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10. Sonntag im Jahreskreis

 

Gen 3,9-15; Ps 130; 2 Kor 4,13 – 5,1 

Gehalten am 6. Juni 2021 in der Kapelle des Marienhospitals in Osnabrück

 

„Er ist von Sinnen“, sagen seine Familienangehörigen über Jesus.

„Er ist vom Teufel besessen“, erklären die Schriftgelehrten, ja, „mit Hilfe des Oberteufels treibt er die Dämonen aus.“

Zweifellos: Jesus wird nicht verstanden: weder von seiner Mutter und seinen Geschwistern, noch von denen, die meinen, die Heilige Schrift zu verstehen.

„Er ist verrückt.“ Zugespitzt: „Er ist vom Teufel besessen.“

So redet man über jemand, der sich nicht einfügt in die bestehende Ordnung, der nicht mitmacht mit den gängigen Lebens-, Denk- und Verhaltensmustern. Familie und religiöse Menschen empfinden sein Verhalten und seine Worte als absonderliche Störung. Tatsächlich prallen hier Welten aufeinander: Familie und religiöse Gesellschaft auf der einen Seite und auf der anderen Jesus und seine Ankündigung der Gottesherrschaft. Schärfer konnte Markus den Kontrast nicht schildern. Das ganze Markusevangelium zeigt diesen Konflikt zwischen der Welt wie sie ist und dem, woran Jesus glaubt und was er bringen will.

Die erste Lesung, die Erzählung vom Sündenfall des Menschen, macht sehr deutlich, was das für eine Welt ist, in die dann Jesus eintritt: Die teuflische Herrschaft der Angst des Menschen um sich selbst, die eine Dynamik des Bösen und der Gewalt ausgelöst hat, aus der wir uns nicht von uns aus befreien können. Was als paradiesische Gemeinschaft mit Gott gedacht war, verwandelt sich zu unerträglicher Nacktheit: „Ich geriet in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich“, sagt Adam zu Gott. Die Menschen können sich auch vor Gott nicht mehr unbefangen zeigen, wie sie sind. Sie müssen sich verstecken und Masken aufsetzen, weil sie sich als schutzlos und gottverlassen erfahren. Das Vertrauen, in Gott geborgen zu sein, ist einer bodenlosen Angst gewichen, mit der auch jeder von uns auf die Welt gekommen ist.

In diesem zerrütteten Gottesverhältnis werden auch alle anderen Beziehungen zerstört. Der Mensch will für sein Handeln nicht mehr Verantwortung übernehmen. Adam versucht sich zu rechtfertigen, indem er die Verantwortung auf seine Frau abwälzt: „Die Frau, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen.“ Und die Frau: „Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich gegessen.“ Es beginnt die ganze Dynamik des Bösen, die die Geschichte bis heute durchzieht, die sich fortsetzt im Brudermord von Kain und Abel, im Turmbau zu Babel und in Auschwitz und Ruanda und im Nahen Osten und bei der Missbrauchsaufarbeitung noch an kein Ende gekommen ist.

Ja, die Schlange! Ein Symbol für die teuflische Angst, die sich unbemerkt einschleicht und urplötzlich da ist und uns verhext. Auch in scheinbar ganz „normalen“ Zusammenhängen: in Familien, im Berufsleben, im Alltag. Sie zeigt sich in Rivalität, in Angst voreinander, in familiärer Gewalt, in raffinierten Unterdrückungsmechanismen, in einer zwanghaften und angsterzeugenden kirchlichen Sexualmoral, die unfrei macht. Die Bibel zeigt ganz realistisch, wie der Mensch sich eingesperrt hat in seine eigene Angst und Unsicherheit. Viele versuchen sie zu besiegen, indem sie anderen Angst machen, sie erniedrigen und demütigen, nicht selten in Familie und Beruf. Die Geschichte vom Sündenfall ist ja nicht die Geschichte eines imaginären menschlichen Urpaares, sondern eine Geschichte über jeden von uns wie Gott uns gedacht hat und über das, was dann aus uns geworden ist. Weil wir Menschen von Anfang an unsere Geschöpflichkeit und Endlichkeit nicht aushalten. Von Natur fehlt uns seit Adam, also von Anfang an, das Vertrauen in Gottes Güte, das allein unsere Angst um uns selbst entmachten könnte. In der Kirche nennen wir diesen Zustand die Erbsünde. Und wo die Angst des Menschen um sich selbst nicht entmachtet ist, da kann auch die Dynamik des Bösen, der Teufelskreis der Gewalt nicht durchbrochen werden. Wir können uns selbst nicht daraus befreien.

Es ist die Welt, in die Jesus gekommen ist mit der Ankündigung der Gottesherrschaft: Wo Gott nicht herrscht, da herrschen andere Götter, nämlich dämonische Mächte, die uns in der Hand haben. Jesus hat einen Blick dafür. Die Menschen haben sich offenbar eingeredet, der Lauf der Welt sei normal: Oben und unten, arm und reich, Herrscher und Beherrschte, die Diktatur der Medien, die andere Menschen erbarmungslos zerfleischt, die Diktatur der Finanzmärkte, das tägliche Getriebensein von der Angst ums Geld, um den Arbeitsplatz, um Wachstum, ums Fortkommen. Die Angst schließlich vor Gott, dem wir nicht so recht trauen und die uns treibt, es ihm durch religiöse Übungen und Opfer recht zu machen, ihn gnädig zu stimmen, damit er uns nicht böse anschaut, so wie Adam seinen Blick empfunden hat, als er sein Wort hörte: „Wo bist du, Mensch?“

Ja, wohin ist der Mensch gekommen. Es sind diese unheilvollen Zusammenhänge, in die Jesus gekommen ist. „Er ist verrückt“, sagen die einen, „er ist vom Teufel besessen“, sagen die anderen. In ihrer Optik ist es auch so. Sie halten ihre Welt, in der sie sich eingerichtet haben, die alltäglichen Demütigungen und Verletzungen, die gegenseitigen Schuldzuweisungen im Alltag für völlig normal. So ist das halt im wirklichen Leben.

Doch Jesus dreht den Spieß um: er empfindet diese Welt als von Sinnen, als verrückt, ja als teuflisch. Er weiß, die Menschen kommen aus eigener Kraft nicht mehr heraus aus diesem Teufelskreis: „Wie kann der Satan den Satan austreiben?“, fragt er zurück. Die Welt kann sich selbst nicht heilen. Die Menschheit ist in sich gespalten. Sie kann keinen Bestand haben. Mit all ihren Errungenschaften und Erfindungen, mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz lässt sich die Menschheit nicht heilen. Sie bleibt immer in der Kuhle, in die sie schon im Anfang hineingefallen ist: in die abgrundtiefe Angst um sich selbst. Mit Angst kann man nicht Angst entmachten. Und indem man anderen Angst macht, kann man auch sich selbst die Angst nicht nachhaltig nehmen. Denn wo die Mitte fehlt, das Vertrauen in den gütigen Gott, da kann der Mensch nicht frei werden von seiner Angst. Wo man sich von Jesus nicht helfen lässt, sondern ihn für spinnert, für verrückt, ja für dämonisch erklärt, da bleiben wir splitternackt wie Adam und Eva dem Tode preisgegeben. Und das Antlitz des gütigen Gottes, das sich in Jesus zeigt, verwandelt sich in menschlicher Optik in eine dämonische Fratze, vor der man erneut Angst haben muss. Denn wenn man Gut und Böse, Menschliches und Unmenschliches nicht mehr unterscheiden kann, sondern im Guten das Böse sieht, dann kann man auf keine Vergebung mehr hoffen..

Mit Jesus aber bricht wahre Menschlichkeit in diese Barbarei des Seins ein. Er ist der wahre Mensch, der neue Adam, der Mensch also, so wie Gott ihn sich von allem Anfang gedacht hat. Kein Übermensch, der sein möchte wie Gott, sondern wahrhaft Mensch. Denn er lebte nicht mehr aus der teuflischen Angst um sich selbst. Deshalb wurde er nicht unmenschlich. Er lebte aus dem unbedingten Vertrauen auf Gott, den er Vater nannte. Und er konnte andere ebenfalls aus der Angst um sich selbst befreien. Deshalb auch wurde er als Bedrohung empfunden, sogar von seiner Familie und vor allem von den Herrscher und von der etablierten Religion. Denn auch die Religion zementierte die Verhältnisse und trug nicht mehr zur Befreiung der Menschen bei. Eigenartig, ist Ihnen das schon mal aufgefallen: Jesus hatte immer nur mit frommen Menschen Probleme. Am Ende brachten sie ihn ans Kreuz. Weil er das ganze System in Frage stellte, dieses  Minenfeld der Angst.

Als seine Mutter und seine leiblichen Geschwister dann auftauchen, um ihn zu sprechen und wieder nach Hause zu holen, da erwidert er: „Wer ist denn meine Mutter und wer sind meine Geschwister?“  Und er schaut auf die Menschen, die ihm zuhören: „Das hier sind meine Mutter und meine Geschwister.“ Wer Gottes Wort hört und den Herrschaftswechsel vollzieht aus einer dämonischen Welt sich unter Gottes Herrschaft stellt, der gehört nun zu seiner Familie. Nicht mehr Blutsbande begründen für Jesus seine Familie, nicht mehr natürliche und bloß geschöpfliche Bindungen, sondern sein Geist. Jesus ist gekommen, um die Menschheit wieder zusammenzuführen in eine herrschaftsfreie Gemeinschaft. Kirche sollte diese neue Gemeinschaft sein, die nur noch Gott herrschen lässt. In der die Menschen nicht mehr Angst voreinander und vor Gott haben müssen. Aber was ist auch aus der Kirche geworden?

In der Eucharistie bricht der Herr wieder ein in unser Leben. Er gibt uns Anteil an seiner Freiheit vor Gott und den Menschen. Damit auch wir Verrückte werden in den Augen der Welt, die seinem Wort mehr trauen als aller Erfahrung von Unheil. Man muss ihm nur von Herzen glauben.

 

 

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Dreifaltigkeitssonntag

Dtn 4,32-34.39-40; Ps 33; Röm 8,14-17; Mt 28, 16-20 

Gehalten am 29 Mai 2021 in Osnabrück, St. Johann

 

 

Ich bin bei euch alle Tage.

Mit diesen Worten, liebe Schwestern und Brüder, schenkt Jesus die Gewissheit, dass wir nicht alleingelassen sind: an keinem Tag. Wer diesem Wort Glauben schenkt und ihm vertraut, darf dessen gewiss sein: an allen Tagen, in Glück und Unglück, in den Höhen und Tiefen des Lebens, ja auch im Sterben ist Gott bei uns.

Und Pfingsten hieß es: O, wie gut und freundlich ist dein Geist in uns, o Herr!

In diesen wenigen Worten steckt das ganze Geheimnis unseres Glaubens Kann es etwas Größeres geben? Eine größere Gewissheit? Einen größerer Trost? Wohl kaum. Kann man mehr glauben als das? Wenn ein Kind sagt: „Der liebe Gott ist immer bei mir“, dann ist das schon der ganze christliche Glaube. Denn mehr als in Gott geborgen kann man nicht sein. Das ist nicht steigerbar.

Ich bin bei euch. Dieses Wort Jesu ist nur die Übersetzung des alttestamentlichen Gottesnamens Jahwe: Heute sollst du erkennen: Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst, hieß es in der 1. Lesung. Aber Jahwe ist nicht nur ein Name. Er drückt auch das Wesen Gottes aus: Ich bin der Ich-bin-bei euch. Oder anders herum: Wenn ich nicht bei euch bin, dann seid ihr verloren. Dann verschlingt euch der Tod. Nur wenn ich bei euch bin und ihr bei mir bleibt, habt ihr schon jetzt ewiges Leben.

Aber wie kann Gott bei uns sein, wenn er doch im Himmel ist, in unzugänglichem Licht? Gott ist doch nicht ein höchstes Wesen im Universum, das über uns schwebt. Er ist der, ohne den nichts ist. Also ist er nicht ein Stück Welt.

Doch Gott hat sich uns bekannt gemacht in Jesus. Wir sagen: Er hat den Sohn gesandt. Damit hat er uns nicht irgendetwas gegeben, sondern er hat sich selbst geschenkt, selbst ausbuchstabiert in diesem Menschenleben Jesu. Und zwar so sehr, dass Jesu Wort Gottes Wort ist. In Jesus begegnet Gott uns als Mensch. Näher als so kann Gott uns gar nicht kommen. Dieser Jesus ist das Bei-uns-Sein Gottes in Person. Er wurde unser Bruder und hat alles mit uns geteilt: das Leben mit seiner Freude und mit seiner Armut, mit Glück und Unglück, mit Schmerz und Leid. Und er hat uns gelehrt, so wie er Gott als unseren Vater anzureden. Denn wenn der Sohn Gottes unser Bruder geworden ist, dann ist Gott auch unser Vater. Jesus hat also nicht nur von Gott geredet, sondern er hat uns Gemeinschaft mit Gott geschenkt, und zwar dieselbe Gemeinschaft, die Jesus mit dem Vater hat. Die spätere Theologie und die Kirche haben dann daraus gefolgert: Jesus ist zwar nicht der Vater und der Vater ist nicht der Sohn und doch sind sie nicht zwei verschiedene Götter. Jesus selber sagt es ja: „Ich und der Vater sind eins“.  Gott ist also nicht nur ein einsames Ich, sondern er verschenkt sich als Vater von Ewigkeit her an den Sohn. Gott ist also ein Ich und ein Du. Aber Ich und Du sind noch nicht alles. Ich und Du bilden nämlich ein Drittes, ein Wir. Dieses Wir nennen wir den Heiligen Geist. Er ist die Liebe, die in Gott Vater und Sohn verbindet. In ihm sind sie eins. Der Heilige Geist ist die Liebe, mit der Gott seinen Sohn liebt und er ist die Liebe, mit der der Sohn den Vater wiederliebt. Und in genau diese Liebe, in dieses Wir Gottes hat Jesus uns hineingenommen: in seine Gemeinschaft mit dem Vater. Gott hat uns aufgenommen in die Liebe zwischen Vater und Sohn. Deshalb ist Gottes Liebe bedingungslos. Sie hat ihr Maß nicht an uns. Nicht wir begründen oder rechtfertigen sie. Denn keiner, mag er auch noch so heilig sein, kann sich selbst vor Gott liebenswert machen. Gottes Liebe hängt eben nicht ab von unserem Gutsein oder von unseren Qualitäten. Er lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse. Denn Gottes Liebe hat ihr Maß allein am Sohn. Deshalb ist sie maßlos.

Wer sich in dieser Liebe des Vaters zum Sohn geborgen weiß, muss nicht mehr aus Angst um sich selbst leben, sondern kann sich loslassen, kann auch unvermeidliches Leid annehmen, kann auch im Tod noch Hoffnung haben, ganz in Gottes Liebe geborgen zu sein und in dieser Liebe glückselig wieder aufzuwachen. Denn wir sind aufgenommen in den Heiligen Geist, in die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn. Deshalb sagt Paulus uns heute in der 2. Lesung: Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven (des Todes) macht, so dass ihr immer noch Angst haben müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater. Und deshalb sind wir „Miterben“ mit Christus. Das, was er vom Vater hat, hat er auch uns geschenkt.

Machen wir uns das bewusst: Wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, dann stehen wir nicht gottverlassen vor einem schweigenden und rätselhaften Gott in einem fernen Himmel. Denn Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten. Das lässt sich nur so verstehen: Wenn wir Gottesdienst feiern, dann stehen wir immer mit dem Sohn im Heiligen Geist vor Gott dem Vater. Der Sohn steht auf unserer Seite, auf der Erde unten, mit uns vor dem Vater. Nur er kann uns durch den Heiligen Geist mit dem Vater verbinden. Der Heilige Geist ist ja sein Sohnesverhältnis, das wir von ihm „geerbt“ haben. Denn wir haben in der Taufe dieses Sohnesverhältnis zum Vater bekommen. Wir stehen also immer schon zusammen mit dem Sohn im Heiligen Geist vor dem Vater, also immer schon mit Gott in Gott vor Gott.  Das ist völlig unbegreiflich, aber keineswegs unverständlich.

Es ist der Gott Israels, der uns in Jesus sein dreifaltiges Geheimnis gezeigt hat, um uns in dieses Wir mit dem Sohn aufzunehmen. Deshalb gibt Jesus den Jüngern den Auftrag, die Menschen zu taufen „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Das ist eigentlich nicht gut übersetzt. Im griechischen Urtext steht nämlich gar nicht „auf den Namen“, sondern „in den Namen“. Wie ich schon sagte: Der Name Gottes ist nicht nur ein Name, sondern drückt das Wesen Gottes aus. Wer „in den Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ getauft wird, der wird in Gott selber hineingetauft, hineingetaucht. Auch wenn wir gerade nicht beten und fromm sind, wenn wir unseren oft mühsamen Alltag leben, vielleicht leiden müssen oder uns trostlos fühlen, dürfen wir dessen gewiss sein, dass wir in Gott selber eingeborgen sind, dass wir mit Gott in Gott vor Gott leben.

Denn zu allen Menschen sagt er: Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage.

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, ist das sprechende Zeichen für unser In-Gott-Sein. Christus ist bei uns, sichtbar im Priester, und schenkt uns sich selbst, damit wir ihn aufnehmen, gläubig essen und der Vater so in uns seinen Sohn sieht und liebt.

 

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Pfingsten 2021

Apg 2,1-11; Ps 104; 1 Kor 12,3b-7.12-13

Gehalten am 22.5.21  in Osnabrück, Maria Königin des Friedens und
 am 23.5.21 im Marienhospital Osnabrück

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Pfingsten – ein Fest überschäumender Freude, Fest des göttlichen Lebens, des Heiligen Geistes. In diesem Geist sind wir versammelt und lassen uns von seinem Kommen überraschen. Denn wir versammeln uns immer MIT Gott, IN Gott, VOR Gott, nämlich mit dem Sohn im Heiligen Geist vor dem Vater.

Was geschieht eigentlich an Pfingsten?

Vor vielen Jahren sprach mich nach dem Pfingstgottesdienst ein kleines Mädchen an: „Pfingsten ist ja ein komisches Fest, Herr Pfarrer“, sagte sie. „Wie meinst du das?“ fragte ich zurück. „Ja, man sieht nichts an Pfingsten. Weihnachten sieht man die Krippe mit dem Christkind und den Weihnachtsbaum mit vielen Lichtern. Ostern sieht man die große Osterkerze und es gibt Osterwasser und bunte Ostereier. Aber Pfingsten sieht man nichts.“

Ich wurde nachdenklich, und dann sagte ich: „Stimmt, in der Kirche sieht man nichts Neues. Das Neue sieht man nur von außen. Man sieht uns, die Kirche, unsere Gemeinde, die im Heiligen Geist versammelt ist und diesen Geist weitergeben will.

Ja, Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Am ersten Pfingsten staunten die Menschen, als sie die Apostel und Maria sahen, wie sie vom Heiligen Geist erfüllt waren und Feuer und Flamme für Jesus und seine Botschaft waren. Erst hielten sie sie für betrunken. Doch die Jünger waren trunken vom Heiligen Geist.  trauten sich heraus aus ihrem selbstgewählten Lockdown, sie überwanden ihre Angst und fassten Mut. Und verkündeten überall die Liebe Gottes, die Vergebung der Sünden und die frohe Nachricht, dass wir nicht unserem Schicksal ausgeliefert, sondern zur Gemeinschaft mit Gott und untereinander berufen sind.

Das war die Initialzündung der Kirche. So etwas hatte man noch nie gesehen. Und viele bekehrten sich und ließen sich taufen, Menschen aus aller Herren Länder, aus vielen Sprachen und Kulturen und nach und nach breitete sich die Kirche aus über die ganze Erde. Auch bei uns.

Was ist nun übriggeblieben von dieser Initialzündung der Kirche? Wie sieht sie von außen aus? Wer staunt noch? Wer sieht noch in uns das Wunder Gottes? Die Kirche in Deutschland gleicht eher einem verwüsteten Weinberg. Missbrauchsgeschichten ohne Ende! Soviel verlorenes Vertrauen in die Priester! Parteiungen und Streit unter Christen. Man versteht sich nicht mehr. Unsere Kirche zieht kaum mehr jemand an. Im Gegenteil: viele laufen davon. Überall hört man spöttische Kommentare. Stehen wir als Kirche vor dem Ende? Hat Gott die Kirche verlassen? Zündet sein Wort und sein Geist nicht mehr?

Wir sollten uns nicht dadurch entmutigen lassen. Es hat immer wieder Zeiten gegeben, in denen die Kirche unansehnlich war. Schon bei den Kirchenvätern in den ersten Jahrhunderten und auch später, als die Kirche sich spaltete in Ost und West und dann noch einmal im Westen während der Reformation. Die Kirchenväter sprachen vom Mysterium lunae, vom Geheimnis des Mondes. Mal ist er groß und hell und leuchtend. Dann nimmt er ab und dann ist er nicht mehr zu sehen – Neumond. Doch dann leuchtet er langsam wieder auf und erstrahlt in voller Größe. Weil er wieder von der Sonne angestrahlt wird. So kann es auch mit der Kirche sein, sagten die Kirchenväter. Aber bei der Kirche geht es nicht um ein Naturgesetz, das ganz sicher so abläuft. Die Kirche, das Volk Gottes, muss sich dazu wieder in die Sonne legen, in die Sonne, die Christus ist und sich von ihm bescheinen lassen. Wir brauchen mehr  eine spirituelle Erneuerung als eine strukturelle.

Das kann nur so geschehen, dass wir wieder auf Gottes Wort hören und unser Denken verändern lassen, uns davon ansprechen und durch seinen Geist erneuern lassen. Es ist Gottes Wort, das uns anspricht und den Heiligen Geist in uns weckt, uns neue Freude am Glauben schenkt und an der Glaubensgemeinschaft der Kirche. Auch in Krankheit und Not. Nur er verheißt ewiges Leben. Niemand sonst!  Ja, es ist dieser Heilige Geist, der uns vor anderen Geistern bewahren will, davor, dass wir dem Zeitgeist hinterherlaufen, vor dem Ungeist des Bösen, des Judenhasses. Er will nicht, dass wir Gefangene unseres Kleingeistes sind, unserer Vorurteile und vorgefassten Meinungen. Und er will den Ungeist vertreiben, den Ungeist der Angst um uns selbst. Er will uns ein großes Herz geben, ein mutiges Herz, kein Herz aus Stein, sondern ein Herz von Fleisch, ein Herz, das versteht und nicht verurteilt. Aus vielen Ichs will er ein WIR machen. Denn er ist selbst das WIR von Vater und Sohn in Gott. Im Glauben wissen wir uns aufgenommen in dieses göttliche WIR.

Und so singen und hören wir heute wunderbare Lieder und stimmen ein in die herrliche Melodie des Heiligen Geistes: „Komm o du glückselig Licht,/ fülle Herz und Angesicht, /dring bis auf der Seele Grund.“

Singend und feiernd hoffen wir, froher weiterzukommen auf unserem Lebensweg. Denn wir sind im WIR Gottes. Wenn wir als Kirche uns wieder so begreifen, dass wir zueinander gehören und füreinander da sind, wird die Kirche wieder in besserem Licht erscheinen. Und in dieser Welt voller Hass und Gewalt vom Geist der Liebe, vom Geist Gottes künden.

Es ist jetzt Zeit, Eucharistie zu feiern, ein versöhntes WIR zu werden um diesen Tisch des Herrn. Es ist die Feier der Wandlung. Ein kleines Stück Brot wird wahrhaft verwandelt in IHN. Sein Lebensopfer wird unter uns präsent. Und schon ein kleines Stück Welt, das verwandelt wird durch den Heiligen Geist. Damit wir es im Geiste Jesu teilen und essen und selbst verwandelt werden wie die Jünger am Osterabend und am Pfingsttag. Das ist das, was man dann sehen kann!

Amen!

 

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Christi Himmelfahrt

Apg 1,1-11; Ps 47; Eph 4,1-13; Mk 16,15-20

 Gehalten in Osnabrück, St. Johann

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Hat Er die Fliege gemacht?

War’s das schon?

Wie gebannt starren sie in den Himmel hinter Ihm her.

Sie sehen, wie ER sich verflüchtigt.

Dann ist ER nur noch ein kleiner schwarzer Punkt.

Schließlich verschwindet ER.

Hinter den Wolken.

War es das?

 

Tatsächlich, liebe Schwestern und Brüder, ist es doch so:

Gott scheint uns fern gerückt. Abwesend. Uns abhanden. Und stumm. Kein Wort zu dem, was passiert

·    um uns herum, nicht nur Im Nahen Osten und im Mittelmeer oder an der Börse, nein auch in kirchlichen Kinderheimen und Waisenhäusern;

·    in uns, in unseren Zweifeln und Ängsten, in der Tiefe unserer Seele;

·    zwischen uns, in unseren Beziehungen und Rivalitäten

Gott scheint gar nicht mehr da zu sein. Er ist zumindest fern, vielleicht sogar tot, wie Friedrich Nietzsche feststellte. Aber wenn tot, so der Philosoph weiter, dann deshalb, weil wir ihn getötet haben.

Haben wir ja auch!

 

Nun ist er nicht mehr da.

Er löst nicht unsere Probleme.

Brot und Geld und Impfstoff fallen nicht vom Himmel.

Er sagt uns nicht, wie es weitergeht.

Er ist unbrauchbar geworden.

Früher – vor Kopernikus und  Darwin – hat man mit ihm noch manches erklärt.

Aber jetzt erklärt die Welt sich selbst.

 

Verstehen wir die Jünger noch? Ihren Abschiedsschmerz?

Sicher – sie kannten ihn noch, waren mit ihm unterwegs, taten sich aber schwer, ihn zu verstehen. Nun ist er weg. Man kann ihn nicht mehr fragen.

 

Aber wir? Wir kannten ihn doch gar nicht. Haben wir Abschiedsschmerz? Trauern wir ihm nach? Fühlen wir uns als Waisenkinder?

 

Oder sollten wir nicht doch froh und dankbar sein, Gott los zu sein?

Aber dankbar wem? Wofür?

Dass wir ihn endlich los sind, diesen Gott

·    der uns einengt

·    nicht frei atmen lässt

·    als verlängerter Arm der Eltern

·    als verinnerlichtes Über-Ich

·    als Legitimator von Macht

·    als Du-darfst-nicht-Gott

·    als Weihnachtsmann

·    als Teddybär

·    als Buchhalter und Angstmacher

·    oder wie auch immer Gott uns vermittelt wurde.

 

Man meint Nietzsche zu hören, der im Pfarrhaus groß wurde: Gut, dass ER weg ist, damit wir endlich leben können.

 

Aber ist das GOTT?

Gibt es diesen Gott, wie wir ihn uns vorstellen, wie er uns beigebracht wurde, wie wir ihn vielleicht verinnerlicht haben?

 

Es gibt eben nicht nur Kindesmissbrauch. Es gibt auch Gottesmissbrauch.

 

Eins kann man mit Gewissheit sagen:

Der, der heute vor den Augen der Jünger im Himmel verschwand, war nichts von alledem:

Er war

·    kein Teddybär und kein Weihnachtsmann

·    kein Angstmacher und kein erhobener Zeigefinger

Er ließ sich auch nicht instrumentalisieren (im Klartext: missbrauchen) für irgendwelche politische oder religiöse Interessen. Weder vor dem Kaiser noch vor seiner „Kirche“, nein, vor keiner Autorität ging er in die Knie.

 

Aber er hielt die Hoffnung wach, die Gottesfrage hielt er offen. Sein Leben sprach eine andere Sprache als unsere Götter und Gottesvorstellungen. Sein Leben brachte den lebendigen Gott lebendig zur Sprache, ließ ihn präsent werden. In ihm hatte Gott tatsächlich etwas zu sagen: all den Missbrauchten, den um ihr Leben Betrogenen, den Opfern des Tempels, des Unrechts, und des Rechtsstaates, den Migranten, den Konsumjongleuren und biederen Bürgern, ja selbst den Toten.

Er hielt die Hoffnung wach, er vertraute diesem Gott, den er „Vater“ nannte.

Er wünschte uns allen diesen Vater. Und lud uns ein, ihn auch so frech anzusprechen.

Ein neuer Geist kam mit ihm in die Welt: der Zwischenraum zwischen ihm und Gott.

Ein Zwischen, in das wir alle hineinpassen, groß genug, eben göttlich.

Jesu Fleisch sprach die Sprache dieses Gottes. Denn wenn das Wort Gottes Fleisch wird, wird unser Fleisch zum Wort Gottes, zu Gottes Realpräsenz, um es traditionell zu sagen. Und sein Fleisch sprach eben die Sprache Gottes, die Sprache der Liebe – nicht die der Angst und der Einschüchterung. Auch nicht die der Habgier.

 

Diese Sprache war am Ende so stark, dass er sich umbringen ließ für uns, und zwar als gottloser Geselle, der alles, selbst Gott, in Frage gestellt hatte. So weit ging die Sprache seines Fleisches für uns. Gottlosigkeit, Blasphemie lautete tatsächlich die Anklage vor den Hohen Rat, vor den Gremien. Glück für ihn: er war diesen Gott tatsächlich los geworden.

 

In dieser Sprache – nicht anders – will er bei uns bleiben, real präsent in Wort und Sakrament und in unserem Fleisch, in dem, was wir sagen und tun. Wir sollen ihn in seiner vollendeten Gestalt darstellen, sagt uns heute der Verfasser des Epheserbriefes. Und im heutigen Evangeliums verheißt er uns, wir würden in seinem Namen die Dämonen (also die falschen Götter) austreiben und in neuen Sprachen reden. Damit sind keine Fremdsprachen wie Englisch und Chinesisch gemeint, sondern die Sprache Jesu, die Sprache Gottes. Anders gibt er sich nicht. Anders können wir ihn nicht haben. Anders gibt es nur unsere religiösen Illusionen.

 

Wir feiern seine Himmelfahrt.

Zwar scheint er verschwunden zu sein, aber nicht in einem Erdloch – auf Nimmerwiedersehen.

Sondern in den „Himmel“.

Ganz unbegreiflich.

Aber auf ein Wiedersehen.

 

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6. Ostersonntag

Apg 10,25-26.34-35.44-48; Ps 98; 1 Joh 4,7-10;Joh 15,9-17

All you need is love, love, love ...

Mit diesem Song, liebe Gemeinde, gelang den Beatles in den 60er Jahren ein beispielloser Erfolg. Die Älteren von uns werden sich vermutlich noch daran erinnern. Der Refrain wurde für sehr viele ein Ohrwurm. Dieser Liedvers erklang rund um den Globus mit einer enormen Resonanz. Er liefert gleichzeitig eine Diagnose: wir sind liebesbedürftig, und einen Therapievorschlag: Liebe ist die einzige Medizin gegen die Krankheit menschlicher Verkümmerung All you need is love, love, love. Der scheinbar banale Satz entpuppte sich als universell verstehbare und begrüßte Botschaft über alle Trennungen und Spaltungen der Menschheit hinaus. Denn wohl jeder und jede sehnt sich danach, anerkannt, wertgeschätzt, geliebt zu werden. Der Song brachte musikalisch zum Ausdruck, worin das Humanum, die Bestimmung des Menschen zutiefst besteht. Die Botschaft der Beatles erscheint wie eine ins Positive gewendete Formulierung eines Satzes des Apostels Paulus: „hätte ich aber die Liebe nicht, dann wäre ich nichts“ (1 Kor 13,2).

Liebe zeigt sich so nicht als ein Wert unter anderen oder zusätzlich zu anderen. Liebe ist hier in diesem Lied der Beatles vielmehr als etwas verstanden, das unserem menschlichen Dasein überhaupt erst Sinn und Wert verleiht: Ohne Liebe und Geliebtwerden ist alles „Nichts“. Und alles andere kann dann zum Ersatz für die fehlende Liebe werden, für fehlende Anerkennung und Wertschätzung: Besitzstreben, Gier nach immer mehr, Egoismus, Stolz, Überheblichkeit und Verachtung der Schwächeren. Ohne Liebe bleibt der Mensch ein Unmensch, verkrümmt in steriler Selbstliebe. Erst die Liebe macht uns zu Menschen und damit zu dem, wozu Gott uns bestimmt hat.

So ist auch das christliche Menschenbild zu verstehen und damit auch die christliche Lehre über die Sexualität und die Ehe. Jeder Mensch soll sagen können: Ich bin das Ergebnis der Liebe meiner Eltern. Nicht das Produkt eines Betriebsunfalls oder geiler Begierde, sondern hervorgegangen aus der Liebe, aus einem personalen Wir-Geschehen.

Liebe Schwestern und Brüder, auch die heutige Liturgie stellt die Liebe in den Mittelpunkt von allem: Gott ist Liebe. Mit diesem Satz aus der heutigen 2. Lesung ist der Höhepunkt christlicher Gotteserkenntnis im Neuen Testament erreicht. Gott hat nicht nur Liebe. Sie ist nicht eine Eigenschaft unter anderen. Vielmehr besteht das Wesen Gottes darin, Liebe zu sein: sich selbst verschenkende Liebe.

Wie aber erkennen wir diese Liebe Gottes? Können wir sie etwa an der Welt ablesen? Dann aber müssten wir alles ausblenden, was in dieser Welt dagegen spricht: Hunger, Gewalt, Krankheit, Naturkatastrophen. Kann man sie fühlen oder irgendwie spüren? Aber auch das könnte nur eine Einbildung sein. Können wir an unserem Wohlbefinden ablesen, wie sehr Gott uns liebt? Auch das ist nicht zulässig. Denn dann gäbe es Menschen, die von Gott geliebt sind und andere, die nicht geliebt sind. Auch unser Wohlbefinden ist kein Gradmesser für Gottes Liebe. Man muss sich von solchen Vorstellungen verabschieden. Nirgends in der Welt ist Gottes Liebe abzulesen. Nach der christlichen Botschaft kommt es ja gerade darauf an, sich von Gott in jeder Situation geliebt zu wissen: in Gesundheit und in Krankheit, im Glück und im Unglück, im Leben und im Sterben. Der Glaube an Gottes Liebe bewährt sich überhaupt erst da, wo alles gegen Gottes Liebe zu sprechen scheint. Wir können uns Gottes Liebe nur sagen lassen. Nur im Wort können wir sie annehmen. Nur in seinem Wort ist Gott bei uns.

Von diesem Wort aber sagen wir: es ist Fleisch geworden in einem Menschen. Dieser Mensch ist selbst die inkarnierte Liebe Gottes. In seinem Leben, in seiner Botschaft und in seinem Schicksal, das an der Lieblosigkeit und Bosheit der Menschen zerbrach, hat sich diese Liebe Gottes ausbuchstabiert. Deshalb heißt es auch im 1. Johannesbrief: Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbar, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Jesus ist die Offenbarung der Liebe Gottes. Sein Leben ging darin auf, die bedingungslose Liebe Gottes zu verkündigen und zu leben. Gerade den Ungeliebten, den Sündern, den Gottlosen, den Ausgegrenzten verkündete er diese Liebe. Und sein gewaltsames Sterben war ein Zugrundegehen an der Bosheit und Lieblosigkeit der Frommen, die es nicht ertragen konnten, dass Jesus gerade auch den Entwürdigten, den Sündern und Gescheiterten die Liebe Gottes verkündete. Jesus bezeugte und besiegelte seine Botschaft, sein Evangelium bis zum Tod am Kreuz. Keine Angst, keine Drohung, auch nicht der schändliche Verbrechertod am Kreuz konnte ihn davon abbringen, seine Botschaft von der Liebe Gottes für alle Menschen bis zum letzten Atemzug zu bezeugen.

Ostern aber hat Gott ihn ins Recht gesetzt und damit all den religiösen und politischen Instanzen Unrecht gegeben, die Jesus zu Tode brachten. Ostern erweist sich, dass die Liebe Gottes stärker ist als die Bosheit der Menschen, ja stärker auch als alle todbringenden Kräfte. Denn: Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden (also für unsere Lieblosigkeit) gesandt hat. Die Liebe Gottes besteht darin, dass Gott uns hineingenommen hat in seine ewige Liebe zu seinem Sohn. Jesu Botschaft bestand doch darin, andere Menschen hineinzunehmen in sein Gottesverhältnis: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt, sagt Jesus uns heute im Evangelium. Die Liebe, die Jesus uns schenkt, in die er uns hineinnimmt, ist die Liebe, mit der er sich vom Vater geliebt weiß. Diese Liebe hat also ihr Maß nicht an uns: nicht an unserer Frömmigkeit. Man kann sich Gottes Wohlwollen nicht verdienen. Dann müssten wir uns ja wieder auf unser Tun verlassen. Wir können vielmehr davon ausgehen, dass wir schon immer von Gott angenommen sind.

Wer an Jesus glaubt, hat die Liebe Gottes angenommen. Gegen alle Erfahrung des Bösen, gegen die Macht der Angst um uns selbst dürfen wir dessen gewiss sein, dass Gott uns und alle Menschen bedingungslos annimmt. Aufgabe der Kirche ist es, dies allen Menschen zu verkünden.  Deshalb trägt Jesus uns im heutigen Evangelium auf: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe! Wer sich der Liebe Gottes gewiss ist, wird selbst ein Liebender. Denn wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt.

Das Christentum antwortet mit seiner Botschaft von der Liebe Gottes auf ein großes Grundproblem: warum werden Menschen unmenschlich, egoistisch, böse, neidisch. Warum gönnen sie einander das Leben nicht? Warum können sie den Andersartigen nicht würdigen? Warum sind Menschen so oft füreinander kein Segen, sondern behindern einander am Leben? Warum ist das Zusammenleben der Menschen immer bedroht von Rivalität und Gier, von Bosheit und Gewalt? Warum empfinden manche Menschen Freude daran, anderen weh zu tun? Ist der Mensch von sich aus zur Liebe unfähig, obwohl er ihrer so bedürftig ist?

Die christliche Botschaft verweist auf die Erbsünde. Die Gewissheit, dass Gott uns annimmt, ist uns nicht angeboren. Deshalb treten wir voller Angst um uns selbst in dieses Leben, voller Unsicherheit, weil wir so verwundbar sind.. Es ist diese Angst um uns selbst, die uns auch böse werden lässt, eben Sünder: Menschen, die aus lauter Angst, das Leben zu verlieren, zu kurz zu kommen, sich auf Kosten anderer sichern wollen. Der Mitmensch wird dann zur Bedrohung wie schon bei Kain und Abel. Die christliche Botschaft möchte diese abgrundtiefe Angst entmachten, indem sie uns sagt, dass wir in Gottes Liebe geborgen sind. Nur wer sich von Gott unbedingt angenommen weiß, kann auch selbstlos lieben. Wer sich von Gott unbedingt angenommen weiß, kann auch die Gebote halten: nicht mehr Böses mit Böses vergelten, lieber Unrecht ertragen als Unrecht zu tun, den Nächsten annehmen, wie ich mich selbst von Gott angenommen weiß, barmherzig sein und vergeben können, denn auch wir leben aus Vergebung und Erbarmen.

Gottes sich verschenkende Liebe für uns ist dieselbe Liebe, mit der Gott von Ewigkeit her seinen Sohn liebt. Gott schaut uns nicht so an, wie wir es verdient hätten, angeschaut zu werden, sondern so, wie er von Ewigkeit her seinen Sohn anschaut. Das ist das ganze Geheimnis des christlichen Glaubens. In der Eucharistie, die wir jetzt feiern liebe Schwestern und Brüder, schenkt Gott uns erneut seinen Sohn in unsere leeren und sündigen Hände. Damit sein Sohn in uns lebt. Und Gott in uns, in unserer Liebe, die wir schenken, seinen Sohn wiedererkennt und liebt. All you need is love. Mehr brauchen wir nicht. Alles andere findet sich.

 

 

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2. Ostersonntag
(Weißer Sonntag)

Gehalten am 10. u. 11.4.2021 in Osnabrück, Maria Königin des Friedens

Apg 4,32-35; Ps 118; 1 Joh 5,1-6; Joh 20,19-31

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Ostern geschieht nicht für alle gleichzeitig. Zwar feiern wir es am selben Tag. Doch das Geschehen von Ostern ereignet sich nicht für alle gleichzeitig. Maria Magdalena und die Jünger brauchten drei Tage, um zur Ostergewissheit zu gelangen. Der Apostel Thomas brauchte weitere acht Tage. Er musste sich erst mit seinen Einwänden und Zweifeln auseinandersetzen, um Jesus in der Gemeinschaft der Jünger zu erkennen und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“ Und andere Menschen brauchen noch viel länger, damit Ostern in ihnen geschieht. Versuchen wir einmal, das zu verstehen: Wann ist Ostern für mich?

Vor über 50 Jahren machte ich Abitur. Anschließend fuhren wir mit der Abiturklasse nach Rom. Staunend standen wir im Petersdom vor der Pietà Michelangelos, diesem Meisterwerk der Bildhauerkunst. Es zeigt in geradezu vollendeter Kunst die trauernde Maria, die ihren ermordeten Sohn in ihrem Schoß hält. Unser Lehrer sagte uns damals: „Ihr müsst euch das so vorstellen: die Pietà war ursprünglich ein roher Marmorblock, an dem keiner etwas Besonderes fand. Doch Michelangelo hat mit den Augen des Künstlers diese vollendete Figur bereits in dem Marmorblock gesehen. Sie steckte da schon drin. Seine Aufgabe war es, diese vollendete Figur aus dem Marmorblock gewissermaßen herauszuschälen. Damit konnte er allen zeigen, was er bereits zuvor gesehen hatte.“

Das sind die Augen des Künstlers! Nicht alle haben solche Augen. Aber es gibt auch die Augen der Liebe. Die können wir alle haben. Was heißt das?

Nun, wie schauen wir uns eigentlich gegenseitig an?

Wie schauen Ehepartner einander an?

Wie Eltern ihre Kinder?

Wie Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler?

