Glauben kommen und Jesus lieb haben. Ohne diesen Glauben an Jesus bleiben wir zurückgeworfen auf uns selbst. Ein letztes Zuhause können wir uns nicht geben. Nur im Glauben können wir uns geborgen wissen. Gott selbst ist unsere Zukunft und die Freude wird nicht mehr aufhören.

Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern jetzt Eucharistie. Wir nehmen Jesus auf in unser Herz, ganz leibhaftig, als Nahrung für unseren Glauben. Zu seinen Freunden sagt er: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück.  In der heiligen Kommunion, wenn wir voll Ehrfurcht diese allerkostbarste Speise essen, kommt er tatsächlich wieder zu uns. Er will in uns wohnen. Und wenn er in uns wohnt, dann wohnen wir schon in Gott.

Unbezahlbar! Aber gratis.

 

 

 

 

6. Sonntag im Jahreskreis

17.2.2019

Jer 17,5-8; 1 Kor 15,12.16-20; Lk 6,17.20-26

 

Gehalten in München, Heilig Geist

 

 

„Wehe euch, ihr Reichen!“ Solche Rufe scheinen nicht in unser Bild von Jesus zu passen. Und auch von Pfarrern auf der Kanzel erwartet man eher kuschelige Sätze, die uns nicht allzu sehr in Frage stellen. Aber Wehe-Rufe? Das klingt nach Drohbotschaft. Und man sieht sofort den erhobenen Zeigefinger.

Womit Pfarrer sich heute unbeliebt machen, ist dafür anderen erlaubt. Ärztinnen und Ärzten z. B. : Wehe euch, ihr Raucher; ihr Dicken; ihr Fastfood-Esser; ihr Sport-Muffel – ihr habt kein langes Leben zu erwarten! Auch Grüne dürfen so reden: Wehe euch, wenn ihr nichts ändert am CO2-Ausstoß, dann werden eure Enkel wie die Beduinen in der oberbayrischen Wüste leben und den Kölner Dom wird man nur noch besichtigen können, wenn die Nordsee gerade Ebbe hat.

Aber von Pfarrern hört man solche Worte nicht gerne, so real schlechte Karten, die irgendwie im Zusammenhang stehen mit unserer Lebensweise, mit Glauben und Unglauben und überhaupt mit der Orientierung unseres Lebens. Das grenzt dann schon an geistlichen Missbrauch, wenn unsere Lebenswirklichkeit in Frage gestellt wird. Darf man also nicht darauf hinweisen, dass auch das Wohl der Seele, das Seelenheil also, auch bedroht sein kann durch eine vor Gott falsche Lebensweise? Darf man das also nicht mehr sagen?: Wenn Du so gierig nach Geld, so karrieregeil, so rücksichtslos, zynisch und so gottlos lebst, wenn du nicht mehr loskommst von den Pornos im Internet, wenn du nicht mehr betest und deine Sünden nicht mehr bereust – ja, dann hast du auch vor Gott keine guten Karten. Dann kann auch deine Seele nicht heil vor Gott stehen. Dann verdirbst du sie.

Und dann kommt wieder so ein Sonntag wie heute, an dem diese Wehe-Rufe vorgelesen werden. Jesus hat nicht nur viele selig gepriesen, sondern eben auch andere mit Wehe-Rufen bedacht. Und damit hat er die Menschen alle in die Entscheidung gerufen. Und er hat die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Der Sinn des Lebens, das Lebensglück besteht eben nicht im materiellen Reichtum, im beruflichen Fortkommen, im gesellschaftlichen Aufstieg, im Gelingen unserer Pläne – in all den Dingen, die uns so heilig geworden sind. So kann man das Leben auch verfehlen, man kann Gott verfehlen und damit den Sinn des Lebens.

Jesus öffnet uns die Augen für ein neue Sichtweise. Und stellt uns in die Entscheidung. Ja, der heutige Abschnitt aus dem Evangelium erinnert uns daran, dass es bei Glauben und Unglauben um eine sehr ernste Entscheidung geht mit sehr weitreichenden Konsequenzen. Die christliche Botschaft ist eben nicht so etwas wie eine Droge oder eine süße Himbeersoße, die wir über unser Leben gießen. Und wenn wir einmal genau hinschauen, wer da gemeint ist mit den Wehe-Rufen, dann gelingt es wohl kaum mehr, mit dem Finger auf andere zu zeigen:

·    Wehe euch, ihr Reichen!, wird da gesagt. Sind wir das nicht? Gehören wir nicht zum reichen und wohlhabenden Teil der Menschheit, der im Überfluss lebt?

·    Wehe euch, die ihr jetzt satt seid! Satt sind wir auch – im Gegensatz zu einem großen Teil der Menschheit.

·    Wehe euch, die ihr jetzt lacht! Naja, vielleicht ist nicht jedem jederzeit zum Lachen zumute. Aber im großen und ganzen bilden wir doch eine Spaßgesellschaft. Und nichts fürchten manche mehr als dass Schluss sei mit lustig.

Schon drei der vier Weherufe, liebe Gemeinde, passen doch genau auf uns. Es ist, als hätte Jesus uns vor Augen, eine Gemeinde mehr oder weniger wohlhabender Christen.

Nun, will er uns verfluchen? Sollen wir ihm aus den Augen gehen?

Anders scheint er zu den Armen zu stehen, zu den Hungernden, zu den Trauernden und zu denen, die wegen des Glaubens an Jesus Nachteile auf sich nehmen. Diese werden selig gepriesen. Aber in diesen können wir uns – wie gesagt - kaum wiederfinden.

Jesus ist offenbar nicht neutral, nicht unparteiisch. Er nimmt vielmehr Partei für die Benachteiligten, für die, die am Rande stehen. Es ist der Rand der Gesellschaft, den Jesus in die Mitte rückt. Und er selbst lässt sich an diesen Rand drängen, aus der Gemeinschaft, aus seiner Kirche ausschließen und beschimpfen und am Ende ans Kreuz nageln. Dieses Kreuz am Rande der Stadt wird zur Mitte der Kirche. Und damit ist eigentlich der Rand der Gesellschaft zur Mitte der Kirche geworden. Aber leben wir das wirklich? Ist der Rand der Gesellschaft wirklich die Mitte unseres kirchlichen Gemeindelebens? Sind nicht vielmehr das Geld, das Fortkommen, die Gesundheit, die Mobilität, unsere Idole und wir selbst das, worum sich in unserem Leben alles dreht? Kann man, wenn man das heutige Evangelium ernst nimmt, überhaupt noch Christ sein? Leben wir nicht auch auf Kosten der Armen, der Hungernden? Kommen wir noch weg von all den Dingen, die uns so heilig sind? Ich fürchte nicht. Und aus eigenem Vermögen können wir es auch gar nicht. Dafür ist unsere Angst auch viel zu groß, ungesichert zu sein und zu wenig vom Leben abzukriegen. Irgendwie ist das unser Dilemma: wir möchten gerne Christen sein – und doch können wir es nicht richtig.

Vielleicht können wir unseres Evangeliums etwas froher werden, wenn wir noch einmal den Text genau anschauen. Da werden Menschen selig gepriesen, die arm, hungrig, trauernd sind und verfolgt, beschimpft, gemobbt werden. Ist das nicht ziemlich unverschämt? Da werden Menschen, für die wir eher Mitleid empfinden sollten, glücklich geheißen. Hört sich ja geradezu zynisch an: Glücklich seid ihr Behinderten, ihr Bettler auf der Straße, ihr Abgehängten, ihr Migranten in der Abschiebehaft. Freut euch und jubelt! Kann das gemeint sein? Wollte Jesus sich über diese Menschen lustig machen? Wie hören sich die Seligpreisungen in deren Ohren eigentlich an?

Nun, Jesus sagt aber gar nicht, sie sollten sich über ihre Not freuen, oder über ihren Hunger. Jesus sagt auch nicht, das Glück liege im Weinen und im Gehasstwerden von anderen. Vielmehr spricht er von der Zukunft: ihr werdet satt werden; ihr werdet lachen. Er schenkt ihnen eine Glaubensperspektive. Sie können all das Unerträgliche annehmen, ertragen, wenn sie diese Glaubensperspektive haben und in ihrer Armut und ihrem Unglück nicht ihre letzte Gewissheit sehen. Es ist diese Perspektive, die sie am Leben nicht verzweifeln lässt und im tiefsten ihr Glück ausmacht. Jesus erkennt offenbar, dass diese Armen und Trauernden nur deshalb an ihrem Schicksal nicht zerbrechen, weil sie Glauben haben. Und bei selbstzufriedenen Reichen und Satten erkennt er offenbar, dass ihr Unglaube und ihre Angst sie daran hindert, menschlich zu sein und ihren Überfluss zu teilen. Sie haben keine Glaubensperspektive, die ihre Angst um sich selbst entmachtet. Das ist aber eine Perspektive, die kein Mensch sich selbst geben kann. Denn an der Welt ist tatsächlich nirgendwo abzulesen oder in Erfahrung zu bringen, dass unsere Freude im Himmelreich groß sein wird, dass Gott uns mit Liebe zugewandt ist. Die Welt bietet eben keinen Grund, um im letzten glücklich und rundum selig zu sein. Eben auch Reichtum nicht, auch Gesundheit nicht, auch Spaß nicht. Denn wer darauf setzt, setzt auf Vergängliches und lebt in Angst, das zu verlieren, worauf er setzt. Die Götter unseres Lebens sind eben nicht verlässlich. Sie betrügen, weil sie etwas versprechen, das sie erwiesenermaßen nicht halten können. Solche Götter muss man erst haben, um sich dann auf sie zu verlassen. Und eben deshalb sind sie nicht verlässlich. Sie sind ein Stück Welt. Die Welt ist nicht mit dem „Himmel“ zu verwechseln. Wer das macht, betrügt sich selbst. Ist – mit anderen Worten - ganz schön blöd.

Tatsächlich lautet das neue Dogma oder eine weitverbreitete Grundüberzeugung so: Das Heil liegt im Diesseits. Und es gehört denen, die es sich leisten können. Der erste Teil dieses Dogmas, dass das Heil im Diesseits liegt, ist eigentlich eine Grundüberzeugung der Neuzeit. Der Mensch der Bibel wusste, dass das Heil in diesem Leben nicht zu verwirklichen ist. Wenn, dann kann nur Gott das Heil des Menschen sein. Aber seit Gott tot ist, muss der Mensch das Heil in diesem Leben realisieren. Die Perspektive der Ewigkeit ist uns abhanden gekommen. Wir müssen alles Glück, alles Heil, aus der Welt und aus unseren Möglichkeiten ziehen. Zugleich leben viele von uns – ich will mich gar nicht ausnehmen - aus der Heidenangst, zu wenig vom Leben abzukriegen, zu kurz zu kommen, das Glück zu verpassen.

Der zweite Teil: Das Heil gehört denen, die es sich leisten können ist dann die postmoderne marktorientierte Version: Das Heil kann gekauft werden: Gesundheit, Fitness, Reisen, Erlebnisse, Liebe, Sex. Aber nur wer Geld hat, kann mithalten, kann es sich leisten. Extra mercatum nulla salus! D. h., man kann dieses Heil nur verwirklichen auf Kosten anderer, die dann eben im Unheil bleiben, weil sie auf dem Markt keine Chance haben, nicht konkurrenzfähig sind. Aber damit gesteht man schon ein: dieses Heil ist begrenzt, also nicht unbegrenzt. Himmel und Hölle sind dann bereits Realitäten dieser Welt: die einen sind happy und die anderen unglücklich. Es gibt Sieger und Verlierer.

Jesus stellt sich auf die Seite der Verlierer. Und er stellt alle in die Entscheidung. Seinen Gott kann man nicht erst haben, um sich dann auf ihn zu verlassen. Sondern die einzige Weise, ihn zu haben, ist, sich auf ihn zu verlassen. Dazu lädt Jesus mit seiner Botschaft ein. Er will uns teilhaben lassen an diesem seinen Gott und uns mit hineinnehmen in sein Verhältnis zu Gott. Glauben bedeutet, Anteil haben an Jesu Gottesverhältnis, also an Jesu Gemeinschaft mit Gott. Wer diese Gemeinschaft mit Gott mit Jesus teilt, gewinnt diese österliche Perspektive der Ewigkeit, von der auch Paulus in der 2. Lesung gesprochen hat. Es ist der Mensch, von dem auch Jeremia in der 1. Lesung sprach: „Gesegnet der Mensch, dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. … Seine Blätter bleiben grün auch wenn Hitze kommt“. Denn er speist sich aus dieser Perspektive des Glaubens, die über alles das hinausgeht, was wir von uns wünschen und verwirklichen könnten.

Wer diese Perspektive hat, wer sich für den Gott Jesu entscheidet, der ist wahrhaft selig zu preisen. Er kann sich an allem erfreuen, auch an den Gütern und Freuden dieser Welt, an seiner Gesundheit, an seinen Mitmenschen – und braucht doch nicht zu verzweifeln, wenn er diese Dinge verliert. Denn das letzte Glück liegt nicht in ihnen, sondern in der Gemeinschaft mit Gott. Glücklich der Mensch, der alles das loslassen kann, ohne für immer zu sterben.