Die Augen der Liebe sind das Gegenteil der Augen der Begierde. Mit den Augen der Begierde schaut man einen anderen Menschen nur egoistisch und gierig an: Wozu kann er mir nützen? Wozu kann ich ihn gebrauchen? Was habe ich von ihm? Der andere wird dann bloß ein Mittel zum Zweck. Und die Gier ist nur die Kehrseite der Angst.

Die Augen der Liebe sind dagegen so wie die Augen des Künstlers. Sie sehen bereits, was der andere erträumt, was in ihm leben will, welche Gestalt sich da herausschälen möchte. Und mit den Augen der Liebe kann man einander helfen, der Mensch zu werden, der man sein soll, die eigene Bestimmung und Berufung zu finden und die Gestalt auszubilden, die noch unvollendet und unverwirklicht aber erträumt und ersehnt ist. Viele Menschen müssen zeitlebens darunter leiden, dass ihre Eltern sie nicht genügend mit den Augen der Liebe angeschaut haben und aus ihren Kindern etwas anderes machen wollten, als was in ihnen angelegt war. Sie leiden darunter, dass niemand ihnen hilft, ihre wahre Gestalt zu verwirklichen. Denn niemand kann sich selbst verwirklichen. Wir sind alle aufeinander angewiesen.

Es gibt also die Augen des Künstlers und die Augen der Liebe. Und dann gibt es auch die Augen des Glaubens. Und irgendwie sind die Augen der Liebe immer auch Augen des Glaubens: denn sie sehen etwas, was man mit bloßem Auge nicht sieht. Aber die Augen des Glaubens muss man sich erst von anderen Glaubenden schenken lassen. Wie Thomas. Was sind das für Augen?

Gläubige Menschen sehen nun mal mehr und tiefer als ungläubige. Mit den Augen des Glaubens sehen wir in Jesus den Sohn Gottes, der einer von uns wurde und in dessen Wort wir dem unbegreiflichen Gott begegnen. Auch die Welt sieht deshalb im Glauben anders aus als im Unglauben. Sie ist nicht nur ein Zufallsprodukt des Universums, ein Menschheitsgrab, sondern dazu bestimmt, in das Reich Gottes verwandelt zu werden, in eine neue Erde, in das neue Jerusalem, das darauf wartet, vollendet zu werden. Im Glauben sehen wir auch im Menschen nicht einfach nur eine intelligente Biomaschine, die dazu bestimmt ist, früher oder später in einem dunklen Erdloch zu verschwinden. Im Glauben sind wir Kinder Gottes, bestimmt zur Gemeinschaft mit Gott in alle Ewigkeit. Denn Jesus hat uns aufgenommen in sein Sohnesverhältnis zum Vater. Denn durch Jesus sind alle, die an ihn glauben, auch aus Gott gezeugt oder geboren, wie es in der 2. Lesung hieß..

Die Augen des Künstlers, die Augen der Liebe, die Augen des Glaubens. Sie sehen, was man ohne Liebe und ohne Glauben nicht sieht. Der Glaube kommt zwar vom Hören – doch er führt zum Sehen, schenkt neue Augen, damit wir ineinander sehen und erkennen, wer wir wirklich sind und wozu wir gemacht sind.

Und wenn wir nun von unseren Augen sprechen, dann müssen wir auch von Gottes Augen reden. Mit welchen Augen schaut Gott uns eigentlich an? Sicher nicht so, wie manche Menschen uns anschauen und uns einordnen. Er schaut uns auch nicht so an, wie wir es aufgrund unserer Werke verdient hätten angeschaut zu werden. Er schaut uns vielmehr mit den Augen der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit an – gerade in unserer Vergänglichkeit, in unserer Angst um uns selbst. Der Sohn Gottes ist ja einer von uns geworden, ein Mensch wie wir, ohnmächtig, hilflos, verwundbar wie wir. Er hat unser Los geteilt. Aber so erkennt Gott der Vater in jedem von uns seinen Sohn wieder. Jeder von uns darf sich von Gott mit denselben Augen angeschaut wissen, mit denen Gott von Ewigkeit her seinen Sohn anschaut. Denn Gott hat keine andere Liebe zu uns als die Liebe zu seinem Sohn. Man muss sie nicht erst verdienen. Wer sich so verstehen kann, für den geschieht Ostern. Er hat dann den Tod irgendwie schon hinter sich.

Augen des Künstlers, Augen des Glaubens und der Liebe, Augen Gottes! Unser Blick und Gottes Blick treffen sich in Jesus, in seinen Wundmalen, aus denen Wasser und Blut strömte. Indem wir ihn erkennen, erkennen wir, wer wir selber sind und wozu wir bestimmt sind: mit neuen Augen das neue Land, die Zukunft zu suchen und zu bauen, die Gott uns verheißt; dem Wort Gottes zu trauen, auch dann, wenn alles – wie bei Thomas – dagegen spricht. Das ist Glaube. Und wo ein Mensch sich so versteht – da geschieht Ostern. Da haben wir bereits die Welt besiegt, nämlich die Angst vor dem Nichts, die uns sonst auffrisst. Sie bestimmt dann nicht mehr unser Handeln.

Wir feiern jetzt die Eucharistie. Und auch hier geht es um unsere Augen, um die Augen, die Gott uns schenkt: Mit den Augen des Glaubens erkennen wir bereits in einem Bissen verderblichen Brotes den Leib Christi, die Gegenwart des Auferstandenen: Seht, das Lamm Gottes! In der Hingabe seines Leibes an uns sehen wir das Leben, im Gekreuzigten und in seinen Wunden sehen wir die Herrlichkeit Gottes. Christus schenkt uns seinen Leib wie ein Bräutigam seiner Braut seinen Leib schenkt.

Thomas, oder wie jeder und jede von Ihnen heißt, „sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“

 

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Ostersonntag

Predigt in Osnabrück, St. Pius

 

Apg 10,34a.37-43; Ps 118; Kol 3,1-4; Joh 20,1-9

 

 

Kauf mich – und du wirst leben.

Auf diese kurze Formel, liebe Schwestern und Brüder, kann man die Botschaft bringen, die uns von tausend Plakatwänden und in allen Werbespots entgegenschreit. Und die Menschen, in ihrer Torheit, laufen, laufen um die Wette, um das verheißungsvolle Gut zu kaufen.

Auch zwei Jünger laufen um die Wette. Es ist – wie gesagt – nicht ungewöhnlich, dass Menschen um die Wette laufen, kon-kurrieren. Denn jeder möchte als erster ankommen. Menschen laufen um die Wette: um die besten Plätze zu bekommen, ein Schnäppchen zu ergattern, den Standortvorteil zu sichern. Die beiden Jünger aber haben ein ungewöhnliches Ziel für einen Wettlauf: ein Grab. Zwar gehen wir alle langsam aber sicher auf unser Grab zu. Aber um die Wette, um als erster anzukommen, nein, das tun wir nicht.

Petrus und Johannes, der Jünger, den Jesus liebte, aber laufen, was das Zeug hält, zum Grab. Johannes erreicht als erster das Ziel. Doch er guckt nur rein und wartet auf Petrus, und gibt ihm, wie es sich gehört, den Vortritt. Und dann stellen sie fest: Das Grab ist kein Grab mehr. Maria Magdalena hatte recht. Die Wirklichkeit hat sich geändert. Das Grab ist kein Grab mehr. Etwas Unglaubliches ist geschehen. Sie beginnen zu verstehen: Der Gekreuzigte lebt. Man hat ihn nicht totgekriegt.

Das ist die Osterbotschaft, liebe Schwestern und Brüder: der Gekreuzigte Jesus lebt, ja, er ist ungeheuer lebendig unter denen, die an ihn glauben und sich in seinem Namen versammeln. Die religiösen und politischen Instanzen, die destruktiven Kräfte, die Polizei, die Soldaten, die gewaltige Tötungsmaschinerie: sie haben ihn getötet. Totgekriegt haben sie ihn nicht!

Diese Botschaft löst überschwänglichen Jubel aus. Sie macht Beine wie bei den Jüngern. Bis in die entferntesten Winkel der Erde sind seine Jünger gegangen, um dies zu sagen: Man hat ihn nicht totgekriegt, diesen Gekreuzigten. Er lebt. Und wir werden leben. Denn der Tod ist entmachtet. Er hat nicht mehr das letzte Wort über unser Leben und über unsere Geschichte.

Wie kann es sein? Ist das wirklich so? Dürfen wir dieser Botschaft trauen? Petrus hat nur eine Antwort in der Apostelgeschichte: Gott war mit Jesus, Gott war mit ihm, als er verkündete, umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren. Gott war mit ihm! Das heißt Ostern: Gemeinschaft mit Gott ist unzerstörbar. Keine Macht der Welt kommt mehr gegen sie an.

Als Jesus umherzog, hat er seine Jünger und Jüngerinnen eingeladen, an seiner Gemeinschaft mit Gott teilzuhaben: Mein Vater ist euer Vater. Wenn ihr betet, sprecht: Unser Vater im Himmel. Im Glauben an Jesus haben wir die gleiche Gemeinschaft mit Gott, die Jesus hatte. Man kann nicht an Gemeinschaft mit Gott glauben, man kann sich nicht in Gemeinschaft mit Gott wissen und dann dem Tod alle Macht über uns einräumen. Wer sich mit Jesus in Gemeinschaft mit Gott weiß, der hat den Tod bereits entmachtet. Der hat ihn eigentlich schon hinter sich. Er kann uns nicht mehr aus der Gemeinschaft mit Gott reißen.

Bis in den letzten Winkel der Erde sind die Jünger gegangen, um diese Botschaft zu sagen. Wie die beiden Jünger, die um die Wette zum Grab laufen. Diese Gewissheit duldet keinen Aufschub. Denn das Grab, das lag nicht nur in Jerusalem. Die ganze Erde ist doch ein Grab, bis in den letzten Winkel. Ein Menschheitsgrab! Und es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis wir alle, bis die ganze Menschheit unter der Erde liegt. Ostern aber hören wir: Das Grab ist kein Grab mehr. Die Wirklichkeit hat sich gewandelt. Nur für Menschen, die nicht glauben, bleibt die Welt ein Menschheitsgrab. Für alle, die glauben und sich in Gemeinschaft mit Gott wissen, ist dieses Menschheitsgrab kein Grab mehr. Die Welt ist gemacht, um in das Reich Gottes verwandelt zu werden.

Um das auszudrücken, haben unsere Vorfahren auf den Dörfern die Kirche auf den Friedhof gebaut. Man geht über die Gräber und singt Halleluja! Ist das nicht unglaublich? Wir stehen auf dem Menschheitsgrab und schauen auf einen Abgelehnten, Gekreuzigten und von allen Instanzen Verurteilten und zu Tode Geprügelten – und singen Halleluja! Das ist Ostern, liebe Schwestern und Brüder. Angesichts der niederschmetternden Wirklichkeit unserer Welt, angesichts von Corona, von Krankheit, Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt Halleluja zu singen. Denn wir glauben nicht mehr an den Tod. Unser Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wie die Jünger laufen auch wir um die Wette zum Leben. Und der Gekreuzigte ruft uns zu: Nimm mich – und du wirst leben.

Wetten?

 

 

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5. Fastensonntag

Jer 31,31-34; Ps 51; Hebr 5,7-9; Joh 12,20-33

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Da ist eine spielende Kindergruppe mitten in der Stadt. Ein Pas­sant bleibt stehen und schaut den Jungen und Mädchen zu. Bevor er weitergeht, schenkt er einem der Kinder eine Ananas. Sofort wendet das Kind sich seinen Spielgefährten zu und ruft: „Wir ha­ben etwas ge­schenkt bekommen.“

Ein befreundeter Pfarrer hat mir diese Begebenheit von seiner Reise durch Indonesien erzählt. Er war selbst der Passant.

Ich bin fast sicher: wenn Sie das bei einer Kindergruppe hier bei uns ausprobierten, würden Sie etwas ganz anderes erleben. „Krieg ich auch was?“, wird jedes Kind fragen.

Aber nicht nur unsere Kinder, auch wir Erwachsene sind ja im Grunde so. Wir fürchten, zu kurz zu kommen. Wir sehen uns schnell übervorteilt. Und was ich habe, das gehört nur mir: Mein Haus, mein Geld, mein Glück. Wir definieren uns mehr über das Haben als über das Sein. Es fällt ganz schön schwer, etwas mit ande­ren zu teilen und anderen etwas zu gönnen. Das ist eine Folge der Erbsünde. Auch die angstbesetzten Reaktio­nen vieler auf die große Zahl von Flüchtlingen und Migranten vor einigen Jahren zeigten, wie schwer wir uns damit tun, unseren Reichtum mit anderen zu teilen und welche Angst aufkommen kann, uns könnte etwas genommen werden. Dabei ist auch unser Wohlstand alles andere als selbstverständlich. Und wer sich daran klammert, kann alles verlieren, nein sogar nachweislich: Der Herr sagt es deutlich: Wer sein Leben liebt, sich also daran festklammert, verliert es todsicher. Das Heil liegt in der Fähigkeit, sich zu verschenken. Doch das geht nur im Heiligen Geist, sprich: im Glauben, im Vertrauen in Gottes Wort.

Dem Kind in Indonesien fiel es anscheinend gar nicht schwer, das Geschenk als Geschenk an alle zu betrachten und es mit den anderen zu tei­len. Das tat es ganz von selbst. Ohne sich anzustrengen, um eine gute Tat zu vollbringen. Offenbar lebte es in einer Atmo­sphäre der Geborgenheit im Wir. Es hatte nicht das Gefühl, etwas zu ver­lieren, wenn es teilte, oder zu kurz zu kommen. Vielleicht hatte es einen ganz anderen Schatz in sich, der ihm das Gefühl gab, im­mer schon reich beschenkt zu sein.

Ich denke, das ist das, was uns fehlt. Woraus entsteht das weitverbreitete Gefühl, zu wenig vom Leben abzukriegen, zu kurz zu kommen? Woher kommt die Angst um unseren Besitzstand? Ich vermute, sie kommt daher, dass wir sonst nichts haben. Unsere Herzen sind leer. Wir leben zu wenig aus der Gewissheit, von Gott rundum ge­liebt und angenommen zu sein. Und haben Angst, zu wenig vom Leben abzukriegen. Weil wir das Glück nicht in uns tra­gen, deshalb müssen wir immer auf der Jagd nach dem Glück außer­halb von uns sein. Wir haben Angst, es niemals zu finden. Mit dieser Angst um uns selbst kommen wir auf die Welt. Sie ist uns angeboren. Sie beherrscht uns. Ja, sie ist wahrhaft der Herrscher dieser Welt, der hinausgeworfen, entmachtet werden soll.

Jesus wollte uns nichts anderes bringen als diese Gewissheit: Gott ist ganz nahe bei uns. Er ist unser ganzes Glück, ja unser wahrer Schatz. Er schenkt uns ewiges Leben. Wir sind in ihm geborgen. Wenn er in uns wohnt, dann können auch wir ganz selbstver­ständlich sagen: „Wir haben etwas geschenkt bekommen.“ Und das reicht für alle.

Heute, am 5. Sonntag der Fastenzeit, ist zugleich der Misereorsonntag. Er macht uns – gerade in dieser schwierigen Zeit – bewusst, dass wir mit allen Menschen im selben Boot sitzen und füreinander verantwortlich sind und dass die Ressourcen der Welt allen gehören. Er macht uns auch bewusst, wie erschreckend ungerecht die weltweiten Verhältnisse sind, von der Nahrung bis zur Impfung, und wie beschämend das ist für uns reiche und wohlhabende Christen. „Diese Wirtschaft tötet“, sagt der Papst in Rom. Er meint den Kapitalismus, wohl die institutionalisierte Form des Egoismus, der am laufenden Band weltweit Opfer produziert.

Aber der Heilige Vater sagt auch: „Fratelli tutti“ – wir alle sind Brüder und Schwestern, Kinder des einen Vaters im Himmel. Dafür ist Jesus am Kreuz gestorben, hat sein Leben nicht ängstlich festgehalten. Weil er die Menschen aus lauter Ichs zum Wir führen wollte, stieß er auf Unglauben und  Bosheit, auf eine Bosheit, die ihn umgebracht hat. Er ist das Weizenkorn, das in die Erde fiel und starb.

Nur eine Kultur des Wir, der Geschwisterlichkeit ist das, was Zukunft und Zuversicht schenkt. Mit ihr geht es anders.  Wenigstens in der Hl. Messe reden wir uns schon so an: Schwestern und Brüder!

In der Eucharistie, die wir jetzt feiern, geschieht auf sakramentale Weise dieses Wir, diese Geschwisterlichkeit. Sie blitzt für einen Moment auf und damit holen wir schon die Zukunft, die Gott uns bereitet, ins Jetzt, nehmen sie vorweg als Sakrament, als Signal, als Zeichen für den neuen Himmel und die neue Erde, die wir erwarten. Wir teilen das Leben miteinander, das Christus ist, das Brot des ewigen Lebens. So hat Gott sich offenbar die Menschheit gedacht: als geschwisterliche Gemeinschaft um einen Tisch, der alle satt gemacht. Im Bund mit Gott und im Bund untereinander. Denn wir sind hineingenommen in die Liebe zwischen Vater und Sohn in Gott. Das ist die Frucht des Weizenkorns, das für uns starb. Sein Lebensopfer für uns. Christus will auch uns befreien aus der Macht der Angst um uns selbst. Zum Glauben.

Domini sumus – wir gehören dem Herrn.

Alles andere, liebe Schwestern und Brüder, alles andere findet sich.

 

 

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4. Fastensonntag

 

2 Chr 18,14-16.19-23; Ps 137; Eph 2,4-10; Joh 3,14-21

 

gehalten in Osnabrück, St. Pius, am 13./14.3.2021

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Die Fastenzeit möchte uns helfen, umzukehren aus den Sackgassen des Lebens. Sie möchte uns hinaus führen ins Weite: ins Weite des Denkens, ins Weite des Lebens, ins Weite Gottes. Denn der Sackgassen gibt es viele. Man kann sich verrennen im Leben, und plötzlich geht es nicht mehr weiter. Man kann sich überschulden und wirtschaftlich ruiniert sein. Man kann durch Alkohol oder Drogen seine Gesundheit zerstören. Irgendwann geht es nicht mehr weiter. Man steht vor dem Aus. Die Zukunft scheint verbaut. Wo finden wir eine neue Perspektive?

Solche Sackgassen gibt es nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Auch ein ganzes Volk kann vor dem Aus stehen wie 1945. Und auch die Kirche kann am Ende sein. Ist die Kirche in Deutschland nach den vielen Missbrauchstaten von Priestern an Kindern am Ende?  Hat sie das Vertrauenskapital verspielt? Und gibt Corona uns jetzt den Rest, den Todesstoß? Man könnte meinen, Gott habe die Kirche fallen gelassen.

In der 1. Lesung war von Israel die Rede. 586 vor Chr. war das große Katastrophenjahr: Juda hat auf die Warnungen der Propheten nicht gehört. Die führenden Männer und auch die Priester begingen viel Untreue. Und so brach das Unheil herein. Jerusalem wurde von den feindlichen Chaldäern zerstört, der Tempel entweiht, ein großer Teil des Volkes getötet, der Rest in die Verbannung nach Babylon verschleppt. Das Volk schien am Ende.  Das Alte Testament führt das auf die Schuld Israels zurück. Das auserwählte Volk war Gott untreu geworden. „Sie verhöhnten die Boten Gottes, verachteten sein Wort und verspotten seine Propheten, bis der Zorn des Herrn ... so groß wurde, dass es keine Heilung mehr gab.“ Man stellte sich Gott als zornig vor. Er schlug drein. Mit eisernem Besen. Für die Bibel ist Gott kein harmloser Teddygott oder Weihnachtsmann.

Das wirft viele Fragen auf: Ist Gott ein Choleriker, der wütet und straft? Kann man das nach Jesus noch so sagen? Oder ist das eher eine Projektion: Wir würden so handeln und projizieren das auf Gott?

Und doch steckt in der Rede vom Zorn Gottes auch ein wahrer Kern. Es ist die Erfahrung, die die Juden damals in dieser Katastrophe gemacht haben. Denn wenn man sich von Gott abwendet, ihm untreu wird, dann kann man natürlich an Gottes Gnade nicht mehr glauben und darauf vertrauen. Dann erfährt man Gott als ungnädig, gewissermaßen als zornig. Denn man ist dann seinem Schicksal ausgeliefert. Gott hilft dann nicht mehr. Vergänglichkeit und Tod und Ende behalten dann das letzte Wort. Die Götzen, die wir angebetet haben, der Gott „Macht“ und der Gott „Lust“ und der Gott „Geld“ retten uns nicht, sondern lassen uns ins Nichts fallen. Gottes Liebe kann uns dann nicht mehr erreichen. „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“, sagt das Evangelium heute. Und Paulus erklärt uns, was Sünde heißt: „Wir waren infolge der Sünde tot.“ Sünde meint in der Bibel nicht nur eine unmoralische Handlung, sondern die Trennung von Gott, die Abwendung von ihm. Und dann erfährt man sich eben als aus der Gnade gefallen, vom Leben abgeschnitten.

Wie steht es um unsere Gesellschaft heute? Werden wir uns vollends entchristlichen? Muss wirklich alles entweiht und in den Dreck getreten werden, was uns heilig ist? Wie steht es um die Kirche? Hören wir nicht mehr auf die Propheten? Unterscheiden wir nicht mehr die Geister? Bringen wir wirklich noch Gott zur Sprache in unseren Predigten? Lassen wir wirklich Ihn zu uns sprechen? Oder haben wir uns dem Zeitgeist, einem neuen Gott unterworfen? Alle Verständigung scheint im Moment schwierig zu sein.  Wir stecken wie in einer Sackgasse.

Bei manchen Sackgassen, in die wir uns als einzelne oder als Kirche verrannt haben, gibt es zuweilen Auswege. Man kann auf die mahnenden Stimmen hören, manchmal kann man umkehren; man findet Menschen, die einem helfen, sich neu zu orientieren und die Sackgasse zu öffnen. Manche haben einfach Glück und finden eine neue Perspektive für ihr Leben.

Auch das Volk Juda hatte dieses Glück. Ausgerechnet Kyrus, der König des mächtigen Perserreiches, wendet das Schicksal der verbannten Juden. Er erobert Babylon und befreit damit die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft. Er lässt sie nach Jerusalem heimkehren. Und erlaubt sogar den Bau eines neuen Tempels als Ort der Gegenwart Gottes. Ein echter Neuanfang!

Liebe Schwestern und Brüder: dieser 4. Fastensonntag heißt „Laetare“. Freu dich! Doch welchen Grund zur Freude haben wir als Einzelne angesichts der deprimierenden Coronalage? Und welchen Grund zur Vorfreude haben wir als Kirche in dieser babylonischen Zeit, in der die Kirche eine Gefangene ihrer eigenen Unheilsgeschichte ist?

Tatsächlich möchte uns dieser Sonntag einladen, an eine größere Perspektive zu glauben. Sie ist größer als alles, was wir uns geben können: ewiges Leben. Nur Gott kann uns eine solche Perspektive geben. Und nur im Glauben kann man sie haben.  Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern ewiges Leben hat. In diesem einen Satz ist der ganze christliche Glaube zusammengefasst: Gott liebt diese Welt. Er hat sie so sehr geliebt, dass das Teuerste ihm nicht zu teuer war, um uns zu retten. In Jesus hat Gott die ganze Religion auf den Kopf gestellt: Nicht wir bringen ihm Opfer dar, nein, Er selbst bringt uns ein Opfer. Er schenkt uns seinen Sohn und buchstabiert darin seine Liebe zu uns aus. Diese Liebe wird von den Menschen noch einmal mit Bosheit und Hass beantwortet, der Sohn zu Tode gekreuzigt. Doch er ist es, der die Sackgasse unserer Existenz in diesem seinem Tod öffnet und eine Perspektive der Ewigkeit schenkt. „Freu dich, Jerusalem!“ Ostern ist schon nahe. Im Tod darf der Christ dem Leben begegnen. „Denn Gott hat uns, die wir infolge unserer Sünde tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus lebendig gemacht.“ So drückt es Paulus in der 2. Lesung aus. Doch diese Perspektive kann man nur im Glauben haben.  Das Evangelium von heute stellt uns vor diese Entscheidung: Glaube oder Unglaube? Wer nicht glaubt, wer nicht auf Gott vertraut, hat tatsächlich und nachweislich keine Perspektive des Lebens. Sein Leben ist eine Sackgasse ohne Ausweg. Und endet im Tod. Er ist dazu verdammt, alles aus diesem Leben herauszuholen und verzweifelt unersättlich nach Leben zu sein. Und doch nie vollendet zu werden.

Doch wer an den Sohn Gottes glaubt, der wird nicht gerichtet. Denn der Glaube schenkt bereits jetzt ewiges Leben. Wer an den Sohn Gottes glaubt, weiß sich bereits aus der Sackgasse des Todes gerettet. „Aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft“, sagt Paulus. „Denn Gott hat uns zusammen mit Christus bereits einen Platz im Himmel gegeben“. Durch Christus haben wir Gemeinschaft mit Gott. Nur wer Gemeinschaft mit Gott hat, weiß, dass der Tod keine Macht mehr dagegen hat.

Der Schlüssel zum Leben liegt also im Glauben an Gottes Wort, an Jesus und in der Hinkehr zu Ihm. Für jeden einzelnen. Und für die Kirche als ganze. Wenn der Glaube in ihr verdunstet, dann wird sie keine Zukunft haben. Wenn aber unser Glaube wieder lebendig wird wie eine lodernde Flamme, dann wird keine Macht der Welt sie auslöschen können. Der heutige Sonntag nimmt diese Perspektive des Lebens bereits in den Blick. Wir gehen auf Ostern zu, auf das Leben, das Gott uns in seinem Sohn geschenkt hat. In dieser Vorfreude feiern wir nun die Eucharistie mit Christus und sein Lebensopfer: Gott wandelt wahrhaft dieses Brot in seinen Sohn und schenkt ihn uns: denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn für uns dahingab. In dieser Freude am Glauben sollen wir leben und Christus auch ganz selbstbewusst in unsere Gesellschaft tragen.

 

 

 

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2. Fastensonntag

Gen 22,1-18; Ps 116; Röm 8,31b-34; Mk 9,2-10

Gehalten am 28.2.2021

in Osnabrück-Sutthausen, Maria Königin des Friedens

 

Liebe Schwestern und Brüder,

„Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.“

Eine wahrhaft abgründige biblische Geschichte, die uns heute vorgelesen wird. War Abraham verrückt? Abraham meinte, Gottes Willen zu erfüllen, wenn er seinen einzigen Sohn, den er liebte, seinem Gott zum Opfer darbrachte. Was für ein Gottesbild! Und wie Dunkel muss es in Abraham gewesen sein! Zum Glück greift im letzten Moment ein Engel ein und verhindert die Schlachtung des Knaben. Die Vernunft bricht sich Bahn. Anstelle Isaaks wird nun ein Widder dargebracht.

Diese Geschichte enthält uraltes Überlieferungsgut. Abraham lebte in einer Zeit, in der es tatsächlich Menschenopfer gab. Man wollte damit Gott gnädig stimmen und ihm gefallen. Diese Geschichte mit ihrem guten Ausgang dürfte wohl den Punkt in der Geschichte markieren, an dem sich die Einsicht Bahn brach, dass Gott gar keine Menschenopfer braucht. Für lange Zeit wurde das Menschenopfer durch das Tieropfer ersetzt. Die Geschichte erzählt von Abraham. Aber der steht für das ganze Volk, für die Geschichte, für die Menschheit, die zur Vernunft kommt. Diesen Gott, den Abraham sich vorgestellt hat, den gibt es nicht.

Nun stellen wir uns einmal vor, Abraham hätte nicht auf die Stimme des Engels, auf die Stimme der Vernunft gehört. Abraham hätte zugestochen und seinen Sohn getötet. Er hätte damit nicht nur seine eigene Familie um ihre Zukunft gebracht, nein, es hätte kein Israel gegeben, keine Heilsgeschichte und auch keinen Jesus. Denn alle Juden sind Nachkommen Abrahams. Sie sollen zahlreich werden „wie die Sterne am Himmel“.

Diese Geschichte zeigt also in ihrem Ausgang, dass Gott Zukunft eröffnet.

Ok, aber was hat diese archaische Geschichte mit uns zu tun? Warum wird sie uns heute vorgelesen? Was sollen wir damit anfangen? Es gibt doch schon lange keine Menschenopfer mehr!

Viele Geschichten aus dem Alten Testament sind so etwas wie ein Spiegel für den gewaltbereiten und deshalb erlösungsbedürftigen Menschen. Und das sind wir alle. Und so ist auch diese Geschichte. Wir erkennen hier nicht nur fundamentalistische Islamisten wieder, die meinen, zur größeren Ehre Gottes andere Menschen abschlachten zu dürfen. Nein, wir können durchaus auch unsere scheinbar zivilisierte Welt dort wiederentdecken. Es geht letztlich um die Einsicht, dass kein Mensch über Menschen verfügen darf und kein Mensch anderen Menschen gehört und diese mit ihm machen können, was sie für richtig halten. Auch Kinder gehören nicht ihren Eltern.

Doch Menschenopfer gibt es trotzdem immer noch und damit Unvernunft: Was waren denn die Kriege des 20. Jahrhunderts anderes, als der Großteil der jungen Männer in Stalingrad und anderswo dem „Führer“ geopfert wurden? Und was ist mit den vielen missbrauchten Kindern, die Opfer derer wurden, die meinten, über sie verfügen und sie benutzen zu können? Auch sie wurden Göttern geopfert: dem Gott „Lust“ und dem Gott „Macht“!

Die Abrahamsgeschichte zeigt, wie durch eine Kultur des Todes Zukunft zerstört wird. In unserer Gesellschaft gilt im Bewusstsein vieler die Abtreibung als Menschenrecht. Auch hier verfügen Menschen über andere Menschen und bringen sie um. Hat das Kind im Mutterleib kein Menschenrecht?

Und denken wir schließlich an die drohende Klimakatastrophe. Auch hier geht es um unsere Nachkommen, um deren Lebensmöglichkeiten und Zukunft. Welchen Götzen opfern wir sie, weil wir unser Leben nicht ändern wollen? Der falschen Götter gibt es viele: Macht und Lust, Selbstverwirklichung, Geld, Wohlstand, Mobilität, Gesundheit, Wirtschaftswachstum. Das moderne Pantheon ist groß. Darin wird ständig geopfert.

Die Fastenzeit lädt uns ein zur Umkehr von falschem Denken und falschem Tun, auch zur Umkehr von falschen Göttern und falschen Vorstellungen von Gott. Man kann von Gott nichts herleiten. Sie ruft uns zur Vernunft und zur Umkehr zu Gott, zum lebendigen Gott, zum Gott Jesu. Damit Ostern für alle ein Lichtblick wird.

Abraham kam zu diesem Lichtblick. Sein Sohn wurde ihm wiedergeschenkt. Das Dunkel in Abraham lichtete sich. Er nannte den Ort, an dem das geschehen ist, Jahwe-Jire, d. h.: Gott sieht; denn auf diesem Berg hat er sich sehen lassen.

Es ist wie die vorweggenommene Erzählung von der Verklärung Jesu. Sie ereignet sich ebenfalls auf einem Berg. Im wahrsten Sinne des Wortes ein High-Light. Diese Geschichte zeigt uns, wie Gott selbst sich gezeigt hat. Gott - nicht Abra­ham - hat seinen Sohn geschenkt. Und wir Menschen - nicht der Vater - haben Jesus umge­bracht. So, wie wir uns mitunter Gott vorstellen, sind nämlich wir Men­schen: ausgrenzend, strafend, voll Willkür, ungerecht, unbarmherzig und tötend.

Die Geschichte von der Verklärung Jesu auf dem Berg fasst die Erfahrung der Jünger mit Jesus zusammen. In Jesus hat Gott uns nicht ein unheimliches, nicht ein dunkles Antlitz gezeigt, nicht ein Spiegelbild von uns, sondern ein helles und erlösendes und befrei­endes Antlitz. Sein Licht fällt auch auf die Jünger, seine Strahlen machen auch Mose und Elija, also die ganze ambivalente Geschichte Israels vor ihm, hell. Alles wird hineingenom­men in sein Licht. Die Jünger bekommen eine neue Optik, neue Augen, mit denen sie Gott in Jesus erkennen. Sie werden mit eingehüllt in die göttliche Wolke, in die cloud,aus der die Stimme ertönt: Dies ist mein geliebter Sohn.

Liebe Gemeinde, darum geht es im Glauben. Wir haben Gemeinschaft mit Gott, weil der Sohn bereits auf unserer Seite steht. Wir stehen nicht mehr al­lein und hilf­los vor einem rätselhaften und scheinbar unberechenbaren Gott. Gott hat uns vielmehr sein Wort gegeben, seinen Sohn. In ihm ist uns das Antlitz Gottes aufgeleuchtet. Wir stehen also zusammen mit Gott dem Sohn in Gott dem Heiligen Geist vor Gott dem Vater. Wir sind hineingenommen in die Liebe, mit der Gott von Ewigkeit her seinen Sohn liebt. Diese Liebe ist der Heilige Geist.

Man muss dann nicht Hütten bauen, um den Moment festzuhalten, wie Petrus es wollte. Der Glaube hält uns nicht fest, wo wir sind, sondern macht uns Beine. Man muss wieder hinabsteigen von den Highlights, hinabsteigen in den grauen Alltag und in manchmal schmerzliche Situationen. Und das Licht des Glaubens dorthin bringen.

Tatsächlich mutet das Leben vielen Menschen unendlich viel zu, oft mehr als sie tragen können. Der heutige Sonntag möchte uns dennoch zur Zu­versicht er­mutigen. Keine Macht der Welt, auch der Tod, kann uns aus dieser Gemeinschaft reißen. Auch unsere Angst und selbst Krankheit und Sterben sind schon hineinge­nommen in die Liebe Gottes. Un­ser Kreuz, das Kreuz des Sohnes, steht nicht außerhalb von Gott, sondern gehört zum Geheimnis Gottes selbst. Es lässt sich nicht mehr als Vor­wurf gegen Gott gebrauchen oder als Ein­wand gegen die Liebe, mit der Gott uns liebt. „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ schreibt Paulus in der zweiten Lesung. „Er hat seinen eigenen Sohn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“

Die Eucharistie ist dieses Geschenk, das wahre Opfer. Auch in dieser Stunde schenkt Gott uns wieder seinen geliebten Sohn.

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1. Fastensonntag

Gen 9,8-15; Ps 25; 1 Petr 3,18-22; Mk 1,12-15

Gehalten in Osnabrück-Sutthausen, Maria Königin

Liebe Gemeinde,

Mit dem Beginn der Fastenzeit habe ich mir die Frage gestellt, was für einen Sinn ein solcher Abschnitt im Jahre eigentlich haben soll. Für viele Christen gehören dazu gewisse Übungen des Verzichtens, mehr Zeit für das Gebet und schließlich auch die hl. Beichte. Es geht darum, sich bereit zu machen für das Osterfest und stark zu werden im Glauben. Wie geht das?

Im Jesuitenorden gibt es die 30-tägigen Exerzitien. Der hl. Ignatius, der die Gesellschaft Jesu gegründet hat, hat in seinem Exerzitienbuch die Regeln für diese Übungen aufgeschrieben. Wer das schon einmal mitgemacht hat, der weiß: sie sind  eine große Reise des Menschen nach innen. Der Mensch, der sich zu diesen Exer­zitien entschließt, geht den Weg von außen nach innen. Vor dem Angesicht Gottes versucht er, bis in die tiefsten Schichten seines Herzens vorzudringen.

Dabei nimmt man immer mehr und immer deutlicher die in­nersten Regungen seines Herzens wahr. Man spürt die guten und die bösen Regungen: Trost und Trostlosigkeit, Güte und Bosheit, Vertrauen und Angst, Wahrhaftigkeit und Lüge, Liebe und Hass. Man wird zur Erkenntnis seiner selbst geführt. Nicht nur das Gute lebt in meinem Herzen, sondern da gibt es auch die Versuchung zum Bösen, zur Zerstörung, zur Vergeltung. Man merkt, dass es den guten Geist gibt, aber auch den bösen. Man versteht dann auch, warum im eigenen Leben sich nicht nur gute Regungen, sondern auch böse, zerstörerische aus­wirken. Ja, es gibt Abgründe. Man versteht, wie ambivalent, ja wie zwielichtig menschliches Leben sein kann. Man kann wie ein En­gel sein, aber auch wie ein wildes Tier. Und es ist wohl nicht zu kühn, wenn ich annehme, dass die meisten von uns eine Mischung aus beidem sind.

Menschen, die diese Reise nach innen gemacht haben, wissen, dass das keine Vergnügungsreise ist. Sie sprechen vom Gefühl der geistlichen Trockenheit. Es ist die innere Erfahrung der Wüste. Die Wüste ist Ort der Einsamkeit, der Entbeh­rung, Ort der Trostlosigkeit und der Versuchung, ja sogar der Gottverlassenheit und des Todes. Aber die Wüste ist auch Ort der Klarheit und der Entscheidung. Dort kann man sich nichts mehr vormachen. Man erschrickt über sich selbst. Man muss die Wüste aushalten. Ja, man muss sich selbst aushalten. Wie zuhause im Lockdown.

Auch Jesus blieb die Wüste nicht erspart. Es ist der­selbe Geist, der unmittelbar zuvor bei der Taufe im Jor­dan auf Jesus herabkam, der ihn nun in die trostlose Wüste treibt. Jesus, der Sohn Gottes, tritt die Reise nach innen an. Und er wird vom Satan in Versuchung geführt. Probe, Versuchung - das ist Ent­scheidung zwischen zwei Möglichkeiten zu leben. Auch Je­sus kommt in die Versuchung, etwas anderes zu wollen, als das, was Gott will. Auch Jesus entdeckt die Ambivalenz des Menschseins, die gegensätzlichen Regungen im Herzen. Auch er kommt in die Situation, sich entscheiden zu müssen zwischen dem wilden Tier und dem Engel. Das sind zwei Existenzweisen, die den verschiedenen Regungen des Herzens entsprechen. Es geht darum, sich zu entscheiden: das wilde Tier sucht Beute, bedroht sie, zerreißt sie, frisst sie auf.

Der Engel hingegen ist das Gegenteil davon. Der Engel ist Bote. Der Engel teilt seine Gemeinschaft mit Gott an­deren mit. Er stiftet Gemeinschaft. Er lässt andere teil­nehmen an seinem Glück.

Der Text des Evangeliums sagt uns, dass Jesus der Ver­suchung nicht erliegt. Er lernt die Ambivalenz der menschlichen Existenz kennen - nicht nur oberflächlich, sondern tief innen im Herzen. Doch er erliegt der Versuchung nicht. Die wilden Tiere, sprich: diese unmenschliche, wölfische Welt hat keine Macht über ihn. Sondern "Engel" dienen ihm. Das ist ein Bild für seine Gemeinschaft mit Gott, für seinen unverbrüchli­chen Bund mit dem Vater. Bedenkt man, daß unser Evangelium aus der Perspektive von Ostern geschrieben ist, dann wird gleich klar: in unserem Text wird auch das Schicksal Jesu in komprimierter Form dargestellt. Wie wilde Tiere sind die Menschen über ihn hergefallen. Doch Engel dienten ihm, d. h. Gott hat ihn auferweckt. Gott hat ihn nicht den Mächten des Todes endgültig preisgege­ben. Gott hat ihn lebendig gemacht.

Die Reise durch die Wüste ist also nicht nur die Reise nach innen. Es ist auch die Reise nach außen. Es ist die Reise durch diese scheinbar gottverlassene Welt mit all ihrem Unheil. Dass das wilde Tier eine Existenzweise des Menschen sein kann, erleben wir auch heute: in Kriegen und Bürgerkriegen, in Terroranschlägen, in neuen Formen der Diktatur, in Christenverfolgung.. Menschen fallen über­einander her wie Raubtiere über ihre Beute.

Doch ist das nur im Krieg so? Leben Menschen nicht auch sonst so? Rivalisierend, konkurrierend, einander verletzend? Sieht unsere gebeutelte Natur an manchen Or­ten nicht aus wie ein von Geiern ausgelutschter Kadaver? Und hat das alles nicht etwas zu tun mit unseren Lebens­verhältnissen, mit unserem Lebensstil, mit der Angst, zu wenig vom Leben abzukriegen? Gehen wir mit unsere Welt nicht um wie Raubtiere mit ihrer Beute?

Doch mittlerweile erkennen wir deutlich: wir können aus der Welt nicht alles Glück herausholen. Sie ist zu klein für unsere Sehnsucht. Und sie ist zu zerbrechlich für un­sere Bomben. Und ihr Gleichgewicht zu labil für unsere Gewalt. Wir müssen also ein neues Verhältnis zu ihr fin­den, einen neuen Weg, mit ihr umzugehen, anders als wilde Tiere.

Jesus erliegt der Versuchung nicht. Er nimmt die Ex­istenzweise des wilden Tieres, nicht an. Seine Lebensweise ist eher die des Engels, des Boten Gottes, der die Gottesherrschaft ankündet und zur Umkehr aufruft. Jesu Existenzweise ist seine Gemeinschaft mit Gott. Sie bewahrt ihn vor einem falschen Verhältnis zur Welt. Sein Gottesverhältnis bewahrt ihn davor, die Welt mit Gott zu verwechseln und alle Erfüllung, alles Glück aus der Welt herauszuholen und sie so zu verderben. Denn die Welt ist zu klein für unsere Sehnsucht. Nur Gott kann sie erfüllen. Wir verderben unsere Welt, wenn wir alles aus ihr herausholen, weil wir alles von ihr erwar­ten. Doch in der 1. Lesung hieß es: „Nie mehr soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“ Und der Regenbogen wird als Zeichen des Bundes, des neuen Gottesverhältnis­ses, zwischen Himmel und Erde gesetzt. Dieses Gottesver­hältnis kann allein davor bewahren, dass alles vernichtet und verdorben wird.