Unser Heil, liebe Gemeinde, liegt eben nicht im Diesseits. Es liegt aber auch nicht in irgendeinem religiösen Jenseits, das wir uns als Fortsetzung dieses Lebens vorstellen könnten. Damit bliebe es nämlich immer noch ein Stück Welt. Unser Heil liegt allein in unserer Gemeinschaft mit Gott, die keine andere als Jesu Gemeinschaft mit Gott ist. Dieses Heil ist so unbegreiflich wie Gott selbst. Wir haben keine Begriffe dafür. Aber Gemeinschaft mit Gott haben und die österliche Perspektive sind ein und dasselbe. In Jesu Wort und in der Eucharistie, die wir jetzt feiern, schenkt sich uns der gekreuzigte und auferstandene Herr. Er will in uns sein, damit Gott in uns seinen Sohn wiedererkennt und liebt.

Selig sind die, die sich so von Gott angeschaut wissen. Sie haben nichts mehr zu verlieren.

 

 

Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis (7.10.2018)

Gen 2,18-24; Hebr 2,9-11; Mk 10,2-16

Gehalten in München Hl. Geist

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“

Liebe Schwestern und Brüder, dieses Bibelwort aus der alttestamentlichen Lesung des heutigen Sonntags dürfte wohl allseits Zustimmung finden. Es entspricht einer unserer ganz grundlegenden Erfahrungen. Der Mensch kann nicht ohne den Menschen leben. Nur in Beziehungen, im Ja zueinander, im Mit- und Füreinander kann der Mensch wahrhaft Mensch sein.

Dabei kommt einer dieser Beziehungen in der Bibel eine Sonderstellung zu: der Beziehung von Mann und Frau: diese werden „ein Fleisch“. Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunft der Menschheit. Mann und Frau sind vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit füreinander geschaffen. Nur zusammen können sie neues Leben schenken und wachsen lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Bestimmung der fruchtbaren Weitergabe des Lebens. Sie ist einzigartig. Und sie entspricht deshalb der Schöpfungsordnung. Ja noch mehr: Die Menschheit besteht aus Frauen und Männern. Der Geschlechterkampf, wie er in der Geschichte immer wieder aufgebrochen ist, zeigt, dass wir uns schwer tun, die rechte Beziehung zwischen Mann und Frau zu definieren und zu leben. Doch schon auf ihren ersten Seiten zeigt uns die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und nicht seine Spaltung. Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden, bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Selbstverwirklichung und gegenseitige Beglückung. Es geht vielmehr um die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden anschaulich gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau „Fleisch von meinem Fleisch“, was die Gleichwertigkeit zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie in ihrem Wesen anders ist als der Mann. Nur dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen

Diese Gedanken sind heute keineswegs mehr selbstverständlich, zum Teil in dieser Zeit des schwachen Denkens nur sehr schwer vermittelbar. Zum einen erleben wir eine hohe Scheidungsrate und eine wachsende Anzahl von Scheidungswaisen. Diese sind nicht selten Opfer ihrer Eltern und deren Selbstverwirklichungsbedürfnis. Zum anderen will man uns einreden, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit der Ehe austauschbar und ihr gleichwertig seien. Sicher, auch homosexuelle Menschen haben den gleichen Wunsch nach Geborgenheit und Liebe und sehnen sich nach Partnerschaft wie alle anderen Menschen auch. Doch – bei allem Respekt vor ernstgemeinten homosexuellen Partnerschaften – man sollte sie nicht „Ehe“nennen. Nur willkürlich hat der Staat den Begriff „Ehe“ umdefiniert. Die Ehe von Mann und Frau aber ist einzigartig unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn nur die Liebesbeziehung von Frau und Mann verbürgt die Zukunft des Menschengeschlechts und dessen Einheit. Und auch Mann und Frau sind nicht austauschbar, wie es uns unsere Wirtschaft und die unsägliche Gender-Ideologie seit langem einredet, sondern zutiefst verschieden. Sie sind komplementär. Sie ergänzen einander und schaffen so und nur so eine neue Generation. Die Gesellschaft und der Staat sind für ihren Fortbestand auf die Ehe geradezu angewiesen. Auch stellen Mann und Frau in ihrem Aufeinanderbezogensein eine anthropologische Ganzheit dar. Jedes Ehepaar steht für die Einheit der ganzen Menschheit aus Frauen und Männern.

Auch Jesus stellt sich im Evangelium in diese Tradition. Ja, er radikalisiert dieses Verständnis, indem er die Ehescheidung ablehnt und sie als Ehebruch qualifiziert. Zweifellos eine der schwersten Sünden gegen die Zehn Gebote. Dass die Kirche bis heute an der Unauflöslichkeit der Ehe festgehalten hat, wird von vielen als hart und als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Oft wird unser christliches  Eheverständnis auch lächerlich gemacht. Viele sehen darin eine Überforderung der Ehepartner. Anderen leuchtet nicht mehr ein, warum man sich für immer an einen Partner binden soll. Aber der christliche Glaube ist nie zeitgemäß, sondern einfach human. Für alle Zeiten stellt er eine Zumutung dar.

Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um die menschenwürdigste Form der partnerschaftlichen Beziehung herauszufinden. Sie hat vermutlich mühsam lernen müssen, dass man nur in der Geborgenheit einer lebenslangen Bindung und verlässlichen Treue einander ganz anvertrauen kann. Dass man auch - es klingt paradox, ist es aber nicht - allein in der Bindung frei wird. Nur indem Mann und Frau einander Wohnung geben, und zwar mit umfassendem Kündigungsschutz, können sie auch das volle Glück einer Liebesbeziehung finden und zudem neues Leben in Geborgenheit heranwachsen lassen. So werden Mann und Frau in der Ehe zu Hütern der menschlichen Zukunft.

Haben wir in unserer Gesellschaft vielleicht diesen langen und mühsamen Lernprozess der Menschheit vergessen? Offenbar begeben wir uns auf Irrwege, deren fatale Folgen für das Menschenbild, für die Menschlichkeit und für das gesellschaftliche Zusammenleben wir noch gar nicht absehen.

Weil die Ehe eine einzigartige Beziehung ist, ist sie für uns Christen ein Sakrament, ein heiliges Zeichen. Denn sie stellt dar, was unsere Gemeinschaft mit Gott ist: Gott verbindet Mann und Frau in Liebe miteinander und lässt sie fruchtbar sein für die Zukunft. Doch diese Verbindung gründet darin, dass wir mit Gott verbunden sind, wie in einer Ehe: „neuer und ewiger Bund“. Im Alten Testament wird das Verhältnis zwischen Gott und Israel oft im Bild der Ehe veranschaulicht. Im Neuen Testament und bei den Kirchenvätern wird die Kirche als Braut Christi gesehen. Weil die Ehe diese unsere Gemeinschaft mit Gott abbildet, deshalb ist sie ein Sakrament. Die Eheleute bejahen einander mit derselben Liebe, mit der sie sich selbst und einander von Gott geliebt wissen. So wie ein Spiegel die Strahlen der Sonne reflektiert, so soll die Ehe die Liebe Gottes reflektieren und Kindern in dieser Liebe Geborgenheit schenken.

Die Unauflöslichkeit der Ehe gründet im Eheversprechen, das Mann und Frau sich geben. Dieses Versprechen umfasst auch die Zustimmung dazu, es nicht selber zurücknehmen und es auch nicht einvernehmlich zurückgeben zu können. Es ist als ob sie sich sagten: Ich will in alle Zukunft nur so glücklich sein, dass ich will, dass du es auch bist.

Das Leben in der Ehe ist sicher oft kein leichter Weg. Die vielen gescheiterten Ehen zeigen das. Man muss die Fähigkeit bewahren, einander immer wieder überraschende Freude zu bereiten und füreinander aufmerksam zu sein. Man muss auch immer wieder die Bereitschaft zur Versöhnung haben. Aber gerade in der Treue, in der Vergebung  und im Durchhalten von Krisen und Meinungsverschiedenheiten zeigt sich die Liebe.

Nun aber zeigt sich, dass viele Ehen trotzdem scheitern. Wie soll die Kirche damit umgehen? Könnte es nicht auch sein, dass eine Ehe endgültig tot ist, weil sie Gottes Liebe überhaupt nicht mehr widerspiegelt und somit nur noch schwerlich Sakrament genannt werden kann? Wenn das eucharistische Brot im Tabernakel verschimmelt und nicht mehr essbar ist, dann ist es kein Sakrament mehr. Könnte solches nicht auch von der Ehe gelten, so dass der Bischof eine solche Ehe für tot erklären könnte? In dieser Richtung könnte vielleicht eine Antwort auf das Problem der gescheiterten Ehen liegen.

Die Bibel sagt, dass die Eheleute ein Fleisch werden. Tatsächlich gehen alle unsere Beziehungen über das Fleisch. Der Mensch ist Fleisch, er ist Leib. Der Leib ist nicht nur ein Zusatz zur Seele. Nur in seinem Leib und als Leib kommt der Mensch zur Erscheinung, stellt er sich dar, wird er gegenwärtig. Der Leib spiegelt seine einmalige Geschichte wider. Sorge um den Menschen ist zuallererst Sorge um den Leib: dem Hunger, dem Durst, dem Schmerz, dem Frieren abhelfen. Ebenso geht alle Kommunikation über den Leib: Augen, Mund, Ohren, Hände.

Das gilt erst recht für die Liebe: Wenn ein junger Mann und eine junge Frau ineinander verliebt sind, sich gegenseitig begehrenswert und liebenswert finden und das Vertrauen zwischen ihnen wächst, dann sucht sich ihre Liebe einen leiblichen Ausdruck. Früher oder später gibt der eine dem anderen zu verstehen, ob nun mit Worten oder anders: „Schenk mir Deinen Leib!“ Wenn die Liebe erwidert wird, wird der andere sagen: „Nimm meinen Leib!“.

Nanu, das sind doch die Worte, die wir in jeder Eucharistiefeier hören: „Nehmt, das ist mein Leib“. In der hl. Messe geschieht eben das, was in jedem Brautgemach geschieht: Braut und Bräutigam schenken einander ihren Leib – und damit sich selbst. Christus und die Kirche schließen einen neuen und ewigen Bund, wie eine Ehe. Wir sehen: Auch die Liebe Gottes ist nicht platonisch. Die Eucharistie macht den Eros Gottes offenbar, den „neuen und ewigen Bund“, seine unverbrüchliche Liebe zur Menschheit bis zum Tod am Kreuz, zur Hingabe des Leibes im Feuer des Heiligen Geistes: „Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“, so die 2. Lesung. Die Kirche lebt von der Hingabe seines Leibes. In jeder hl. Messe feiert Christus Hochzeit mit uns, seiner Kirche, und wird mit uns „ein Fleisch“.

Die Ehe stellt so dieses Mysterium dar als sichtbares Zeichen dieser gegenseitigen und fruchtbaren Hingabe. Es ist das innigste Ineinander von Personen.

In der Eucharistie, die wir jetzt feiern, wird dieses Geheimnis für uns alle zur Quelle unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unserer Liebe.

 

 

 

 

 

9. Sonntag 2018

Dtn 5,12-15; 2 Kor 4,6-11; Mk 2,23-28

Gehalten in München Heilig Geist

 

„Sechs Tage magst du schaffen und jede Arbeit tun.

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn deinem Gott geweiht.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

dem alttestamentlichen Judentum verdanken wir die Sieben-Tage-Woche. Der Sabbat, also der Samstag, wurde zum Ruhetag erklärt. Die Juden sehen darin ein großes Geschenk Gottes an sein Volk: ein Tag der Ruhe, ein Tag zum Verschnaufen, zum Aufatmen, zum Feiern. Ein Tag, der ganz Gott gehört und genau deshalb ganz uns gehört. Und das nicht nur für die Freien, sondern auch „dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.“ Ja, noch mehr, „auch dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh.“ Also die Produktionsmittel, die ganze Wirtschaft, das ganze System von Arbeit, Produktion, Kaufen und Verkaufen sollte ruhen.

Nur die Juden genossen im Altertum diesen freien Tag. In allen anderen Völkern wurde die Arbeit nie unterbrochen. Sie war endlos. Es gab keine Unterbrechung. So als wäre der Mensch ein reines Arbeitstier.

Nur die jüdische Bibel hat verstanden: Der Mensch ist eigentlich gar nicht dafür gemacht, ohne Unterlass zu arbeiten. Der Mensch ist für Gott gemacht. Das Sabbatgebot erinnert uns daran: Der Mensch ist nicht für pausenloses Arbeiten und Produzieren gemacht, sondern um bei Gott anzukommen. Jeder Sabbat im Jahreskreis lässt den Menschen schon mal bei Gott ankommen, lässt das Ziel unseres Lebens sichtbar und erfahrbar werden: Nur wenn der Mensch bei Gott ankommt, kommt er auch zu sich, findet er auch sich selbst.

Der Sabbat ist so zu einem Identitätsmerkmal der Juden geworden. Bis heute pflegen sie diesen Tag, ja, auch unter schwierigsten Bedingungen, selbst in den Konzentrationslagern haben sie – soweit es möglich war – den Sabbat zu halten versucht. Wer schon einmal in Israel war, hat es erlebt: Am Sabbat ruht das ganze Wirtschaftsleben, selbst Busse und Bahnen fahren nicht. Alles steht still.