Dieser Regenbogen, dieses neue Gottesverhältnis, die­ses lebendige Bundeszeichen ist Jesus. Nach der Reise nach innen tritt er die Reise nach außen an, zu den Menschen, nach Galiläa. Er wird der Bote Gottes, der andere in sein Got­tesverhältnis hineinnimmt. Mitten in dieser dunklen Welt, die vom Bösen beherrscht zu sein scheint, verkündet er das Reich Gottes

Das Reich Gottes ist nahe. Mit­ten in dieser Welt voller Angst und Gewalt lebt Jesus ein neues Gottesverhältnis und lädt uns ein, in diese Gemeinschaft mit Gott einzutreten. Diese Gemeinschaft mit Gott hat sich Ostern als stärker erwiesen als alle wilden Tiere, als alle Mächte des To­des. Sie ist unverbrüchlich. Das soll uns Hoffnung geben in der Wüste dieser Zeit. Und Zuversicht und Vertrauen, dass wir aus Gottes Hand nicht herausfallen. Diesen neuen und ewigen Bund feiern wir in jeder Eucharistie.

Ob wir die Fastenzeit nicht nutzen sollten für die Reise nach innen, für die achtsame Entdeckung unserer Ambivalenz und für die Stärkung unseres Glaubens? Wir könnten so Ostern gestärkt die Reise nach außen antreten und Men­schen einladen zum Glauben an das Evangelium: das Reich Gottes ist nahe!

 

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6. Sonntag im Jahreskreis

Lev 13,1-2.43ac.44ab.45-46; Ps 32,1-2.5.10-11; 1 Kor 10,31 – 11,1; Mk 1,40-45                      

Gehalten am 14.2.2021

In Osnabrück, Maria Königin des Friedens

 

Ein Aussätziger kommt zu Jesus.

Liebe Schwestern und Brüder,

Lepra nennt man die schreckliche Krankheit, die dieser Aussätzige hatte. Sie war im Land der Bibel sehr verbreitet. Heute ist sie gut zu heilen. Aber damals gab es kein Heilmittel. Der ganze Körper konnte befallen sein. Man verfaulte bei lebendigem Leib.

Weil diese Krankheit so schrecklich und unheilbar war und einen ekelerregenden Anblick bot, sah man zur Zeit der Bibel in dieser Krankheit eine Strafe Gottes für die Sünde. Wer diese Krankheit hatte, galt als „unrein“. Damit war gemeint: Unrein vor Gott und somit keine Gemeinschaft mit Gott.

Und weil diese Krankheit auch ansteckend war, mussten die Kranken abgesondert von der menschlichen Gemeinschaft leben. Im Alten Testament ist das alles ganz genau geregelt, wie wir in der 1. Lesung gehört haben. Diese Kranken waren aussätzig, d. h. sie waren ausgesetzt, also ausgegrenzt aus der menschlichen Gemeinschaft und natürlich auch aus der religiösen Gemeinde. Denn sie galten ja als unrein vor Gott. Sie wurden ihrem Schicksal preisgegeben und galten als unberührbar. Zuweilen kam es vor, dass ein Erkrankter wieder gesund wurde. Er musste sich dem Priester zeigen, nicht dem Arzt. Daran sieht man, dass diese damals unheilbare Krankheit in ihrer religiösen Dimension betrachtet wurde. Der Priester musste die Heilung feststellen und hatte dann den Patienten für rein zu erklären und ihn in die Gemeinde wieder aufzunehmen.

Die Aussätzigen trugen die Verantwortung dafür, dass sich niemand ansteckte. Wenn sie unterwegs von weitem jemand sahen, mussten sie laut rufen: „Unrein, unrein.“ Und die Gesunden waren gehalten, einen großen Bogen um die Kranken zu machen.

Im heutigen Evangelium nun wird uns erzählt, dass ein Aussätziger zu Jesus kam. Er hielt sich in seiner Verzweiflung offenbar nicht an die Regeln. Er riskierte, Jesus anzustecken. Vielleicht aber stand Jesus bei den Leuten bereits im Ruf eines Wundertäters. Und auch Jesus hält sich nicht an die Regeln. Er macht keinen großen Bogen um den kranken Mann. Vielmehr hat er Erbarmen mit ihm, berührt den Unberührbaren – bricht also mit einem Tabu - und sagt: „Werde rein!“ Das Unfassbare geschieht: Der Mann wird rein. Nicht der Kranke steckt Jesus an, sondern umgekehrt: Jesus steckt den Kranken an mit seinem Heil!

Warum wird uns diese Geschichte heute vorgelesen? Soll uns Jesus als Wunderdoktor präsentiert werden? Und warum sollen wir uns dafür interessieren, dass vor 2000 Jahren an einem unbekannten Ort in Galiläa ein unbekannter Leprakranker geheilt wurde? Was hat das mit uns zu tun?

Tatsächlich wird uns diese Geschichte heute erzählt, weil sie mit uns zu tun hat. Im Evangelium wird uns nicht eine interessante Geschichte aus fernen Zeiten erzählt. Vielmehr soll beim Erzählen dieser Geschichte genau das geschehen, was in ihr erzählt wird: Die Heilung des Menschen, unsere Heilung in der Begegnung mit Jesus, der dort ist, wo wir in seinem Namen versammelt sind. Alles kommt also darauf an, dass wir uns in diesem geheilten Aussätzigen wiedererkennen. Auch wenn wir – Gott sei’s gelobt – nicht diese ekelerregende Krankheit an unserem Körper tragen. Doch diese Krankheit wurde ja betrachtet als ein Herausgefallensein aus der Gemeinschaft mit Gott und damit auch aus der Gemeinschaft mit den Menschen. Der Aussatz steht als schreckliches Symbol für die conditio humana, für unseren Zustand vor Gott abgesehen vom Glauben.

Eben darum geht es: die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen, die durch die Sünde und Selbstherrlichkeit der Menschen verloren ging. Jeder Mensch kommt im Zustand der Gottferne auf die Welt. Die Bibel führt das auf den Sündenfall im Anfang der Menschheitsgeschichte zurück. Dadurch ist der Mensch herausgefallen aus der Geborgenheit des Paradieses. Und dieser Zustand wird dann vererbt von einer Generation zur anderen. Denn der Glaube ist uns nicht angeboren. So gesehen ist jeder Mensch ein Aussätziger. Ohne den Glauben kann man sich nicht in Gottes Gnade wissen. Dann ist man gewissermaßen aussätzig, ausgesetzt, preisgegeben an sein eigenes Schicksal, an das Nichts, an den Tod.

Niemand kommt mit der Gewissheit auf die Welt, von Gott geliebt zu sein. Und niemand kann von sich aus zu dieser Gewissheit kommen. Jeder ist dafür auf andere Menschen, auf gläubige Menschen angewiesen, die ihm diese Gewissheit schenken, von Gott angeschaut und geliebt zu sein. Deshalb ist es so wichtig, dass christliche Eltern ihren Kindern nicht nur alles mögliche Gute tun, sondern sie auch hineinnehmen in ihre Gemeinschaft mit Gott und damit in die Kirche, in der diese Gemeinschaft mit Gott gelebt wird und ohne die man auch der eigenen Gemeinschaft mit Gott nicht gewiss sein könnte.

Unser Glaube geht zurück auf Jesus. Er ist der geschichtliche Urheber unseres Glaubens. Indem Jesus den Aussätzigen berührt, also keine Berührungsangst hat, lässt er ihn teilhaben an seiner eigenen Gemeinschaft mit Gott, an seinem eigenen Sohnesansehen bei Gott. Wer sich von Jesus berühren, annehmen lässt, wird von Gott ebenfalls als sein Kind angenommen. Er hört auf, aussätzig zu sein, preisgegeben an das Nichts. Und das ist mit jedem von uns geschehen, als wir gläubig wurden. Wir haben aufgehört, aussätzig zu sein, einen Leib zu haben, der schon jetzt unaufhaltsam alt und bald zu Gammelfleisch wird. Wir sind eben nicht das, was wir an uns sehen und wofür wir selbst uns halten, weil wir alle auch wissen um unsere dunkle Seite. Viele Menschen sind unglücklich, weil sie hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben sind, sich als Versager empfinden, wenig Ansehen bei anderen haben. Es gibt Menschen, um die wir vielleicht einen großen Bogen machen. Und das gilt vermutlich auch umgekehrt.

Und so ist die Erzählung vom Aussätzigen gar nicht eine Geschichte aus ferner Vergangenheit. Vielmehr wird mit einem Beispiel aus der Vergangenheit unsere Gegenwart gezeichnet: Jeder ist ein Aussätziger, hinausgehalten ins Nichts, preisgegeben an den Tod, verwundbar und voller Angst vor dem Nichts, solange er nicht Christus begegnet, der ihm die Gewissheit von Gemeinschaft mit Gott schenkt, ihn hineinnimmt in sein Sohnesverhältnis und zum Kind Gottes macht. Denn Gott schaut uns nicht so an, wie wir es vielleicht verdient haben, angeschaut zu werden. Er schaut uns auch nicht so an, wie manche Mitmenschen, Kollegen, Nachbarn uns vielleicht anschauen. Er schaut uns auch nicht so an, wie wir uns selbst sehen, wenn wir an unsere dunkle Seite denken. Er schaut uns vielmehr an, wie er von Ewigkeit her seinen Sohn anschaut.

Am Schluss erzählt unser Evangelium, wie Jesus dem Geheilten einschärft, ja nichts davon weiterzuerzählen. Es ist, als ob Jesus ihn auf die Probe stellte, um zu sehen, was er tut. Und tatsächlich: der Mann kann gar nicht über das schweigen, was ihm geschehen ist. Er muss es überall weitererzählen. Den Glauben kann man nur haben, wenn man ihn weitersagt und anderen Menschen schenkt. Und so kamen die Menschen von überall zu Jesus.

Wenn wir jetzt Eucharistie feiern, dann lassen wir uns wieder von Jesus berühren. Er hat Erbarmen auch mit uns. Er schenkt uns seine eigene Gemeinschaft mit dem Vater. Damit wir sein Wort weitersagen: Sei rein! Sei geborgen in Gott! Du bist ein Kind Gottes, voll der Gnade, denn Gott ist schon mit dir!

 

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5. Sonntag im Jahreskreis

Ijob 7,1-4.6-7; 1 Kor 9,16-19.22-23; Mk 1,29-39

Gehalten in Osnabrük, St. Pius, am 6.2.2021

 

Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“

Diesen Satz ruft uns Paulus heute in der 2. Lesung zu, liebe Schwestern und Brüder.

Etwas wie ein Zwang liegt auf ihm. Deshalb tut er alles um des Evangeliums willen. Was heißt das und was wäre, wenn das Evangelium nicht mehr verkündet würde?

Es gibt im Leben Erfahrungen, die so unter die Haut gehen, dass man sie nicht vergisst.

Als junger Priester wurde ich vor vielen Jahren in der Frankfurter Universitätsklinik an das Sterbebett eines 16jährigen Jungen gerufen. Er war an Leukämie erkrankt. Alle ärztliche Kunst hatte nichts vermocht. Und nun waren die letzten Tage seines kur­zen Lebens gekommen.

Er lag in seinem Bett, umgeben von Apparaturen, an die er mit Schläuchen und Kabeln angeschlossen war. Aber seine Mutter war bei ihm.

Ich erinnere mich, wie hilflos ich mir vorkam angesichts dieser sinnlosen Situation. Es fiel mir ungeheuer schwer, Worte zu finden. Sie wollten sich nicht einstellen. Womit soll man hier trösten, womit Hoffnung wecken? Was gibt es hier noch zu sagen?

Soll man Gott anklagen?

Soll man versuchen, einer solchen Situation noch einen Sinn anzudichten?

Auch die Bibel weiß um diese Sinnlosigkeit und um Situationen, in denen wir uns völlig gottverlassen erfahren. Wir haben heute als erste Lesung einen Abschnitt  aus dem Buch Ijob gehört. Ijob war sehr gottesfürchtig. Er war auch reich und wohlhabend, hatte sieben Söhne und drei Töchter. Er konnte zufrieden und dankbar sein mit seinem Leben. Doch plötzlich erhält er eine Hiobsbotschaft nach der anderen: durch gewalttätige Menschen und durch Naturkatastrophen wird ihm alles genommen: seine reichen Viehbestände, seine Häuser,  alle seine Kinder und schließlich und endlich auch seine Gesundheit: er wird geschlagen „mit bösartigem Geschwür von der Fußsohle bis zum Scheitel“. Und Ijob hadert mit Gott. Seine Freunde besuchen ihn und fragen: Was hast du getan, dass Gott dich straft? Womit hast du solches Unglück verdient? Ist Gott dir nicht mehr wohlgesonnen? Und Ijob setzt sich mit Gott auseinander. In dem kurzen Abschnitt aus dem 7. Kapitel, den wir heute gehört haben, stellt er die Absurdität seiner Existenz fest: Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf Erden? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt. Und schließlich stellt er fest: Mein Leben ist nur ein Hauch. Nie mehr schaut mein Auge Glück. Alles scheint ihm sinnlos und hoffnungslos zu sein.

Erfahrungen, die wir auch heute machen, liebe Schwestern und Brüder, wenn Glück sich zerschlägt, Gesundheit vor der Zeit schwindet, Vermögen in nichts zerrinnt, ein Unfall alles zerstört. Unser Leben ist zerbrechlich. Unsere Sicherheiten auch. Alles vergeht wie ein Hauch. Und deshalb haben wir so eine abgrundtiefe Angst um uns selbst.

Wo ist Gott?, fragen wir dann. Hat er mich in Stich gelassen? Gibt es ihn vielleicht gar nicht? Und tatsächlich ist es ja so: Wenn wir das unendliche Leid der Welt anschauen, dann fällt es uns schwer zu glauben, dass es einen liebenden und gnädigen Gott gibt.

Doch vielleicht ist das ein Denkfehler. Wir meinen, man müsste an der Welt doch ablesen können, wie Gott es mit uns meint. Aber eben genau das kann man nicht. Gottes Liebe lässt sich an der Welt nicht ablesen! Wäre das so, dann müssten Menschen, die viel Glück im Leben haben, sich zu Recht mehr geliebt wissen als solche, die ohne Erfolg durchs Leben gehen und viel Unglück erfahren. Unser Wohlbefinden ist kein Gradmesser für Gottes Liebe. 

Mir wurde in der Situation damals im Krankenhaus existentiell klar, was ein Seelsorger angesichts der Realität in der Hand hat, wenn er zu den Menschen kommt, die dem Tod geweiht sind. Und das sind eigentlich alle Menschen, egal ob sie gerade krank oder gesund sind. Der Zeuge des Glaubens hat nichts, buchstäblich nichts als ein Wort. Während in einem großen Krankenhaus alle Mitarbeiter so tun können, als hätten sie alles im Griff, die Schwestern und Ärzte mit Instrumenten und Medikamenten geschäftig hantieren, steht der Seelsorger mit leeren Händen da.

Auf nichts, auf buchstäblich nichts anderes kann er sich stützen als auf ein Wort, das er als Gottes Wort verkündet; mit nichts anderem kann er sich ausweisen als mit diesem einen Wort, das er nur stammelnd auszusprechen vermag. Er kann es zu unserer todgeweihten Existenz nur dazusagen. Mit nichts anderem kann ein Christ, eine Christin die Menschen zu trösten versuchen als mit dem Wort eines Gekreuzigten, eines sinnlos zu Tode Geprügelten, von dem wir bekennen, dass er lebt.

Deshalb sagt Paulus: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündige!“ Denn wenn wir das Wort des Evangeliums nicht verkündigen, wenn wir nicht gegen den Anschein sagen, dass der Gekreuzigte lebt, dann überlassen wir die Menschen, ja die Welt ihrem Schicksal, ihrer Gottverlassenheit. Denn dass wir nicht gottverlassen sind, kann man an der Welt nicht in Erfahrung bringen. Gottes Liebe und Nähe kann man sich nur sagen lassen. Und nur gegen die Erfahrung kann man an sie glauben. Wir feiern hier unseren Gottesdienst nicht angesichts eines Helden und Siegers der Geschichte und eines Happy Ends, sondern angesichts eines Gekreuzigten, eines sinnlosen Scheiterns und Todes. Doch sein Leben und sein Sterben hat von Gott Kunde gebracht. Er lebte auch im Scheitern seine Gemeinschaft mit Gott. Nichts und niemand konnte ihn davon abbringen, aus Angst um sich selbst zu handeln, um dem tödlichen Konflikt aus dem Weg zu gehen. Auch der sichere Tod hatte keine Macht über ihn. So, wie er die Schwiegermutter des Petrus in ihrer Krankheit aufrichtete und viele Kranke und Besessene sich bei ihm versammelten, um sein Wort zu hören. Er schenkte ihnen durch sein Wort Gemeinschaft mit Gott. Denn nur in dieser Gemeinschaft mit Gott können wir die Sinnlosigkeit von Leid und Tod überhaupt aushalten und ertragen. Unsere Gemeinschaft mit Gott macht Sinnloses nicht sinnvoll. Aber sie lässt es ertragen wie ein großes Fragezeichen, das wir mitnehmen in die Ewigkeit.

Der Herr trieb Dämonen aus in ganz Galiläa. Die Dämonen der Angst, die uns einreden wollen, man müsste an Glück oder Unglück ablesen können, wie Gott es mit uns meint. Es waren die Freunde Ijobs, die ihm solches einreden wollten: Du bist aus der Gnade Gottes gefallen. Deshalb all das Unglück. Deshalb hat Gott sich von dir abgewandt. Deshalb musst du leiden. Alles gut gemeint – doch ohne Empathie. Solche Rede ist teuflisch. Denn sie schenkt dem Menschen im Leid keine Gottesgewissheit, sondern macht ihn um so verzweifelter.

Jesus räumt auf mit diesem Denken. Er vertreibt diese bösen Geister und falschen Freunde, die uns solches einreden wollen. Wir müssen dieses Leben so annehmen, wie es kommt. Aber wir können daraus keine Schlüsse ziehen, wie Gott es mit uns meint. Wir können nichts von Gott herleiten. Wir können uns von Jesus nur sagen lassen, dass wir in jeder Situation, in Glück und Unglück, im Leben und im Sterben in Gott geborgen sind. Jesus hat Gott zu den Menschen gebracht. Nicht weniger als das. Denn er selbst war voll von Gottes Geist. Auch der Tod am Kreuz konnte seine Gemeinschaft mit Gott, seine Sohneswürde nicht zerstören. Wer sein Wort annimmt, kann österlich leben und österlich sterben. Eine größere Hoffnung gibt es nicht. Nur dieses Wort, das Jesus ist. Es verdient, dass wir ihm Glauben, Vertrauen schenken.  Und der Glaube ist dann stärker als die Angst.

Und nun, liebe Gemeinde, zurück zu dem sterbenden Jungen im Krankenhaus:

Nach einer Weile der Stille zeigte ich einfach auf die Osterkerze. Die Pastoralreferentin, die mich begleitete, hatte sie mitgebracht und angezündet. Ein großes rotes Kreuz durchschlug die weiße Wachsfläche der Kerze wie eine brennende und schmerzende Wunde. Und doch leuchtete die Kerze in dieser Finsternis. Auch eine kleine Flamme ist stärker als das Dunkel. Manchmal reicht ein Wort, um einen Funken Hoffnung zu entzünden. Denn was wäre mit uns, wenn es dieses Wort nicht gäbe?

Nachdem ich dem Jungen dann die Hand aufgelegt und ihm Stirn und Hände mit dem heiligen Öl der Kirche gesalbt hatte, beteten wir zusammen stammelnd das Vater unser, und der sterbende Junge nahm noch einmal - zum letzten Mal in diesem Leben - den zerbrochenen Leib des Herrn in sein brechendes Herz auf.

Möge auch uns das in unserer letzten Stunde vergönnt sein.

 

 

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Taufe des Herrn 2021

zu Mk 1,7-11

gehalten in Osnabrück, Maria Königin des Friedens

und St. Johann

am 9. u. 10.1.2021

 

 

Als Jesus aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss.

Liebe Schwestern und Brüder, in der Geschichte von der Taufe Jesu scheint sich zu erfüllen, was wir in der Adventszeit immer gesungen haben: O Heiland, reiß die Himmel auf.

Welcher Himmel ist gemeint?

Es gibt Tage – vor allem jetzt im Winter – da ist der Himmel tatsächlich verschlossen. Kein Lichblick! Entsprechend ist unsere Stimmung. Erst recht, wenn wir unter dem Lockdown leiden und alles zu ist.. Wir scheinen dem Bösen schutzlos ausgeliefert zu sein.

Wir kennen aber auch das Umgekehrte: Wenn sich dann die Wolken lichten und die Sonne durchkommt. Die ganze Welt sieht dann mit einem Mal im Sonnenglanz ganz anders aus.

Doch dieser Himmel ist nicht gemeint, wenn wir darum bitten, er möge sich auftun. Im Englischen ist man genauer. Man unterscheidet zwischen Sky und Haeven. Sky ist der meteorologische Himmel und der astronomische Himmel. Doch das ist nur ein Bild, ein Gleichnis für Haeven, also für das, was die Bibel „Himmel“ nennt. Mit dem Wort „Himmel“ umschreibt die Bibel oft Gott, um den Namen Gottes nicht unnötig auszusprechen. Der Himmel ist verschlossen: das heißt soviel wie: Gott ist unerreichbar. Wir sind eingeschlossen in unsere Vergänglichkeit. Daraus gibt es kein Entrinnen. Der Tod ist dann unsere letzte Gewissheit. 

Reiß die Himmel auf! Das ist eine tiefe Sehnsucht im Menschen: nicht eingeschlossen zu sein in diese kurze Zeitspanne zwischen Geburt und Tod. Es ist eine verzweifelte Bitte um Leben, um ewiges Leben. Es ist eine Bitte um eine Perspektive der Ewigkeit.

Gott hat diese Bitte erhört. Das ist die Botschaft des heutigen Festes: Taufe Jesu.

Der Himmel ist auf die Erde gekommen; denn Gott hat uns seinen Sohn geschenkt. Dieser ist wahrhaft Mensch geworden. Er ist eingetaucht in unsere Wirklichkeit, in den Jordan, in die Abwässer der Geschichte, in das Blut und in die Tränen dieser Menschheit, in die höllischen Abgründe unserer Herzen.

Um uns zu sagen: Ihr seid nicht rettungslos gefangen in eurer Vergänglichkeit, ihr seid nicht eurem Schicksal preisgegeben, von eurer Schuldgeschichte erdrückt, dem ewigen Tod geweiht. Ihr seid nicht dazu gemacht, von der Erde verschluckt zu werden, fortgespült von einer schmutzigen Kloake. Sondern ihr seid dazu gemacht, aus der oft erstickenden Wirklichkeit eures Lebens wieder aufzutauchen und den Himmel offen zu sehen.

Mit Jesu Taufe beginnt seine öffentliche Verkündigung. Das, was Jesus bei der Taufe im Jordan sieht und hört, beginnt er nun bekanntzumachen und zu leben. Alle Welt soll es hören und sehen!

Was sieht und was hört er? Er sieht den Himmel offen. Die Welt ist nicht Endstation. Und er hört: Du bist mein geliebter Sohn!

Gott ist sein Vater. Der Geist Gottes erfüllt ihn und verbindet ihn mit Gott im Himmel. Er hat Gemeinschaft mit Gott, unverbrüchlich.

Doch all dies hat etwas mit uns zu tun. Johannes der Täufer hatte es angekündigt: Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. Derselbe Geist, der auf Jesus herabkam, soll auch auf uns herabkommen. Es ist dies, was Jesus zu verkündigen beginnt: Ihr alle sollt Anteil haben an diesem neuen Geist, an diesem Sohnschaftsverhältnis zu Gott. Für euch alle soll sich der Himmel öffnen. Gott will euch alle zu seinen Söhnen und Töchtern machen.

Keine Macht der Welt vermag Jesus mehr von seinem Weg abzubringen. Keine Macht der Welt kann ihn mehr schrecken oder ihn unmenschlich und böse machen. Auch die Ablehnung nicht, auf die er trifft. Selbst der Tod behält für ihn nicht mehr das letzte Wort. Er kann auch dieser dunklen Macht ins Gesicht schauen in der Gewissheit, dass er der geliebte Sohn Gottes ist und bleibt.

An Pfingsten wird dieses Werk vollendet sein: Dann kommt derselbe Geist auf die ganze Kirche und öffnet den Weg zum Himmel, schenkt eine Perspektive der Ewigkeit. Das heutige Fest ist also das Pfingstfest von Weihnachten. Hier beginnt Jesu Verkündigung. Jedem will er die Gewissheit schenken, dieselbe Gemeinschaft mit Gott zu haben, die er selber hat. Jeden, der an ihn glaubt und ihm folgt, nimmt er hinein in sein eigenes Gottesverhältnis. So entreißt er uns den Mächten des Todes und den Dunkelheiten in der Tiefe unserer Seele. Wir dürfen uns als adoptierte Söhne und Töchter Gottes verstehen. Denn Gott hat zu uns keine andere Liebe als die Liebe zu seinem Sohn. Der Himmel kann auch in uns und über uns aufgehen, wenn wir uns so verlässlich von Gott geliebt wissen wie Jesus.

Wenn Gott selbst in unsere Dunkelheit eintritt, dann hat das Dunkel seine Macht über uns bereits verloren. Wo Gottes Sohn eintaucht in den Jordan, in den Strom unserer Geschichte, da klären sich, renaturieren sich auch die schmutzigen Gewässer und wir müssen nicht ertrinken in unserer Geschichte und ersticken an unserer Schuld.

Gottes Sohn reiht sich ein in die Menschheit, taucht ein in unsere Wirklichkeit, verbrüdert sich mit uns Sündern, nimmt unsere Vergänglichkeit auf sich und zeigt uns, wie es sich leben lässt, wenn man Gemeinschaft mit Gott hat.

Durch sein Wort und in der Eucharistie taucht er jetzt ein in das Leben eines jeden einzelnen von uns, in unser Herz, in unser Innerstes, in unsere Dunkelheiten. Sein Leib in unserem Leib. Um auch uns seinen Himmel zu öffnen.

Gott sei Dank!

 

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Fest der Heiligen Familie

Predigt zu Lk 2,22-40

 

Gehalten in Osnabrück, St. Johann und St. Pius

am 27.12.2020

 

Liebe Schwestern und Brüder,

In dieser biblischen Geschichte von der Darstellung des Jesuskindes im Tempel findet die erste Begegnung Jesu mit seinem Volk und dessen Geschichte statt. Die Eltern Jesu führen ihr neugeborenes Kind in die Glaubensgemeinschaft Israels ein. Heute könnten wir sagen: Sie sind wie junge Eltern, die ihr neugeborenes Kind zur Taufe in die Kirche tragen. Dabei wird deutlich, dass das Kind in einen weiteren Rahmen gestellt wird, der den engen Kreis der Familie sprengt.

Maria und Josef bringen ihr Kind zum Tempel „um es dem Herrn zu weihen“. Die jü­dische Religion kannte also einen Ri­tus, der es den Eltern erleichtern konnte, ihre Kinder loszulassen. Doch sollten sie es nicht ins Leere hinein loslassen, son­dern in die guten Hände Gottes geben. Die Glaubensgemeinschaft Israels half den Eltern zu verstehen, dass ihr Kind nicht ihnen gehörte, sondern Gott. Ihm konnten sie es anver­trauen. Sie konnten sich gesagt sein lassen: Was auch im­mer der Weg eures Kindes sein wird, was auch immer ihm zu­stößt, es ist in Got­tes Hand. Ihr braucht keine übertriebene Sorge und Angst um euer Kind zu haben. Ihr braucht es nicht in Watte einzupac­ken und überbehütet aufwachsen zu las­sen. Ihr könnt euer Kind getrost in Gottes Hand wis­sen, ganz gleich wie sein Weg sein wird.

So erfahren die Eltern, dass sie gar nicht die letzte Verant­wortung für ihr Kind tragen müssen. Ihnen wird zwar die Ver­antwortung dafür nicht abgenom­men. Aber wenn „sie alles getan haben, was das Ge­setz des Herrn vorschreibt“, dürfen sie ihr Kind im­mer in Gottes Liebe ge­borgen wissen, die umfassender und größer ist als die Liebe der El­tern. 

Die Eltern Jesu weihen ihr Kind aber nicht ei­nem Gott, der ih­nen schweigend und unsichtbar ge­genüber stünde. Er kommt ihnen vielmehr in der Glau­bensgemeinschaft Is­raels entgegen, vertreten durch die Gestalten Simeons und Hannas. Diese beiden Glaubensgestalten verkörpern im Kon­trast zu den ju­gendlichen und unerfahrenen Eltern Jesu die lange Tra­dition und die Glau­bensgeschichte Israels. Das hohe Alter der beiden weist auf ihr Her­kommen aus einer alten Überlieferung. Sie sind darin er­probt. Sie haben einen langen Weg mit diesem Glauben hinter sich. Hanna wohnt gera­dezu in dieser Tradition, indem sie sich „ständig“ im Tempel aufhält. Die Weisheit Si­meons, mit der dieser die konfliktreiche Zukunft des Kindes weissagt, macht die Überle­genheit der Tradi­tion und Glau­bensgeschichte Israels über die jungen Eltern und ihre vielleicht naiven Vorstel­lungen deutlich. Der knorrige Alte nimmt ihnen ihre Illusionen und weissagt ih­rem Kind eine Zukunft, die ganz und gar nicht ihren Wün­schen und Vorstellungen entspricht: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kom­men und viele aufge­richtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.“ Besonders hart wird es die Mutter Jesu treffen. Ihr „wird ein Schwert durch die Seele drin­gen.“ Sie wird ihren Sohn loslassen und einen Weg gehen lassen müs­sen, den sie ihm nicht wünschen kann und von dem sie ihn am liebsten zurückhielte. Doch Maria und Josef konnten über diese Worte nur stau­nen, was nicht heißt, dass sie sie schon verstanden. Sie ma­chen in dieser Geschichte einen eher überfor­derten Eindruck.

In einer Gesellschaft, in der die Kleinfamilie immer mehr auf sich allein gestellt ist und in der es von Rat­tenfängern und Miet­lingen ge­radezu wimmelt, und in einer Kirche, in der selbst durch Priester Missbrauch an Kindern geschieht, können verantwortungsbewusste Eltern vielleicht oft nicht anders, als sich misstrauisch nach außen hin zu verhalten. Wie gut und entla­stend wäre es doch, wenn sie sich in der Glaubensgemeinschaft der Kirche mit ihren Kindern ohne Sorge ange­nommen wissen könnten. Solche umfassende Glaubensgemein­schaft wird dann zum Zeichen und Sakrament für das Hineingenommensein in die drei­faltige Liebe Gottes, die der Heilige Geist ist, das Wir von Vater und Sohn. Hier kann das Loslassen nicht nur der ei­genen Kinder ver­trauensvoll eingeübt werden.

Heute ist ja das Fest der Heiligen Familie. Wir sind es gewohnt, allein in Jesus, Maria und Josef die Heilige Familie zu sehen. Aber die Heilige Familie ist eigentlich viel größer. Um Jesus herum wird der Kreis immer weiter: Erst Maria und Josef, dann kommen die Hirten, später werden es die Apostel und die Jünger sein. Der Kreis wird größer. Aus lauter Ichs soll ein Wir werden. Jesus sprengt die bloß geschöpflichen Blutsbande. Er gründet eine neue, eine weltweite, katholische Familie.

Das heutige Evangelium spielt sich im Jerusalemer Tempel ab. Der Tempel war das Haus des Volkes Gottes, in dem man Gott begegnete. Ja, das Volk Gottes ist die eigentliche Heilige Familie, die Familie Gottes. Den Tempel aus Stein gibt es nicht mehr. Doch der Kreis ist noch viel größer gezogen. Der Sohn Gottes ist ja unser Bruder geworden, damit Gott auch unser Vater wird. Und alle, die an Jesus glauben werden selbst Geschwister vor Gott und beten: Unser Vater! Jesus selbst, der Sohn Gottes, ist nun selbst der Tempel, in dem wir Gott begegnen. Wir können in Gott wohnen wie Hanna im Tempel. Denn wir sind hineingenommen in die Liebe des Vaters zum Sohn, in den Heiligen Geist, das Wir Gottes. Gott will die Menschen aus lauter Ichs zum Wir führen, in sein eigenes Wir.

Die Heilige Familie Gottes ist sakramental sichtbar in der Kirche. Wir alle gehören zu dieser katholischen, weltweiten, universalen Familie Gottes. Und jeder Mensch ist eingeladen, an Jesus zu glauben und zu dieser Familie Gottes zu gehören. Und sich um diesen Tisch zu versammeln, der der Familientisch Gottes ist. Und Christus reicht uns seinen wahren Leib, so dass Gott in jedem von uns seinen Sohn sieht und liebt. Und auch wir ineinander Christus sehen können, unseren göttlichen Bruder, der auch uns zu Brüdern und Schwestern macht.

 

 

 

 

 

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1. Adventssonntag 2020

gehalten in Osnabrück St. Pius

 

 

Liebe Schwestern und Brüder.

„Seid wachsam!“, ruft der Herr uns heute zu Beginn des Advents zu. Er verteilt keinen Glühwein und keine Zimtsterne. Er spielt auch nicht einen albernen Weihnachtsmann oder Nikolaus, der Kinder beglückt. Die Zeiten sind zu ernst. Er bringt auch keinen Impfstoff, dafür aber ewiges Leben.

 Drei Mal sagt er im heutigen Evangelium : „Seid wachsam!“ Ja, Advent ist für uns Christen eine Zeit erhöhter Wachsamkeit und Nüchternheit. Wir sollen das wieder einüben, was eine christliche Grundhaltung ist: die Erwartung einer Vollendung, die wir uns nicht selber geben können. Denn wir leben in einer vergänglichen Welt. Die Corona-Pandemie macht nur sichtbar, was eigentlich immer gilt: Unser Leben ist zerbrechlich. Alles ist brüchig. Nichts bleibt, wie es war.

 

Deshalb ist am ersten Adventssonntag in der Liturgie vom Weltuntergang die Rede. Die Sterne fallen vom Himmel, die Sonne verfinstert sich, alles bricht zusammen und vergeht, alle unsere vermeintlichen Gewissheiten. Die Liturgie schläfert uns nicht ein, sondern nennt die Dinge beim Namen, stellt uns auf den schwankenden Boden der Tatsachen. Nichts von alledem wird bleiben, was uns so wichtig ist. Wir leben in einer brüchigen Welt, auf schwankendem Boden. Alles wird uns entgleiten, was wir uns aufgebaut haben und woran wir geglaubt haben. Unsere Ideale und Wünsche, die wir wie Sterne in den Himmel gehoben haben – sie müssen herabfallen, bevor Gott kommt. Unter den gegebenen Bedingungen ist wahrhaft menschliches Leben nicht möglich. Wir können unser Leben nicht selbst vollenden.

 

So ist der Advent eine Zeit der Erschütterung. Sie stellt alles in Frage, was uns so lieb und teuer geworden ist. Sie lässt den Grund, auf dem wir stehen, erbeben. Sie will uns bereiten für etwas, das größer ist als wir, größer als das, was wir selber machen und kaufen, größer als diese Welt und das Universum, das wir uns geschaffen haben. Der Advent will unsere Sehnsucht nach einer anderen Welt stärken. Ja, eine Vollendung, die nur Gott uns schenken kann.  Das Kommen des Menschensohnes. Eine neue Vision! Doch zuvor müssen unsere Sterne vom Himmel fallen, die Götter, an die wir geglaubt haben, alles das, was wir in den Himmel gehoben haben, alles muss einstürzen, damit Er kommen kann, damit das menschliche Antlitz Gottes einbrechen kann in die Barbarei des Seins.

 

Darum der Ruf zur Wachsamkeit. Seid wachsam! Gebt euch keinen Illusionen hin! Betrachtet die Welt nüchtern als was sie ist: vergänglich, brüchig, erschüttert. Die Geschichte barbarisch! Und wir können auf Dauer nichts festhalten. Alles wird uns genommen werden, bevor Er kommt als Richter der Lebenden und der Toten.

 

Advent – eine Zeit der Erschütterung. Der Erschütterung über uns selbst. Der Prophet Jesaja fasst diese Erschütterung in Worte: „Wir haben gegen dich gesündigt. Wie unreine Menschen sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid.“ Ja, was ist aus uns geworden? Wie stehen wir vor Gott? Wie in einem schmutzigen Kleid. Beschmutzt von unserer Gottvergessenheit, von unseren Lebenslügen, von unseren Irrwegen, von unserer Politik und von unserer Art zu wirtschaften. Denn, so der Prophet weiter: „Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich auf, festzuhalten an dir.“ Es ist als beschreibe er unsere Wirklichkeit, unsere gottvergessene Gesellschaft, die tausend Götter hat, aber den lebendigen Gott nicht mehr kennt. Sollen wir nicht erschüttert sein über diese Wirklichkeit? Über die Unmenschlichkeit, die unsere Welt im Großen aber auch im Kleinen auszeichnet? Über die ungerechten Verhältnisse, die wir nicht ändern, weil sie uns nützen. Über die Kriege und Bürgerkriege unserer Zeit? Über den Hunger ganzer Völker, der auch von uns mitverursacht wird? Über die Verwüstung ganzer Landstriche, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat treibt? Über die Umweltfolgen unserer Lebensweise? Über die Angst, die uns nur an uns denken lässt? Auch über die eigene Gemeinheit und Unversöhnlichkeit. „Wie unreine Menschen sind wir alle geworden, unsere Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges, beflecktes Kleid.“

 

Die Erschütterung über unsere Welt, die Erschütterung über uns selbst, über die tägliche Gemeinheit und Feigheit, über unsere eigene Schuld und Mitschuld an den Verhältnissen, die wir nicht ändern wollen, ist aber der erste Schritt, damit unsere Idole und Götter einstürzen können und der Menschensohn kommen kann und die Menschlichkeit unser ängstliches Herz erobert. Die Erschütterung und die Klage über uns selbst, über die Realität, wie sie ist, kann so zum adventlichen Zeichen der Hoffnung werden. Zu einer Hoffnung auf den lebendigen Gott: „Und doch bist du, Herr, unser Vater!“, sagt der Prophet am Ende der ersten Lesung. Die Hinkehr zu Gott, die Sehnsucht nach dem Gott, der allein unser Leben vollenden kann, ist nach aller Erschütterung die adventliche Hoffnung, zu der wir berufen sind. Nur in Gemeinschaft mit Gott haben wir Zukunft und Hoffnung. Nur in Gemeinschaft mit Gott können wir auch Freude haben an der Welt und an dem, was sie uns bietet. Wer aber krampfhaft am Leben und an allem vergänglichen Glück sich festklammert, kann keine wirkliche Freude haben, weil er Angst hat, alles zu verlieren.

 

Der Advent will diese Angst überwinden. Er will unsere Schritte wieder festmachen auch auf schwankendem und brüchigem Boden, in den Wechselfällen des Lebens, auch im Unglück, das wir erleiden. In aller Not will der Herr bei uns sein. „Er wird euch festigen bis ans Ende“, schreibt Paulus an die Korinther, „so dass ihr schuldlos dasteht am Tag Jesu, unseres Herrn.“ Denn nur in ihm kann unser Leben und unsere Geschichte vollendet werden.

 

Advent also heißt: Die hungrigen Hände ausstrecken nach Gott. Sein Herz nicht selbst vollstopfen mit vergänglichen Dingen, sondern das Herz von Gottes Wort erfüllen lassen. Alles andere relativieren. Es ist letztlich nicht wichtig, ob ich dies oder das besitze, ob ich dies oder das im Leben erreiche, ob andere mich toll und beneidenswert finden, ob meine irdischen Wünsche erfüllt werden. Entscheidend ist doch, dass ich mehr und Größeres erwarte als alles, was die Welt mir bietet. Dass ich nicht ein Mensch werde, dem nichts mehr fehlt und dem doch alles fehlt. Denn wem nichts mehr fehlt, wer rundum satt und zufrieden ist – dem fehlt doch alles: der lebendige Gott, der allein unser Leben vollenden kann und zu dem macht, wozu wir geschaffen sind.

 

Im Advent üben wir diese Haltung ein: Erschütterung, Buße, Erwartung. Ja, jede Heilige Messe beginnt mit dem Schuldbekenntnis – Erschütterung über uns selbst. Das Bußsakrament lädt uns ein, uns von Gott neu ausrichten zu lassen und Vergebung zu empfangen. Und bei der Heiligen Kommunion strecken wir unsere Hände wie Bettler aus, hungrig nach Gott, hungrig nach unvergänglichem Leben. Das ist unsere adventliche Erwartung: Nur Gott wird unsere leeren Hände füllen und unser Herz bereit machen für sein Kommen.

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33. Sonntag im Jahreskreis

Mt 25,14-38

Gehalten in Osnabrück, Maria Königin des Friedens und in St. Pius 

 

Anna ist das Älteste von drei Geschwistern. Sie zeigt in der Schule eine hervorragende Begabung, vor allem für Sprachen und Literatur. Auch hat sie musikalisches Talent. Sie spielt Geige. Und sie findet Freunde. Das Gymnasium überfordert sie nicht. Sie macht ein super Abitur. Auch an der Uni, wo sie nun Wirtschaftswissenschaften studiert, entfaltet sie ihre Fähigkeiten. Sie darf auf eine gute Zukunft hoffen als Führungskraft. Ihre Eltern sind stolz auf sie.

Ihr Bruder Reinhard hat andere Begabungen. Mathematik und handwerkliche Fähigkeiten gehören zu seinen Stärken. In Sport macht er den anderen manches vor. Aufs Gymnasium geht er nicht, dafür macht er einen sehr guten Realschulabschluss und findet einen begehrten Ausbildungsplatz im Informatikbereich. Er kann sehr zufrieden sein. Und seine Eltern sind es auch mit ihm.