Wir Christen feiern den Sabbat nicht mehr. Zwar haben auch wir die Sieben-Tage-Woche übernommen, aber unser Feiertag ist der Tag nach dem Sabbat, also der erste Tag der Woche, weil er der Tag der Auferstehung Christi ist. Deshalb ist der Sonntag auch kein Wochenende, sondern Wochenanfang. Dass vor einigen Jahrzehnten die weltlichen Kalender umgestellt wurden und der Sonntag auf den letzten Tag rutschte, ist respektlos sowohl gegenüber dem Judentum wie gegenüber uns Christen, die wir die Woche mit dem Sonntag beginnen. Ich wünsche auch nie ein schönes Wochenende, sondern immer „Gesegneten Sonntag!“ Der Sonntag ist der Ostertag der Woche. So wird deutlich, dass nicht die Arbeit zuerst kommt, sondern die Gnade, die Freiheit und das Leben. Jeder Sonntag ist ein Neubeginn. Und die Woche beginnt mit einem arbeitsfreien Tag. Dieses Bewusstsein ist vielen heute leider abhanden gekommen. Der Mensch ist eben nicht Produkt seiner Leistung und seiner Arbeit, sondern zuerst ein Kind Gottes bestimmt zum ewigen Leben. In diesem Bewusstsein sollen wir unsere Arbeit tun.

Zur Zeit Jesu – so zeigt es das heutige Evangelium – wurde das Sabbatgebot in einer unglaublich legalistischen Weise ausgelegt. Bis in alle Einzelheiten war festgelegt, was man am Sabbat tun durfte und was man nicht tun durfte. So war genau festgelegt, wie viele Schritte man am Sabbat gehen durfte. Selbst das harmlose Ährenraufen war verboten, wenn man an einem Kornfeld vorbeiging, weil es als Erntearbeit interpretiert wurde. Und Erntearbeit war am Sabbat streng untersagt. Die Pharisäer wachten mit Adleraugen darüber, gewissermaßen wie eine Religionspolizei. Und so wurde das Sabbatgebot in sein Gegenteil verkehrt: anstatt ein Geschenk Gottes wurde es zu einer Last. Anstatt Menschen zu befreien, engte es sie ein. Man hatte Angst, durch eine Kleinigkeit das Gesetz zu brechen und sich vor Gott schlecht fühlen zu müssen. Religion kann auch einschüchtern und den Menschen die Freiheit und die Freude am Glauben nehmen.

Jesus aber, der ein gläubiger Jude war, ließ sich diese Freiheit nicht nehmen. Seine Absicht war es nicht, Gesetze zu brechen, die für den Zusammenhalt der Gemeinschaft wichtig sind. Er zeigte vielmehr, dass es nicht nur um den Buchstaben geht, sondern um den Geist des Gesetzes. Stellen Sie sich vor, sie sehen am Ufer eines Sees, wie ein Kind dort hineinfällt, das nicht schwimmen kann. Sie möchten ins Wasser springen, um das Kind zu retten. Am Ufer steht aber eine große Tafel; darauf steht „Baden streng verboten!“ Wie verhalten Sie sich? Das eine ist der Buchstabe, das andere der Geist der Menschlichkeit.

So konnte Jesus sagen: „Der Sabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Religion soll also dem Menschen dienen und ihm in der Mühsal des Lebens eine Hilfe sein. Und so erklärte Jesus sich auch zum Herrn über den Sabbat und damit über die Religion.

Wir Christen feiern nicht mehr den Sabbat, sondern den Sonntag. Die Kirche hat nicht so stark reglementiert, was man am Sonntag darf oder nicht darf. Man sollte allerdings arbeitsfrei bleiben. Es ist auch schön, wenn er sich vom Alltag unterscheidet: in Kleidung, im Essen, im familiären Zusammensein. Das gehört zu einer Sonntagskultur. Selbstverständlich sind Berufe im Gesundheitswesen und manche andere davon ausgenommen. Aber grundsätzlich soll die Arbeit unterbrochen werden, das ganze Wirtschaftssystem, dieses große Räderwerk, einfach stillstehen. Denn der Mensch ist nicht dazu gemacht, in diesem System aufzugehen, atemlos zu arbeiten, ein namenloses Rädchen daran zu sein. Natürlich, aus Sicht der Wirtschaft wäre es wünschenswert, wenn die Geschäfte auch am Sonntag offen wären und das Kaufen und Verkaufen nie unterbrochen wird. Sollen wir wirklich ständig „auf dem Markt sein“, den Gesetzen des Marktes unterworfen? Soll die glitzernde Welt des Konsums unser weitester Sinnhorizont werden? Unser christliches Menschenbild sträubt sich dagegen. Denn die Bestimmung des Menschen ist eine andere. Er soll nicht im Alltag aufgehen, sondern in seiner Freundschaft mit Gott. Gott soll unser Gott sein und nicht Arbeit, Leistung, Waren, Geld unsere Götzen. Nur Gott verbürgt, dass wir in diesen Dingen nicht aufgehen und unser Leben ein Götzendienst wird. Und dazu braucht es Unterbrechung. Ja, „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“ – so sagt es der renommierte Theologe Johann Baptist Metz. Denn Gott kommt dazwischen. Und wir Christen lassen Gott heilsam dazwischen kommen, das ganze System unterbrechen. Der Sonntag ist das Dazwischenkommen Gottes in unser Leben.

Dazu hat die Kirche das Sonntagsgebot erlassen. Es fordert alle Christen auf, am Sonntag auch am Gottesdienst teilzunehmen. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch, dass das in unserer Kindheit und Jugend auch oft als Zwang empfunden wurde, wenn es hieß, man muss zur Kirche gehen. Der Sinn dieses Gebots wurde von vielen nicht verstanden und als lästige Pflicht empfunden. Welcher Sinn steckt hinter diesem Gebot, das auch heute noch gilt?

Zum einen: man kann auch geistlich aushungern. Der Glaube braucht Nahrung und Stärkung genau wie das leibliche Leben. Wenn wir Gebet und Gottesdienst vernachlässigen, dann läuft unser Glaube Gefahr, zu verdunsten. Dass Gott bei uns ist, müssen wir uns immer wieder sagen lassen. Man muss im Wort Gottes zuhause sein, damit der Glaube lebendig bleibt. Wir müssen die Sakramente feiern, damit unsere Lebensgemeinschaft mit Christus lebendig bleibt und auch unseren Alltag prägt. Es ist wie mit einer Freundschaft. Wenn man sie nicht pflegt, dann verflacht sie und verkommt schließlich.  

Das ist das eine.