Und dann ist da noch der Klaus. Er tut sich in der Schule sehr schwer, ist nicht so talentiert und macht trotz Förderung kaum Fortschritte, schafft so gerade den Hauptschulabschluss. Von seiner Zukunft hat er nur vage Vorstellungen. Er hat viel Flausen im Kopf. Doch er ist hilfsbereit,  hat ein Gespür für Gerechtigkeit und ein Herz für andere. Er ist im Ruderverein, was ihm viel Spaß macht. Aber einen Ausbildungsplatz findet er nicht. Die Gesellschaft braucht ihn nicht. Hier und da ein Minijob. Er wird ausgenutzt von den Abzockfirmen. Bald lässt er sich hängen, sitzt nur vor seinen Computerspielen. Alkohol kommt dazu und schlechte Gesellschaft. Ein Schicksal von ganz vielen! Die Eltern sind ratlos.

So könnte man das Gleichnis zunächst verstehen.

Es scheint in ihr tatsächlich ungerecht zuzugehen. Die Begabungen sind ungerecht verteilt. Und wenn wir uns einmal hineinversetzen und hineinfühlen in den dritten Knecht oder in den Klaus, dann können wir die Angst des dritten Knechts nachvollziehen. Ihn hat das Schicksal offensichtlich benachteiligt. Er hat weniger abgekriegt. Wenn er sich mit den anderen vergleicht, mit Anna und Reinhard, wird er denken: die anderen sind schöner, klüger, reicher als ich. Das Leben ist ungerecht. Die anderen scheinen bevorzugt zu sein. Die Chancen sind ungleich. Wie lässt sich damit leben? Es ist die Erfahrung, die jeder Mensch machen kann, wenn er erkennt, dass andere es zu mehr bringen, talentierter, begabter sind, beliebter und attraktiver. Aus lauter Angst, die Forderungen des Lebens nicht zu erfüllen und nicht so zu sein wie andere, kann man sich am Ende selber verachten. Wie der dritte Knecht, der sein einziges Talent vergraben hat und damit sich selbst. Und aus lauter Angst will er nichts riskieren und kein Wagnis eingehen.

Aber ist es das, was Jesus sagen will? Der letzte Satz – die Moral von der Geschichte – erschließt den Sinn vielleicht schon besser: Wer hat, dem wird gegeben ... wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Nanu! Will Jesus zum Kapitalismus anleiten? Sollen die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden? Auch das ist Realität unserer Welt.

Aber auch damit ist das Gleichnis missverstanden. Jesus erzählt vielmehr ein Gleichnis vom Himmelreich und von seiner Wiederkunft. Und mit dem Wachsen der Talente ist wohl eher das Wachsen des Himmelreichs gemeint. Wenn der Herr wiederkommt, was findet er dann für eine Welt vor? Sind Glaube, Hoffnung und Liebe gewachsen?  Hat nicht jeder von uns Talente erhalten, um den Glauben weiterzugeben? Ist das Wort Gottes, ist der Glaube nicht das Talent, das Kreise ziehen, das Frucht bringen soll, damit das Reich Gottes wächst? Großes ist uns anvertraut! Gottes Wort! Wie gehen wir damit um? Wie sagen wir es weiter? Wie bezeugen wir es? Der eine hat vielleicht mehr, der andere weniger Glaubenskraft und Glaubensverständnis bekommen. Doch wir alle sind berufen, mit den Talenten zu wuchern, Glauben zu wecken. Die einen im Großen, die anderen im Kleinen, je nach unseren natürlichen Fähigkeiten. Man muss kein Thomas von Aquin oder Karl Rahner sein oder Edith Stein oder Dietrich Bonhoeffer. Man muss auch kein Priester sein. Jeder Christ, jede Christin trägt Verantwortung für das hohe Gut, das uns anvertraut wurde. Man kann Gottes Wort nicht für sich behalten. Es will bezeugt werden und Glauben wecken, Vertrauen schenken, andere Menschen befreien von der Angst um sich selbst, es will Trost schenken auch in Zeiten der Not. Gottes Wort ist das höchste Gut, das uns allen anvertraut wurde. Es ist das Wort, das uns Gemeinschaft mit Gott schenkt, eine Geborgenheit, die Leben und Sterben überdauert.

Doch nicht jeder ist sich dieser Verantwortung bewusst. Man kann dieses hohe Gut auch vergraben und verstecken, so dass es keine Frucht bringt. Der dritte Knecht ist gemeint. Uns wohl zur Warnung. Aus lauter Angst hat er es vergraben in einem Erdloch. Es ist nichts draus geworden. Kann es nicht auch uns so gehen? Wir erklären den Glauben zur Privatsache, verstecken ihn, verleugnen ihn und machen nichts daraus. Dann hat man nicht verstanden, was uns anvertraut wurde. Der Glaube kommt vom Hören. Niemand hat ihn aus sich. Er wurde uns anvertraut, damit wir ihn weitergeben, damit auch andere eine Perspektive der Ewigkeit bekommen. Aber manche Eltern betrügen ihre Kinder um diese Perspektive der Ewigkeit, um dieses Vertrauen in die Güte Gottes, ja um diese Gemeinschaft mit Gott. Vielleicht lassen sie ihr Kind noch taufen und feiern Weihnachten, aber ohne zu erschließen, worum es darin eigentlich geht. Dann wird der Glaube nur weitergegeben wie im verschlossenen Briefumschlag. Der Briefumschlag wird kaum geöffnet, die Botschaft kaum gelesen. Das anvertraute Gut bringt dann keine Frucht.

Unser Evangelium ist ein Gerichtsgleichnis. Wenn der Herr wiederkommt – wie wird er uns vorfinden? Welche Frucht haben wir gebracht? Wie haben wir den Glauben bezeugt durch Hoffnung und Liebe, die wir verschenkt haben? Am Ende wird sich zeigen, dass wir nur das behalten, was wir verschenkt haben. Und was wir ängstlich festgehalten haben, zerrinnt zu Nichts.

Nur im Glauben steht man recht vor Gott. Der Unglaube aber ist die äußerste Finsternis.

Es geht also darum, das Evangelium zu bezeugen, Nächstenliebe zu üben, Versöhnung anzubieten, Frieden zu stiften. Schon unsere Teilnahme am Gottesdienst ist ein Zeugnis des Glaubens. Jeder, der mitfeiert, stärkt dadurch die anderen im Glauben. Aber jeder, der fernbleibt, schwächt die anderen im Glauben. Und was sonntags gilt, gilt auch für das alltägliche Leben und Zusammenleben.

Der Herr wird uns am Ende sicher nicht fragen, warum wir nicht Mozart waren oder Paulus oder Marie Curie oder Einstein. Er möchte vielmehr, dass wir mit den Fähigkeiten, die wir bekommen haben – auch wenn es nur wenige sind -, diejenigen werden, die wir sind und als die Gott uns gedacht hat: nämlich seine Kinder, die nicht mehr aus Angst um sich selbst leben, aus lauter Angst, zu wenig vom Leben abzukriegen. Menschen also, die im Vertrauen auf diese Güte Gottes auch anderen die Gewissheit vermitteln, daseinsberechtigt zu sein und von Gott geliebt. Mehr als dieses Vertrauen braucht man nicht, um mit dem zu wuchern, was wir erhalten haben. Keiner muss seine Talente begraben. Jeder kann daraus etwas machen, wenn er nur Vertrauen in Gottes Wort hat.

Die Eucharistie lädt uns wieder ein, einzutreten in die Gemeinschaft mit Gott. Wir alle sind Bettler vor ihm. Wir können ihm bei der Kommunion nur unsere leeren Hände hinhalten. Und er füllt unsere leeren Hände und schickt uns nicht mit leeren Händen fort. Er schenkt uns seinen Sohn in unsere leeren Hände. Das ist das einzige wahre Talent, mit dem wir wuchern sollen. Denn ihm gehören wir.

Alles andere findet sich.

 

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32. Sonntag im Jahreskreis

Weish 6,12-16; 1 Thess 4,13-14; Mt 25,1-13

Osnabrück St. Pius

  

Zwei Fußballmannschaften treten gegeneinander an.

Zum Endspiel um die Weltmeisterschaft.

Es geht ums Ganze.

Die eine Mannschaft ist klug, hat rechtzeitig und ausdauernd trainiert. Sie hat sich fit gemacht für das große Endspiel.

Die andere Mannschaft aber hat das Training törichterweise vernachlässigt. Siegessicher ruht sie sich auf früheren Erfolgen aus. Feuchtfröhlich hat sie den Sieg im Halbfinale gefeiert. Müde und verkatert treten die Spieler zum Endspiel an.

Und so geschieht das Unvermeidliche. Die gut vorbereitete Mannschaft schießt ein Tor nach dem anderen. Abpfiff in der 90. Minute: 10:0 für die Durchtrainierten. Für die anderen ist alles zu spät. Der heiß ersehnte Pokal ist in unerreichbare Ferne gerückt.

So ähnlich, liebe Schwestern und Brüder, könnte man das Gleichnis aus dem heutigen Evangelium ins Heute übersetzen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!

Aber wie gesagt, es ist ein Gleichnis. Es geht ihm weder um Fußball, noch um eine altorientalische Hochzeit, bei der man mit einer Verspätung des Bräutigams rechnen musste, weil er mit den Eltern der Braut noch den Brautpreis aushandeln musste. Das konnte lange dauern. Darauf waren die törichten Jungfrauen nicht vorbereitet.

Nein, liebe Gemeinde, es geht um das Kommen des Herrn zu uns. Er ist der Bräutigam, der sich mit uns auf ewig vermählen will: neuer und ewiger Bund. Und ihn kann man verpassen wenn man nicht mit ihm rechnet und unvorbereitet ist.

Es geht also um den ganzen Ernst unseres Lebens. Wer von uns weiß denn schon, ob er nicht bereits im Finale seines Lebens steht?

Wir verdrängen diese Frage gern. Denn der Tod steckt uns zwar in den Knochen. Wir sind vergänglich. Früher oder später kommt das Finale. Es ist nur eine Frage der Zeit. Doch nicht nur der Tod, auch die Angst vor dem Tod steckt uns in den Knochen. Also besser nicht daran denken. So tun, als ob es immer so weiterginge wie bisher. Pustekuchen, sagt uns das Evangelium heute. Das ist dumm und töricht. Es kann ein Zu-spät geben. Man kann alles verspielen. Wer ohne Öl für sein Glaubenslicht vor der verschlossenen letzten Tür steht, der kann sie nicht mehr öffnen. Das wäre die Hölle. Denn Gott bleibt dann auf ewig unerreichbar. Damit aber bleibt auch unsere Voll-endung in unerreichbarer Ferne.

Bei der Entscheidung für oder gegen den Glauben, liebe Gemeinde, geht es also nicht um etwas letztlich Belangloses oder um eine religiöse Wellness, eine leckere Himbeersoße, mit der wir bei feierlichen Anlässen unser Leben garnieren. Bei der Entscheidung für oder gegen den Glauben steht alles auf dem Spiel. Es geht um Leben und Tod. Um Heil und Unheil. Ja, es geht um die Entmachtung unserer abgrundtiefen Angst um uns selbst durch eine Perspektive der Ewigkeit. Diese Perspektive kann nur Gott uns geben, wenn wir offen sind für sein Wort und uns darauf einlassen.

Wer aber den Glauben ablehnt, kann keine Perspektive der Ewigkeit haben. Sein Blick reicht nur für diese kurze Lebensspanne. Krampfhaft muss er alles Glück festhalten aus Angst, alles zu verlieren. Und er weiß nie, ob er nicht schon im Finale steht. Und er kann auch keine Hoffnung für seine verstorbenen Angehörigen  und Freunde haben. Für ihn ist mit dem Tod alles aus. Und den können wir nicht besiegen.

Etwas ganz anderes schenkt uns der Glaube an Christus. Denn er schenkt uns Gemeinschaft mit Gott. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man sich in Gemeinschaft mit Gott weiß oder nicht. Denn gegen unsere Gemeinschaft mit Gott kommt keine Macht der Welt mehr an, selbst der Tod nicht. Paulus bestärkt uns heute in dieser Hoffnung in der 2. Lesung aus dem Brief an die Thessalonicher: „Wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Verstorbenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen.“ Jesu Gemeinschaft mit Gott war so, dass auch der Tod sie nicht mehr zerstören konnte. Das meinen wir, wenn wir von seiner Auferstehung sprechen. Jesus aber hat auch alle, die an ihn glauben, hineingenommen in seine Gemeinschaft mit Gott. Er hat auch uns Gott zum Vater gegeben. Wir dürfen uns von Gott mit derselben unendlichen Liebe angenommen wissen, mit der Gott von Ewigkeit her seinem Sohn zugewandt ist. Darin besteht das ganze Geheimnis unseres Glaubens.

Deshalb brauchen wir nicht so zu trauern wie die anderen, die keine Hoffnung haben, die keine Perspektive der Ewigkeit haben. Aber auch ihnen sollen wir sie wünschen.

Tatsächlich muss der Christ an der Welt und an seinem Leben nicht mehr verzweifeln. Eben deshalb nicht, weil er die Welt nicht mehr vergöttern muss. Sie ist ihm nicht das ein und alles. Und er kann auch viel mehr Freude an allem Schönen in der Welt haben, weil er nicht mehr aus Angst lebt, alles zu verlieren. Die Gemeinschaft mit Gott kann man nicht verlieren. Auch nicht durch den Tod.

Doch dieser Glaube, liebe Schwestern und Brüder, muss gepflegt werden, damit er nicht erlischt. Er braucht Nahrung wie eine Öllampe Öl braucht, um nicht auszugehen. Oder wie unser leibliches Leben. Auch unser Leib braucht täglich gesunde Nahrung, um am Leben zu bleiben. Ebenso braucht auch der Glaube Nahrung. Diese Nahrung ist das Wort Gottes, das uns die Perspektive der Ewigkeit immer wieder neu schenkt. Diese Nahrung sind die Sakramente, in denen wir unsere Gemeinschaft mit Gott feiern. Es ist die Verzeihung unserer Schuld, die wir von Gott erbitten müssen. Diese Nahrung wirkt sich aus in unserem täglichen Beten, in dem wir auf Gottes Wort antworten, und in der Liebe und Großzügigkeit gegenüber unseren Mitmenschen. Denn wirklich lieben und sich verschenken kann man nur, wenn man nicht mehr unter der Angst um sich selbst lebt. Es ist die Angst, die uns egoistisch handeln lässt und die uns sogar unmenschlich machen kann. Doch der Glaube an Christus entmachtet diese Angst. Die Angst verschwindet auch im Glaubenden nicht, aber der Glaube ist dann stärker als die Angst.

Aber wenn wir unseren Glauben nicht pflegen, ihm keine Nahrung mehr geben, ihn verkümmern lassen, Gottesdienst und Gebet vernachlässigen, die gute Beichte immer  und immer wieder aufschieben – dann leben wir wieder wie die, die keine Hoffnung haben, dann verweltlichen wir wieder und verlieren das eigentliche Ziel unseres Lebens aus dem Blick.

Der Glaube an Christus erweist sich so als die wahre Weisheit sowohl im Hinblick auf dieses Leben als auch im Hinblick auf das ewige Leben. Es ist die Weisheit, die die törichten Jungfrauen nicht besaßen. Die 1. Lesung aus dem AT spricht von dieser Weisheit, die „strahlend und unvergänglich ist“. Sie wird uns mit dem Glauben gegeben. Und im Glauben betrachtet ist diese Weisheit Christus selbst, der in uns lebt und unvergänglich ist.

Mit dieser Weisheit ausgerüstet, verpasst man sein Kommen nicht, sondern kann ihm auch in den Widrigkeiten des Lebens, ja selbst unter den Kreuzen, die wir zu tragen haben, hoffnungsvoll entgegen gehen. Es ist die Weisheit, die uns auch das Finale unseres Lebens bestehen lässt. Denn wir können auch durch noch so viele Aktivitäten und Erlebnisse und selbst wenn wir 100 Jahre alt werden sollten, unser Leben nicht vollenden. Nur Gott kann unser Leben vollenden.

Wir feiern jetzt Eucharistie.

Das Abendmahl, die hl. Messe ist ein Vorausbild des ewigen Hochzeitsmahles,

wenn unser Bräutigam kommt, um den ewigen Bund einzulösen

und uns, seine Braut, heimführt durch die offene Tür in den Hochzeitssaal

und alle versammelt an einem Tisch

zum großen Fest

ohne Finale.

 

 

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Allerheiligen 2020

Predigt zu Offb 7,2-4.9-14

 

Gehalten in Maria Königin des Friedens

Osnabrück Sutthausen

 

 

 

„Eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen – niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm.“

Liebe Schwestern und Brüder,

wer sind diese Menschen in weißen Gewändern, die da vor dem Thron Gottes stehen? Es ist eine Himmelsvision des hl. Johannes. Er sieht bereits die Zukunft der Kirche im Himmel. Es ist ein Bild der Vollendung: weiße Gewänder, Palmzweige in den Händen. Ein Bild vollendeter Reinheit und Würde, großer Unschuld und Heiligkeit und überschwänglicher, feierlicher Freude. 

Die Kirche, die schon bei Gott in der Ewigkeit angekommen ist! Die vielen, die vor uns Jesus nachgefolgt und uns vorangegangen sind: Augustinus, Benedikt, Theresia, Franz von Assisi, Katharina, Edith Stein – um nur ein paar Namen zu nennen. Dazu die unzählige Schar der anderen. Und – wie wir hoffen – auch unsere Lieben, die wir gekannt, mit denen wir gelebt haben und die nun unsere Freunde im Himmel sein mögen.

Weiße Gewänder – Reinheit, Wahrheit, Klarheit spricht daraus.

Die Kirche des Himmels.

Doch die Kirche auf Erden?

Da scheint es einen Kontrast zu geben. Immer wieder kann man beobachten, wie die Medien auf die Kirche einschlagen. „Katholisch“ wird langsam zum Schimpfwort. Man erkennt in der Kirche die Gemeinschaft der Heiligen nicht mehr. In den vergangenen Jahren waren es die traurigen und beschämenden Missbrauchsfälle, die die Kirche befleckten und unendlich viel an Vertrauensverlust brachten. Jetzt ist es ein Kardinal in Rom, von dem man sagt, er habe keine weiße Weste und sei in einen Finanzskandal verwickelt und habe Geld veruntreut. Aber die Medienschelte nimmt uns alle als Kirche in Sippenhaft: Vertrauensverlust, Glaubwürdigkeitsverlust, Ansehensverlust. Irgendwie gehören wir natürlich auch alle durch die Taufe zusammen. Mit einem Mal aber scheint alles vergessen zu sein, was die Kirche seit Jahrhunderten für unsere Gesellschaft an sozialen Diensten tut, für Gesundheit, für Erziehung, für Bildung. An selbstlosem Dienst und Einsatz für die Schwächsten unserer Gesellschaft und weltweit für die Würde der Ärmsten der Armen. In Indien, in Lateinamerika habe ich es selbst erlebt: Es sind fast nur Christen, es ist nur die Kirche, die sich um die Armen kümmert, ihre Rechte einklagt, ihnen Würde gibt. Oder denken wir an die sinnstiftende Seelsorge in dieser orientierungslosen Gesellschaft. An Gebet und Verkündigung. An Vergebung in Situationen großer Schuld. An Trost in der Trauer durch Gottes Wort. Nur die Kirche trägt doch die Hoffnung weiter, dass unser Leben und unsere Geschichte in Gott vollendet wird.  Es gibt eben nicht nur Missbrauchstäter in der Kirche, nicht nur Vertuscher und zwielichtige Bischöfe und Kardinäle. Es gibt auch die Heiligen, die, die selbstlos dienen und das Evangelium leben.

Wenn unsere Botschaft ausstirbt und mit ihr die Hoffnung und das Vertrauen in Gottes Wort, dann werden wir eines Tages allein sein, allein mit unserer Vergänglichkeit, allein in unserer Angst und Verzweiflung, allein mit unseren Krankheiten, allein mit unserer Schuld, allein mit unserem Tod. Dann wird es aus sein mit der Himmelsvision, mit den weißen Gewändern, mit der Hoffnung auf Vergebung und Vollendung. Dann bleiben wir in unserem Fleischesrock, der die Spuren unseres Lebens trägt und am Ende zu Staub zerfällt.

Liebe Schwestern und Brüder, der Blick auf die Kirche des Himmels kann uns helfen, die Hoffnung und die Liebe zur Kirche auf Erden zu bewahren. Unser Kapital an Heiligen ist weit größer und bedeutsamer als unser Kapital an Geld. Wir sollten es nicht durch einen falschen Umgang mit dem Geld verspielen!

Als wir getauft wurden, wurde uns gleich nach dem Taufbad ein schneeweißes Kleid angezogen: „Du hast Christus angezogen“, sagte uns der Priester und „Bewahre diese Würde für das ewige Leben!“ Schon zu Beginn unseres Lebens wurde uns also gesagt, wozu wir gemacht sind: Um eines Tages mit dem weißen Taufkleid vor dem Thron zu stehen, zusammen mit der großen Schar aus allen Völkern. Und um zur Gemeinschaft der Heiligen zu gehören – auch schon hier auf Erden.

Was ist geschehen mit unserem weißen Taufkleid? Ist es noch leuchtend weiß wie am ersten Tag? Oder trägt es die Spuren unserer Wege, den Staub der Straße, den Schmutz unserer Irrwege und Abwege? Ist es befleckt und besudelt durch unsere Untreue? Und wenn ja, wie können wir es waschen, wieder zur ursprünglichen Reinheit bringen, damit man in uns als Kirche wieder die Gemeinschaft der Heiligen erkennt?

Wohl niemand kommt mit einer weißen Weste, mit leuchtend weißem Taufkleid durch dieses Leben. Wir wissen, dass wir hinter unserer Berufung zurückbleiben. Weil wir schwache Menschen sind und nur aus Gnade leben. Deshalb ist die heilige Kirche eine Kirche der Sünder. Das braucht man gar nicht zu glauben. Das weiß jeder. Und niemand kann sein Taufkleid wieder reinwaschen, sich selbst reinwaschen. Dazu fehlt uns das Waschmittel.

Und doch sind wir dazu gemacht, zu der großen Schar zu gehören, die einmal in weißen Gewändern vor dem Thron Gottes steht. Und wir sind dazu berufen, aus dieser Hoffnung zu leben und auf dieses Ziel hin unseren Weg zu gehen. Nur als Kirche Gottes wissen wir um dieses Geheimnis unserer Bestimmung.

Ja, das Waschmittel. Es liegt nicht in unserer Hand. Nur Gott kann es uns schenken. Nur er kann uns reinwaschen, uns heiligen im Sakrament der Buße und in den anderen Sakramenten unsere Christuswürde wieder erstrahlen lassen – wie am ersten Tag. Das heißt, sich heiligen lassen, die heiligmachende Gnade empfangen.

Die erste Lesung aus der Offenbarung des Johannes fährt dann fort in der Himmelsvision: „Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen?“, wird gefragt. Wie kommt es, dass diese Gewänder weiß sind? Das ist doch kaum zu glauben. Und die überraschende Antwort: „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Kleider gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.“ Klingt das nicht paradox: im Blut des Lammes weiß gemacht? Blut ist doch rot!

Dieses Blut des Lammes ist offenbar das Waschmittel, das einzige, das uns vor Gott in leuchtend weißen Gewändern erscheinen lässt. Das Blut, das Christus vergossen hat, um uns heimzuführen zu Gott. Er hat sein Blut vergossen, weil er in aller Anfeindung zur Wahrheit Gottes und zu seiner Botschaft gestanden hat. Er hat sein Leben hingegeben für uns. Sein Blut vergossen für so viele zur Vergebung der Sünden.

Tatsächlich schaut Gott uns nicht so an, wie wir es als einzelne und als Kirche verdient haben, angeschaut zu werden. Er schaut uns an, wie er von Ewigkeit her seinen Sohn anschaut. Dieser ist Mensch geworden. So kann Gott in jedem Menschen seinen Sohn wiedererkennen. Das Ansehen Gottes, nicht das Ansehen, das wir in der Gesellschaft haben, ist das, was uns heilig macht und uns jetzt schon verbindet mit der Kirche im Himmel, mit den Heiligen, die schon vollendet sind. In der Verbundenheit mit Christus, mit seiner Hingabe am Kreuz, die wir jetzt in der Eucharistie feiern, gehören wir schon hier auf Erden als die Sünder, die wir sind, zur Gemeinschaft der Heiligen.

 

 

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30. Sonntag im Jahreskreis

Ex 22,20-26; Ps 18; 1 Thess 1,5c-a0; Mt 22,34-40

Gehalten in Osnabrück St. Pius am 24. u. 25.10 2020

 

Gott lieben, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.

 

Liebe Schwestern und Brüder, wie geht das, Gott über alles lieben. Kein Mensch hat Gott je gesehen. Wie kann man jemand lieben, den man nicht sieht. Man kann ihm nicht um den Hals fallen, ihn an sich drücken und herzen, man kann ihm nichts Gutes tun. Und doch ist es das erste und wichtigste Gebot. Wie soll man es erfüllen?

Anders scheint es mit der Nächstenliebe zu sein, die ebenso wichtig ist. Man kann anderen Gutes tun, Kranke besuchen, sich in die Not anderer hineinversetzen, solidarisch sein, Geld spenden für die Armen, Böses mit Gutem vergelten. Man kann einen Menschen ganz besonders lieben, ihn heiraten und ihm die Treue halten ein Leben lang.

Aber Gott – wie liebt man ihn?

Denn wer ist denn nun dieser Gott, den wir über alles lieben sollen?

Vielleicht hat ja auch die Wirklichkeit der Welt damit zu tun, dass wir den falschen Gott lieben.

Hier kann uns Martin Luther weiterhelfen. Er hat bei uns Katholiken zwar nicht den besten Ruf; aber als Theologe hat er doch viele Richtiges gesagt. Es kann uns nachdenklich machen. 

Luther sagt: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ So gesehen liebt jeder Mensch seinen Gott: er kann sein Herz ans Geld hängen oder an Macht, er kann sein Herz an eine Person hängen und von ihr erwarten, dass sie den lieben Gott für ihn spielt, man kann Gesundheit für das ein und alles halten, man kann seine Karriere über alles lieben und so seine Familie zerstören, Fußball kann zum Gott werden genauso wie Sex, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, man kann den erreichten Lebensstandard um jeden Preis erhalten wollen, ja, man kann auch sich selbst zum Gott aufspielen. Sogar Religion, wie wir das durch den Islamischen Staat erlebt haben oder jetzt wieder bei dem Mord an dem Lehrer in Paris.

So kann jeder Mensch seinen Gott, seinen Götzen haben. Es sind diese Götzen, die uns hindern, wahrhaft menschlich zu werden, liebende Menschen zu sein und die Grenzen der eigenen Interessen und der eigenen Familie zu sprengen und zu überschreiten. Tief im Herzen kann die Angst sitzen, diesen Gott, an dem unser Herz hängt, zu verlieren. Unsere Knappheitsängste. Unsere Angst, zu wenig vom Leben abzukriegen. Es sind unsere Götzen, die uns egoistisch machen und an der Liebe zum Nächsten hindern.

In der zweiten Lesung haben wir gehört, wie Paulus die Christen in Thessaloniki dafür lobt, dass sie sich von den Götzen zum lebendigen und wahren Gott bekehrt haben. Dies kann man von jedem Christen erwarten: dass er keine Götter mehr hat, an die er sein Herz hängt und die er um jeden Preis bewahren will. Wer sich von diesen Götzen bekehrt, der beginnt damit, Gott über alles zu lieben. Götzen sind sie, weil sie nur etwas Irdisches, nur geschöpflich sind. Oft sind es Dinge, die Faszination auf uns ausüben. Und je faszinierender etwas oder jemand ist, umso leichter kann man sein Herz daran hängen, es mit Gott verwechseln, an Gottes Stelle setzen und sich davon alles mögliche Glück und Heil versprechen. Umso unglücklicher und verzweifelter ist man dann, wenn einem dieser Gott genommen wird. Götzen sind also Götter, die man erst haben muss, um sich dann auf sie zu verlassen. Sie sind nur ein Stück Welt. Den wahren und lebendigen Gott aber kann man nur so haben, dass man sich ihm anvertraut, mit Haut und Haaren. Und eben so liebt man Gott, indem man ihm Glauben und letztes Vertrauen schenkt.

Dass man Gott nicht sieht, ist gut. Denn ein Gott, den man sehen und anfassen kann, wäre ja wieder nur ein Stück Welt und deshalb gar nicht vertrauenswürdig. Ein Gott, den man sieht, ist ein Götze., ein Idol, ein Abgott. So kann jeder Mensch seinen Gott, seinen Götzen haben.

Denn Jesus nennt das Gebot der Nächstenliebe „ebenso wichtig“ wie das der Gottesliebe. Wenn aber Menschen an ihren Götzen hängen, dann haben sie Angst, sie zu verlieren. Sie sichern sich ab. Sie können egoistisch werden. Aus Liebe zu den Götzen kann der Mensch auch über Leichen gehen. Jeder denkt dann nur an sich, jeder liebt nur sich. Deshalb hängen die beiden Gebote aufs engst zusammen. Ohne Liebe zu Gott, ohne Abkehr von den Götzen kann die Welt nicht menschlich werden. Und eben darum ging es Jesus. Er wollte die Menschen zu Gott führen und dadurch menschlich statt unmenschlich machen. Wer sich Gott anvertraut, der kann auch lieben, weil er sich von Gott unendlich geliebt und angenommen weiß.

Jesus selbst war frei von diesen Götzen, an die man sein Herz hängen kann. Sein Herz hing am wahren Gott, den er seinen Vater nannte. Diese Gemeinschaft mit Gott machte seine ganze Freiheit aus, für andere da zu sein und sie zu lieben, selbst seine Feinde. Zu diesem Gott wollte er auch andere Menschen befreien. Denn die Götzen versprechen Glück, halten ihr Versprechen aber nicht. Wenn das Herz an Geld und Glück hängt, dann kann es sich nicht öffnen, dann kann es nicht weit werden, dann wird es zu Stein. Wer aber sein Herz an den Gott Jesu hängt, der wird frei von all diesen Götzen und wird ein liebender Mensch.

Wer aber ist mein Nächster? Ist es nur der Allernächste oder auch der Übernächste? Meine Banknachbarin – meine Nächste? Die türkische Familie nebenan – meine Nächsten? Die Drogis – meine Nächsten? Oder all die Menschen, mit denen wir am liebsten nichts zu tun haben? Für Jesus gibt es hier wohl keine Ausnahmen. Jeder kann mein Nächster sein und mein Nächster werden. Ja, jedem kann auch ich zum Nächsten werden. Und eben darauf kommt es wohl an. Nicht ich bestimme, wer mein Nächster ist, sondern der andere bestimmt mich zu seinem Nächsten und führt mich so in die Verantwortung.

Jesu Wort spricht uns deshalb an auf unsere Verantwortung füreinander, auf unsere Verantwortung für die Welt – eben für die Welt, die Gott so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn für sie hingegeben hat. Damit wir aus Unmenschen zu Menschen werden.

Wie geht das nun: Gott lieben und den Nächsten lieben? Es geht wohl nur so, dass wir zum Durchgang der Liebe Gottes werden, indem wir uns mit unserem Leben Gott anvertrauen. Indem wir glauben. Glauben heißt, sich von Gott mit derselben Liebe geliebt wissen, mit der Gott von Ewigkeit her seinen Sohn liebt. Indem der Sohn einer von uns wurde, liebt Gott in jedem von uns seinen Sohn. Das gilt ohne Ausnahme. Wer sich so hineingenommen weiß in das Gegenüber des Sohnes zum Vater, der wird sich auch verantwortlich wissen für den Nächsten und kann auch dem Fernsten zum Nächsten werden. Er versteht, dass Gottes Liebe unteilbar ist. Er versteht, dass Gottes- und Nächstenliebe nicht zwei Lieben sind. Und auch, dass Lieblosigkeit gegen Menschen und Lieblosigkeit gegen Gott nicht zwei verschiedene Lieblosigkeiten sind. Man kann das eine nicht ohne das andere tun.

In unserer Gesellschaft, in der sich zunehmend alles um andere Götter dreht, in der Geiz geil ist und wo vollmundig gerufen wird: „Ich bin doch nicht blöd!“, in der es deshalb immer mehr Ungleichheit gibt, Gewinner und Verlierer – da müssen wir es wohl wieder neu lernen und ausbuchstabieren, was es heißt, den Gott Jesu zu lieben und darin Verantwortung zu übernehmen und Solidarität mit den Verlierern, mit den Fremden und den Andersartigen zu leben. Es kommt eigentlich alles darauf an, dass man auch von uns sagen kann, was Paulus in der zweiten Lesung an die Gemeinde in Thessaloniki geschrieben hat: „Man erzählt sich überall ... wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten.“ Christen sind Menschen, die alles von Gott erwarten und erhoffen. Auch darin besteht die Liebe zu Gott.

Wenn wir jetzt Eucharistie feiern, liebe Gemeinde, dann wird das Kreuzessopfer Jesu unter und lebendig, seine Liebe zu Gott, die ihn befähigte, aus Liebe zu den Menschen sein Leben zu verschenken. Hier empfangen wir den Sohn als Gabe Gottes in unsere leeren Hände. Gott selbst schenkt sich in unsere Hände und in unsere Herzen. Denn Christus will in jedem Menschen wohnen und in jedem Menschen entdeckt und gefunden werden.

 

 

 

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29. Sonntag im Jahreskreis

Predigt zu Mt 22,15-21

Gehalten in Osnabrück, St. Pius am 17. U. 18.10.2020

„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört!“

Aber was, liebe Gemeinde, gehört denn nun dem Kaiser? Und was gehört Gott? Und gehört nicht alles Gott, auch der Kaiser?

Sind das überhaupt Fragen, die uns heute noch bewegen? Gott ist doch nach Friedrich Nietzsche schon lange tot. Und der Kaiser hat kurz danach abgedankt. Also gehört alles uns.

In der Tat: Die Neuzeit inthronisierte den Menschen als autonomes, selbstbestimmtes Subjekt. „Aufklärung“, schreibt Immanuel Kant, „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündig­keit.“

Wer von uns könnte Kant hier widersprechen wollen? Es gehört zu den großen Errungen­schaften der Geistes- und Freiheitsgeschichte, den Menschen als eigen­ständiges Sub­jekt aus den Fesseln alter Abhängigkeiten befreit zu ha­ben. Frei­heit des Geistes, Freiheit der Wissenschaft, Freiheit der Kunst, Befreiung der Frau - um nur einige der Ergebnisse dieser menschlichen Selbstemanzipation zu nennen. Der Begriff der Autorität wird verdächtig - Autorität der Kirche, Au­torität des Staates - und der Kritik unterzogen - bis hin zu Friedrich Nietzsches Proklamation des Todes Gottes.

So hat der Mensch sich sein Schicksal selbst in die Hand gegeben. Er ist aufgewacht aus dem Halbschlaf des Mittelalters, aufgewacht zu sich selbst. Emanzipa­tion, Selbstbestimmung, Autonomie sind die neuen Werte, mit denen er seine Welt zu gestalten unternimmt.

Der Mensch wollte sich selbst gehören.

Doch gehört er wirklich noch sich selbst? - Oder ist er sich nicht schon selbst wieder entglitten? Gibt es nicht längst neue Kaiser?

Wo ist es geblieben, das stolze und aufgeklärte Sub­jekt Mensch? Hat er sich, kaum ist er den vielen einengenden Flaschenhälsen von Erziehung, Elternhaus, Kirche in die Freiheit entronnen, schon wieder in einem Spinnenge­webe verfan­gen, gegen das es noch keine Philosophie gibt?

Mit anderen Worten: Gehört der Mensch noch sich selbst, oder ist er längst wie­der zum Spiel­ball anderer Mächte geworden? Wohin ist der Mensch in unserer informier­ten, aufgeklärten, mobilen, verwalteten, digitalisierten Gesellschaft? Wem ist er schon wieder in die Hände gefallen?

An den Rändern des Lebens, vor der Geburt und vor dem Sterben, entzündet sich bereits die Dis­kussion. Ist der kranke und hinfällige Mensch oder der Mensch vor der Ge­burt, wirklich noch als Sub­jekt an­zusehen? Ist er nicht schon längst zum Objekt willkürlichen Handelns geworden?

Bewusst wird uns der neue Zerfall des Subjekts viel­leicht nur in bestimmten Le­benssituationen: Wenn einer alt ge­worden ist und im Pflegeheim aufbewahrt wird. Oder im Ar­beitsamt, wenn er darum betteln muss, arbeiten zu dürfen. Oder als gläserner Mensch, dessen Daten bis ins Intimste gespeichert sind. Wer beherrscht die Welt heute?

Verschwörungstheoretiker sind dabei, uns einzureden, der Staat hätte die Corona-Pandemie erfunden, um eine neue Diktatur errichten. Doch dem ist nicht so. Nicht mehr der Staat gebärdet sich totalitär - er erscheint eher schwach und wie ein Getriebener - aber die Finanzmärkte und ihre heiligen Gesetze und die sozialen Netzwerke beherrschen die Welt. Der Markt ist die neue Totalität, die sich des Menschen bemächtigt hat. Seine unerbittlichen Gesetze teilen die Menschen auf in arm und reich, in entwickelt und unentwickelt. Sie ge­ben den Menschen Arbeit oder enthalten sie ihnen vor, ganz nach Gutdün­ken, wie ein ab­soluter Herr, der seine Entscheidungen mit dem Würfel trifft. Die Gesetze des Marktes beherr­schen alle Lebensbe­reiche, beeinflussen un­sere Entschei­dungen in beträchtlichem Maße. Sie erschei­nen uns wie Na­turgesetze: Der Dollarkurs, die Kon­junktur, das Zinsniveau, die Ratingagentur - Mächte, die über uns walten und uns hoffentlich gnädig sind und unsere Sparkonten un­geschoren lassen.

Und schließlich. Wer ist der einzelne noch in diesem System? Wie ohnmächtig kann man sich fühlen vor den immer unübersichtlicher werdenden Strukturen? Wer blickt noch durch durch die Zusammenhänge der Finanzkrisen? Der einzelne Mensch verschwin­det in den Datenbanken, unser Schicksal hinter ei­ner Personenkennziffer, unser Erspartes verliert an Wert. Werden wir nicht immer gläserner? Immer durchschauba­rer? Haben Facebook und die Werbeagentu­ren und Beate Uhse nicht schon alle Bedürfnisse des Menschen bis in die Schlafzimmer hinein durchleuch­tet? Wird der Mensch nicht immer geheim­nisloser und damit leerer? Ist seine Sehnsucht nicht durch geschickte Ver­kaufspsychologie ver­wandelt in Hab­sucht, in die Gier nach immer mehr Haben? Und in die Angst, alles zu verlieren.

Liebe Gemeinde, das intensive Nachdenken darüber kann be­ängstigen. Aber es ist notwendig. Und viel­leicht kann es auch anregen, dass wir uns fragen: Warum passiert das immer wie­der? Warum ent­gleitet sich der Mensch? Er hat den Wunsch, sich selbst zu gehören und wacht doch immer in fremden Händen wieder auf.

Das heutige Evangelium spricht auch von uns. Es möchte einen Aus­weg zeigen. Beherrschende Macht der da­maligen Zeit war der römische Kaiser. Er war nicht nur politische Autori­tät, son­dern er wurde – ähnlich wie heute die allmächtige und allgegenwärtige Börse - wie ein göttliches Wesen verehrt. Seine Herrschaft reichte über­allhin, auch nach Palästina. Als Besatzungs­macht ver­langten die Römer von den Juden die Entrichtung der kaiserlichen Steuer. Ob das in Einklang mit dem Gesetz der Juden stand, wurde kontrovers diskutiert. Zwei verfeindete Gruppen tauchen im Evangelium auf: die Pharisäer und die He­rodianer. Die Pharisäer waren die jüdischen Fundamentalisten. Sie sahen in der Steuerzahlung einen Verrat am jüdischen Glauben. Denn nur der Gott Is­raels durfte verehrt und angebetet werden. Die Steuerzahlung war in ihren Augen eine Anerkennung des Herrschaftsanspruchs der Cäsaren. Die Herodianer hin­gegen waren die Realos der jüdischen Ge­sellschaft und un­terstützten die romfreundliche Politik des korrupten Königs Herodes. Sie erlaubten die Steuer. Diese unter sich verfeindeten Gruppen nun sind sich einig in ihrer Feind­schaft gegenüber Jesus. Sie wollen ihn in eine Fangfrage verstricken: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen? Wie Jesus auch antwortet, er wird falsch ant­worten. Denn entweder erlaubt er die Zahlung und das Sich-einlassen mit der heidnischen Macht. Dann kann man ihn der Got­teslästerung überführen. Er verstieße dann ge­gen den jüdischen Glauben, der allein die Herrschaft Gottes anerkennt. Oder er erklärt die Steuerzah­lung als unvereinbar mit dem Glauben. Dann können ihn die Kaisertreuen bei der Besat­zungsmacht als unloyalen Unterta­nen wegen Hochverrat anzeigen.

Der Herr aber durchschaut die lebensgefährliche Tücke der Frage. Er lässt sich die Steuermünze zeigen. „Wessen Abbild ist das“? Des Kaisers. Wessen Abbild auf einem Gegenstand zu sehen ist, dem gehört nach damaligen Verständnis dieser Gegenstand. Dann gebt die Münze doch dem Kaiser, wenn dort sein Abbild aufgeprägt ist. Sie gehört ihm doch.

Aber beim Wort „Abbild“ klingelt es sofort ganz laut in jüdischen Ohren. Man denkt spontan an die Schöp­fungsgeschichte: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild“ (Gen 1,27). Gottes Abbild ist auf dem Menschen, ist seinem Antlitz bleibend aufgeprägt. Also gehört der Mensch nicht dem Kai­ser. Er ge­hört Gott. „Also gebt Gott, was Gott gehört" - nämlich den Menschen! Der Kaiser hat kein Anrecht auf den Menschen. Gott aber sehr wohl.