Aber es gibt noch einen zweiten, sehr wichtigen Grund für das Sonntagsgebot. Es erinnert uns daran, dass der Glaube keine Privatsache ist, sondern vom Hören kommt, also aus zwischenmenschlicher Kommunikation. Man kann den Glauben nur mit anderen zusammen haben und leben. Und da sind wir alle füreinander verantwortlich, einander im Glauben zu bestärken und nicht zu schwächen. Jeder und jede, der oder die im Gottesdienst dabei ist, mitfeiert, mitbetet und singt bestärkt – ob bewusst oder unbewusst – die anderen im Glauben. Wir gehen ja nicht in die Kirche wie ins Kino, wo es egal ist wer außer mir auch noch da ist. In der Kirche sind wir eine Gemeinschaft von Glaubenden und nicht einander gleichgültig. Jeder Anwesende bestärkt die anderen im Glauben, aber jede Bank, die leer bleibt, schwächt die anderen im Glauben. Das Sonntagsgebot spricht uns also auf unsere Verantwortung füreinander an. Dies ist vermutlich der tiefe Sinn des Sonntagsgebots.

Und schließlich und endlich: Es ist Christus, der Auferstandene, der uns ruft und einlädt. Er möchte am Tag der Auferstehung mit uns zusammen feiern, uns durch sein Wort im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe stärken, damit wir den Alltag in seinem Sinn und in seinem Geist gestalten. Dazu schenkt er uns seinen Leib und damit sein Leben.

 

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14. Sonntag 2017

München, Heilig Geist

Liebe Schwestern und Brüder,

Holterdiepolter wurde in Deutschland nach ganzen 38 Minuten Debatte im Bundestag die Homoehe gesetzlich eingeführt.  Für bestimmte Kreise gab es Grund zu überschwänglichem Jubeln und zum Feiern. Und wenn man die Berichterstattung und die Kommentare im Fernsehen gesehen hat, dann bekommt man den Eindruck: Alle sollen sich gefälligst freuen. Ich habe mich nicht gefreut. Wer sich nicht darüber freut – bei dem stimmt was nicht, der ist von gestern. So funktioniert Meinungsmache. Kritische Argumente wurden nicht mehr gehört oder einfach belächelt.

Wir sollten keine Angst davor haben.

Vielmehr sollten wir uns klar machen, was das für uns Christen und für christliches Eheverständnis bedeutet, dass wir in einer mehr oder weniger entchristlichten Gesellschaft leben, die auch die Ehe völlig anders versteht, nämlich als bloße Übernahme von gegenseitiger Verantwortung zweier Menschen beliebigen Geschlechts füreinander. Oder, wie die deutschen Bischöfe beklagen: Christliches und staatliches Eheverständnis klaffen immer mehr auseinander.

Wir sind damit aufgerufen, uns unser christliches Eheverständnis neu bewusst zu machen und unser Profil zu schärfen. Schließlich berührt das Thema auch die Lehre von den Sakramenten. Denn die Ehe von Mann und Frau ist für uns ein heiliges Sakrament, ein Spiegel der Liebe Gottes.

Wenn wir uns kritisch mit der sog. „Ehe für alle“ auseinandersetzen, dann ist damit keine Diskriminierung von homosexuellen Menschen gemeint. Davor sollte man sich hüten. Man kann durchaus verstehen und nachvollziehen, dass auch homosexuelle Menschen den Wunsch und die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit bei einem geliebten Menschen haben. Das gehört nun mal zum Humanum. Und homosexuelle Partnerschaften können deshalb auch von uns Christen respektiert werden. Worum es allein geht, ist der Begriff „Ehe“. Das ist nicht nur eine Bezeichnung, sondern meint eine für die Menschheit höchst bedeutsame Wirklichkeit, die nun umdefiniert und ausgehöhlt wird.

Sind homosexuelle Partnerschaften „Ehe“ wie es sie seit Menschengedenken gibt und vor allem wie die Bibel und wie die Kirche sie versteht? Hat der Staat überhaupt ein Recht dazu, ein so über Jahrtausende gewachsenes Kulturinstitut einfach umzudefinieren?

Tatsächlich ist die Ehe von Mann und Frau unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen (Verwandtschaft, Freundschaft, Wohngemeinschaft, Geschäftspartner usw.) einzigartig. Keine andere Beziehung kann mit ihr verglichen werden. Denn allein die Ehe (bzw. die stabile heterosexuelle Lebensgemeinschaft) hat es nicht nur mit der Gegenwart und mit gegenwärtiger individueller gegenseitiger Beglückung zu tun, sondern mit der Zukunft. Denn nur die Gemeinschaft von Mann und Frau gibt menschliches Leben weiter und bringt eine neue Generation hervor. Aus Ich und Du wird ein Wir. Damit verbürgt sie die Zukunft. Deshalb kommt der Beziehung von Mann und Frau in der Bibel auch eine Sonderstellung zu. Mann und Frau werden „ein Fleisch“ (Gen 2,24). Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Mann und Frau sind danach vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit (vgl. Gen 1,27) füreinander geschaffen, um neues Leben zu schenken, zu hüten und wachsen zu lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Berufung zur fruchtbaren Weitergabe des Lebens und vermag diese Aufgabe für die Gesellschaft zu erfüllen. Sie ist deshalb einzigartig. Und sie entspricht in christlicher Sicht aus diesem Grunde der Schöpfungsordnung.

Nur deshalb auch stehen Ehe und Familie verfassungsmäßig unter dem besonderen Schutz des Staates (vgl. Art 6 Abs 1 GG). Denn der Staat muss Interesse an seiner Zukunft haben und nicht an der Förderung steriler Lebensgemeinschaften, so sehr ihm auch das individuelle Glück seiner Bürger am Herzen liegen mag. Mag es auch eine gewisse Anzahl unfruchtbar bleibender Ehen geben, so ist dennoch die homosexuelle Partnerschaft prinzipiell und a priori steril. Sie kann per definitionem kein neues Leben hervorbringen. Deshalb ist sie in einem ganz wesentlichen Punkt der Ehe ungleich und kann mit ihr mitnichten gleichgestellt werden.

Mit der Homo-„Ehe“ aber wird der Ehebegriff vergleichgültigt. Aus christlicher Sicht ist es so, als würde man auf eine Flasche Traubensaft ein Weinetikett kleben und den Traubensaft als Wein verkaufen. So kann man natürlich das Etikett „Ehe“ auf jedwede zwischenmenschliche Beziehung kleben. Aber wo Ehe draufsteht, muss auch Ehe drin sein.

Es gibt noch weitere Gründe, warum wir die „Ehe für alle“ kritisch betrachten sollten. Jede Ehe steht für die ganze Menschheit, die aus Frauen und Männern besteht. Indem Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen, geschieht stellvertretend die Überwindung und Versöhnung des Geschlechterkampfes. Die Ehe von Mann und Frau steht also für die von Gott gewollte Einheit des ganzen Menschengeschlechts. Sie ist eine runde Sache. In ihr zeigt sich Gottes Wille, das Verschiedenartige, das Andersartige anzunehmen. Denn Mann und Frau, Vater und Mutter sind sehr verschiedene Weisen, Mensch zu sein und das Menschsein zu verwirklichen.