Das Evangelium sagt uns also: Wenn der Mensch sich Gott entzieht, wenn er nicht mehr Gott ge­hört, dann wird er zum Spielball aller möglichen Mächte - da­mals vor al­lem des Kaisers. Das Evangelium bestreitet im Grunde je­der irdischen Macht den Totalitätsanspruch auf den Menschen, auch dem Men­schen selbst. Er darf sich nicht zum Gott machen über seine Mit­menschen.

Das Evangelium möchte den Menschen allen ihn verskla­venden Mächten aus der Hand reißen. Doch gelingt das nur, wenn der Mensch sich Gott in die Hände gibt. Oder anders gewendet: Kein Mensch kann sich selbst gehören, wenn er nicht Gott gehört.

Wahre menschliche Autonomie, wie Jesus sie gelebt hat, ist auch vom Programm der Aufklä­rung nicht zu erreichen. Jesus war in einzigartiger Weise frei und selbstbestimmt, weil er sich in ebenso einzigartiger Weise zu Gott gehö­rig wusste. Keiner Macht war er untertan und von keiner Autorität, auch keiner religiösen, ließ er sich er­pressen, weil er mit dem unbegreiflichen Geheimnis, das wir Gott nennen, so ver­traut war, dass er es "Vater" nannte. Ihn zu verlieren, treibt den Menschen in das Unheil und in die Abhängigkeit aller möglichen Mächte. Denn erst stirbt Gott, dann stirbt der Mensch.

Liebe Gemeinde, so kann der Mensch, so können wir wohl nur in einer lebendi­gen Vertraut­heit mit unserem Gott uns selbst gehören. Das deutlich zu machen, ist dann wohl auch der Dienst, den wir als Kirche und als Gemeinde un­seren Mitmenschen und unserer Gesellschaft und einem zukünftigen Europa schulden: Ein Ort zu sein, an dem nach dem Tod Gottes vom lebendigen Gott, der uns liebt, er­zählt wird.

Unschätzbar scheint mir dieser Dienst heute zu sein für eine Gesellschaft, die unseren Gott weit­gehend ver­gessen hat, die ihn nicht mehr anbetet und in der der Mensch zum Spielball neuer heidnischer Götter wird in dem Wahn, frei zu sein und alles im Griff zu haben.

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, konstituiert uns zu Christi Leib, zu seiner Präsenz in dieser Welt, zu seinem Abbild. Wir lassen uns hineinnehmen in die anbetende Bewegung des Sohnes zum Vater. Denn nur, wer den Gott Jesu anbetet, kann auch die versklavenden Götzen unserer Zeit lästern.

 

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28. Sonntag im Jahreskreis

Jes 25,6-10a; Ps 25; Phil 4,12-14.19-20; Mt 22,1-14

Gehalten in Osnabrück, St. Johann am 11.10.2020

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Unser heutiges Gleichnis hat viele Ungereimtheiten. Zuerst: Die Gäste weigern sich beharrlich und ohne Entschuldigung, die Einladung des Königs zur Hochzeit anzunehmen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Einladung in den Buckingham Palace zur Hochzeit von Harry und Megan erhalten. Hätten Sie abgelehnt? Also ich wäre mit Sicherheit gegangen.

Dann: Als die Geladenen erneut ablehnten und einige sogar über die Diener des Königs herfielen und sie töteten, da entbrennt der Zorn des Königs. Er lässt sein Heer die Stadt in Schutt und Asche legen. Hier spielt das Evangelium mit Sicherheit auf die Zerstörung Jerusalems an. Denn das Matthäusevangelium ist nach dem Jahre 70 entstanden und stand schon unter dem Schock der Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Aber die Ungereimtheit besteht darin, dass im Gleichnis alles an einem Tag geschieht. Aber selbst ein Blitzkrieg braucht Tage und Wochen. Haben sich während dieser Zeit die Hammelspieße weitergedreht? Oder wurde die Hochzeit verschoben?

Und schließlich, woher sollten der Gast ohne Hochzeitsgewand und auch die anderen Gäste so schnell ein Festkleid hernehmen, wenn sie von der Straße weg zum Fest geholt wurden? Manche Ausleger vermuten eine altorientalische Sitte, wonach der Gastgeber den Gästen bei der Ankunft ein Festgewand schenkte. Der Gast ohne Festkleid hätte es dann abgelehnt. Doch diese Sitte ist für das 1. Jahrhundert nicht belegt. Und ist die Strafe nicht unverhältnismäßig und ungerecht für einen Verstoß gegen die Kleiderordnung? Offenbar geht es nicht um ein äußeres Gewand, sondern um ein inneres Kleid. Wir sollen Christus anziehen wie ein Kleid.

An diesen Ungereimtheiten sehen wir, dass es nicht um eine Begebenheit geht, die sich tatsächlich so abgespielt hat. Es ist ein Gleichnis vom Himmelreich, das Jesus den Hohenpriestern und den Ältesten erzählt: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.“ Die Heilsgeschichte im Zeitraffer. Die Propheten, die die Einladung Gottes zum Hochzeitsmahl ausrichten und auf taube Ohren stoßen. Die Apostel, die dieselbe Einladung ausrichten und dafür verfolgt, misshandelt und umgebracht wurden und werden. Zur Zeit des Matthäusevangeliums gab es schon Christenverfolgung auch in Palästina. Vielleicht spielt das Gleichnis auch auf das Schicksal Jesu an. Die Ältesten des Volkes und die Hohepriester haben ihn und seine Einladung in die Gemeinschaft mit Gott abgelehnt und am Ende umbringen lassen. Das Gleichnis hält ihnen den Spiegel vor.

Die biblischen Gleichnisse sprechen immer auch von uns. Ja, und wer bin ich darin? Wer sind wir? Die ausgesandten Diener des Königs? Die Geladenen, die sich weigern zu kommen? Der Gast ohne Hochzeitsgewand, der hinausgeworfen wird? Spiegelt das Gleichnis auch unsere Wirklichkeit wider? Findet es nicht auch heute statt?

Ja, wer sind wir in diesem Gleichnis? Können wir uns in den ausgesandten Dienern des Königs wiedererkennen? Sie richten die Einladung Gottes zum Festmahl aus. Ja, wir Christen sind die ausgesandten Diener. Wer sonst? Doch wie bringen wir die Einladung rüber? Sind wir einladend? Machen wir verständlich, worum es in dieser Einladung geht? Nämlich um Heil und Unheil? Können die Menschen aus dem ganzen orientierungslosen Zustand unserer Kirche noch die Einladung Gottes überhaupt vernehmen? Worum geht es denn im Glauben? Doch wohl um die Einladung in die Gemeinschaft mit Gott, um die große Verheißung über unser Leben. Glauben wir das überhaupt noch, wozu wir einladen sollen? Müde, abgeschlafft, ohne Elan, ohne Herzblut, sterbend – so sieht die Wirklichkeit unserer Kirche in Deutschland aus. Aus dem Glauben werden religiöse Banalitäten gemacht, dummes Zeug. Gottes Wort ist nicht mehr hörbar. Nur noch Diskussionen um Strukturfragen. Davon kann niemand leben. Und sie verbürgen kein ewiges Leben. Wer soll uns denn noch zuhören?

Dann die Geladenen. Eigentlich sind das alle Menschen. Aber auch wir, die Überbringer der Einladung, sind Geladene. Sonst säßen wir nicht hier. Im Gleichnis kümmern sich die Eingeladenen nicht um die Einladung. Sie sagen nicht einmal höflich ab. Der eine ging einfach auf seinen Acker, der andere in seinen Laden. Das alltägliche Leben. Offenbar verstehen sie nicht, worum es in der Einladung geht. Sie schließen sich ein in ihre Welt., sind sich selbst genug. Vielleicht meinen sie, die Vollendung ihres Lebens in diesem alltäglichen Leben mit seinen Höhen und Tiefen zu finden. Sie verstehen nicht, wozu der Mensch gemacht und gerufen ist: in die Gemeinschaft mit Gott in alle Ewigkeit. Der hl. Thomas von Aquin definiert den Menschen als desiderium ad videndum Deum, als Sehnsucht, Gott zu schauen. Denn nichts Irdisches kann unser Leben vollenden. Jeder stirbt unvollendet und also vollendungsbedürftig. Und wenn er sich von Gott abschneidet, dann ist der Tod seine letzte Gewissheit. Erwiesenermaßen!

Einige der Geladenen fielen schließlich über die Diener des Königs her, misshandelten sie und brachten sie um. Auch das gibt es in unserer Gesellschaft: Hass auf die Kirche, Hass auf alles Christliche. Viele strampeln sich los von ihrer christlichen oder eher christentümlichen Erziehung. Was haben sie nur herausgehört aus der Einladung? Was ist rübergekommen? Nur Sexverbote? Oder ist es auch echter Unglaube, Misstrauen gegenüber Gott?

Das Gleichnis zeigt uns, dass Gott barmherzig ist. Aber er ist auch zornig . Im Gleichnis lässt der König die Stadt in Schutt und Asche legen. Was sagt das von Gott? Es sagt uns, dass, wer sich von Gott abschneidet, am Ende den Kürzeren zieht: Man hat dann keine Perspektive der Ewigkeit, man bleibt dann dem eigenen Schicksal ausgeliefert. Und das ist immer Tod und Verderben. Im Tod geht für jeden die Welt unter. Keine Hoffnung auf die Vollendung im Festmahl Gottes, das Gott für alle Völker bereiten will. Das ist die Hülle, die alle Völker verhüllt, wie es in der 1. Lesung hieß. Gott will diesen Nebelschleier vertreiben, der über der Welt liegt, nämlich den Schleier der Gottferne, der uns einschließt in uns selbst. Er will uns befreien aus der Hölle, die wir selbst uns bereiten. Im Unglauben betrachtet ist die ganze Welt ein Gleichnis der Hölle. Auch alles Schöne, alles Glückliche im Leben kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass am Ende alles im Tod endet, in Schutt und Asche.

Doch der König im Gleichnis weitet seine Einladung noch einmal aus. Er schickt die Diener an die Kreuzungen der Straßen, also an die Peripherien, an die Ränder Gesellschaft. Alle sollen kommen zum Fest. Ja, Gott hat seinen Sohn gesandt. Die Einladung gilt jetzt allen Völkern, der ganzen Menschheit. Nur in Gemeinschaft mit Gott, nur wenn wir seine Einladung annehmen, seinem Wort vertrauen, wird auch die Welt zum Gleichnis des Himmels, nämlich alles Gute, das wir erleben. Und alles Schreckliche und Schwere, das wir auch erleben, ja selbst Krankheit und Tod können uns nicht die Gewissheit nehmen, dass alles und jeder von uns in Gott vollendet werden soll. Das Fest findet statt! Gott will jeden von uns in seine Gnade einwickeln, in die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn und uns zu sich führen. Alles hängt daran, dass wir uns diese Einladung, diese Verheißung, diese Gewissheit schenken lassen. Als Hochzeitskleid!

Glauben und Unglauben verhalten sich zueinander wie Leben und Tod, wie Heil und Unheil. Das ist erschütternd und zugleich tröstlich für jeden, der glaubt. Erschütternd für den, der ohne Hochzeitsgewand sich eingeschlichen hat, offenbar im Unglauben. Wie eine unwürdige Kommunion. Nur der Glaube macht gerecht und würdig vor Gott. Man kann Gott nur im Glauben begegnen. Nicht im Unglauben. Dann ist Heulen und Zähneknirschen.

Wir sind jetzt zur Eucharistie versammelt. Wir sind der Einladung gefolgt. Die Eucharistiefeier ist bereits das Abbild des himmlischen Hochzeitsmahls. Hier will der Herr uns begegnen als Bräutigam der Kirche. Er tut das, was ein Bräutigam halt tut: Er schenkt seiner Braut, der Kirche, seinen Leib, voller Liebe. Wer ihn gläubig aufnimmt, ist richtig gekleidet: Gott sieht dann in uns seinen Sohn. Wer an ihn glaubt, hat schon ewiges Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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25. Sonntag

Jes 55,6–9; Ps 145; Phil 1,20ad–24.27a; Mt 20,1–16

Gehalten in Osnabrück, Maria Königin des Friedens

am 19.9.2020

 

„Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“

Liebe Schwestern und Brüder,  das Auge wird böse, wenn man neidisch ist. Und zum Neid gibt es viele Gelegenheiten. Es wird immer Menschen geben, die besser gestellt sind als ich, die reicher sind, schöner, begabter, erfolgreicher, gesünder. Muss mein Auge dann böse werden?

Der Herr erzählt ein Gleichnis vom Himmelreich. Mit dem Himmelreich ist es wie mit ... Ja, womit? Jesus wählt ein Beispiel aus der Arbeitswelt zu seiner Zeit, von der Weinlese. Ein Denar wird mit den Arbeitern frühmorgens für den Arbeitstag vereinbart. Ein Denar war der übliche Lohn für Tagelöhner. Es war das Existenzminimum, das also, was man brauchte, um nach Feierabend mit Frau und Kindern satt werden zu können. Ein Denar war die ganze Sicherheit.

Am Abend, nach getaner Arbeit, bei der Lohnauszahlung, geschieht nun das Unfassbare: die Männer, die nur eine Stunde gearbeitet haben,  die Kurzarbeiter, bekommen bei der Lohnauszahlung nicht ein Zwölftel des Denars, sondern einen ganzen Denar. Die, die den ganzen Tag geschuftet hatten, dachten wohl bei sich, sie bekämen mehr, vielleicht 11 oder 12 Denare. Aber nein – auch sie bekommen – wie vereinbart – den einen Denar. Kein bisschen mehr.

„Ungerecht!“ könnte man rufen. Man kann aber auch „barmherzig!“ sagen. Denn wenn die letzten nur ein Zwölftel vom Denar bekommen, dann gibt es nichts zu essen. Der Weinbergbesitzer sorgt dafür, dass auch sie das Notwendige zum Leben bekommen.

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit lassen sich nur schwer vereinbaren. Wer absolut gerecht sein will, der kann nicht barmherzig sein. Und wer ganz und gar barmherzig sein will, der kann nicht gerecht sein. Man kann in diesem Leben wohl beides nur unvollkommen verwirklichen. Gerechtigkeit ist etwas Einklagbares. Darauf hat man einen Anspruch. Auf Barmherzigkeit hat man keinen Anspruch. Sie ist Geschenk, Gabe, Gnade. Sie muss frei gewährt werden.

Jesus wollte nicht die Gerechtigkeit aushebeln. Er wollte auch nicht ein neues Arbeitsrecht formulieren, etwa so: Kurzarbeitergeld darf nicht geringer sein als der Lohn derer, die Vollzeit arbeiten. Denn Jesus ging es um das Himmelreich.  Dort gelten andere Maßstäbe – nicht unsere.  Der Herr erläutert seinen Jüngern vielmehr, wie Gott an uns handelt. Er macht seine Güte nicht abhängig von unserer Leistung.  Das war eine weit verbreitete Auffassung gerade unter den damaligen Pharisäern. Die Menschen, die es nicht schafften, sich an alle religiösen Gebote zu halten, hätten kein Ansehen bei Gott. Verständlich, dass Jesus Wut und Neid bei ihnen hervorrief. Ihr Auge wurde böse, wenn sie die Botschaft Jesu hörten. Wenn die Gesetzlosen bei Gott das gleiche Ansehen haben wie sie, die ihr ganzes Leben in den Dienst Gottes gestellt haben – ja, dann ist Gott nicht gerecht.

Jesus aber erläutert seinen Jüngern nur, was bereits in der Bibel steht: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ So haben wir es in der 1. Lesung gehört. So ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ein Gleichnis vom gütigen Arbeitsherrn., ja, vom gütigen Gott.

Man muss sich also davor hüten, unser Leistungs- und Gerechtigkeitsdenken auf Gott zu projizieren. Die Verdienstlichkeit eines Lebens hängt nicht von seiner Dauer ab, als würden Heilige, die sehr alt geworden sind, auf einen höheren Platz im Himmel rücken als andere, die nur ein kurzes Leben hatten. Oder als würden Christen, die sich in der Kirche besonders lange engagiert haben, vor Gott besser dastehen als andere und Anspruch auf einen höheren Lohn haben. Vor Gott hat niemand einen Anspruch! Und dass Gott uns liebt, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist reine Güte und Gnade.

Natürlich könnte jetzt ein engagierter Christ fragen: Warum setze ich mich noch besonders ein im Weinberg Gottes, wenn ich dadurch vor Gott nicht besser stehe. Wer so fragt zeigt, dass er denkt wie die Pharisäer. Aller Einsatz in der Kirche hat doch nur den Sinn, auch anderen die Botschaft vom allgütigen Gott zu vermitteln. Die Weitergabe des Glaubens ist das größte Werk der Liebe überhaupt. Denn nur der Glaube an den allgütigen Gott befreit die Menschen von der Macht der Angst um sich selbst. Nur dieser Glaube macht Menschen auch zu engagierten Christen, die von der Güte Gottes erzählen und Vertrauen in sie haben – in Glück und Unglück, im Leben und im Sterben.

Es geht also immer um den einen Denar, liebe Schwestern und Brüder, um dieses Geldstück, das zum Überleben reicht. Jeder bekommt den einen Denar. Keiner bekommt zwei oder drei oder gar zwölf. Diese Gabe lässt sich nämlich nicht steigern. Sie ist unüberbietbar: die Gabe Gottes. Der Denar ist die Gabe der Gemeinschaft mit Gott. Etwas Größeres kann nicht gedacht werden und kann es auch nicht geben. So ist Gott, so gütig! Er schenkt sich selbst.

Es ist diese Gemeinschaft mit Gott, aus der wir leben sollen. Gemeinschaft mit Gott kennt keine unterschiedlichen Grade. Sie ist unüberbietbar und unbegreiflich wie Gott selbst.

Unser Gleichnis ist ein Gleichnis vom Himmelreich, also von der Gemeinschaft mit Gott. Und dieses Himmelreich beginnt schon hier wo wir unsere Maßstäbe verändern und die Güte weiterschenken, die Gott uns schon geschenkt hat. Sie wird dann auch nicht weniger. Der hl. Paulus sagt das in der 2. Lesung so: „Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium entspricht.“ Das Gleichnis vom gütigen Arbeitsherrn zeigt uns, was dem Evangelium entspricht. Und nur mit diesem Evangelium kann auch die Welt gerechter und barmherziger werden, eben menschlich statt unmenschlich.

Jetzt feiern wir Eucharistie. Der Herr verschenkt sich an alle. Er ist der eine Denar. Und alle sollen satt werden.

 

 

 

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19. Sonntag im Jahreskreis

Predigt zu Mt 14,22–33

Gehalten in Osnabrück, St. Pius

am 9. August 2020

 

Liebe Schwestern und Brüder?

Konnte Jesus tatsächlich physisch übers Wasser laufen?

Natürlich nicht. Er war weder ein Zauberer, noch hatte er übermenschliche Fähigkeiten. Der Sohn Gottes, so sagt es die Heilige Schrift und das heilige Dogma der Kirche, ist in allem uns gleich geworden – außer der Sünde. Er hatte also keine übermenschlichen Fähigkeiten. Er war kein Übermensch, sondern wahrhaft Mensch, ein Mensch wie wir, doch so wahrhaft, wie wir es niemals sein werden. Als solcher war er göttlich, war und ist er Gottes Sohn. In seinem wahren Menschsein strahlt uns Gott selber auf. Sein wahres Menschsein lichtet das Dunkel auch unserer Zeit.

Warum aber schreibt der Evangelist, Jesus sei über den vom Sturm aufgepeitschten See gegangen?

Hier ist Übersetzung gefordert. Denn das Evangelium stammt aus einer fernen Zeit und Kultur. Es gebraucht deshalb auch literarische Stilmittel seiner Zeit. Sie muten uns heute mythologisch an. Deshalb muss man solche Texte übersetzen in unsere Zeit.

Das Evangelium ist ein Glaubenszeugnis. Es will uns nicht informieren, sondern zum Glauben an Christus rufen. Und so ist die geheimnisvolle Geschichte, die wir heute gehört haben, auch eine Geschichte über uns. Sie möchte uns im Glauben bestärken, aus Kleingläubigen Glaubende machen. Sie möchte unsere Angst in Vertrauen in Gottes Wort verwandeln.

Die Corona-Pandemie ist weltweit. Sie macht uns wieder bewusst, dass wir alle, die ganze Menschheit, in einem Boot sitzen. Wie damals die Jünger. Auch sie sind allein. Jesus ist nicht dabei. Und dieses Boot ist weit weg vom rettenden Ufer und wird im Sturm von den Wellen hin und her geworfen. Wohin fahren wir? Dazu kommen noch die vielen anderen Bedrohungen: das Klima, das neu eingesetzte Wettrüsten, die Katastrophen wie die in Beirut; dann die Sorgen und persönlichen Ängste, die jeder einzelne von uns haben kann. Alles wankt und schwankt. Die ganze Menschheit sitzt in diesem Boot, hin und hergeworfen in aufgepeitschter See mitten im Dunkel, im bedrohlichen Auf und Ab der Wellen, in den Höhen und Tiefen des Lebens. Wird das Meer uns verschlingen und uns hinabziehen in die Abgründe der Sinnlosigkeit? Sind wir gottverlassen unserem Schicksal ausgeliefert?

Es ist diese Situation der Hilflosigkeit und Verlorenheit, auf die uns das heutige Evangelium anspricht. Es will auch in dieser Situation frohe Botschaft sein, mitten in den Krisen unseres Lebens und in den Krisen der Menschheit. Es will uns Mut machen, die Überfahrt zu bestehen.

Im Grunde ist unsere Geschichte eine Ostergeschichte, eine nach Ostern vor Ostern zurückdatierte Geschichte. Jesus scheint abwesend zu sein, wie am Karsamstag. Doch mitten in der Nacht, im Grauen und wo die Not am größten ist, wird offenbar, dass er da ist. Er ist gar nicht abwesend. Der Evangelist wählt dieses Stilmittel: Jesus ging auf dem See. Was die Jünger erst für ein Gespenst halten, offenbart sich als seine Gegenwart. Er ist da. Er ist bei uns. Wir sind gar nicht gottverlassen. Es ist wie Ostern.

Ein Wort genügt: Ich bin es! Das ist nur die Übersetzung des biblischen Wortes Jahwe: Ich bin, der ich bin. Es ist das Offenbarungswort: Gott ist bei uns auch in unserer Not und in unserer Angst. Deshalb sagt der Herr auch: Habt Vertrauen, fürchtet euch nicht!

Petrus glaubt ihm und steigt aus dem Boot aus, um in die Nähe Jesu zu kommen. Aus dem bereits unsicheren Boot steigt er aus in eine noch größere Unsicherheit. Und er geht ein paar Schritte über das Wasser. Dann aber verließ ihn das Vertrauen. Es wich dem Zweifel, und er wurde unsicher. Und fast versank er: Herr, rette mich! Man könnte sagen: Er hatte eine Glaubenskrise, gewissermaßen im Zeitraffer. So kann es uns auch gehen. Dieses Zugleich von Glaube und Zweifel. Das Wasser steht uns dann bis zum Hals. Wie Sie sehen, auch wir benutzen solche Bilder.

„Du Kleingläubiger!“, sagt Jesus und streckt seine Hand aus. Im Glauben aber – das will uns die Geschichte sagen –, kann man auch über Abgründe gehen, ohne von ihnen verschlungen zu werden.

So kann es auch uns gehen. Alles kommt darauf an, dass wir uns sagen lassen, dass Er bei uns ist. Und dass uns das offenbar wird, dass wir ihn erkennen als die ausgestreckte Hand Gottes, die uns birgt.

Es ist ein großer Unterschied, ob man glaubt oder ob man nicht glaubt. Im Unglauben bleibt man mit sich allein und seinem Schicksal ausgeliefert. Im Glauben kann man auch über Wasser, d. h. über die Abgründe des Lebens schreiten, ohne von ihnen verschlungen zu werden. Diese Geschichte ruft uns also in die Entscheidung zwischen Glauben und Unglauben.

Als Jesus und Petrus dann wieder im Boot saßen, legte sich der Wind. Der Glaube ist dann stärker als die Angst. Der Glaube entmachtet die Angst. Gottes Wort entmachtet sie. Denn glaubende Menschen wissen: Wir gehen nie unter. Selbst dann nicht, wenn wir sterben. Deshalb gebraucht das Evangelium das Bild vom Gehen auf den verschlingenden Fluten. Um zu sagen: Wer glaubt, geht nicht unter.

Jetzt ist es Zeit für die Eucharistie. Der Herr will auch jetzt bei uns sein. Als Brot des Lebens. Alles kommt darauf an, dass wir im Augenblick der hl. Wandlung mit den Augen des Glaubens erkennen: dieses Brot ist nicht mehr Brot. Er selbst kommt auf uns zu und sagt: Habt Vertrauen. Und so lasst uns mit den Jüngern bekennen: „Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du!“

 

 

 

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15. Sonntag 2020

gehalten am 12.7.2020 in Osnabrück, St. Johann

Jes 55,10-11; Ps 65; Röm 8,18-23; Mt 13,1-9

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wie entmutigt, wie hoffnungslos müssen die Jünger Jesu gewesen sein, wie gedrückt und niedergeschlagen auch die große Menschenmenge am Ufer des Sees, dass Jesus ihnen das Gleichnis vom Sämann erzählte! Er wollte ihre Hoffnung stärken, ihnen Mut machen und zum Glauben einladen in einem Leben, in dem alles oder zumindest so vieles vergeblich aussieht.

Alles, was man tut im Leben, kann umsonst sein. In vielen Situationen spricht alles dagegen, dass einmal alles gut wird, dass der Frieden erhalten bleibt, dass der Hunger besiegt wird, dass eine Krankheit heilt, dass die Pandemie ein Ende nimmt. Trotz aller Bemühungen.

Was tun Eltern nicht alles für ihre Kinder, damit deren Leben gelingt. Und doch hat das gute Beispiel, die liebevolle Erziehung, die Investition an Zeit und Geld so wenig gebracht. Das Ergebnis ist oft enttäuschend.

Was hat man nicht alles getan für einen Schwerkranken: Medizin, Operationen, Reha, menschliche Zuwendung. Zwischendurch gibt es mal Besserung, es keimt Hoffnung auf. Und dann der Rückschlag. Ist doch wieder alles umsonst gewesen?

Wieviel diplomatische Bemühungen sind notwendig, um einen Krieg abzuwenden! Tausend Gespräche, Gipfel, Geduld – und doch scheint alles nichts zu bringen. Syrien, Ukraine, Nordkorea. Sollte man lieber alles sein lassen und gleich die Panzer rollen lassen? Weil ja doch alles andere nichts zu bringen scheint.

Oder schauen wir auch auf unsere Kirche: So viele Initiativen, soviel Sorgfalt bei der Gottesdienstgestaltung, soviel seelsorgliches Bemühen – und doch scheint alles nichts zu bringen: die Kirchen werden leerer, der Glaube verdunstet. Auch nach intensiver Vorbereitung auf Erstkommunion und Firmung – anschließend sieht man nur ganz wenige wieder. Manchmal keimt Hoffnung auf, bei großen Events, bei Jugendtagen. Momentane Begeisterung. Wie eine Droge. Danach aber schmilzt alles wieder weg. Im Alltag der Gemeinden wirkt es sich nicht aus. Alles scheint umsonst, vergeblich.

So war wohl auch den Jüngern Jesu zumute. Auch sie erlebten die Krise. Die anfängliche Begeisterung der Botschaft Jesu wurde gedämpft. Die Schriftgelehrten kamen dazwischen. Zu viele Hindernisse lagen im Weg. Wieder schien alles vergeblich, die Menschen mit der Botschaft vom gütigen Gott zu erreichen. Und das Volk war entmutigt angesichts der politischen Lage, in der sich Palästina  damals befand und heute noch immer befindet.

Wie sollte man glauben an den gütigen Gott, an das Wachsen der Gottesherrschaft? Wie sollte man noch Hoffnung haben, dass sich alles zum Guten wendet? Es spricht doch eigentlich alles dagegen. Wo bleibt denn Gottes Herrschaft? Das Böse herrscht doch, das Leid, der Hunger, der Krieg, das Coronavirus, korrupte und selbstverliebte Politiker. Und auch in unseren Breiten scheint alles immer unübersichtlicher zu werden. Es gibt nichts Festes mehr, keine Gewissheiten, nur Unsicherheit. Alles entgleitet. Viele Menschen werden haltlos. Selbst der Staat kann seine Bürger nicht mehr schützen. Was soll man denn noch tun, was man nicht schon getan hätte?

Ja, was soll man noch tun? Die Versuchung ist groß, sich einfach einlullen zu lassen vom Fernsehprogramm vom Samstagabend, vom Fußball, von der Werbung, die uns das Blaue vom Himmel verspricht. Sich einzureden, es sei doch alles gar nicht so schlimm. Seinen Frust im Alkohol ertränken, einen Joint rauchen, seine Zeit im Facebook verlieren, um die Wirklichkeit für ein paar Stunden auszublenden. Ein paar Durchhalteparolen sagen. Dem Schwerkranken einreden: Es wird bestimmt wieder!

Ähnlich war wohl die Situation, in die Jesus das Gleichnis vom Sämann erzählt. Er beschwichtigt nicht, er lullt die Menschen nicht ein, er blendet die Wirklichkeit nicht aus, er redet den Menschen nicht ein: So schlimm ist es doch gar nicht! Nein, er zeigt, Schritt für Schritt, wie es wirklich ist: Wie mit dem Sämann. Er nimmt ein Beispiel aus dem Alltag in Palästina mit seinen kargen Äckern. Schaut auf den Sämann! Was er tut, scheint vergeblich zu sein. Es bringt alles nichts. Ein Teil der kostbaren Aussaat wird weggepickt von den Vögeln und vom Ungeziefer vernichtet, ein Teil findet keine Wurzeln wegen der dünnen Ackerkrume, geht zwar auf, wird aber sogleich von der unbarmherzigen Sonne versengt. Und Dornen und Unkraut ersticken einen anderen Teil. Alles umsonst!?

Die Menschen konnten sich wiederentdecken in dem Sämann. Geht es uns nicht auch so? Soviel von dem, was wir tun, scheint vergeblich und sinnlos.

Aber – und hier wechselt Jesus die Perspektive – der Sämann gibt nicht auf. Er wirft die Flinte nicht buchstäblich ins Korn. Er macht weiter. Unverdrossen. Warum eigentlich? Er hat Vertrauen, dass doch etwas auf guten Boden fällt und Frucht bringt: hundertfach, sechzigfach, vielleicht auch nur dreißigfach.

Mit dem Gleichnis stellt der Herr seine Hörer in die Entscheidung zwischen Glauben und Unglauben. Und er lädt ein zum Glauben. Ja, es stimmt, sagt Jesus: Alles scheint dagegen zu sprechen, dass aus unserem Tun etwas herauskommt. Alles spricht dagegen, dass wir von Gott gehalten sind. Alle guten Ratschläge, die wir geben, alles gute Beispiel, das wir vorleben, das Bemühen um Heilung, die Liebe und das Verständnis, das wir investieren, der Trost, den wir geben – das alles kann vergeblich und umsonst sein. Aber es soll uns nicht hindern, weiterzumachen in dem Vertrauen, dass in Gottes Augen nichts vergeblich ist und dass Er die Saat doch aufkeimen lässt, vielleicht ganz anders als wir denken.

Der unverdrossene Sämann – das sind heute die Menschen, die sich unverdrossen einsetzen für Hungernde, für den Frieden, für Gerechtigkeit, gegen Rassismus. Und das, obwohl alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist: die Ordensschwestern, die Kranke pflegen in Afrika, die Entwicklungshelfer, die Lehrlinge in der Dritten Welt ausbilden, die Aktivisten von Greenpeace, die gegen den bedrohlichen Klimawandel ankämpfen, die Ärzte ohne Grenzen, die Familien, die Bürgerkriegsflüchtlinge aufnehmen und viele andere mehr. Alles, was sie tun, kann vergeblich sein. Und doch sind sie alle Glaubenszeugnisse. Es ist das Vertrauen darauf, dass die todbringen Kräfte am Ende doch nicht den Sieg davontragen. Das ist Ostern!

Dies ist die Botschaft Jesu: In aller Vergeblichkeit und in allem Scheitern sollt ihr nicht das Vertrauen aufgeben, dass Gott bei euch ist. Die harte Wirklichkeit soll kein Grund sein, den Glauben aufzugeben. Denn sonst bleiben wir wirklich allein mit unserem Schicksal und kapitulieren vor dem Bösen und vor dem Sinnlosen. Ja, Jesus möchte, dass wir uns wiederfinden unter den Augen Gottes, ohne wie ein Kaufmann unser Schicksal zu verrechnen und überlegen, ob es sich noch lohnt zu leben, ob es sich noch lohnt zu lieben, ob es sich noch auszahlt, Hoffnung zu haben.

Jesus selbst ist diesen Weg der Vergeblichkeit und des Scheiterns gegangen. Als er am Kreuz starb, schien alles umsonst gewesen zu sein. Wer hätte damals gedacht, dass die Saat seines Wortes so aufgeht, wie sie aufgegangen ist – weltweit. Wer hätte das damals gedacht!? Dass Sonntag für Sonntag Abermillionen Christen zusammenkommen und sich an einen Tisch setzen, um – wie die Menschen am See von Galiläa – mit Jesus zusammen zu sein und sein Wort zu hören. Es sagt uns, dass wir mehr sind, als wir erleben und erfahren und dass wir uns nicht einsperren sollen in unsere eigenen Möglichkeiten. Denn Gott ist größer. Sein Wort bewirkt, was es sagt.

Der unverdrossene Glaube des Sämanns ist ein wunderbares Gleichnis für unsere Situation. Ein Gleichnis für das Wagnis des Glaubens gegen alle Erfahrung, für das Harren auf Gott, für das Vertrauen auf sein Wort, dass am Ende alles in Ihm vollendet wird. Und die Leiden und Enttäuschungen dieser Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird.

Wer Ohren hat, der höre!

 

 

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13. Sonntag im Jahreskreis

2 Kön 4,8-11; Ps 89; Röm 6,3-4.8-11; Mt 10,37-42

Gehalten in Osnabrück St. Johann am 28. Juni 2020

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

hat unsere Kirche in Deutschland noch eine Zukunft? Wohl noch nie gab es so viele Kirchenaustritte wie im vergangenen Jahr. Die Leute haben einfach keine Lust mehr auf Kirche nach all den vielen Skandalen. Und die fast leeren Kirchen jetzt in der Corona-Zeit machen vielleicht schon sichtbar, was uns in naher Zukunft bevorsteht. Nach diesen Wochen und Monaten könnten auch treue Gottesdienstbesucher denken: „Guck an, es geht auch ohne!“ Corona gibt vielleicht unserer Kirche in Deutschland den Todesstoß. Die Kirche ist nicht systemrelevant, so hörte man es in den letzten Wochen. Werden unsere Kirchen bald wie leere Grabmäler sein? Gräber, in denen wir den scheinbar toten Gott begraben haben?

 Der italienische Schriftsteller Umberto Eco beschließt seinen großen Roman Der Name der Rose mit den Worten: „Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus (Die Rose von einst gibt es nur noch als Name; wir haben nur noch nackte Namen“). M. a. W. nur noch leere Worte. Worthülsen. Nominalismus pur. Tatsächlich beschreibt Eco in seinem Roman ja das Ende einer Welt. Diese Welt, symbolisiert durch ein großes Benediktinerkloster, wird am Ende von den Flammen vollständig zerstört. Es ist der orbis christianus, die christliche Welt des Mittelalters, das christliche Abendland, das mit all seinen Gewissheiten zusammenbricht. Diese geordnete Welt, dieser ordo universi, in dem jeder seinen Platz hatte und dessen Einheit von Gott als Spitze der Seinspyramide verbürgt wurde, gibt es nicht mehr. Auch wenn es Klöster noch gibt, so ist die Welt, die sie widerspiegelten doch vergangen. In den Klöstern ist sie nur wie in einer Dose konserviert,

Im Mittelalter wurde der Mensch in eine Welt geboren, die ihm Identität gab, ihm einen festen Platz zuwies, seine Lebensweise bestimmte, ihn der Würde eines Kindes Gottes gewiss machte und ihm ewiges Leben versprach. Der mittelalterliche Mensch lebte in dieser Welt mit der Hoffnung, in Gott die Vollendung des Lebens zu finden. Es war eine nicht in Frage gestellte Gewissheit, dass jene Fülle in diesem Leben unerreichbar bleibt.

Inzwischen ist diese Welt verschwunden. Die Gottesgewissheit ist dahin. Dass Gott uns liebt, ist an der Welt tatsächlich nicht abzulesen. Ist die Gottesgewissheit nicht mehr fraglos gegeben, zerbrechen nach und nach  andere Elemente dieser Welt: die Metaphysik, die christliche Anthropologie, der philosophische Naturbegriff,  bis hin zu früher fraglos stabilen Institutionen wie Ehe und Familie. Die Tendenz einer solchen Entwicklung geht vermutlich zum Nihilismus. Wir leben gewissermaßen auf den Trümmern der Moderne. Die Rose von einst gibt es nicht mehr, allenfalls als Namen, als Erinnerung, als Souvenir. Auch unsere Worte sind leer geworden und sagen nicht mehr viel: nomina nuda. Was gilt das Ehrenwort eines amerikanischen Präsidenten? Was gilt das Eheversprechen? Können zwei junge Menschen darauf noch wirklich ihr Leben aufbauen? Was gilt das Weiheversprechen des Priesters?

Wie man sieht, ist nur wenig übrig geblieben von dem, was einmal den orbis christianus ausmachte. Er wird nicht wiederkommen. Ich möchte auch nicht das Ende des Mittelalters beweinen, in dem die Kirche eine fraglos akzeptierte Rolle spielte. Ich möchte nur die Veränderung beschreiben, die stattgefunden hat. Und die Frage stellen: Welche Rolle kann die Kirche heute in unserer Welt spielen? Sie kann ja nicht so tun, als ob sich nichts geändert hätte, sondern sie muss sich mit der tatsächlichen gegenwärtigen Welt in ein konstruktives aber auch kritisches Verhältnis setzen.

Unsere gegenwärtige Zeit ist auch davon gezeichnet, dass jeder sich seine individuelle Welt schaffen muss. Und sich selbst einen Sinn geben. Er muss seine eigene Identität ausbilden. Er bekommt sie nicht mehr einfach von der Umwelt geliefert. Jeder ist auf der Suche nach der eigenen Gewissheit, nach der eigenen Identität. Und wenn er meint, sie gefunden zu haben, dann zerbröselt sie oft wieder im Nu. Postmoderne Identitäten sind brüchig. Auch leben wir seit Beginn der Neuzeit in der Quasigewissheit, dass wir die Vollendung unseres Lebens, also die Lebensfülle, innerhalb unserer kurzen Lebensspanne aus dieser Welt ziehen müssen. Der Mensch der Bibel und auch der Mensch des Mittelalters wusste, dass man die Vollendung des Lebens in dieser Welt nicht finden kann; nur Gott kann diese Fülle sein. Das hat sich grundlegend geändert. Deshalb auch stehen wir unter der Diktatur der Angst, nicht genug vom Leben abzubekommen und nicht genug Zeit zu haben, um alles zu erleben, was wir möchten. Viele Verhaltensweisen der heutigen Menschen sind vielleicht auf dem Hintergrund dieser Einsicht zu erklären: Ein Ehepartner kann nicht ausreichen, um das Leben zu erfüllen; ein Leben ist zu wenig – lasst uns zwei daraus machen, indem wir in der Lebensmitte noch einmal ganz von vorne anfangen! Es ist die Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen, die uns in Westeuropa zu solchen Verhaltensweisen treibt. Und vermutlich hat auch die ökologische Krise im unersättlichen Herzen des Menschen ihre Wurzel. Denn wenn wir die Fülle des Lebens nicht mehr von Gott erwarten, dann sind wir dazu verurteilt, alles von der Welt zu erwarten. Die Welt wird dann zum Gott, von dem wir alle Lebensfülle erhoffen. Aber so zerstören wir die Welt. Denn die Welt ist zu klein, um den Lebenshunger des Menschen zu stillen. Die Zerstörung der Umwelt und des Klimas und damit unserer Zukunft hängt damit zusammen. Unsere Welt ist nicht gemacht für Menschen, die Vater und Mutter, Geld und Gut, ja, die Welt insgesamt mehr lieben als Gott. Wer nicht in Gottes Wort verwurzelt ist, muss zwangsläufig die Welt vergötzen und alles Heil von ihr erwarten. Aber nichts Geschaffenes kann unser Heil sein!

Zum Glück sind wir als Kirche nicht relevant für ein kapitalistisches System. Für ein System, das Gott für tot erklärt und zugleich auf eine künstliche Superintelligenz wartet, weil die Probleme uns über den Kopf wachsen. Für ein System, das im Markt eine neuen Gott erkoren und in den Gesetzen des Marktes eine neue fast naturgesetzliche Metaphysik sieht. Doch die Kirche kann eine Zukunft haben, wenn wir uns wieder auf das besinnen, was unsere eigentliche Botschaft ist: der Glaube an Gottes Verheißung, dass wir nicht unserem eigenen Schicksal ausgeliefert sind und unser Leben nicht selber vollenden müssen. In der 1. Lesusng wird einem greisen kinderlosen Ehepaar ein Sohn verheißen und damit Zukunft und ein neues Selbstverständnis: Vater und Mutter. Es geht im Glauben um eine neue Identität, die nur Gott uns schenken kann und die nicht nur die Wechselfälle des Lebens überdauert, sondern auch den Tod. So schreibt es Paulus an die Römer: „Wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft worden.“ Auf seinen Tod, auf sein Schicksal. Denn auch Er hatte anscheinend keine Zukunft. Auch Er hinterließ ein leeres Grab. Tatsächlich ist die Welt ohne Ihn ein universaler Menschheitsfriedhof. Aber Er war nicht totzukriegen. Doch nur im Glauben erkennt man das: „Der Tod hat keine Macht mehr über ihn.“ Sucht den Lebenden also nicht bei den Toten!