Mit der Homoehe aber ist im Prinzip bereits auch die Monogamie, die Einehe, aufgegeben. Denn Frau und Mann sind so etwas wie ein in sich abgerundetes Paar, eine gewisse anthropologische Ganzheit oder Vollkommenheit. Man kann deshalb auch die Unteilbarkeit der gegenseitigen Liebe begründen. Eine Mann/Mann- oder Frau/Frau-Beziehung kann dagegen prinzipiell offen sein auch für eine Dreier- oder Mehrfachbeziehung. Es wird auf Dauer nur schwer zu begründen sein, warum nur zwei Männer oder nur zwei Frauen miteinander eine „Ehe“ eingehen können, wenn nur die gegenseitige Übernahme von Verantwortung das Kriterium für die Eheschließung ist.

Auch muss man sich darauf vorbereiten, dass bald neue Rechtsansprüche angemeldet werden. Es gibt ja z. B. auch bisexuelle Menschen. Warum sollte ein Bisexueller nicht fordern dürfen, sowohl einen Mann als auch eine Frau heiraten zu dürfen? Er fühlte sich sonst in seinem Recht beschnitten.

Als Christen, liebe Schwestern und Brüder, sollten wir uns beim Thema „Ehe“ an das Menschenbild der Bibel halten. Schon auf ihren ersten Seiten sagt die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und weder seine Spaltung noch seine Vergleichgültigung (vgl. Gen 1,27f; 2,22-25). Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden und ihre Fruchtbarkeit bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Verwirklichung. Es geht vielmehr um die Einheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden unvermischt und ungetrennt gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem grundsätzlichen Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau, wie Adam sagt, „Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23), was ihre Gleichwertigkeit mit dem Mann zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie anders ist. Sie wird offenbar als das dem Mann entsprechende menschliche Gegenüber gesehen und umgekehrt. Und allein dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen, und zwar nicht nur für die Ehepartner individuell, sondern auch für die aus ihnen entlassenen Kinder und somit für die Zukunft der Menschheit. Die Ehe steht somit repräsentativ für die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts in seiner Verschiedenheit. Der Mann bedarf zu seinem, aber nicht nur zu seinem Glück der Frau und die Frau des Mannes. Und nur so werden sie zum Segen auch für die Zukunft der Menschheit.

Das Neue Testament hat dieses Zusammensein von Mann und Frau zum Sakrament erhoben (vgl. Eph 5,31f.). Für uns Christen ist es also ein Zeichen für die unverbrüchliche Treue Christi zu seiner Kirche, die seine Braut ist. Wo Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen und in Treue zueinander stehen in guten und in bösen Tagen, da zeigen sie, was wir meinen, wenn wir von der Liebe Gottes sprechen, von unserer Gemeinschaft mit Gott, die alles übersteigt, was wir uns ausdenken können: wir sind hineingenommen in die Liebe des Vaters zum Sohn, nämlich in die Liebe Gottes, die Jesus uns geoffenbart hat.

Christliches Eheverständnis ist also etwas grundsätzlich anderes als das unserer Gesellschaft. Wir sollten unser Profil nicht verlieren, sondern schärfen.

Wir feiern jetzt Eucharistie. Auch das ist eine Hochzeit, nämlich der neue und ewige Bund. Christus und seine Kirche stehen einander gegenüber wie Bräutigam und Braut. Ein besseres Bild haben wir dafür nicht. Und es geschieht, was in jedem Brautgemach geschieht: Der Bräutigam schenkt seiner Braut seinen Leib, damit seine Braut, die Kirche, fruchtbar und guter Hoffnung wird für die Welt.

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Pfingstmontag 2017

München, Heilig Geist

Predigt zu Joh 15,26 – 16,1-3.12-15

 

„Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Worte Jesu aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums haben es in sich: „Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Diese Stunde ist gekommen!

Es ist das, was fast täglich geschieht und für Schlagzeilen in den Zeitungen sorgt. Eine grausame Christenverfolgung im Nahen Osten und in vielen anderen Ländern und auch bei uns in Europa. Der sog. Islamische Staat tötet auf grausame Weise unsere Glaubensbrüder und –schwestern in deren Heimatländern, die ursprünglich christliche Stammlande waren. Schon das muss uns als Christen weh tun! Denn durch die Taufe sind wir mit ihnen ein Leib.

Und auch bei uns in Europa sorgt der IS mit Terroranschlägen und vielen Toten für Angst und Schrecken in der Bevölkerung. In Flüchtlingsheimen werden christliche Flüchtlinge von Muslimen nicht selten schikaniert und mit dem Tod bedroht. Wer die Augen aufhält, nimmt eine schleichende Islamisierung unseres Lebens wahr, die Hand in Hand geht mit einer Verächtlichmachung unserer christlichen Kultur. Lehrerinnen in Berlin dürfen in der Schule kein kleines Kreuz mehr an ihrer Halskette tragen. Aufgeklärte intellektuelle Muslime wie Hamed Abdel-Samad müssen bei uns unter ständigem Polizeischutz leben. Viele Menschen sind verunsichert, die Politik scheint hilflos zu sein. Und die Christenverfolgung wird – selbst von den Bischöfen – nur sehr wenig beachtet und thematisiert. Und viele fragen sich: Welcher Zeit gehen wir entgegen? Was wird noch kommen?

Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt: Die solches tun, meinen tatsächlich, damit Gott einen heiligen Dienst zu erweisen. „This is for Allah“ – dies ist für Gott!“, riefen die Gewalttäter vorletzte Nacht in London. Die Christenverfolger und die Attentäter tun das nicht aus bloß irdischen Interessen. Sie meinen, damit für Gott etwas Gutes und Ihm Wohlgefälliges zu tun. Die Selbstmordattentäter sprengen sich selbst in die Luft, weil sie davon überzeugt sind, dafür von Gott im Paradies belohnt zu werden. Und von vielen ihrer Glaubensgenossen werden sie als Märtyrer verehrt und gefeiert.

Nur fassungslos kann man vor einer solchen Mentalität stehen. Solche Gewalttäter sind gerade deswegen in ihrem Denken kaum zu verändern. Denn sie meinen, nicht für einen bloß irdischen, vergänglichen, relativen Wert zu kämpfen wie z. B. für das Vaterland, für eine Partei oder für eine politische Befreiung. Sie meinen vielmehr, das alles für einen absoluten Wert zu tun, nämlich für Gott. Sie töten und morden für Gott. Sie legen Bomben für Gott und richten ganze Blutbäder an. Wie pervers das klingt! Wie verblendet!