Wir sind auf seinen Tod getauft, auf seine Zukunftslosigkeit, die in Wirklichkeit eine Perspektive der Ewigkeit ist. Das ist unsere Identität: „Begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.“ Denn durch ihn sind wir Kinder Gottes in alle Ewigkeit.

Wir feiern Eucharistie. Sein Leib kommt in unseren Leib. Damit Gott in uns seinen Sohn sieht und liebt. Und damit wir ihn wiederlieben.

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12. Sonntag im Jahreskreis

Gehalten in Osnabrück, Maria Königin des Friedens
am 21.6.2020

Jer 20,10-13; Ps 69; Röm 5,12-15; Mt 10,26-33

 

Liebe Schwestern und Brüder,

„Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod.“ (Röm 5,12)

ein ungeheuerlicher Satz, den Paulus an die Römer schreibt und der uns heute in der 2. Lesung vorgelesen wurde. „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod“ und – so schreibt Paulus weiter: „auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weswegen alle sündigten.“

Man könnte dabei an Corona denken. Es reicht ein einziger Infizierter, damit nach und nach alle angesteckt werden.

Auf diesen beiden Aussagen des Paulus aber ruht die Lehre von der Erbsünde, mit der wir bereits auf die Welt kommen. Sie stößt heute bei vielen auf Befremden.

Vor allem der Zusammenhang von Sünde und Erben ist kaum zu vermitteln. Wie kann ich für die Sünde eines anderen verantwortlich sein? Man kann zwar die Folgen einer Schuld erben, so wie unser Volk die Folgen der Schuld der Nazizeit geerbt hat. Aber Sünde selbst, also die Schuld an sich, kann man nicht vererben. Jeder ist nur für seine eigenen Sünden verantwortlich, auch wenn andere die Folgen tragen müssen.  Deshalb stößt die Vorstellung von einer Erbsünde oft auf Widerspruch.

Nun, liebe Schwestern und Brüder, wie sollen wir uns das erklären? Was meint die Kirche mit dem Dogma von der Erbsünde? Vielleicht schauen wir uns den Text des Paulus nochmal genau an: „der Tod gelangte zu allen Menschen, weswegen alle sündigten.“ Also offenbar wegen des Todes.

Ja, warum sündigen wir eigentlich? Warum tun Menschen Böses? Warum laden sie Schuld auf sich? Was macht den Menschen so böse?

Vielleicht ist der Mensch von vornherein doch nicht so gut, wie er als unschuldiges Baby aussieht. Aus jedem Baby kann ein Mörder werden, ein Vergewaltiger, ein Egoist. Und jeder Mörder war einmal so ein unschuldiges niedliches Baby. Liegt das alles nur an der Erziehung?

„Der Tod gelangte zu allen Menschen, weswegen alle sündigten“. Ja, wir kommen als todgeweihte Menschen auf die Welt, vergänglich und verwundbar. Hier ist wohl mit Paulus der Grund zu suchen, warum wir sündigen. Wir kommen ohne die Gewissheit auf die Welt, in Gott geborgen zu sein. Der Glaube ist uns nicht angeboren. Eltern vererben ihrem Kind nur diese nackte, vergängliche, todgeweihte Existenz, die von Gott entfremdet ist, nicht versöhnt. Das meint „Sünde“ bei Erbsünde.  Einen Zustand! Und damit wird uns auch eine abgrundtiefe Angst um uns selbst vererbt. Die ist uns angeboren und bestimmt unser ganzes Leben. Die Angst um uns selbst, die Angst, zu wenig vom Leben abzukriegen, die Angst und das Misstrauen voreinander, die Angst vor der Wahrheit, die Angst vor dem Sterben. Diese Angst bestimmt unser Handeln und macht uns zu Sündern. Aus Angst wird gelogen, aus Angst wird betrogen, aus Angst wird gemobbt, aus Angst sucht man Sicherheit, aus Angst werden wir neidisch und eifersüchtig, aus Angst rüsten wir auf, weil wir uns unverwundbar machen möchten, aus Angst entstehen Machtstrukturen und Gewalt. Auch Rassismus ist eine Frucht der Angst. Aus Angst versucht der Mensch, sich sein Überleben, seinen Vorteil auch gegen andere zu sichern. Und aus Angst, unsere Sicherheiten zu verlieren, unsere Götzen, an denen unser Herz hängt, werden wir böse und verzweifeln, wenn wir sie wirklich verlieren.

Es ist dies wohl der sündhafte Zustand, in dem jeder Mensch auf die Welt kommt. Sündhaft ist dieser Zustand nicht deshalb, weil wir vor der Geburt schon gesündigt hätten,  sondern weil er eigentlich nicht sein soll, weil er gegen Gottes Willen ist. Und weil nicht Gott für diesen Zustand verantwortlich ist. Und alle tragen und leiden daran. Es ist also die Angst um uns selbst, die uns daran hindert, wahrhaft menschlich zu sein. Man muss also irgendwie schon Sünder sein, um sündigen zu können.

Alle Sünde, alles Böse, das wir tun, liebe Schwestern und Brüder, hat seine Wurzel in dieser abgrundtiefen Angst um uns selbst. Wenn wir uns von ihr leiten lassen, dann sündigen wir.

So erkennen wir, in welch unheilvoller Lage wir auf die Welt kommen und wie erlösungsbedürftig wir sind.

Was aber kann diese Lage ändern? Wodurch wird die Angst entmachtet? Alle unsere Versuche, unsere Angst zu überwinden, führen nämlich zu nichts. Je mehr wir uns sichern, umso ängstlicher werden wir. Nur Gott kann diese Angst um uns selbst entmachten und uns eine neue Einstellung zum Leben schenken, eine Einstellung, die nicht auf Angst und Sünde gegründet ist. Deshalb spricht Paulus von der Gnade Gottes, die erst verborgen war und nun durch Christus offenbar wurde. Das ist unsere wahre Realität. Unsere Geborgenheit in Gott, unsere Gemeinschaft mit Gott, die uns durch Christus vermittelt wurde. Sie muss uns vermittelt werden. Von Natur aus, von Geburt an wissen wir nichts davon. Sie bleibt uns verborgen, solange wir nicht der Botschaft Jesu begegnen.

Gottes Liebe kann man an der Welt nicht ablesen. Sie muss uns eigens gesagt, verkündet werden. In Wirklichkeit nämlich sind wir gar nicht diese erbärmlichen Kreaturen, die sich aus lauter Angst gegenseitig das Leben schwer und sogar zur Hölle machen. In Wirklichkeit sind wir von Gott geliebt und angenommen wie sein eigener Sohn. Dieses Sich-Geborgenwissen in Gott, der Glaube also, ist das einzige, was unsere Angst um uns selbst entmachten kann. Wer sich in Gott geborgen weiß, kann anders handeln und anders leben als der, der in seiner Angst gefangen bleibt.

Dies ist die Gnade, die Gott uns in Christus geschenkt hat. Wir sind nicht unserem Schicksal ausgeliefert. Wir können uns im Glauben von Gott mit derselben Liebe angenommen wissen, mit der Gott von Ewigkeit seinem Sohn zugewandt ist. Dies gilt in Glück und Unglück, in Gesundheit und in Krankheit, im Leben und auch im Sterben.

Deshalb sagt Jesus heute im Evangelium: Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag und was man euch ins Ohr sagt, das verkündet von den Dächern. Nämlich dass wir in Wirklichkeit gar nicht die sind, für die wir uns halten, sondern Kinder Gottes, die aus dieser sündhaften Situation erlöst wurden. Und wir sollen uns nicht vor denen fürchten, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. Für Jesus gab es offenbar Schlimmeres als den Tod, nämlich die Gottlosigkeit. Man kann uns unsere irdische Existenz nehmen. Aber unsere Gemeinschaft mit Gott kann uns niemand nehmen, wenn wir sie im Glauben angenommen haben.

„Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!“ So sagt es uns gleich wieder der Priester in der Eucharistie. Seht den, der diese unheilvolle Situation der Sünde von uns genommen und uns Gemeinschaft mit Gott und Geborgenheit in ihm geschenkt hat.

 

 

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2. Fastensonntag 2020

Gehalten in München-Maria Thalkirchen

7. u. 8. März 2020

Gen 12,1-4a; 2 Tim 1,8b-10; Mt 17,1-9

 

Dieser Sonntag führt uns auf einen hohen Berg. Es ist, als dürften wir dabei sein mit Petrus, Jakobus und Johannes. Als würden wir über uns selbst hinausgehoben in eine völlig verzauberte Wirklichkeit. Als dürften wir für einen Augenblick den Himmel berühren. Die Jünger sehen im Glauben, wer Jesus wirklich ist: sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.

Es ist eine Gipfelerfahrung, die die Jünger auf dem Berg der Verklärung machen, ein wirkliches Highlight.

Es gibt ja solche Momente im Leben, solche Höhepunkte, wo alles wie verzaubert ist. Vielleicht der Tag der Hochzeit, die Geburt des ersten Kindes, der Tag der Priesterweihe, die Promotion zum Doktor: Highlights des Lebens, als schwömme man im Glück. „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn“ – vielleicht erinnern Sie sich an diesen alten Schlager. Und so war wohl auch Petrus zumute: Er will auf dem Berg Hütten bauen, das Glück dingfest machen, festhalten. Er begreift nicht: das Glück, das ich festhalte, gefriert, wird wie ein Museumsstück – aber es bleibt kein gelebtes Glück, das sich auch im Unglück noch bewährt und durch Dunkel trägt. Man muss in die Wirklichkeit zurück, in den grauen Alltag, zum Kreuzweg des Lebens. Doch wir wissen um die Perspektive, wir wissen um das Ziel: Es gibt Ostern. Auch wenn es nur ein Moment war, an dem es mir klar wurde: dieser Moment hilft mir, die Wirklichkeit anzunehmen: mein Kreuz, meine Grenzen, meine Endlichkeit, meine Krankheiten, die Brüche in meinem Leben, meine Schuld. Denn der Glaube schenkt mir eine Perspektive der Ewigkeit.

Es geht in dieser Geschichte um die Augen des Glaubens. Sie sehen, was die natürlichen Augen nicht sehen können. Die Geschichte von der Verklärung auf dem Berg, liebe Schwestern und Brüder, ist einer der Höhepunkte der Jesusgeschichte. Man kann nicht sagen: An diesem Ort und an jenem Tag hat die Verklärung stattgefunden. In solchen Momenten ist die ganze Geschichte, Vergangenheit und Zukunft, wie zusammengedrängt auf einen Punkt: Mose und Elija erscheinen, Vertreter des Alten Bundes. Das Licht Christi fällt auch auf sie und erleuchtet die Geschichte Israels. Und die Jünger stehen für die Zukunft, für die Kirche aus allen Völkern, die nun anhebt.

Den Jüngern wird klar, wer Jesus ist: „Mein geliebter Sohn“, sagt die Stimme aus der Wolke. In Jesus begegnen wir dem unbegreiflichen Gott, in diesem Menschen ist Gott bei uns. In diesem Menschenleben, auch in Jesu Kreuzweg ist Gott uns nahe. Doch nur die Augen des Glaubens sehen das. Wenn wir auf das Kreuz Jesu schauen, dann sieht der Glaubende etwas anderes als der Nicht-Glaubende. Doch wie bekommt man diese Augen des Glaubens? Durch den Glauben natürlich. Wir sollen auf Jesus hören – dann wird sich auch für uns die Wirklichkeit verwandeln. Denn der Glaube kommt vom Hören und führt zum Sehen, schenkt neue Augen, führt also zuerst zu einer neuen Sicht der Dinge, der Wirklichkeit. Und am Ende unseres Lebens werden wir Ihn sehen und nicht ein schwarzes Loch.

Tatsächlich führt unser Lebensweg durch Höhen und Tiefen, doch insgesamt gehen wir alle auf unser Grab zu, auf dieses schwarze Loch. Mit unseren natürlichen Augen betrachtet, scheint das das Ziel unseres Lebensweges zu sein. Für unsere natürlichen Augen ist die Welt ein Menschheitsfriedhof. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle Menschen, die je gelebt haben, unter der Erde liegen. Dies ist die Perspektive des Nicht-Glaubenden: am Ende steht ein schwarzes Loch.

Wer an Jesus glaubt, seinem Wort vertraut, hat dagegen eine andere Perspektive. Wir sagen: Es stimmt, wir gehen auf unser Grab zu. Aber dieser Weg ist der Weg auf Ostern zu. Wir sehen also die Wirklichkeit anders. Weil wir Jesu Wort gehört haben. Es sagt uns etwas, das – wenn es wahr ist – nur Gott uns sagen kann: dass wir Gemeinschaft mit Gott haben. Gegen unsere Gemeinschaft mit Gott hat auch der Tod keine Macht mehr. Wenn Jesus der Sohn Gottes ist, wie die Jünger ihn bezeugen, dann hat er, wie Paulus an Timotheus schreibt, „dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium“.

Den Jüngern geht auf, wer Jesus wirklich ist: Gottes Sohn.

Damit geht ihnen auf, wer wir wirklich sind: Kinder Gottes.

Und es geht ihnen auf, dass auch die ganze Menschheitsgeschichte auf das österliche Ziel zugeht.

Die Fastenzeit will uns für Ostern bereiten, aus uns österliche Menschen machen, die auf Jesus hören und ihre wahre Bestimmung erkennen. Und das mitten in unserer notvollen Zeit. Die Verheißung, die Gott Abraham gegeben hat (1. Lesung), hat sich in Jesus erfüllt. Sie gilt nicht nur Abraham und seinem Stamm, sondern nun allen Völkern: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“. Auch wenn alles in der Welt dagegen zu sprechen scheint: Gewalt und Krieg, Leid und Schmerz, Krankheit, Corona und Tod. Österlich werden heißt, in der Gewissheit leben, dass uns nichts mehr von Gott trennen kann.

Alles kommt darauf an, dass wir uns mitnehmen lassen auf diesen Berg, auf diesen Gipfel der Begegnung mit Gott. Jede Heilige Messe ist im Grunde eine solche Begegnung mit Gott, ein solches Highlight. Indem wir sein Wort hören, sehen wir im Glauben, dass sich Wirklichkeit wandelt, wenigstens schon dieses kleine Stück Brot. Darin erscheint der Herr sichtbar unter uns: Seht das Lamm Gottes. Er kommt zu uns als Nahrung für unseren Glauben, damit wir ihn erkennen als den, der bei uns ist und uns auch den Berg hinab begleitet in die oft trübe Realität des täglichen Lebens. Er ist immer bei uns.

 

 

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6. Sonntag

Gehalten in München, Maria-Thalkirchen

am 15./16.2.2020 

Sir 15,15-20; 1 Kor 2,6-10; Mt 5,17-37

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Das war ein sehr langer Abschnitt aus der Bergpredigt. Ein Aufruf zum Christsein! Eine Einladung Jesus nachzufolgen, in seine Fußstapfen einzutreten. Aber wer kann das schon? So radikal!

Viele Menschen finden, die Kirche passe nicht mehr in unsere Zeit. Sie müsse sich an unsere Standards anpassen. Aber auch schon die Bergpredigt passte damals nicht in die Zeit. Ist das nicht töricht, was Jesus von seinen Jüngern verlangt? Hand abhacken, Frauen nicht mehr geil anschauen, striktes Verbot der Ehescheidung. Widerspricht das nicht dem dem gesunden Menschenverstand? Es überfordert maßlos. .

Ich möchte nicht weiter darauf eingehen. Aber die 2. Lesung, die wir gehört haben, könnte ein Schlüssel sein, um besser zu verstehen, worum es Jesus ging und worum es im christlichen Glauben überhaupt geht. Die 2. Lesung ist ein Paulustext aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth. Im 2. Kapitel schreibt Paulus einen ganz grundlegenden Text für unseren Glauben. Deshalb tun wir gut daran, ein wenig dabei zu verweilen und zu versuchen, ihn uns ein wenig zu erschließen.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth. Korinth liegt in Griechenland. Die dortigen Gemeindemitglieder waren zum Teil Juden, die in der griechischen Diaspora lebten und zum Teil wohl bereits Heiden, also Griechen, Nichtjuden, die zum Glauben an Jesus gekommen waren. Auf jeden Fall waren alle vom griechischen Denken beeinflusst. Und Paulus will ihnen verkündigen, ein Gekreuzigter, ein am Kreuz Hingerichteter sei der Heilbringer, der Erlöser, der Sohn Gottes.

Für griechische Ohren war das eine ungeheure Zumutung. Das passte ganz einfach nicht in ihr Denken und in ihre Vorstellung von Gott: Bah! So ein schwacher Gott soll der Retter der Menschheit sein? Ein am Kreuz Hingerichteter? Alle religiösen und politischen Instanzen haben ihn doch verurteilt und für schuldig befunden: der Gotteslästerung und des Hochverrats.

Auch heute ist dieser Gedanke vermutlich schwer zu vermitteln. Wir stehen vor einem Gekreuzigten, einem Gescheiterten und sagen: Das ist unser Herr! In ihm ist die Liebe Gottes, die Herrlichkeit Gottes aufgeleuchtet.

Ist das nicht eine Zumutung für den gesunden Menschenverstand? Können wir noch etwas damit anfangen? Daran glauben, dass wir in diesem Gekreuzigten Gott begegnen, in diesem Toten den Gott des Lebens? Kann es nicht auch uns schwer fallen, so zu glauben? Ist der Glaube an den Gekreuzigten nicht vielleicht eine große Torheit? Müsste sich die Herrlichkeit Gottes nicht herrlich zeigen, glanzvoll und jedermann überzeugen? Warum verbirgt sich Gott, der doch in allem mächtig ist, hinter einer Maske der Schwäche? Warum versteckt sich das Leben hinter dem Tod anstatt sich in seiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Können solche Fragen nicht auch unseren Glauben anfechten?

Deshalb spricht Paulus in unserem Text von der Weisheit Gottes, die so viel anders ist als Menschenweisheit. Mit dem Begriff „Weisheit“, „Sophia“ konnten die Griechen etwas anfangen. Was ist Weisheit? Es ist nicht nur ein Bescheidwissen, so wie ein Ingenieur in seinem Fach Bescheid weiß. Es ist mehr, es ist Lebenswissen, das sich aus Wissen und aus Lebenserfahrung und aus Intuition und aus Reflexion und aus der Fähigkeit speist, zwischen den Zeilen zu lesen. Aus dem Computer kann man keine Weisheit erwarten; da kommen nur Informationen. Aber einige Menschen werden weise. Wir sprechen manchmal von einem weisen Rat oder einer weisen Tat. Sie stellt sich als klug und sinnvoll heraus. Der Weise schnuppert irgendwie das Richtige, das Sinnvolle, das Notwendige.

Das antike Griechenland ist die Wiege der Weisheit. Die große abendländische Philosophie hat ja in Griechenland ihren Ursprung. Philosophie heißt „Liebe zur Weisheit“. Die Weisheit Sokrates’, Platons und Aristoteles’ und vieler anderer. Sie waren Meister des Denkens  Doch für Paulus ist diese Weisheit nur Weisheit dieser Welt. Es ist ein Wissen und eine Weisheit, die der Mensch selbst erwerben kann durch eigene Überlegung, durch Nachdenken und Reflektieren auf die Wirklichkeit und auch – wie bei Aristoteles - durch die Beobachtung der Naturgesetze. Es ist eine Weisheit, auf die wir stolz sein können. Auch der ganze technische und soziale Fortschritt verdankt sich der Weisheit, der Klugheit und dem Wissen vieler Menschen. Aber – so Paulus – diese Weisheit rettet den Menschen nicht. Sie kann ihn nicht retten. Sie kann ihn nicht wahrhaft menschlich machen. Und es ist Torheit, von der Menschenweisheit mehr zu erwarten, als sie uns geben kann. Gemeinschaft mit Gott und ewiges Leben kann sie uns nicht schenken.

Deshalb spricht Paulus vom „Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung.“ Die Weisheit Gottes ist also an der Welt verborgen. Man kann sie durch eigenes Überlegen nicht herausfinden. Bei dieser Weisheit geht es also um ein Wissen, das man nur haben kann, wenn Gott es uns offenbart, es uns mitteilt. Glauben heißt also Anteil haben am verborgenen Wissen Gottes, was es um uns ist.

Wer sind wir wirklich? Worum geht es im Glauben? Wie kommt man zum Glauben? Wo hat Paulus dieses Wissen und diese Weisheit her?

Er sagt: Uns hat Gott es enthüllt durch den Geist, der auch die Tiefen Gottes ergründet. Das ist der Geist Jesu, der mit Jesus in die Welt gekommen ist. Wer Jesu Botschaft annimmt – wie Paulus – der bekommt auch diesen Geist und erkennt im Glauben, wer wir wirklich sind: Wir sind gar nicht die, für die wir uns halten. Wir sind gar nicht die, die wir nach menschlichem Wissen und menschlicher Weisheit sind: Diese höheren Tiere, die denken können, diese für Bakterien und Viren so anfälligen Biomaschinen, die dann bestimmt sind zum Untergang und zur Vernichtung.

Nach menschlichem Wissen und menschlicher Weisheit ist alles zum Ende und zum Untergang bestimmt. Wenn wir unserer Erfahrung trauen, dann sind wir absolut gottverlassen unserem eigenen Schicksal ausgeliefert. Wenn wir uns auf unsere Erfahrung verlassen wollen – und das gilt heute ja als Weisheit – dann sind wir arm dran. Deshalb schreibt Paulus: Wir verkünden, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat und keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Wir können an der Welt nicht ablesen, wie Gott es mit uns meint. Wir können nicht selbst in Erfahrung bringen, dass Gott uns liebt. Das bleibt verborgen. Wir müssen es uns von Gottes Wort, von Jesus also, sagen lassen. Unseren natürlichen Augen bleibt es verborgen. Wäre es nicht so, dann wäre Gott ja nur ein verlängertes Stück Welt und nicht wirklich Gott.

Und wenn es dann um das Kreuz und den Gekreuzigten geht, dann geht es darum, dass wir unsere Wirklichkeit annehmen müssen und können. Auch unser Scheitern, unsere Grenzen, unsere Schwächen. Menschenweisheit steht nicht zu den eigenen Schwächen und Grenzen. Kreuz und Leiden verdrängen viele von uns gerne. Den Blick auf die Wirklichkeit halten wir kaum aus. Ein Gekreuzigter passt nicht in die Werbespots, z. B. an den Frühstückstisch der Nutella- und Rama-Familie. Aber im Glauben an Gottes Wort verstehen wir, dass das Kreuz nicht das letzte Wort ist über unser Leben. Wer sich in Gemeinschaft mit Gott weiß, der weiß auch, dass die menschliche Weisheit vergeht, dass unser natürliches Wissen nicht weiß, wer wir in Wirklichkeit sind. Bei aller Weisheit und Wissenschaft kommt man nicht dahinter: Wir sind Kinder Gottes, die bestimmt sind zur Gemeinschaft mit Gott in alle Ewigkeit. Nur Gottes Wort und Gottes Geist enthüllt uns, wer wir wirklich sind.

Dies ist die Weisheit Gottes: Er geht mit uns bis hinein in die letzte Gottverlassenheit, er verbrüdert sich mit den unzähligen Opfern der Geschichte, indem er sich selbst treffen lässt von menschlicher Bosheit. Indem Christus unser Schicksal mit uns teilt, schenkt er uns Anteil an seinem Gottesverhältnis, nimmt uns hinein in die Liebe des Vaters zum Sohn in Gott. Und indem wir den Gekreuzigten in die Mitte stellen, wird die Peripherie, wird der Rand der Gesellschaft zur Mitte der Kirche. Und die Aufmerksamkeit für diese Mitte, für die Opfer, ist dann Ausdruck der Weisheit Gottes.

Was der Welt als Weisheit gilt, kann in Gottes Augen töricht sein. Und was in den Augen der Welt Torheit ist, zeigt sich in Jesus als Weisheit.

Glauben heißt also: Gottes Weisheit haben. Und die wahre Weisheit besteht darin, angesichts des Gekreuzigten, des Opfers, an das Leben zu glauben. Die Welt im Licht von Gottes Weisheit sehen. Und das Aushalten unserer Vergänglichkeit und auch unseres Kreuzes und unserer Angst davor kann durchaus ein Ausdruck von christlicher Weisheit sein.  Vor allem in Zeiten, in denen man ernsthaft darüber diskutiert, ob sich sterbenskranke oder lebensmüde Menschen – in Belgien auch schon Kinder - einfach einschläfern lassen sollen wie Katzen und Hunde beim Tierarzt. Oder wo wir versuchen, aus der Kirche eine zeitgemäße Institution zu machen, die unsere Lebenswirklichkeit nicht mehr in Frage stellt.

Im christlichen Glauben geht es nicht um das Führwahrhalten, dass es Gott gibt. Es geht vielmehr um die Gewissheit, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, mit Gott verbunden sind, obwohl in der Welt alles dagegen spricht. Jesus hat uns in seine Gemeinschaft mit Gott hineingenommen. Das ist das, was kein Auge sehen und kein Mensch sich ausdenken kann: unsere wahre Bestimmung, Kinder Gottes zu sein im Leben und im Sterben. Gott hat in Christus diese Welt angenommen mit ihrem Licht und ihrem Schatten, mit all ihrem Unheil auch und mit ihrer Vergänglichkeit. Und so müssen auch wir das Kreuz und den Tod nicht verdrängen und uns Illusionen über dieses Leben machen. Wir können es annehmen, weil Gott es angenommen hat und mit uns lebt. Vielleicht verstehen wir jetzt besser, worum es Jesus in der Bergpredigt ging. Die Weisheit dieser Welt ist nicht die Weisheit Gottes. Er hat das Unrecht ertragen und nicht mit Unrecht geantwortet, sondern mit Schalom!. So hat er die Bergpredigt erfüllt und damit das ganze Gesetz.

Wir sind jetzt hier versammelt als Tischgenossen des Gekreuzigten: Deinen Tod verkünden wir! Er ist einer von uns geworden: leidend, vergänglich, verfolgt, sterbend – damit wir sein Leben haben, seine Gemeinschaft mit Gott, sein Ostern. 

 

 

 

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3. Sonntag im Jahreskreis

Gehalten in München, St. Maria-Thalkirchen

am 26.1.2020

Schrifttexte:

Jes 8,23b-9,3; 1 Kor 1,10-13.17; Mt 4,12-23

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

„Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“

Mit diesem Aufruf beginnt Jesus seine öffentliche Verkündigung. Johannes, sein Lehrer und Täufer, ist inhaftiert worden.  Nun ist seine Stunde gekommen. Er zieht um nach Kapharnaum am See von Tiberias. Das Evangelium sieht darin die Erfüllung einer prophetischen Verheißung im Alten Testament. Der Text zitiert denselben Text, den wir als 1. Lesung aus dem Jesajabuch gehört haben. Das Gebiet, in dem Jesus seine Botschaft verkündet, ist in den Augen frommer Juden heidnisches Gebiet. Sebulon und Naphtali waren die Stammesgebiete zweier inzwischen fast untergegangener Stämme Israels. Viele Nichtjuden, also Heiden, lebten dort. Indem Jesus hier anfängt, zu verkündigen, erfüllt sich für das Evangelium die Verheißung, dass diesem Volk, das am Rande und im Finstern lebt und im Schatten des Todes, mit Jesus jetzt endlich ein Licht aufgeht.

Der Herr will offenbar eine neue Perspektive vermitteln, einen neuen Blick auf das Leben und die Welt. Er will die Stämme Israels revitalisieren, das Volk Gottes wieder mit Hoffnung und Zuversicht erfüllen in einer Zeit, in der Hoffnung und Zuversicht Mangelware sind. Seht, das Himmelreich ist nahe. Was soll man sich darunter vorstellen. Und was bedeutet seine Nähe? Es bedeutet, dass Gott bei uns ist, uns nahe. Wir brauchen die vielen selbstgeschaffenen Götter nicht mehr.

Jesus verbindet diese Perspektive mit dem Ruf in die Nachfolge. Er will mitnehmen auf seinen Weg. Offenbar eröffnet den Jüngern dieses Mitgenommenwerden auf Jesu Weg diese neue Perspektive. Sie lassen alles liegen, was ihnen bisher etwas bedeutete und ihnen einen kärglichen Lebensunterhalt und ein bisschen Geborgenheit schenkte: das Boot und ihren Vater, damit ihren Beruf und ihre Familie. Sie leben offenbar nicht mehr aus Angst um sich selbst, aus Angst um ihr Leben, aus Angst, zu wenig vom Leben abzukriegen.

Offenbar ist es dieses Sich-Mitnehmen-Lassen auf Jesu Weg, was eine Perspektive schenkt, was Orientierung gibt, was aus dem Dunkel in einen neuen Morgen führt. Sich einlassen auf Jesus im Vertrauen auf sein Wort. So ist das eigentlich bis heute. Gottes Wort mehr trauen als unserer Erfahrung, die uns sagt, dass doch alles für das Nichts bestimmt ist. Sich Gottes Wort so anvertrauen, dass man nicht mehr von der Angst um das eigene Leben regiert wird. Das heißt es, in Gottes Reich einzutreten.

So ist das auch heute: Wir können tatsächlich der Macht der Angst um uns selbst nicht entrinnen, wenn wir uns dem Worte Jesu nicht anvertrauen. Denn es ist Gottes Wort.

Der Ruf zu dieser Umkehr ergeht auch an uns. Er verheißt uns das Himmelreich oder, m. a. W.: Gemeinschaft mit Gott, die von keiner Macht der Welt mehr zerstört werden kann.

Dass Umkehr Not tut, wissen wir. Doch wir tun uns schwer, tatsächlich umzukehren von verkehrten Wegen. Kehrt um! heißt soviel wie: Hört auf! Hört auf mit dieser Lebensweise. Hört auf mit der Ausbeutung der Natur! Hört auf mit der Tierquälerei in der Viehhaltung! Hört auf mit dem Wachstumsdenken! Mit dem Immermehrhabenwollen. Wir haben doch schon mehr als genug. Lernt wieder Bescheidenheit und Unsicherheit! Habt keine Knappheitsängste! Sucht das Reich Gottes! Sucht also neue Wege für eine menschlichere, gerechtere Welt, für eine solidarische Menschheit.

Aber dieser Ruf zur Umkehr ergeht nicht nur an jeden einzelnen. Er gilt auch der Kirche als ganzer bzw. den verschiedenen Kirchen, in die die eine Christenheit heute gespalten ist. Wir stehen in der Gebetswoche um die Einheit der Christen. Und so sind wir eingeladen, uns mit den Christen aller Konfessionen neu auf die Einheit zu besinnen, die wir im Glauben doch schon haben. Wir wissen alle, dass das ein schwerer Weg ist, aber er muss gegangen werden. Denn es widerspricht zutiefst dem Willen Jesu, dass seine Jünger sich einander entfremden und sich gegenseitig die Jüngerschaft und die Nachfolge absprechen.

Schon in der jungen Christengemeinde von Korinth gab es Spaltungen. In der 2. Lesung haben wir gehört, dass Paulus dazu aufruft, diese Spaltungen zu überwinden. Es gibt dort verschiedene Parteien, man könnte fast sagen „Konfessionen“: ich halte zu Paulus, ich zu Apollos, ich zu Petrus, ich zu Christus. Das ist so, als sagte man heute: ich halte zu Luther, ich zu Calvin, ich zum Papst. Ist denn Christus zerteilt? Sind wir etwa durch Luther, Calvin oder den Papst erlöst worden?

Paulus sagt damit: Es gibt eine Einheit, die für den Glauben unzerstörbar ist, auch wenn wir sie kaum mehr sichtbar machen oder sie sogar bestreiten. Aber Christus selbst ist nicht zu zerteilen.

Die lange und verhängnisvolle Geschichte der Kirchenspaltungen in Ost und West, die gegenseitigen Exkommunikationen und Verurteilungen, das gegenseitige Sich Absprechen des Glaubens – das alles gehört zur Schuldgeschichte der Kirchen und ist keine Bezeugung des Evangeliums vom Kommen der Gottesherrschaft. Es ist oft angstbesessene Rechthaberei, die sich nicht vorstellen kann, dass die Grenzen der Kirche vermutlich viel weiter sind als die der eigenen Konfession.

Aber wie soll die Ökumene gelingen, wenn es Spaltung sogar in unserer römisch-katholischen Kirche gibt. Manche sprechen sogar von einer drohenden Kirchenspaltung innerhalb unserer Kirche. In den nächsten Tagen beginnt der synodale Weg, zu dem die Bischöfe sich verpflichtet haben angesichts so vieler Missstände in der Kirche. Es bleibt zu hoffen, dass die Tendenz zur Spaltung überwunden wird. Auch dies gehört zur Umkehr.

Tatsächlich gibt es verschiedene Gruppen in der Kirche. Die einen wollen Veränderungen: verheiratete Priester etwa, die Priesterweihe für Frauen, die Anerkennung der Homosexualität und die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Andere wollen genau diese Dinge nicht, sondern sehen darin einen Verrat an der christlichen Tradition. So entstehen fast unüberwindliche Entfremdungen zwischen diesen Gruppen, Konservative und Progressive, die doch alle zu Jesus gehören wollen. Sie betrachten sich gegenseitig mit Geringschätzung bis hin zu Verachtung. Es vergeht kein Tag, an dem diese Geringschätzung nicht im Internet und in anderen Medien in die Welt getrötet wird. Christen machen Christen vor der Öffentlichkeit lächerlich. Es gibt kaum die Bereitschaft, einander zuzuhören. Es ist wie in der Gemeinde von Korinth: Ich halte zum Papst; ich zu seinem emeritierten Vorgänger Joseph Ratzinger; ich zu Kardinal Müller oder Kardinal Sarah; ich zum Zentralkomitee der Katholiken; ich zu den Piusbrüdern. Die Verwirrung ist groß. An wen soll man sich halten?

Nun, wurden wir etwa durch den Papst erlöst? Ist Joseph Ratzinger für uns gekreuzigt worden? Oder Kardinal Müller? Schon Paulus hat mit solchen Fragen auf Christus verwiesen. Umkehr, Erneuerung, Reform der Kirche kann nur gelingen, wenn wir uns auf Jesus einlassen, ihm nachfolgen wie die ersten Jünger. Sie ließen alles zurück, was ihnen bisher vertraut war: ihren Beruf, ihre Familie, ihre Gewohnheiten, ihr Denken. Sie orientierten sich ganz neu, indem sie von Jesus lernten, mit ihm gingen, das bisher Selbstverständliche hinter sich ließen. Es war ein Miteinander auf dem Weg, eben ein synodaler Weg mit Jesus, dem Christus Gottes. Aufeinander hören und miteinander sprechen. Jeder sagt doch auch etwas Wahres. Und alles Wahre ist vom Heiligen Geist. Das gilt es herauszuschälen aus den vielen verwirrenden Stimmen.

Wenn wir nicht alle mit Christus auf dem Weg sind, dann wird dieser Weg scheitern. Wir können nur beten und hoffen, dass es gelingt, dass alle sich an Christus orientieren. Der synodale Weg muss ein geistlicher Prozess sein, eine Gebetsgemeinschaft, in der die verschiedenen Gruppen die Geringschätzung füreinander durch den Geist Jesu überwinden und einander zu verstehen zu suchen. Nicht Gewinner und Verlierer darf es am Ende geben, sondern alle müssen gewinnen an Freude am Glauben, an Hoffnung und Liebe. Paulus sagt es an anderer Stelle: Jeder „schätze den anderen höher ein als sich selbst“ (Phil 2,3).

Wo ganz verschiedene Menschen an Christus glauben und Christus zur Mitte ihres Lebens wird, wo also jeder darauf verzichtet, selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern allein Christus die Mitte aller ist, da entsteht ein Raum des Friedens und des Verstehens. Da geschieht bereits die Umkehr, zu der Jesus uns ruft. Da ereignet sich synodaler Weg. Möge er gelingen!

Im Glauben an Christus kann man tatsächlich nur übereinstimmen. Denn es ist der Heilige Geist, der uns mit Christus verbindet. In allen anderen Dingen darf man dann auch verschiedener Meinung sein, ohne dass man sich die Köpfe einschlägt. Und man kann diese Unterschiedlichkeit aushalten, ohne einander wegzuwünschen. Sie trennt uns dann nicht mehr, denn in Christus sind wir verbunden.

Der Heilige Geist, der Geist Jesu ist ein ökumenischer Geist. Er verbindet alle, die an Christus glauben. Jede Konfession kann ihn in den anderen Konfessionen entdecken. Und auch jede Fraktion innerhalb unserer Kirche kann ihn in den anderen finden. Man braucht sich nur an die Weisung Jesu zu halten, zuerst den Balken im eigenen Auge zu erkennen, bevor man sich mit dem Splitter im Auge des Bruders beschäftigt (vgl. Mt 7,5).

So müssen wir und alle Christen uns immer wieder vom Herrn zur Umkehr rufen lassen. Und  uns auch gegenseitig dabei helfen, den Ruf Gottes für heute zu vernehmen und uns auf ihn einzulassen, indem wir ihn uns gegenseitig bezeugen.

Wir sind jetzt zur Eucharistie versammelt. Christus will unsere Mitte sein. Er will das Licht sein, das uns aufgeht! Unser Friede. Unsere Freude.

 

 

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2. Sonntag im Jahreskreis

Gehalten am 18.1.2020 in München, Heilig Geist

Predigt zu Joh 1,29-34

 

 

„Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

Dieses Wort ist uns ganz vertraut. Wir hören es in jeder Eucharistiefeier. Es stammt aus dem Johannesevangelium. Die Stelle haben wir gerade gehört.

Aber zugleich ist es auch ganz fremd. Wer kann schon sagen, was es bedeutet? Wieso Lamm? Warum nicht Katze Gottes? Oder Dackel Gottes? Ist Gott ein Tierhalter?

Und wie soll ein Lamm Sünden wegtragen, fortschaffen?

Und was hat das ganze mit Gott zu tun?

Für die jüdischen Zeitgenossen Jesu war die Rede vom Lamm Gottes hingegen ganz und gar verständlich. Denn das Lamm war zu der Zeit ein Opfertier. Jede jüdische Familie opferte alljährlich ein Lamm, um sich mit Gott zu versöhnen. Im Jerusalemer Tempel wurden täglich Lämmer Gott als Opfer dargebracht, um die Sünden des Volkes zu sühnen. Man war davon überzeugt, dass Gott solche Opfer wohlgefällig waren und der Versöhnung mit Gott dienten.

Mit der Botschaft Jesu aber geschah etwas Neues. Seine Jünger verstanden: Unsere Opfer können Gott gar nicht versöhnen. Wie soll denn das Blut von Lämmern auch Sünden wegnehmen? Wir haben es gar nicht in der Hand, ob Gott sich mit uns versöhnt, ob er uns Gemeinschaft schenkt. Religion ist ja der Versuch, Gott durch eigene Leistung zu versöhnen. Menschen hoffen, Gottes Gnade und Segen dadurch zu erlangen, dass sie Gott etwas schenken, ihm etwas hingeben: in diesem Fall eben Lämmer, weil sie so unschuldig aussehen. Ihnen wurden deshalb unsere Sünden aufgeladen.

Mit Jesus aber geschieht ein religionsgeschichtlicher Paradigmenwechsel. Der Opferbegriff wird auf den Kopf gestellt. Der Mensch kann von sich aus Gott gar nicht versöhnen. Aber Gott hat selbst die Welt mit sich versöhnt. Er hat seinen Sohn gesandt. Nicht wir können Gott also Opfer darbringen, sondern Gott hat uns Menschen ein Opfer gebracht. Er hat uns seinen Sohn geschenkt, damit wir Kinder Gottes werden. Deshalb ist er, Jesus, dieses Lamm, dieses einzige und wahre Lamm, das Gott und Mensch versöhnt. Denn der Sohn Gottes wurde unser Bruder, in allem uns gleich – und doch unschuldig wie ein Lamm – um uns in die Liebe Gottes aufzunehmen. Er ist der einzige, der ohne Sünde ist, der einzige, der schon immer mit Gott versöhnt ist. Deshalb ist er der Eine, der uns mit Gott versöhnen kann.

Doch das alles ist nicht unblutig abgelaufen.

Weihnachten ist vorbei. Die Weihnachtszeit auch. Das Stück heile Welt vom Heiligen Abend – vielleicht war es nur eine Illusion. Jetzt geht es wieder um die knallharten Tatsachen des Lebens. Lamm Gottes! Ja, jetzt wird vollends deutlich, in welche Welt Jesus hineingeboren wurde. Wohin er gekommen ist. In eine Welt voller reißender Wölfe. Und nun verstehen wir vielleicht besser, warum Lamm. Er war kein Wolf. Und er heulte nicht mit ihnen. Gott kam als Mensch in diese Welt. Und hatte keine Bleibeperspektive, keine Überlebenschance. Das war’s. Auch deshalb Lamm: unschuldig, ja naiv. In den Augen der Welt: ein dummes Schaf.

Das Johannesevangelium ist an dieser Stelle ziemlich sicher vom Propheten Jesaja inspiriert. Bei Jesaja ist vom Gottesknecht die Rede: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ (53,7). Und dann heißt es auch: „Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich“ (53,11). Karfreitag werden wir diese Sätze wieder hören. Johannes hat diese Worte aus dem AT offenbar auf Jesus gedeutet und in Jesus dieses Prophetenwort vom Lamm in einer Welt voller Wölfe erfüllt gesehen. Das Evangelium heute spielt also schon an auf das Schicksal, das Jesus ereilen wird.

Jesus ist zutraulich wie ein Lamm auf die Menschen zugegangen. Er hat ihnen Gemeinschaft mit Gott angeboten, ein Zusammenleben, das auf Liebe und nicht auf Egoismus aufgebaut ist. Doch seine Liebe ist weithin auf Hass gestoßen. Er ließ sich treffen von der Bosheit der Frommen, von der Gewalt der Anständigen, von der Heuchelei der Priester. Und das gilt alles auch heute. Auch die Religion gehört zur Sünde der Welt, an der er zugrunde ging.