Auch damit verunsichern sie und schüren sie Angst. Denn man fragt sich: Wer ist denn nun Gott? Und was ist sein Wille? Meinen sie einen anderen Gott als wir? Meinen sie, Gottes Willen besser erkannt zu haben als die Christen? Ist der Koran so ambivalent, so mehrdeutig? So verschieden auslegbar als Botschaft der Barmherzigkeit und als Botschaft des Hasses? Darf sich jeder herauslesen, was er will? In jeder Sure spricht der Koran auch von Gottes Barmherzigkeit. Kann er beides sein – eine Botschaft der Barmherzigkeit für Muslime und eine Botschaft des Hasses für alle anderen? Der Islam kennt ja kein verbindliches Lehramt, das über die rechte Auslegung des heiligen Buches wacht. Aber kann es wirklich Gottes Wort sein, das befiehlt, Andersgläubige zu hassen und zu töten und die Welt mit Gewalt zu islamisieren?

Nun, alle Schriften, auch heilige Schriften sind von Menschen verfasst und nicht vom Himmel gefallen. Sie spiegeln auch die menschliche Ambivalenz ihrer Verfasser wider, die menschliche Zwielichtigkeit, gute und schlechte Motivationen und Absichten, eben Licht und Schatten. Wenn wir wollten, könnten wir auch aus dem Alten Testament solche Stellen finden, in denen Gott angeblich zur Gewalt aufruft, in denen Gott befiehlt, Homosexuelle zu töten und Ehebrecherinnen zu steinigen. Ja, wenn man das Alte Testament liest, z. B. das Buch Josua, dann meint man manchmal, im Islamischen Staat zu sein. So groß ist die Ähnlichkeit! Vieles hat der Koran aus der Bibel Israels übernommen, und der Islamische Staat überträgt es auf unsere Zeit und versucht es 1:1 umzusetzen. In der Meinung, Gott damit einen heiligen Dienst zu tun. Aber wer ist und was will Gott wirklich?

Nun, wie kommt es eigentlich, dass solche alttestamentlichen Stellen für uns Christen heute keinerlei Bedeutung haben? Wir können sie nicht als Wort Gottes verstehen. Denn was wirklich Gottes Wille ist, das hat Jesus uns gezeigt.

Deshalb sagt Jesus im heutigen Evangelium von denen, die durch ihre bösen Taten meinen, Gott einen heiligen Dienst zu tun: „Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“

Beides gehört zusammen: der Vater und Jesus. Wer Jesus nicht erkennt als den Sohn Gottes, der erkennt auch den Vater nicht.  Für den bleibt Gott ein rätselhaftes, mehrdeutiges Wesen, und man meint dann, alles Beliebige von Gott herleiten zu können, z. B. auch den Auftrag, unschuldige Menschen zu töten.

Aber mit Jesus ist ein neuer Geist in die Welt gekommen: Heiliger Geist. Pfingsten lassen wir uns neu inspirieren von diesem Geist. Ohne diesen Geist kann man nicht erkennen, wie Gott es mit uns meint und dass er durch Jesus unser aller Vater geworden ist.

Es ist Jesus Christus, der uns zeigt, wie die alte Schrift auszulegen und zu verstehen ist. Eben in seinem Geist ist sie auszulegen!  Jesus ist so etwas wie ein Verstehensschlüssel. Er schließt uns den Willen Gottes auf, weil er der Sohn ist und den Vater kennt wie sonst niemand. Jesus selbst hat sich ja in seiner Zeit immer wieder gegen ein falsches Verstehen des Wortes Gottes gewandt. Feinde hat er sich damit gemacht, vor allem unter den Frommen, die meinten, er würde Gott verraten. Wegen Gotteslästerung wurde er ja hingerichtet. Er wurde selber Opfer eines religiös-politischen Wahns.

Aber durch sein Wort und durch sein Beispiel, durch seine Menschlichkeit hat Jesus uns gezeigt, wie Gott wirklich ist: Er ist die Liebe. Und diese Liebe hat Jesus ausbuchstabiert in seiner Verkündigung und bis zum Tod am Kreuz. Jesus ist der wahre Sachwalter Gottes. Und jeder, der an ihn glaubt, bekommt auch Anteil an seinem Geist, an Gottes Geist, von dem wir schon erfüllt sind, wenn wir gläubig auf Jesus schauen und ihm nachzufolgen suchen, auch wenn wir immer wieder dahinter zurückbleiben und versagen.

Wo Menschlichkeit wächst und sich ausbreitet, da zeigt sich Gottes Geist. Wo Unmenschliches geschieht, da ist Gotets Geist nicht. Unmenschlichkeit kommt nicht von Gott. Denn Gott ist nicht als Gott, sondern als Mensch zu uns gekommen, als wahrer Mensch.

Es ist wohl dies die Tragik des Islam, dass dem Koran ein Neues Testament fehlt, ja, dass ihm Christus fehlt als Verstehensschlüssel, der die Ambivalenz, die Mehrdeutigkeit des Gottesverständnisses zur Eindeutigkeit, zur Klarheit bringt und so die Wahrheit Gottes offenbart: Gott will nicht den Tod – er will das Leben, nicht den Hass, sondern die Liebe, nicht die Gewalt sondern das Erbarmen, nicht Strafe, sondern Vergebun.

Und so ist mit Jesus dieser neue Geist in die Welt gekommen. Jesus nennt ihn den Geist der Wahrheit, der uns in die ganze Wahrheit einführt, in die Wahrheit Gottes. Er möchte die Verblendung, auch die religiöse Verblendung wegnehmen. Ja, wer diesen Heiligen Geist hat, der ist wirklich in Gott. Und wer aus diesem Geist lebt, wird ihn weiterschenken. Er oder sie wird nicht mehr Böses mit Bösem, Unrecht mit Unrecht vergelten, sondern das Böse durch das Gute überwinden helfen. Und dieser Geist gibt auch den Mut, einzutreten für die Verfolgten und überhaupt sich zu Christus zu bekennen in dieser Zeit, in der unser Christsein mehr und mehr verächtlich gemacht wird.

Und das schönste am heutigen Evangelium ist wohl, dass Jesus diesen Heiligen Geist „Beistand“ nennt. Er ist unser Beistand, wie ein Anwalt beim Gericht, der für das Recht eines zu Unrecht Angeklagten kämpft und ihn in der Hoffnung stärkt, dass es gut ausgehen wird. Der Heilige Geist ist der, der uns beisteht in all unserer Unsicherheit und Gefahr, der uns die Zuversicht gibt, die wir brauchen, und die Kraft zum christlichen Zeugnis, damit wir uns nicht von der Angst um uns selbst treiben lassen und aus lauter Angst egoistisch und unmenschlich werden und mit Hass auf andere blicken, auch wenn sie uns feindlich gegenüber stehen. Der Heilige Geist steht uns bei, damit wir nicht in alte Denk- und Verhaltensmuster zurückfallen, sondern – wie Paulus schreibt – „friedfertig und geduldig einander in Liebe ertragen“, weil wir in diesem Geist geborgen sind im Leben und im Sterben.

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, schenkt uns dieses Unterpfand der Hoffnung – bar auf die Hand!