„Deinen Tod verkünden wir“, so ruft es die Christenheit in jeder Abendmahlsfeier von Neuem. An uns, an unserer Art zu wirtschaften, Politik zu machen und fromm zu sein – bist du zugrunde gegangen! Wie Abertausende andere auch. Sind wir noch zu retten?

Ja, wir sind es. Aber nicht weil wir wir sind und weil wir tolle Überlebensstrategien entwickeln, sondern weil er der Sohn Gottes ist: „Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit Heiligem Geist tauft.“ Kein Zweifel: er war voll von diesem Geist. Denn er war wahrhaft Mensch. Kein Unmensch. Kein Supermensch. Ein wahrer Mensch, der in die Hand von frommen und anständigen Unmenschen fiel, das ist der Sohn Gottes.

Gott führt uns also nicht ein spektakuläres Gottsein vor, also irgendein übermenschliches Wesen, sondern einen wahren Menschen, in allem uns gleich, außer eben der Sünde, außer der Gottzerstrittenheit und Gottverlassenheit und allem, was daraus folgt.

Und er, dieses Lamm, ließ sich treffen von all der Bosheit dieser Welt. Es ging daran zugrunde. Diese Welt war eigentlich nichts für ihn. Und doch hat er sie angenommen und hat sie – und damit auch jeden von uns - umarmt, wie wenn ein Nackter einen riesigen Kaktus umarmt. Und ist daran zugrunde gegangen. Freiwillig. Das gehört dazu, wenn man den Geist hat, der Gottes Geist ist.

Er tauft mit diesem Geist. D. h.: er gibt diesen Geist weiter. Er lässt andere teilhaben an diesem Geist. Darin liegt offenbar das Heil und das Fortschaffen der Sünde: diesen Geist abbekommen. Sich in diesen Geist des dummes Schafes hineinnehmen lassen. So werden wie er: wahrhaft Mensch. Das heißt es wohl, ein Christ zu werden, eben ein Zeuge Christi.

Der Heilige Geist ist es, der Jesus mit Gott verbindet. Er ist das Wir von Vater und Sohn. In der Sünde leben heißt, von Gott getrennt sein, sein Heil auf eigene Faust bewerkstelligen müssen – und deshalb meistens auf Kosten anderer. Sich mit dem Geist Jesu taufen lassen, heißt, mit Gott verbunden sein, selbst Kind Gottes werden, an der Gotteskindschaft Jesu teilhaben, sich hineingenommen wissen in die Gemeinschaft Jesu mit Gott. Darum – und um nichts anderes - geht es in unserem Glauben: Sich und alle Menschen um Jesu willen mit derselben Liebe von Gott geliebt wissen, mit der Gott seinen Sohn liebt.

Wer sich diesem Wort anvertraut, der weiß, dass die Sünde, das Böse, das Zerstörerische nicht das letzte Wort behalten wird.

Denn Gott hat seinen Sohn gesandt, um uns Sünder zu retten. Ohne ihn müssten wir an unserer Sünde ersticken. Denn wir wären abgeschnitten von Gott und damit vom Leben. Sünde und Tod hätten das letzte Wort. Unser Heil hängt daran, dass wir uns von Jesus ansprechen lassen, dass sein Wort in unser oft so hartes Herz dringt, dass sein Leib unseren Leib formt. Und wir es lernen, nicht mit den Wölfen zu heulen, sondern ihm, dem Lamm Gottes, dem wahren Menschen ähnlich zu werden. Und auch in einer glaubensfeindlichen Umgebung bekennen, zu wem wir gehören: Er ist der Sohn Gottes.

Wir feiern jetzt sein Opfer, sein Zugrundegehen an uns und für uns. Das Geschenk seines Lebens ist Geschenk ewigen Lebens.

Seht, das Lamm Gottes!

 

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Weihnachten 2019

Gehalten am 25.12.2019 in München, St. Maria – Thalkirchen

Predigt zu Joh 1,1-18

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder im Glauben,

Weihnachten ist wie ein großes Geschenkpaket. Man muss es langsam auspacken, Schritt für Schritt durch so manche Verpackungsschichten – bis wir erkennen, was wir da bekommen haben, bis wir zum Eigentlichen vorgedrungen sind und verstehen, was Weihnachten bedeutet. Man muss sich daran tasten

 Das Johannesevangelium hat es auf den Punkt gebracht. Es ist bis zum Tiefsten vorgedrungen, hat es ausbuchstabiert, was Weihnachten bedeutet: Das Wort Gottes ist Fleisch geworden. Das Wort, das Gott selber ist. Das Wort, in dem Gott sich ausspricht, sich mitteilt, ist Fleisch geworden. Besser kann man dieses unbegreifliche Geschehen nicht aussagen.

 Von Gottes Wort ist die Rede. Und vom Fleisch. Wie bringt man das zusammen – Wort und Fleisch? Bei „Wort“ denkt man an etwas Geistiges; bei „Fleisch“ an etwas Materielles, Vergängliches. Um was für Fleisch geht es? Und um welches Wort? Wort steht für Sprechen, für Kommunikation. Und wie „spricht“ Fleisch und wie „spricht“ Gott? Kann es da einen Zusammenklang geben? Können Fleisch und Gott dasselbe sagen? Sieht erstmal nicht danach aus.

Fleisch, liebe Gemeinde, lebendiges Fleisch ist das, was unser irdisches Sein ausmacht, unsere Wirklichkeit. Als ein kleiner Klumpen Fleisch kommen wir auf die Welt, hungrig und schreiend nach Leben. Und am Ende ist es altes Fleisch, das in einer Holzkiste begraben wird und vergeht. Und bevor es soweit ist, hegen und pflegen wir dies Fleisch, halten es frisch und fit, ja, auch schön attraktiv, verführerisch soll es sein. „Sexy“ sagen wir dazu. Die ganze Kosmetikindustrie, aber auch die Ärzte und Apotheker leben davon, sein Haltbarkeitsdatum hinauszuschieben. Aber früher oder später ist alle Mühe umsonst: es wird doch alt.

Nun, das kennen wir: die Sorge um unser Fleisch. Essen und Trinken, gesunde Ernährung, Körperpflege. Fleisch ist auch eine Quelle der Lust und der Freude, solange es blüht. Wir kennen das Wort „Fleischeslust“. Aber Fleisch wird auch zu einer Last und einer Qual: wenn wir krank sind, wenn wir alt und schwach werden. Das alles bestimmt unseren Alltag. Fleisch ist vergänglich. Deshalb ist es so gierig, gierig nach Lust und auch nach anderem Fleisch. Unser Fleisch spricht eben seine Sprache: die Sprache der Angst vor dem Vergehen und die Sprache der Gier nach Leben. Wobei die Gier nur Ausdruck der Angst ist, zu wenig vom Leben abzukriegen, leer auszugehen, Gammelfleisch zu werden, zu vergehen und zurückzufallen ins Nichts.

Das Fleisch bestimmt unser Leben. Aber Fleisch ist nicht nur unser Äußeres, gewissermaßen eine sterbliche Hülle. Für die Bibel ist Fleisch der ganze Mensch, mit allem, was sein Leben ausmacht. Es ist nicht nur ein Teil des Menschen, sondern es ist der Mensch mit seinem Hoffen und Sehnen, seinem Lachen und Weinen, mit Freude und Leid, mit seinem Glauben und seiner Verzweiflung, mit all seiner Gier und Lust und seiner Angst um sich selbst. Auch das kennen wir. Mehr oder weniger gut.

Nun aber sagt das Weihnachtsevangelium, dass Gottes Wort, das Wort, das Gott selbst ist, der Gott nämlich, den „kein Mensch je gesehen“ (Joh 1,18) hat, der „in unzugänglichem Licht wohnt“ (1 Tim 6,16), weil er gewissermaßen das Gegenteil vom vergänglichen Fleisch und „über alles unaussprechlich erhaben“ ist (Vaticanum I), dass dieses Wort Gottes, Fleisch geworden sei.

Nanu, da reibt man sich doch die Augen. Ist im Himmel ein Betriebsunfall passiert?

Nun, was sollen wir dazu sagen? Gott wird Fleisch, unser Fleisch. Er kommt nicht als Gott; er kommt als Mensch, als einer von uns, in allem uns gleich. Wie sollen wir das verstehen? Das Evangelium sagt nicht: Gott hat sich des Fleisches bedient. So wie ein Violinspieler auf seiner Violine nur spielt. Vielmehr ist Gott Fleisch geworden, so als würde der Violinspieler selbst die Violine. So ist Gott unser Fleisch geradezu geworden.

In Jesus hat sich Gottes Wort ausbuchstabiert. In seinem Fleisch. In einem Menschen wie wir. In seinem irdischen Leben, in seiner Menschlichkeit, in seiner barmherzigen Hinwendung zu den Menschen in ihrer Not, in Krankheit und Unheil. Und schließlich in seinem Zeugnis bis zum Kreuz und in seinem qualvollen Sterben als Opfer menschlicher Bosheit. In all dem hat Gott uns das gesagt, was er uns sagen will: sich selbst. Und mit seinem Fleisch gibt er uns sein Wort, dass wir nicht mehr aus Angst um uns leben müssen, dass wir in seiner Gemeinschaft geborgen sind im Leben und im Sterben.

Wenn das wahr ist, liebe Schwestern und Brüder, dann hat in Jesus unser vergängliches Fleisch bereits eine andere Sprache gesprochen als die Sprache des Fleisches. In Jesus hat unser Fleisch nicht mehr die Sprache der Angst und der Gier gesprochen, sondern die Sprache Gottes, die die Sprache der Liebe ist, der Hoffnung, der Solidarität, des Tröstens und des Schenkens und vor allem „der Wahrheit und der Gnade“ (Joh 1,14). Das Evangelium kann sogar sagen, dass wir die Herrlichkeit des Wortes Gottes nicht nur gehört, sondern gesehen haben: An Jesu Fleisch „sehen“ wir im Glauben das Sprechen Gottes, wie Gott spricht. Dieses Sprechen hat unter uns gewohnt. Und wir sehen es auch in all denen, die ihm folgen: die menschlich sind, die barmherzig sind, die liebevoll auf Fremde zugehen. In ihrem Fleisch spricht Gott sich aus.

Das heißt: von Jesus gilt dann auch umgekehrt: Nicht nur: Gottes Wort ist Fleisch geworden, sondern auch: Unser Fleisch ist Gottes Wort geworden, denn es hat die Sprache Gottes gesprochen. Menschliches, irdisches Fleisch spricht nicht mehr die Sprache des Fleisches, sondern die Sprache Gottes! Überlegen Sie mal!

Was fangen wir nun damit an?

Wer sich Gottes Wort sagen lässt, dem kann eine ähnliche Verwandlung zuteil werden. Wo Gottes Wort ins Fleisch kommt, ja Fleisch wird, da verwandelt sich das Fleisch. Da lassen wir uns sagen, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, dieselbe Gemeinschaft, die Jesus mit Gott hat. Da lassen wir uns sagen, dass wir Kinder Gottes sind, und eben nicht nur vergängliches Fleisch, sondern gemacht für die Ewigkeit. Dann hören wir auf, Sklaven der Angst um uns selbst zu sein und damit Sklaven des Fleisches. Und dann spricht unser Fleisch nicht mehr die Sprache der Angst und der Begierde, sondern da beginnt es, die Sprache Gottes zu sprechen, die die Sprache der Liebe und der Hoffnung ist, der Wahrheit und der Gnade.

Es geht Weihnachten zutiefst um unsere Bestimmung, liebe Schwestern und Brüder. Wozu sind wir gemacht? Wem wollen wir trauen? Dem, was wir von uns aus an uns sehen, nämlich unserer Vergänglichkeit, oder dem Wort, das sich in Jesu Leben und Sterben ausbuchstabiert hat und uns sagt, dass wir zur Gemeinschaft mit Gott in alle Ewigkeit bestimmt sind?

Und es geht Weihnachten um die Verwandlung unseres Lebens: Heute beschenken wir einander und versuchen, zueinander gut zu sein. Viele geben auch ab von ihrem Geld für die Kirche in Lateinamerika, andere laden Flüchtlinge zu sich ein – all das ist auch Ausdruck dessen, dass wir dazu bestimmt sind, die Sprache Gottes zu sprechen, der uns Sohneswürde geschenkt hat. Die Sprache der Liebe und der Hoffnung, die Sprache der Barmherzigkeit in einer Welt, in der die Sprache der Gier und des Egoismus, der Gewalt und der Angst übermächtig ist und alles zu übertönen scheint und in der die kapitalistische Ökonomie mit den Marktgesetzen über die Menschlichkeit zu triumphieren scheint. Wer sich so verwandeln lässt, muss selbst damit rechnen, in dieser Welt den kürzeren zu ziehen. Aber damit bekommt er Anteil am Schicksal Jesu, wird christusförmig (vgl. Phil 2,5ff). Aus Unmenschen können Menschen werden.

Seine Hingabe für uns, die wir jetzt in der Eucharistie feiern, sein geschundenes Fleisch am Kreuz, bezeugt die Sprache, die dieses Fleisch sein ganzes Leben hindurch gesprochen hat. Dieses Fleisch ist das Wort Gottes. In dieser Stunde schenkt er uns wieder sein hingegebenes und lebendiges Fleisch, um unser vergängliches und todgeweihtes Fleisch unvergänglich zu machen.

 

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4. Adventssonntag

Gehalten in St. Maria, München-Thalkirchen

am 21./22.12.2019

 

„Geboren von der Jungfrau Maria“. Wie sollen wir das verstehen? War Jesus ein biologischer Sonderfall? Wie soll das möglich sein, dass ein Mensch von einer Jungfrau „ohne Zutun eines Mannes“ gezeugt und zur Welt gebracht wird? Wie ist diese Überzeugung im Glauben zu verstehen? Wie lässt sie sich gegenüber dem kritischen und aufgeklärten Denken verantworten? Sollen wir einfach annehmen, dass hier ein Naturgesetz, das sonst immer gilt, einmal außer Kraft gesetzt wurde? War Jesus also ein biologischer Sonderfall? War er nur ein Halbgott und ein halber Mensch?

Unsere Evangelien wurden viele Jahre und Jahrzehnte nach Jesus geschrieben. Die Verfasser  konnten von den Umständen, in denen sich die Geburt Jesu zugetragen hatte, kaum etwas wissen. Noch weniger lag es im Interesse der biblischen Schreiber, die Nachwelt über diese tatsächlichen Vorgänge zu informieren. Wenn es so wäre, müssten wir viele Widersprüche, die sich nicht klären lassen, in den biblischen Texten hinnehmen. Warum erscheinen z. B. Engel bei Matthäus nur im Traum, bei Lukas hingegen nur wachen Menschen? Tatsächlich aber sind die Texte der Evangelien allein daran interessiert, den Glauben an Jesus weiterzugeben. Sie wollen uns nicht informieren über tatsächlich so und nicht anders gewesene Sachverhalte, sondern sie wollen Jesus als den Sohn Gottes bezeugen.

Stellen Sie sich vor, im Englischen Garten stünde plötzlich und auch noch mitten im Winter eine wunderschöne Palme, obwohl unser Klima dafür gar nicht geeignet ist. Wir würden staunen und uns fragen: Wie kommt die Palme in unseren Englischen Garten? Natürlich wäre sie nicht vom Himmel gefallen. Jemand hätte sie gepflanzt. Aber nach kurzer Zeit würde sie an unserem kalten Klima eingehen.

So ähnlich hat die erste Christengeneration gefragt: Wie kann in dieser Welt, die so voll von Gewalt ist, wo Kriege und Grausamkeit die Geschichte beherrschen, wie konnte da ein solcher Mensch wie Jesus heranwachsen? Wie konnte in diesem Klima der Unmenschlichkeit ein wahrhaft menschlicher Mensch, ein Mensch ohne Sünde, ein wahrer Mensch  aufwachsen. Es ist eigentlich unmöglich. Auf vielerlei Weisen und mit verschiedenen poetischen Bildern wollen die Evangelien bezeugen: Jesus ist Gottes Sohn, der unser Bruder geworden ist. Und ein beliebtes Bild dafür ist das Bild von der Jungfrauengeburt.

Dieses Bild wird oft missverstanden. Manche Menschen meinen, Jesus sei nicht ein ganzer Mensch gewesen, sondern ein Mischwesen aus Gott und Mensch, also halb Mensch halb Gott. Doch die Kirche hat immer gelehrt, dass Jesus wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch ist. Also nicht halb und halb. Und also auch kein Mischwesen. Sondern in einer Person wahrhaft Gottes Sohn und wahrhaft ein Mensch wie wir. Wie kann das sein?

Nun wir kennen das auch aus anderen Zusammenhängen. Eine Frau, die Kinder hat z. B. ist immer zugleich Tochter und Mutter in einer Person. Sie ist nicht halb Tochter und halb Mutter. Sie ist wahrhaft Tochter (nämlich ihrer Eltern) und wahrhaft Mutter (ihrer Kinder). Und so ist auch Jesus wahrhaft Sohn Gottes und wahrhaft Bruder der Menschen, in allem uns gleich. Die Heilige Schrift und die Kirche lehren sogar, dass der Sohn Gottes „in allem uns gleich war, außer der Sünde“. Wäre Jesus uns in allem gleich gewesen, wenn er keinen irdischen Vater gehabt hätte?

Auf vielerlei Weise und mit vielen verschiedenen Bildern wollen die Evangelien bezeugen, dass Jesus der Sohn Gottes ist und aus Gott stammt. Sie bedienen sich dabei vor allem auch der Bilder und Vorstellungen, die den Schreibern aus dem Alten Testament geläufig und vertraut waren. So war das Bild von der Jungfrauengeburt bereits bei Jesaja vorgegeben (1. Lesung). Es heißt dort nach der Einheitsübersetzung: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel – Gott mit uns – geben“ (Jes 7,14). Diese Verheißung wird im Alten Testament durch den Propheten Jesaja dem König Ahas gegeben, der sich in arger politischer Bedrängnis befindet. Die Weissagung ist ein politisches Geburtsorakel, in dem – gegen alle Hoffnungslosigkeit gegenüber mächtigen äußeren Feinden Judas – der Fortbestand der Daviddynastie gesichert wird. Erst die neutestamentliche Überlieferung hat diesen Text auf Jesus hin gedeutet, um ihren Hörern zu zeigen, dass jetzt mit Jesus dieser Text in seinem „tiefsten“ Sinn in Erfüllung gegangen ist.

Mithilfe dieses Motivs nun bezeugt Matthäus die Gottessohnschaft Jesu. Es war ein willkommenes Bild, um etwas ganz Entscheidendes nicht über den körperlichen Zustand Marias oder über ihre Beziehung zu Josef, sondern über Jesus selbst zu sagen. Leitend war die Frage: Wo kommt dieser Jesus her? Wo hat er seinen Ursprung? Wie kann es sein, dass ein solcher Mensch, ein wahrer Mensch, das Menschliche überhaupt in dieser unserer barbarischen Geschichte zur Welt kommen konnte? Ist es nicht erstaunlich, dass ein solcher Mensch unter uns gelebt hat? Können wir Menschen, kann unsere Geschichte ihn hervorgebracht haben?

Unser heutiges Evangelium beschließt den Stammbaum Jesu, der unmittelbar vorher erzählt wird. Er beginnt bei Abraham: Abraham zeugte Isaak, Isaak zeugte Jakob usw. über viele Generationen über David bis zu Josef. Dann aber heißt es nicht: Josef zeugte Jesus, sondern es folgt der Text, den wir heute gehört haben. Warum aber wird dieser ganze Stammbaum aufgeführt, wenn Jesus damit nichts zu tun hat? Doch Paulus schreibt im Römerbrief (2. Lesung), dass Jesus dem Fleisch nach aus dem Samen Davids stammt, dem Heiligen Geist nach aber Sohn Gottes ist (vgl. Röm 1,3-4). Er unterscheidet also zwei Sichtweisen: „nach dem Fleisch“ und „nach dem Heiligen Geist“.

Es geht also um das Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes. Offenbar hat der Verfasser etwas Wichtiges damit sagen wollen. Jesus gehört wohl in die Volks- und  Glaubensgeschichte Israels. Er ist als Mensch ganz und gar ein Sohn des jüdischen Volkes. Aber zugleich und in einem anderen Sinne ist er es wieder nicht. Matthäus lag daran, in der Kontinuität mit Israel zugleich eine Diskontinuität deutlich zu machen. So sehr Jesus ein Sohn des jüdischen Volkes ist, so wenig ist er als der Sohn Gottes ein Ergebnis oder ein Erzeugnis der Geschichte dieses Volkes. Er ist wirklich ein Jude, der aus einer langen Zeugungsreihe stammt. Aber als der Christus, der Messias Gottes ist er nicht aus der Geschichte eines menschlichen Volkes her zu verstehen und aus ihr abzuleiten. Gott hat hier einen neuen Anfang mit seinem Volk und mit der ganzen Menschheit gesetzt. Der Messias lässt sich nicht als bloße Fortschreibung der Geschichte Israels verstehen, so sehr er auch menschlich und heilsgeschichtlich mit ihr verbunden ist.

Damit wird bereits deutlich, wie das Motiv von der Jungfrauengeburt zu verstehen ist. Es geht nicht nur um die Beziehung zwischen Maria und Josef, gewissermaßen als isolierte Zweierbeziehung, deren Eigenart beschrieben wird. Vielmehr ist diese Beziehung im Kontext des Stammbaums Jesu zu sehen. Das Bild von der Jungfrauengeburt will nicht sagen, dass Jesus als Mensch wie wir keinen irdischen Vater hatte. Es will vielmehr eine Glaubensaussage machen. Es bringt die Überzeugung zur Sprache, dass wir es bei Jesus mit dem Christus, dem Messias, dem Sohn Gottes zu tun haben. Dieser aber ist nicht abzuleiten aus menschlicher Geschichte. Er kann nicht von Menschen hervorgebracht werden, obwohl er von ihnen stammt. Wir können den Erlöser nicht selber machen. Er kann nicht durch eine ideale genetische Konstellation oder durch eine ideale Erziehung hervorgebracht werden. Mit Jesus, der selbstverständlich ganz und gar Mensch war wie wir, ist der Sohn Gottes in unsere Geschichte getreten und nicht aus ihr hervorgegangen. Nicht die Gene retten uns, auch nicht ihre Optimierung im Labor können uns retten aus dem sicheren Tod. Nur Gott kann uns retten und uns wahrhaft menschlich machen. Er hat uns gerettet, indem er uns in Jesus ein wahres Menschsein zeigte und uns in Jesu Gottesverhältnis hineinnahm. Insofern wir uns deshalb als Kinder Gottes verstehen können, wird die Jungfrauengeburt auch von uns ausgesagt. Unser Kind-Gottes-Sein verdanken wir nicht der natürlichen zeugung durch unsere Eltern, sondern dem Heiligen Geist.

Kommen wir zurück zur Palme im Englischen Garten. Unser Klima ist für sie ungeeignet. Sie wird bald eingehen. So war es auch bei Jesus. Der Heilige Geist hat in Maria ein Klima erzeugt, ein Kleinstbiotop, in dem ein Mensch wie Jesus heranwachsen konnte. Doch das Klima dieser Welt hat ihn nur kurze Zeit leben lassen. Er wurde Opfer der Unmenschlichkeit und der Bosheit anderer Menschen. Er ging kaputt an unserem Klima der Angst, der Gier und der Gewalt.

Als Kirche sind wir wie Maria berufen, ein Biotop des Heiligen Geistes zu sein, ein Ort, eine Gemeinschaft, in der Jesus nicht nochmals kaputt geht am unmenschlichen Klima, sondern wo er leben kann und wo alle leben und atmen können, die in dieser Welt keine Chance zum Leben bekommen.

Unser Bekenntnis zur Jungfrauengeburt ist also kein Bekenntnis zu einem biologischen Sonderfall, sondern ein Bekenntnis zu Jesus als den Christus Gottes. In diesem wahren Menschen ist Gott selbst zur Welt gekommen. Das ist das ganz und gar Unbegreifliche, das die Evangelien nur mit diesem Bild zur Sprache bringen konnten. Der Einbruch Gottes in die Barbarei des Seins. Damit auch wir Menschen werden. „Mach’s wie Gott: Werde Mensch!“

In der Eucharistie nehmen wir Christus wie Maria in uns auf. Damit wir mit ihm schwanger gehen und ihn wie Maria zur Welt bringen. Hier und heute.

 

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33. Sonntag 

17.11.2019

 

Schlechte Prognose. Hört sich nicht gut an. Klingt nicht gerade nach Froher Botschaft, was wir da aus dem Munde Jesu hören, liebe Schwestern und Brüder. Eher realistisch. Tatsächlich beschreibt der Herr die Welt, wie sie wirklich ist. Voller Gewalt. Kriege und Zwietracht. Naturkatastrophen wie Erdbeben. Seuchen und Hungersnot. Christenverfolgung wie heute im Nahen Osten. Entchristlichung wie bei uns in Europa: „Ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden.“ Ist doch ganz realistisch. Fast so als wären diese Worte heute gesagt. Und auch vom schön geschmückten Jerusalemer Tempel wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Und so ist es im Jahre 70 nach Christus ja auch gekommen.

Eine Beschreibung der Welt wie sie nun einmal ist. Und sie war wohl nie anders.

Jesus, unser Herr, spricht hier ein Grundproblem des Menschen an. Unser Leben und unser Zusammenleben ist ständig bedroht, tödlich bedroht. Von innen und von außen. Und offenbar ist der Mensch selbst das Problem. Er ist nicht gut. Ja, er wird böse und unmenschlich: „Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern.“ Der Mensch wird zum Feind des Menschen. Zum Räuber und Erpresser, zum Lügner und zum Mörder, zum Krieger und zum Ausbeuter.

Und dabei haben wir doch Sehnsucht nach einer anderen Welt, nach Frieden, nach gerechten Verhältnissen, nach Sicherheit, nach Menschlichkeit und barmherziger Vergebung. Doch immer wieder holt die Realität uns ein und damit wieder die Angst um uns selbst.

Es ist wohl die abgrundtiefe Angst, mit der wir auf die Welt kommen, die die Wurzel aller Unmenschlichkeit ist. Denn der Glaube an die Liebe Gottes, der Glaube, in Gott geborgen zu sein, ist uns nicht angeboren. „Erbsünde“ nennen wir das in der Theologie. Mit ihr kommen wir auf die Welt, voller Angst um unser Leben, das so verwundbar und vergänglich ist. Die Angst, sich nicht gegen andere behaupten zu können, die Angst, zu kurz zu kommen und abgehängt zu werden. Und deshalb auch so voller Gier nach Leben, nach immer mehr Leben. Es ist die Angst, zu wenig vom Leben abzukriegen, die uns zu Feinden und zu Rivalen macht. Aus Angst entstehen die ungerechten Verhältnisse. Die Reichen werden reicher und die Armen immer ärmer. Angst und Gier sind nur zwei Seiten derselben Medaille. Die Gier nach immer mehr ist nur Ausdruck der Angst, sonst leer auszugehen.

In dieser Angst besteht das Grundproblem des Menschen. Wir können uns daraus nicht selbst befreien. Das ist unsere Unerlöstheit und zugleich unsere Erlösungsbedürftigkeit. Jeder Mensch – ein Schrei nach Erlösung!

Auf vielfältige Art hat die Menschheit im Lauf der Jahrtausende versucht, sich daraus zu befreien, die Angst zumindest zu zähmen, zu beruhigen und den Menschen weniger gewalttätig zu machen: Ethik, Gebote, Gesetze, Verträge, die Idee des Staates, die Religionen. Alles großartige Errungenschaften, die den Menschen weniger ängstlich und damit auch – das ist die Hoffnung – weniger gewalttätig machen. Zugleich haben wir uns vermeintliche Sicherheiten geschaffen: Armeen bis hin zur Atombombe – in der Hoffnung, sich dann sicherer zu fühlen. Wir haben Reichtum angehäuft als Sicherheit. Es gibt Versicherungen. Der medizinische Fortschritt könnte die Illusion geben, wir könnten unsterblich werden. Wir wiegen uns in Sicherheit. Und doch ist die Angst nicht gezähmt. Denn auch unsere vermeintlichen Sicherheiten sind bedroht. Wir können sie verlieren. Man kann sie uns nehmen mit Negativzinsen. Vermögen kann zerbröseln. Und schon ist die Angst wieder da. Nichts kann sie uns nehmen.

Es ist diese Angst, auf die Jesus die Menschen anspricht. Und auf ihre vermeintlichen Sicherheiten spricht er sie an. Als Beispiel wählt er den Tempel in Jerusalem. Er war das Heiligtum der Juden. Er war ihnen überaus heilig als Haus ihres Gottes. Der Tempel war wie eine Sicherheit. Aber auch dieses Heiligtum muss vergehen mit seinen schön dekorierten Fassaden. Eine größere Gotteslästerung konnte Jesus eigentlich gar nicht aussprechen. Diese Tempelworte waren ja dann auch der Grund für seine Verurteilung und Hinrichtung. Denn er hatte das, was seinen Zeitgenossen heilig war, gelästert.

Und was ist uns heilig? Unser Geld? Unsere Gesundheit? Unser Wohlstand? Unsere Sicherheiten? Unser Leben? Unsere Religion? Unsere vielen kleinen Tempel. Worum haben wir Angst? Was würden wir mit Zähnen und Klauen verteidigen?

Jesus warnt vor den Glücksverheißungen der Zeit: „Viele werden unter meinem Namen auftreten. Lasst euch nicht irreführen“:  von den Glücksversprechungen des Marktes, von den Verheißungen eurer vermeintlichen Sicherheiten. „Lauft ihnen nicht nach!“ Denn auch ihnen läuft man nur aus Angst nach.

Der Herr relativiert alle diese selbstgemachten Götter. Er relativiert sogar die Religion, das Allerheiligste, den Tempel. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Denn alle diese Götzen vergehen genauso wie wir. Auch von uns wird keine Zelle auf der anderen bleiben. Solange der Mensch an seinen Göttern klebt, wird sich die Welt nicht ändern. Aber sie muss vergehen, wenn Gott kommen soll.

Jesus spricht die Menschen auf ihre Angst um sich selbst, auf ihre Angst vor dem Ende an. Und zugleich schenkt er Hoffnung: „Euch wird kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Welches Leben meint er?

Jesu ganze Botschaft ging darin auf, den Menschen Gemeinschaft mit Gott, Geborgenheit in Gott zu schenken. Er selbst war nicht mehr getrieben von der Angst um sich selbst und damit von Gier nach immer mehr. Denn er wusste sich – gegen alle Erfahrung der Welt – in Gott geborgen. In diese seine Gemeinschaft mit Gott nahm er alle auf, die seinem Wort glaubten. Er vermittelte ihnen die Gewissheit, in Glück und Unglück, im Leben und im Sterben in Gott geborgen zu sein. Glauben heißt deshalb: Anteil haben am Gottesverhältnis Jesu. Es ist diese Gewissheit, die die Angst des Menschen um sich selbst und um das, was kommen wird, entmachtet. Denn unsere Gemeinschaft mit Gott kann uns niemand nehmen. Sie ist stärker als die Angst. Sie kann auch in Verfolgung, aber auch in Not und Bedrängnis, auch angesichts des Sterbens standhaft machen, wie Jesus sagt. Denn Gott schaut uns nicht so an, wie wir es verdient hätten, angeschaut zu werden. Gott schaut uns an wie seinen eigenen Sohn. Und wer glaubt, in dieser Gemeinschaft mit Gott zu sein, den kann auch der Tod diese Gemeinschaft mit Gott nicht mehr zerstören. Er hat dann eine Perspektive der Ewigkeit. Deshalb muss uns in der Welt nichts mehr heilig sein, worum wir dann Angst haben müssten. Und so ist es der Glaube, der uns menschlich macht und Angeld einer neuen Welt ist – ohne Krieg, ohne Gewalt, ohne religiösen Fanatismus. Wo wir unsere selbstgemachten Götter verlieren und uns nicht mehr von Angst und Gier beherrschen lassen, da herrscht dann Gott allein, da beginnt die Herrschaft Gottes. Und so ist unser heutiges Evangelium wirklich Evangelium, frohe Botschaft, die Hoffnung und Liebe inmitten einer schrecklichen, apokalyptischen Wirklichkeit möglich macht.

Wir feiern jetzt Eucharistie. Der Herr schenkt uns seinen unverweslichen Leib in unseren sterblichen Leib, in unser von Unheil bedrohtes Leben. Um bei uns zu sein – alle Tage, im Leben und im Sterben.

 

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32. Sonntag 

Gehalten in St. Maria-Thalkirchen

9.11.2019

 

„Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind.“ (2 Makk 7,9)

Liebe Schwestern und Brüder,

das Leben ist oft grausam und fordert viel von uns Menschen. Am Ende fordert es den Tod. Von jedem. Zum Leben gehört also Mut, Mut zum Sein angesichts der Tatsache, dass wir vergehen und dem Tod geweiht sind. Zu diesem Mut gehört das Vertrauen in Gottes Wort.

Diesen Mut zum Sein und dieses Vertrauen auf Gott haben die sieben Brüder und deren Mutter bewiesen, von denen wir in der 1. Lesung aus dem 2. Makkabäerbuch gehört haben. Diese herzzerreißende Geschichte zeigt auf der einen Seite, was Menschen einander antun können an Folter und Grausamkeit. Und auf der anderen Seite, wie Menschen voller Hoffnung und Zuversicht auch die größten Qualen erdulden und zuversichtlich auf den Tod zugehen im Vertrauen auf Gottes Verheißung.

Auch heute sind es nicht wenige, denen es so ergeht. Man spricht von grausamer Christenverfolgung in vielen Ländern der Erde, vor allem im Nahen Osten und in zahlreichen afrikanischen Ländern. Christen werden verachtet, verspottet. Man zündet ihre Kirchen an, so wie in Deutschland heute auf den Tag genau vor 81 Jahren die jüdischen Synagogen in Brand gesteckt wurden. Man bedroht sie mit dem Tod und zwingt sie zu fliehen. Man köpft sie vor laufender Kamera. Wenn es so weiter geht, wird der Nahe Osten, die Wiege des Christentums, bald christenfrei sein.

Diese verfolgten Christen verdienen unser Mitgefühl und unsere uneingeschränkte Solidarität. Denn durch die Taufe gehören sie Christus an. Und damit gehören sie auch zu uns. Wir sind ein Leib.

Doch vor allem stellt sich die Frage: Wie können Menschen das alles ertragen? Wie können sie den Mut zum Sein bewahren? Es ist der Glaube, der sie davor bewahrt, zu verzweifeln. Das ist etwas, was ihnen keiner nehmen kann. Es ist das Vertrauen, dass Gott auch im Tod unser Leben ist. Paulus sagt es in der 2. Lesung im Thessalonicherbrief: Es ist Gott, „der uns seine Liebe zugewandt ... und ewigen Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat.“

Nicht alle Menschen leben mit dieser Perspektive. Wer nicht an Gottes unbedingte Güte und Treue glaubt, für den ist der Tod die letzte Gewissheit. Für ihn gibt es keine Auferstehung. Dann muss man sich um jeden Preis an dieses Leben klammern. Und kann es am Ende doch nicht festhalten.

Auch Jesus wurde mit dieser hoffnungslosen Perspektive konfrontiert. Im Judentum seiner Zeit teilten nicht alle den Glauben an die Auferstehung der Toten. Zu ihnen gehörte die Gruppe der Sadduzäer. Für sie war mit dem Tod alles aus und vorbei. Und so wollen sie Jesus zeigen, wie recht sie haben und zu welcher absurden Konsequenz es führt, wenn man an die Auferstehung der Toten glaubt. Sie erzählen die Geschichte von den sieben Brüdern, die alle nacheinander dieselbe Frau heirateten und kinderlos starben. Denn das Gesetz der Juden schreibt vor: Wenn ein Mann kinderlos stirbt, dann ist sein Bruder verpflichtet, die verwitwete Schwägerin zu heiraten, um dem verstorbenen Bruder einen Nachkommen zu zeugen. Nun starben nacheinander alle Brüder, nachdem sie die Schwägerin zur Frau gehabt hatten. Wem von den Sieben aber gehört die Frau bei der Auferstehung?

Mit dieser Frage wollen sie Jesus in die Klemme bringen. Eine Frau mit einem Männerharem? Sodom und Gomorrha im Himmel? Das kann doch nicht sein!

Jesus aber lässt sich auf diese Frage gar nicht erst ein. Denn die Sadduzäer verraten mit ihrer Frage, dass sie sich den Himmel wie ein Fortsetzung dieses irdischen Lebens vorstellen, in dem alles so weitergeht wie hier: Essen, Trinken, Heiraten, Sex und Fortpflanzung.

Tatsächlich stellen sich auch heute viele das ewige Leben wie eine Fortsetzung dieses Lebens vor. Der Tod ist dann wie ein dunkler Tunnel, durch den man hindurch muss. Und am anderen Ende geht es weiter wie in diesem Leben, nur dass ständig die Sonne scheint und die Beschwernisse des Lebens aufhören. Ein solches problematisches Verständnis verraten auch manche Redensarten. Etwa wenn jemand vom „Weiterleben nach dem Tod“ spricht. Oder: „Die unsterbliche Seele lebt weiter.“ Woher wissen sie das? Für die Bibel gibt es keine Trennung von Seele und Leib. Der Mensch ist eine Einheit. Und ist nicht auch das, was wir „Seele“ nennen, an unser Gehirn gebunden? Liegt der Grund, das Prinzip für unsere Hoffnung überhaupt in uns oder in einer von Platon ausgedachten Philosophie? Und was soll eine Seele ohne den Leib? Sie wäre ja nur ein Teil von uns. Der Leib gehört aber untrennbar zu uns.

In einem haben die Sadduzäer wohl recht: In uns und in der Welt gibt es keinen Grund, an ein ewiges Leben zu glauben. Auch nicht in sog. Nahtoderfahrungen, von denen mancher berichtet, der klinisch tot war und ins bewusste Leben zurückgekehrt ist. Er war eben noch nicht wirklich tot, sondern eben nur dem Tod nahe. Würden wir uns auf solche Gründe verlassen, dann würden wir uns nur auf uns selbst verlassen.

Jesus aber verlegt den Grund unserer Hoffnung in Gott. Nur im Glauben an Gottes Wort kann der Mensch eine Hoffnung haben, auch im Tod in Gott geborgen zu bleiben. Weil er ein Kind Gottes sind.

In Jesu Augen ist die Auferstehung also nicht ein Weiterleben nach dem Tod, sondern etwas ganz und gar Unbegreifliches. Genauso unbegreiflich wie Gott selbst. Denn sie fällt nicht unter unseren Begriff von Leben. Unsere Gemeinschaft mit Gott allein begründet unsere Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Gemeinschaft mit Gott überdauert Leben und Sterben.

Jesus hat uns durch seine Botschaft Gemeinschaft mit Gott geschenkt. Wir haben sie schon jetzt. Bereits jetzt ist unsere Gemeinschaft mit Gott unser ewiges Leben. Keine Macht der Welt, auch der Tod kann uns nicht mehr aus der Gemeinschaft mit Gott reißen. Eben dies meinen wir, wenn wir von der Auferstehung Jesu sprechen. Seine Gemeinschaft mit Gott war so, dass der Tod sie nicht zerstört hat. Und in seine Gemeinschaft mit Gott hat Jesus auch uns hineingenommen. Glauben heißt ja Anteil haben am Gottesverhältnis Jesu.

Jesus weist die Sadduzäer dann hin auf die Geschichte von Mose am brennenden Dornbusch. Hier offenbart sich Gott dem Mose als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Abraham, Isaak und Jakob aber waren zur Zeit des Mose schon lange tot. Wenn Gott aber der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist, dann ist er doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Jesus will sagen: Abraham, Isaak und Jakob sind nicht tot, weil Gott ihr Gott ist. An diese Namen Abraham, Isaak und Jakob können wir auch die Namen unserer Toten anfügen, deren wir besonders im November gedenken. Auch die Namen der vielen Opfer von Gewalt. Das ergibt eine fast unendliche Reihe. Und jeder von uns kann auch seinen eigenen Namen anfügen. Gott ist auch der Gott Willis, Bertas und Ludwigs, Sabines und Florians ... und wie wir alle heißen. Für ihn sind alle lebendig. Auch im Tod.

Das ist die Hoffnung, die wir als Christen haben und die auch die sieben von König Antíochus verfolgten und gemarterten Brüder aus der 1. Lesung hatten. Wer sich Gottes Wort anvertraut, sich auf ihn verlässt und sich in Gemeinschaft mit Gott weiß, der hat im Leben Mut zum Sein, der kann die Wahrheit auch mit seinem Blut bezeugen. Oder, wie Paulus sagt: Die Hoffnung auf Gott „ermutige eure Herzen und gebe euch Kraft zu jedem guten Werk und Wort.“ Denn als Christen wissen wir uns auch im Sterben in Gott geborgen.

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, gibt uns schon jetzt Anteil am ewigen Leben Gottes.

 

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31. Sonntag

Gehalten in St. Maria Thalkirchen

am 3.11.2019

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Zachäus war klein. Kleinwüchsige Menschen haben es oft schwer. Sie sind nicht nur klein – sie fühlen sich oft auch so. Zu anderen müssen sie aufschauen. Andere blicken auf sie herab. Sie finden mitunter wenig Anerkennung.

Aber Zachäus hatte es zu etwas gebracht und seine Minderwertigkeitsgefühle kompensiert.  Er konnte nicht nur auf Bäume klettern. Er war aufgestiegen. Zum obersten Zollpächter in der Stadt. Im Dienst der Römer, der verhassten Besatzer, die das Land ausplünderten. Zachäus war also ein Kollaborateur, ein Verräter, ein korrupter Mensch ohne Gewissen. Er kassierte die Steuern für die Besatzer, machte mit ihnen gemeinsame Sache und beutete so seine Mitmenschen aus. Aber er war reich geworden. Wie heute die Miethaie in München, die großen Abzocker oder die Geldverleiher mit Wucherzinsen und die Banker und Aufsichtsräte mit üppigen Boni.

Reich war er an Geld geworden, aber an Freunden, an Beziehungen und an Ansehen war er bettelarm. Denn er war so etwas wie ein öffentlicher Sünder, einer, der von der ungerechten Besatzung auf Kosten des Volkes Gottes profitierte. Er war gesellschaftlich und religiös exkommuniziert, ausgegrenzt. Man mochte ihn nicht. Er hatte kein Ansehen in seiner Stadt.

Das zeigt sich auch jetzt, wo Jesus durch die Stadt zieht und die Menschen am Straßenrand stehen, um Jesus zu sehen. Sie lassen Zachäus nicht nach vorne, sondern versperren ihm die Sicht. Zachäus aber ist neugierig. Jesus war kein Unbekannter. Seine Worte und Taten haben sich überall herumgesprochen: ein Wundertäter. Ein Blick auf ihn kann nicht schaden. Also tut Zachäus das, was er sein Leben lang getan hat, um größer zu sein als er ist, etwas, was wohl die meisten Menschen, wir kleinen Leute, gerne täten: aufsteigen. Diesmal allerdings auf einen Baum. Nun ist er es, der auf die anderen herabschaut. Und auch auf Jesus: Gott von oben betrachtet.

Und da geschieht das Unglaubliche. Der Herr schaut zu ihm auf. Die Blicke begegnen sich. Zachäus weiß sich angeschaut, so wie noch nie jemand ihn angeschaut hat. Offenbar kein böser Blick, kein verächtlicher oder überheblicher Blick. „Komm schnell herunter!“ Steig ab von deiner Höhe. Nicht oben ist das Glück zu finden. Nicht über den Wolken ist der Himmel. Sondern hier unten. „Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein“, sagt Jesus. Da wo Zachäus wohnt, sein goldener Käfig, in den er sich eingesperrt hat, eigentlich eine Art Hölle auf Erden, aber da soll heute Himmel werden. Gott begegnet da, wo wir leben. In diesem Blick, in diesem Wort geschieht das Heil.

Und mit einem Mal ist alles nicht mehr so wichtig, vor allem das Geld nicht. Überreich weiß Zachäus sich beschenkt. Wohl zum ersten Mal bekommt der kleine Mann Anerkennung, göttliche Anerkennung. Nicht für seine Arbeit, nicht für seine Leistung, nicht für das, was er erreicht hat, sondern einfach so als Mensch, als Sohn Abrahams, wir würden sagen: als Kind Gottes.

Was die Menschen, die Priester, die Moralisten mit dem erigierten Zeigefinger nicht erreicht hatten, nämlich Zachäus auf den rechten Weg zu bringen – das geschieht durch einen Blick und ein einziges Wort: Ich muss in deinem Haus zu Gast sein.

Zachäus weiß sich mit den Augen Jesu von Gott selbst angeschaut, anerkannt und geliebt. Und Jesus zeigt, wie Gott zu den Menschen ist und wie Gott es mit uns meint. Es ist die Grundgüte, mit der Gott einen jeden von uns annimmt und anschaut wie seinen eigenen Sohn. Irgendwie verständlich, dass die Leute fassungslos sind: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt“. Nicht bei Rabbi A oder Bischof B oder Kardinal M, auch nicht bei Unternehmer C oder Sponsor D – obwohl die alle es vielleicht auch nötig hätten – sondern bei diesem neureichen Schurken. Sie verstehen nicht, dass Gott im Menschen den Menschen sieht und nicht dessen Titel, nicht dessen Leistung, mit der er wie ein Bettler um Anerkennung buhlt, nicht dessen gesellschaftliche Stellung, sondern einfach nur den Menschen in seiner Not und mit seiner Sehnsucht, geliebt zu werden.

Hier haben wir das Neue, das Jesus in die Welt gebracht hat. Es ist absolut neu gegenüber allen Religionen seiner Zeit. Was ist dieses Neue? Das Neue ist Jesus selbst. Er hat sich selbst mitgebracht und so Gott zu den Menschen gebracht. Gottes Liebe ist nicht abhängig von menschlichen, von moralischen oder religiösen Vorleistungen. Man kann Gottes Liebe nicht verdienen. Man kann sie sich nur schenken lassen. Man kann sich ihr anvertrauen. Und nur sie verwandelt den Menschen und macht ihn gut.

Ja, das Heil ist nicht oben. Man muss nicht auf Bäume klettern und weltliche oder kirchliche Karriereleitern besteigen und Berge von Geld anhäufen, um heil zu werden. Im Gegenteil – die Gier nach Geld macht den Menschen kaputt. Und man braucht auch Gott nicht im Himmel zu suchen und moralische Klimmzüge anstellen. Gott ist doch heruntergekommen zu uns, dahin wo auch wir ganz unten sind – um uns durch Jesu Blick herunterzuholen von den Bäumen und wackligen Leitern, auf die wir im Lauf des Lebens geklettert sind, weil wir uns größer, bedeutender, mächtiger, reicher oder besser fühlen möchten als andere, weil wir es unten nicht aushielten. Aber Gott, das Heil, lässt sich nur ganz unten finden: im Stall, auf den staubigen Straßen von Jericho, am Kreuz. Er schaut sogar zu den Verlierern des Lebens auf, zu den Armen, zu den Flüchtlingen. In deren Antlitz spiegelt sich das Seine. Gott begegnet als Mensch – nicht als Übermensch. Als Mensch wie wir ist er gekommen, um bei uns einzukehren wie bei Zachäus. Jetzt in der Eucharistie.

Was danach kommt, wenn wir nach Hause gehen, hängt – wie bei Zachäus - davon ab, ob wir ihn aufnehmen, wie wir ihn aufnehmen oder ob wir ihn rausschmeißen.

 

 

 

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Geburt Johannes des Täufers

Am Vorabend

Gehalten in München, Heilig Geist

Jer 1,4-10; 1 Petr 1,8-12; Lk 1,5-20

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Kinderlosigkeit wurde im Alten Israel als Fluch Gottes gedeutet. Ohne Nachkommen keine Zukunft! Kinder aber waren ein Segen Gottes.

Es war wohl dies, was dem Priester Zacharias zu schaffen machte. Seine Frau war unfruchtbar. Dabei lebten beide gerecht vor Gott und hielten sich streng an alle Gebote und Vorschriften, so heißt es in dieser biblischen Legende, die wir gerade gehört haben. Es muss ein Rätsel für sie gewesen sein. Ihr Leben war gottgefällig – und doch blieb der ersehnte Segen Gottes aus. Und nun waren sie alt, die Züge endgültig abgefahren. Wie mögen sie mit Gott gehadert haben? Wie mag ihr Gottvertrauen darunter gelitten haben?

Diese Legende ist nicht nur eine Geschichte über Zacharias und Elisabet. Sie meint uns alle. Sie beschreibt den Weg zum Glauben, zum Gottvertrauen auch da, wo alles umsonst erscheint: wo trotz unserer Bemühungen um ein gottgefälliges Leben unsere Träume und Wünsche unerfüllt bleiben. Zwar wird Kinderlosigkeit heute nicht mehr unbedingt als großes Unglück empfunden, wohl aber gibt es viele andere Situationen, in denen uns unser Leben als erfolglos, als enttäuschend, eben als unfruchtbar erscheinen kann. Wo wir zweifeln an der Güte Gottes.

Es ist eine solche Situation, in der Zacharias das Wort der Verheißung vernimmt: „Deine Frau wird dir einen Sohn gebären.“ Ihm wird Zukunft verheißen. Doch Zacharias kann es nicht glauben. Es verschlägt ihm die Sprache. Er verstummt. Wer das Wort des Glaubens vernimmt, dem bleibt zunächst die Spucke weg. Denn es übertrifft alle Erwartungen. Es wird uns eine Zukunft verheißen, die wir nicht selber machen können. Ewiges Leben in Gott wird uns zugesagt. Man kann es erst nicht glauben. Es macht zunächst sprachlos. Man zieht sich zurück. Man muss es erst verarbeiten.

So ging es Zacharias, so geht es jedem, der das Wort Gottes hört und zunächst nicht weiß, ob er ihm trauen kann. Die Erfahrung spricht ja dagegen! Und nun soll er gegen seine Erfahrung glauben.

Zacharias braucht Zeit, um zu verstehen, dass er sich bisher gar nicht wirklich auf Gott verlassen hat. Er hat sich auf seine strenge Beobachtung der Gebote verlassen, auf sein eigenes gottgefälliges Tun. Und damit doch nur wieder auf sich selbst. Er muss erst noch verstehen, dass Gottes Wort verlässlicher ist als alles eigene Tun, als alle Bemühungen, es Gott recht machen zu wollen. Er muss erst noch verstehen, dass Gottes Wort vertrauenswürdiger ist als alle Erfahrung.

Die Geschichte meint also nicht nur Zacharias und seine Frau. Sie meint uns alle. An uns alle ergeht Gottes Wort. Es will uns etwas sagen, was alle Erwartungen übertrifft. Es schenkt Gemeinschaft mit Gott und damit auch Zukunft über den Tod hinaus, über alle Vergeblichkeit und Unfruchtbarkeit unseres Lebens hinaus. Auch da, wo alle Züge bereits abgefahren sind, wo kein Mensch, kein Arzt, kein Berater und kein Politiker mehr weiterhelfen kann. Wo wir mit unserem Latein am Ende sind.

Dem Zacharias wird ein Sohn verheißen und damit Zukunft, ganz unerwartet. Und es wird ihm ein Name verheißen für dieses Kind: hebräisch Jochanan, griechisch Ioánnes. Auf Deutsch sagen wir „Johannes“. Später, bei der Geburt des Kindes, als ihm der Name gegeben werden soll, opponiert die ganze Verwandtschaft dagegen. Denn es war üblich, einem Kind den Namen eines familiären Vorfahren zu geben. Aber niemand von ihnen trug diesen Namen. Doch Zacharias beharrt auf Johannes. Ein Traditionsbruch! Es ist aber dieser neue Name, der es in sich hat: Johannes heißt übersetzt: Jahwe ist gnädig, Jahwe ist barmherzig. Es ist hier, wo Zacharias die Sprache wiederfindet. Er hat zum Glauben gefunden, zum Vertrauen in Gottes Gnade, in Gottes Barmherzigkeit. Er hat sich dieser Güte Gottes anvertraut. Er kann wieder sprechen und Gott zur Sprache bringen.

Gott, liebe Schwestern und Brüder, umgibt uns mit seiner Güte. Auch wo alles vergeblich und umsonst scheint. Doch darauf kommt es nun nicht mehr an.

Johannes der Täufer, dessen Geburt wir morgen feiern, und zwar genau an dem Tag, an dem die Tage beginnen, wieder dunkler zu werden, dieser Johannes wird den Weg bereiten für das Wort Gottes, das in sechs Monaten Fleisch werden soll, Hand und Fuß bekommt und mit dem die Tage wieder heller werden. Er wird von sich weg auf dieses Wort zeigen, auf Gottes Wort, das einzige Wort, das uns Zukunft in Gott schenkt. Auf dem Isenheimer Alter wird der Täufer von Matthias Grünewald dargestellt mit einem ganz langen, mit einem XXL-Zeigefinger, mit dem er auf das Lamm Gottes zeigt. Dieser ist es, Jesus, der das entscheidende Wort über unser Leben sagt. Ganz anders als die Talkmeister und die Politiker und leider auch manche Pfarrer unserer Zeit, die aus Gottesdiensten Unterhaltung machen, zeigt er von sich weg auf diesen Anderen. Nicht: Schaut mich an, wie toll ich bin. Sondern: Ich bin es nicht. Nach mir kommt einer. So bereitet Johannes, „Jahwe ist gütig“, den Weg für Gottes Wort, das uns erreichen, uns ansprechen und zum Glauben, zum Vertrauen in Gottes Güte führen will.

In jedem Gottesdienst will dieses Wort wieder unser Herz erreichen, dieser Name Johannes: Jahwe ist gnädig. Auf diesen Namen kann man die ganze christliche Botschaft bringen. Wie eine Kurzformel: Gott ist gnädig und barmherzig. Hier ist der Ort, von Gott zu sprechen und vom Menschen, von unserer Bestimmung, die wir uns selbst nicht geben können und von unserer Gemeinschaft mit Gott. Niemand kann sie uns mehr nehmen.

Wir feiern jetzt Eucharistie. „Seht das Lamm Gottes!“, sagt der Priester und wiederholt die Worte Johannes des Täufers. Und indem wir diese hochheilige Speise essen, nehmen wir Gottes Wort in unser tiefstes Herz auf, damit unser Mund wie der Mund des Zacharias sich wieder öffnet und uns in unserem Alltag weitersagen lässt: Johannes – Jahwe ist gütig.

 

 

 

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Fronleichnam

Gehalten in München, Hl. Geist

 

„Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.“

Diese Worte, liebe Schwestern und Brüder, schrieb der Jesuit und Widerstandskämpfer Alfred Delp, der in Bogenhausen regelmäßig predigte, im Gefängnis vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. In einer Situation also, in der er kaum Brot hatte und keine äußere Freiheit, in der er aber dem Glauben treu blieb und den wahren Gott anbetete.

Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.

Brot, Freiheit, Treue und Anbetung: diese vier Begriffe setzte er in Beziehung zueinander. In dieser Reihenfolge: vom Wichtigen zum Allerwichtigsten. Was haben sie miteinander zu tun?

In seiner Zeit sah Delp offenbar die größte Gefahr für den Menschen und für sein Menschlichsein darin, dass er diese Reihenfolge umkehrt und das Brot, den Konsum, die Gier nach immer mehr für das Wichtigste hält. Und damit seine Freiheit verliert. Ja mehr noch, dass er die Anbetung Gottes verliert, Gott verrät und den falschen Gott anbetet: Adolf Hitler.

Nicht wenige haben sich ja verführen lassen: mit Brot, mit Wohlstand, mit Karriere, mit Macht und haben so ihre Freiheit vertan, ihr Menschsein verfehlt und ihre Menschlichkeit verloren. Aus lauter Angst, sonst das Brot, das Geld, die Macht, die gesellschaftliche Anerkennung zu verlieren, waren sie erpressbar und also unfrei. Man konnte sie dazu bringen, Unmenschliches zu tun, ja, ungeheure Verbrechen zu begehen, Unmenschen zu werden. Eine Kettenreaktion von Angst und Erpressung!

Die Zeiten sind heute anders. Gott sei Dank. Aber die Natur des Menschen ist die gleiche geblieben. Wir brauchen Brot, wir brauchen Freiheit. Doch diese Freiheit gewinnen wir nur im rechten Verhältnis zum Brot, also zu den Gütern der Welt, und im rechten Verhältnis zu Gott. Auch die ganze Umweltproblematik hat damit zu tun. Ohne rechtes Verhältnis zu Gott kann man auch kein rechtes Verhältnis zur Welt haben. Nur im rechten Verhältnis zu Gott bekommen wir auch das rechte Verhältnis zum Brot, zu den Gütern der Welt und zur Natur. Und nur so gewinnen wir Freiheit. Die Reihenfolge Brot-Freiheit-Treue-Anbetung, vom Wichtigen zum Allerwichtigsten, darf also nicht umgekehrt werden. Nur in Gemeinschaft mit Gott finden wir zur Freiheit und müssen das Brot nicht vergötzen.

Brot ist wichtig. Der Leib braucht Nahrung, um zu leben und um gesund zu bleiben. Schaut man aber in unsere Supermärkte, dann kann man denken, der Mensch bestünde nur aus Magen. Und die Freiheit bestünde darin, unter 20 und mehr Brotsorten zu wählen, sich zwischen Mallorca und tausend anderen Reisezielen zu entscheiden. Wobei unsere kurze Lebenszeit nie ausreicht, um alles in sich reinzustopfen, alles zu erleben, alles zu verfrühstücken, was die Welt uns bietet. So droht der Markt immer mehr zum einzigen Sinnhorizont vieler Menschen zu werden. Der Mensch kann nur noch das wünschen, was man kaufen kann. Deshalb auch wird der Markt vergötzt. Er wird zum Ein und Alles. Er wird zur Diktatur und ist es wohl schon.

Doch Freiheit? Man muss doch mithalten, man darf nicht rausfallen, man darf den Zeitgeist nicht kritisieren, muss politisch korrekt bleiben. Wie das geht, wird uns in den Talkshows im Fernsehen vorexerziert. Die öffentliche Meinung.  Es wird uns verordnet, wie wir zu denken haben und wie wir keinesfalls denken und wählen dürfen. Sonst ist man gesellschaftlich exkommuniziert.

Aber Freiheit ist wichtiger als alles das. Mit dieser Freiheit ist nicht die Auswahl zwischen hundert Fernsehprogrammen und Smartphones und möglichen Sexpartnern gemeint, die man hintereinander vernaschen kann. Das ist bloß eine Illusion von Freiheit. Freiheit heißt, sich kritisch zu alledem und zu sich selbst verhalten zu können, sich nicht verführen zu lassen. Es bedeutet, Alternativen zu suchen, neue und ungewohnte Wege zu gehen, sich nicht einpassen zu lassen in ein System, sondern Sand im Getriebe dieser Welt aus Angebot und Nachfrage, aus Meinungsumfragen und Mehrheiten zu werden. Ja, wahre Freiheit heißt letztlich, nicht aus Angst um sich selbst zu leben, aus Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen. Unter der Macht der Angst verengt sich der Horizont, verengt sich das Leben, wird der Mensch ichgebunden und findet nicht zu seiner eigentlichen Menschlichkeit.

Jesus, unser Herr, hat uns diese Freiheit vorgelebt, die Freiheit der Kinder Gottes. Viele sind ihm gefolgt. Auch Alfred Delp. Man konnte ihnen das Leben nehmen, aber ihre Menschlichkeit nicht. Und damit eigentlich auch nicht ihr Leben. Denn diese Freiheit gründet in Gott. Der Gott Jesu ist kein Gott, wie wir ihn uns vielleicht vorstellen, kein schwarzes Loch, vor dem man wieder Angst haben muss, kein orientalischer Despot, der uns dieses Leben zur Hölle machen will. Dieser Gott hat sich uns in Jesus als Liebe ausbuchstabiert. Nur wer sich von ihm bedingungslos geliebt weiß, angenommen und anerkannt, findet auch zur Freiheit und kann frei werden von sich selbst und von den Götzen, die ihn versklaven und ihn daran hindern, sein Menschsein wahrhaft zu leben.

Die Kirche muss ein Ort dieser Freiheit der Kinder Gottes sein. Wir erleben, wie die Kirche um ihren Weg in die Zukunft ringt. Viele Reformvorschläge liegen auf dem Tisch. Dabei erleben wir auch Zerwürfnisse und Anfeindungen, Flügelkämpfe und sogar Hetze: Progressive gegen Konservative und umgekehrt. Wir vergessen manchmal, dass alles Tun der Kirche in die Anbetung Gottes münden muss, in die Eucharistie. Die vielen Stimmen der Kirche sind geeint am Tisch Gottes. Hier finden alle zusammen. Alle werden Eins in dem einen Brot und dem einen Kelch.

Denn wahres Menschsein vollzieht sich in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit in der unverratenen Anbetung des Gottes, der uns diese Freiheit schenkt. In der Anbetung Gottes findet der Mensch zu seiner eigentlichen Gestalt: er ist nicht nur ein Tier, das fressen muss, sondern steht haushoch darüber, er ist aber auch nicht Gott, wofür er sich gerne hält. Das ist die besondere Stellung des Menschen – über der animalischen Welt und doch nicht Gott. Irgendwie dazwischen. Deshalb ist unser Menschsein so großartig und zugleich so gefährdet und verführbar. Man kann zurücksinken auf die Stufe des Tieres und man kann in seinem Größenwahn sich mit Gott verwechseln. Beides zerstört unsere Menschlichkeit. Christliches Leben vollzieht sich in diesem Balanceakt, das Gleichgewicht zu wahren. Christsein ist eine Gratwanderung. Wer das Gleichgewicht verliert, stürzt ab in die Unmenschlichkeit. Sünde nennen wir das.

Weil der Mensch so gefährdet ist, so verführbar, so leicht zerstörbar, weil er einen so großen Hunger hat nach Brot, nach Freiheit, nach Anerkennung, nach Liebe, und weil es in der Welt nichts gibt, was diesen Hunger stillen kann, deshalb hat Gott uns das Brot für diesen Hunger gegeben. Es ist nicht mehr Nahrung für den Leib, sondern Nahrung für den Glauben, für die Hoffnung, für die Liebe und darin für unsere Freiheit. Heute, am Fronleichnamstag, zeigen wir es aller Welt: Schaut, Christus ist dieses Brot, das Gott uns schenkt. Er ist das einzige Brot, das nicht verdirbt. Er ist das einzige Brot, von dem man nicht wieder hungrig wird. Er ist das Brot, das uns Gemeinschaft mit Gott und untereinander schenkt. Brot, das wir teilen und essen wie jedes Brot, das uns aber die Freiheit der Kinder Gottes schenkt, die Freiheit, Ja zu sagen, wo alle Nein rufen und Nein, wo alle Ja sagen.

Fronleicham ist das Fest der unverratenen Anbetung. „Dieses Brot sollst du erheben, welches lebt und gibt das Leben.“ Das Allerkostbarste! Es ist das einzige Brot, vor dem man knien und anbeten darf.

Wir sind so frei.

 

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Pfingsten

Apg 2,1-11; Ps 104; Röm 8,8-17; Joh 20,19-23

Gehalten in München, Heilig Geist

 

Da saßen sie nun am Osterabend hinter verriegelten Türen.

Hatten alles verrammelt.

Gelähmt von Angst.

Es war ja erst der dritte Tag nach Jesu Tod am Kreuz.

Groß war die Angst, sie stünden auf der Fahndungsliste.

Die Angst, es könnte auch ihnen so ergehen wie IHM.

Denn schließlich waren sie seine Freunde gewesen, steckten mit IHM unter einer Decke.

Sympathisanten. Auf jeden Fall verdächtig.

Und nun verstecken sie sich.

Machen sich unzugänglich. Offline.

Bis der Sturm hoffentlich vorbeigeht.

Bis Gras über sein Grab wächst.

Irgendwie verständlich.

Aber es wächst kein Gras drüber.

Denn ER ist da.

ER steht in der Mitte.

Der Gekreuzigte.

Er kommt durch die verschlossene Tür,

in die verschlossenen Herzen seiner Freunde.

ER findet Zugang zu ihnen.

ER ist da.

Den Menschen getötet haben, ist nicht tot bei Gott.

Mein Gott, ER lebt!

Man hat IHN nicht tot gekriegt.

Und ER sagt: Schalom aleichäm: Friede euch!

Friede euren friedlosen und zerrissenen Herzen!

Und dann zeigt er ihnen seine durchbohrten Hände und seine geöffnete Seite.

Die Jünger sehen, was man mit IHM gemacht hat, was man IHM angetan hat.

Aber ER sagt nicht: Rächt mich! Vergeltet! Zahlt es ihnen heim!, sondern:

Schalom!

Da kommt Freude auf.

Da schwindet die Angst.

ER ist da.

ER ist bei uns.

So wie jetzt hier bei uns.

Und er sendet sie hinaus: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Sie sollen teilhaben an seiner Sendung, an der Sendung durch den Vater. Und dann haucht er sie an: Empfangt Heiligen Geist.

Im Johannesevangelium geschieht Pfingsten bereits am Ostertag. Denn wie sollten sie den Auferstandenen erkennen ohne Heiligen Geist?

Lukas streckt hingegen zwischen Ostern und Pfingsten die Zeit. 50 Tage. Die Jünger treten heraus aus den verschlossenen Türen. Sie haben Mut gefunden, Mut, der stärker ist als die Angst.

Ihr Glaube wird öffentlich. Er wird zu einer res publica.

Sie schreien ihn hinaus in die Welt, in diese zerstrittene, friedlose und aus den Fugen geratene Welt.

Sie bringen den Frieden und die Versöhnung, den Schalom, den er ihnen geschenkt hat.

Sie erleben wie Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Sprachen und Kulturen sich verstehen und mit einer Sprache sprechen.

Das ist das Pfingstwunder.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn das Evangelium von den Jüngern spricht, dann spricht es auch von uns. Wir sind doch die Jünger heute. Wer denn sonst?

Der Herr spricht uns auf unsere Angst an, auf unsere Angst, unser Herz zu öffnen, es groß und weit zu machen.

Denn auch bei uns regiert Angst: Angst vor Krieg, Angst vor Veränderung, vor der Zukunft, vor dem Klimawandel, Angst vor dem Islam, Angst um die Gesundheit, Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen und den Kürzeren zu ziehen. Auch bei uns gibt es Rückzug ins Private, hinter verriegelte Türen, hinter verschlossene Grenzen. Nur noch Ichs und kein WIR mehr.

Angst kommt von eng. Wer ängstlich ist, denkt eng und wird engherzig und kleingeistig, nur noch auf sich selbst bedacht. Es ist dieser Kleingeist, der die Welt aus den Fugen bringt, der Spaltung bewirkt auch in der Kirche, der Versöhnung und Verstehen, Frieden und gerechte Verhältnisse verhindert. Der egoistische Kleingeist, der uns in letzter Zeit immer wieder auch in der Politik begegnet und der zum Ungeist wird, zum bösen Geist, der zerstörerisch und spaltend wirkt. Der Krieg bringt statt Frieden.

Der Heilige Geist, der Geist Gottes  aber ist der Geist Jesu, der Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist. In Gott ist der Heilige Geist das göttliche WIR von Vater und Sohn. Er verbindet also Personen, das ist seine Eigentümlichkeit. Er ist der Geist, der uns mit Gott verbindet und untereinander verbindet. Er ist die eine Person in vielen Personen, nämlich in Christus und in uns. Wir nehmen im Glauben teil am WIR Gottes. Denn Gott will die Menschen aus lauter Ichs zum WIR führen, zu einem neuen Miteinander, in dem wir nicht Angst voreinander haben müssen und sogar bereit werden, Angst auch auszuhalten und zu ertragen, ohne mutlos zu werden und uns in uns selbst zu verschließen..

Der Heilige Geist ist der feurige Geist, der unseren Kleingeist überwindet, der Mut gibt, Mut zum Sein, Mut zum Leben und zu seinen Herausforderungen und auch Mut zum Sterben. Er wirkt überall dort, wo ganz verschiedene Menschen zueinander finden, wo Feinde Frieden schließen, wo Christen ihren Glauben öffentlich bezeugen, wo sie auch in Verfolgung standhalten, wo Politiker über ihren Schatten springen. Er schenkt Mut, auch auf Fremde zuzugehen und sie in ihrer Andersartigkeit zu verstehen. Er gibt Mut, in dieser verlogenen Welt die Wahrheit zu sagen. Er gibt Mut, auch denen zu vergeben, die an uns schuldig wurden. Denen, die uns verletzt haben, Frieden zu wünschen und nicht Vergeltung. Ja, der Heilige Geist ist die Gabe der Vergebung und der Versöhnung, das große JA Gottes zu uns und zur ganzen Menschheit. Wir stehen unter diesem JA. Gott will die Menschheit zum WIR führen.

Paulus bringt es auf den Punkt: „Ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, so dass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Sohnschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (2. Lesung) Zur Zeit des Neuen Testaments funktionierte die ganze Wirtschaft nur, weil es Knechte, also Sklaven gab, kostenlose Arbeitskräfte, die aller Würde beraubt waren, die man kaufen und verkaufen konnte. Deshalb das Bild mit den Sklaven.

Aber Paulus meint es noch viel tiefer. Er sieht in jedem Menschen einen Sklaven, nämlich einen Knecht der Angst um das eigene Leben. Mit dieser Angst werden wir geboren und bleiben an sie versklavt, angekettet. Und wir können uns nicht selbst daraus befreien, so wie auch ein Sklave in der Antike sich nicht selbst befreien konnte. Deshalb sind wir erlösungsbedürftig. Aber Gott hat uns von dieser fürchterlichen Macht der Angst erlöst durch seinen Sohn, der diesen neuen Geist in die Welt gebracht hat, den Geist der Sohnschaft. Es ist der Geist, der Jesus mit dem Vater verbindet. Es ist der Geist, in dem Jesus gelebt hat. Es ist der Geist, in den Jesus auch die Jünger und alle Glaubenden aufgenommen hat: der Geist der Sohnschaft. Auch wir dürfen Gott Abba, Vater! nennen und uns in ihm geborgen wissen in Glück und Unglück, in Freude und Leid, im Leben und im Sterben. Nur in diesem Geist, in diesem Vertrauen, ein geliebtes Kind Gottes zu sein, kann die Macht der Angst um uns selbst überwunden werden.

Es ist dieser Geist, der uns Christen mutig macht, für die Wahrheit einzustehen, auch wenn alle lügen; Unrecht zu benennen, auch wenn alle davon profitieren; für das Leben einzustehen, auch wenn um uns herum eine nihilistische Kultur des Todes herrscht. Es ist dieser Geist, der uns auch mutig macht, die Herausforderung der Zeit und der Zukunft anzunehmen: die drohende Klimakatastrophe, die ihre Ursache in einer Wirtschaft hat, die tötet. Weil wir von Wirtschaftsbeziehungen profitieren, die andere Völker arm machen. Die Sklaverei ist nicht überwunden. Wir halten uns ganze Sklavenvölker. Wie kann es sein, dass ein so reiches Land wie der Kongo oder Brasilien eine bitterarme Bevölkerung hat und ein so armes Land wie die Schweiz ein so reiches Volk hat? Hier haben wir den Geist der Unwahrheit, der Lüge und der Verblendung, den Geist der Gier und des kollektiven Egoismus. Es braucht Heiligen Geist, um diese Verhältnisse zu verändern. Nur in diesem neuen Geist werden gerechte Verhältnisse möglich, in dem jeder Mensch sich seiner Würde als Kind Gottes erfreuen kann.

Wir feiern Pfingsten, das Fest des feurigen Geistes, der uns begeistern und entflammen will für eine neue und gerechte Welt des Friedens. Der Geist, der die Welt heilen kann. Feuer und Flamme für das Evangelium will er uns machen. Wir singen wunderbare Lieder und stimmen ein in die herrliche Melodie des Heiligen Geistes: „Komm o du glückselig Licht,/ fülle Herz und Angesicht, /dring bis auf der Seele Grund.“

Singend und feiernd hoffen wir, ein wenig weiterzukommen auf unserem Lebensweg: vertrauend und mutig, die Herausforderungen, die kommen, anzunehmen.

„Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird verwandelt.“

Es ist Zeit, Eucharistie zu feiern, ein versöhntes WIR zu werden um diesen Tisch des Herrn. Es ist die Feier der Wandlung. Ein kleines Stück Brot wird verwandelt in IHN. Schon ein kleines Stück Welt, das verwandelt wird durch den Heiligen Geist. Damit wir es im Geiste Jesu essen und selbst verwandelt werden wie die Jünger am Osterabend und am Pfingsttag.

Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen!

 

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Christi Himmelfahrt

Apg 1,1–11; Ps 47; Hebr 9,24–28; 10,19–23; Lk 24,46–53

Gehalten in München, Heilig Geist, am 30.5.2019

Diese Predigt kann auch auf Youtube angeschaut werden: https://www.youtube.com/watch?v=97ph-_Gt8b0&t=7s

Christi Himmelfahrt

Apg 1,1–11; Ps 47; Hebr 9,24–28; 10,19–23; Lk 24,46–53

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Er führte sie hinaus in die Nähe von Betanien.

Betanien ist ein Vorort von Jerusalem. Das ist wohl nicht zufällig. Von hier aus war Jesus auf einem Esel fast triumphal am Palmsonntag in die heilige Stadt Jerusalem eingezogen. Die Menschen bereiteten ihm einen großartigen Empfang. Doch alles kam anders. Der Gang durch die Stadt verwandelte sich in einen Gang durch die Hölle. Die Stimmung schlug binnen weniger Tage um. Auf das Hosanna folgte das Crucifige!, „Kreuzige ihn!“ Was folgte, waren Anklage, Folter und ein schmachvoller Tod am Kreuz. Ein Gang durch die Hölle! Hier in Jerusalem verdichtete sich, was überhaupt sein Lebensweg war: Ein Gang durch die Hölle auf Erden: die Hölle der Politik, die Hölle der Religion, die Hölle der Armut und des Elends, die Hölle des Hasses, die Hölle, die Menschen einander bereiten können und die für so viele Menschen die Lebenswirklichkeit ist.

Und heute stehen wir wieder in Betanien. Mit ihm. „Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.“ Er segnete sie und verfluchte sie nicht. Obwohl er Grund dazu gehabt hätte nach der Hölle, die er durchgemacht hat. Nein, er segnete sie.

Liebe Schwestern und Brüder, die Hölle auf Erden hat ein Ende. Von Betanien, jenem anfangs hoffnungsvollen Ort, zieht er nun wieder ein. Nicht mehr ins irdische Jerusalem, das bis heute eine Hölle der Religion und der Politik ist, sondern ins himmlische Jerusalem. Dorthin, wo er sich immer daheim und aufgehoben wusste: in die Hände Gottes, in die Hände des Vaters. Er ist „nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, sondern in den Himmel selbst.“ So der Hebräerbrief. Also nicht auf eine glückliche Insel in der Südsee, in ein Schlaraffenland, in einen überdotierten Aufsichtsratsposten wie Herr Winterkorn. Er hat auch keinen Jackpot geknackt. Das alles ist nur irdisch, vergänglich, nur von Menschen gemacht. Nein, er ist in den Himmel selbst gegangen, in den Himmel, der nicht von Menschenhand gemacht ist.

Lassen wir uns nicht täuschen, liebe Schwestern und Brüder, von den zeitbedingten Bildern, in denen uns diese Botschaft erreicht. Manche meinen, das sei 1:1 so gemeint gewesen und halten es deshalb für ein Märchen. Als wäre der Herr auf einer Wolke wie in einem Fahrstuhl in den Himmel aufgefahren, so stand es ja in der Lesung aus der Apostelgeschichte. Dies ist ein Bild aus einer Zeit, in der man sich das Universum in drei Etagen vorstellte. Die Erde als Scheibe in der Mitte, darunter die Unterwelt und darüber der Himmel. Die neutestamentlichen Schreiber hatten kein anderes Bild, um anschaulich zu machen, was sie sagen wollten. Heute würde man die Geschichte ganz anders schreiben.

Stellen Sie sich vor, Sie schreiben einen Brief und teilen mit: „Ich komme im Leben nicht auf einen grünen Zweig“. In 1000 Jahren findet man bei Ausgrabungen diesen Brief. Diese bildliche Redewendung ist nicht mehr bekannt. Naive Menschen werden dann denken: „Aha, vor tausend Jahren saßen die Menschen auf Bäumen und versuchten, auf grüne Zweige zu kommen. Vermutlich, um die Blätter zu essen.“ Historiker und Linguisten müssten dann erklären: Nein, so war es nicht. Es ist ein Bild. Damit wollte man ausdrücken: Ich habe im Leben keinen Erfolg, ich komme nicht voran.

So ist es auch mit den alten biblischen Texten. Auch der heutige von der Himmelfahrt will sagen: Jesus ist für immer in Gott vollendet. Nichts kann ihm mehr aus der Hand Gottes reißen. Der Tod konnte ihn nicht festhalten. Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Die Hölle ist nicht die letzte Gewissheit. In einem Bild veranschaulichte man das.

Das heutige Fest ist ein Fest des Glaubens und der Hoffnung. Der Hoffnung, dass sich alles, unser Leben, unser Schicksal, die Menschheitsgeschichte in Gott vollendet und die Hölle für immer hinter sich lässt: „Wir haben also die Zuversicht, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen“, so die 2. Lesung aus dem Hebräerbrief. Und so sagt uns das heutige Fest etwas über unsere Bestimmung. Wozu sind wir gemacht? Nicht, um für immer in einem schwarzen Erdloch zu verschwinden, sondern um in Gott vollendet zu werden. Denn der Sohn Gottes hat unser aller Menschsein angenommen. Gott ist in Jesus als Mensch begegnet und uns das verkündet. Und unser aller Menschsein hat er mitgenommen „in den Himmel“, m. a. W.: in die Wirklichkeit Gottes hinein. In Christus ist das Menschsein bereits vollendet. Etwas, das keiner von uns machen kann und so unbegreiflich ist wie Gott selbst.

In der Himmelfahrt Christi wurde also unser Menschsein zu Gott erhöht. Unser Menschsein besitzt Christuswürde, Sohneswürde vor Gott. Denn Gott liebt uns mit derselben Liebe, mit der er von Ewigkeit her seinem Sohn zugewandt ist.

Liebe Schwestern und Brüder, Betanien ist überall. Auch hier, wo wir in seinem Namen versammelt sind und von ihm gesegnet werden. Hier ist der Ort, von dem wir einziehen werden ins himmlische Jerusalem. Auch die Welt wird verwandelt werden in den Himmel Gottes. Aber dazu dürfen wir nicht wie die Jünger fassungslos in den Himmel starren: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel.“ Der Engel lenkt ihren Blick zurück auf die Erde, auf unsere Realität. M. a. W.: „Glotzt nicht beim Loben immer nach oben. Schaut mal zur Seite, dann seht ihr die Pleite!“ Wir alle sind berufen, unsere Welt, die für so viele Menschen eine Hölle ist,  zu verändern, menschlicher und friedlicher zu machen. Füreinander nicht die Hölle zu bereiten, nicht Fluch zu sein, sondern füreinander und für die Welt ein Segen zu sein, den Segen des Auferstandenen weiterzugeben, die Barmherzigkeit Gottes in alle Himmelsrichtungen zu versprühen. In dem Vertrauen, dass unsere Welt einst verwandelt wird in das himmlische Jerusalem. Dazu brauchen wir den Geist Jesu, den heiligen Geist, die Gabe, die Jesus an Pfingsten zu uns herabsendet.

Wir feiern jetzt Eucharistie. In dieser allerkostbarsten Speise bleibt der Herr uns nahe. Und wir dem Himmel.

 

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6. Ostersonntag

Apg 15,1–2.22–29; Offb 21,10–14.22–23

Gehalten in München Heilig Geist am 26.5.2019

 

Diese Predigt kann auch auf Youtube angeschaut werden: https://www.youtube.com/watch?v=8gt5V8ZUdcg

Liebe Schwestern und Brüder,

Wohnraum wird für viele Menschen immer unbezahlbarer. Die Mieten und Immobilienpreise steigen exorbitant. Kündigungen erfolgen; sogar sehr alte Menschen müssen ausziehen. In Folge dieser Entwicklung steigt dann auch die Zahl der Obdachlosen.

„Wohnen“ ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wem die Wohnung gekündigt wird, weil er sie nicht mehr bezahlen kann, erlebt eine große Verunsicherung. Es ist, als werde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Man fühlt sich ungeborgen, schutzlos. Wo bleibe ich? Wo kann ich wohnen? Wo bin ich daheim?

Wohnen ist ein Grundbedürfnis des Menschen wie Essen und Trinken. Aber zum Wohnen gehört nicht nur eine Wohnung oder ein Haus. Es gehören auch Menschen dazu, bei denen man wohnen kann, bei denen man daheim ist und sich – auch in schwierigen Situationen – geborgen weiß. In der Ehe geben Mann und Frau einander Wohnung – mit umfassendem Kündigungsschutz. Auch das gehört zum Sinn der Ehe: dass man beieinander wohnen kann. Das Vertrauen, das man zueinander hat, ist dann auch etwas, in dem wir wohnen, geborgen sind. Kinder wohnen bei ihren Eltern und wissen sich behütet und geborgen. Ungeborgenheit ist nur schwer oder kaum zu ertragen. Man ist dann wie auf schwankendem Boden. Wenn Ehen zerbrechen, Familien auseinanderfallen, Vertrauen kaputt geht – solches wird oft als großes Unglück erlebt. Man ist wie aus etwas Vertrautem hinausgeworfen.

Und denken wir schließlich an die vielen Heimatlosen, deren Häuser zerstört, deren Familien auseinandergerissen sind und die sich in der Fremde aufhalten, wo sie sich nur fremd fühlen.

Der Mensch braucht Wohnung, Geborgenheit, Heimat, Menschen, bei denen er wohnen, bleiben und sein kann.

Aber auch wenn wir alles das haben, uns sicher und heimisch fühlen, so wissen wir doch: Alles das wird einmal zu Ende sein. Alles vergeht. Wenn wir sterben, müssen wir alles verlassen: unser Haus, unsere Lieben, alles das, was uns vertraut ist. Der Tod stößt uns hinaus aus aller Geborgenheit. Das ist abgesehen vom Glauben für uns die allerletzte Gewissheit. Ich verliere alles, sogar mich selbst. Der Tod ist die absolute Ungeborgenheit. Aus Angst davor versuchen wir uns ans Leben zu klammern, an unsere vermeintlichen Sicherheiten. Aber nützen tut das nichts. Es kann uns nur krank machen.

Auf diese unsere Angst um uns selbst, um unsere Geborgenheit, spricht uns das heutige Evangelium an, wo Jesus sagt:

Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.

Es ging Jesus um eine letzte Geborgenheit in Gott. Er selbst, als Wanderprediger unbehaust und ungesichert, hat diese Geborgenheit gelebt. Er hat sein Leben mit Haut und Haaren Gott anvertraut. Seine Jünger haben von ihm gelernt, was es heißt, auf Gott zu vertrauen und sich in ihm in aller Ungesichertheit geborgen und aufgehoben zu wissen. Jesus hat sie aufgenommen in sein vertrautes Verhältnis zu Gott, den er „Vater“ nannte und dem er sich im Leben und im Sterben anvertraute. Er hat sie in sein göttliches Haus aufgenommen. Das Wort Jesu verstanden sie als Wort Gottes.  Das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. Denn nur Gott kann uns sagen, dass wir bei ihm wohnen werden. Ja, es ist nicht nur ein hörbares Wort, es ist Jesus selbst. Jesus ist selbst das Wort, das Gott uns gegeben hat, um unsere Angst zu entmachten. In Jesus begegnet uns Gott als Mensch, als Mitmensch.

In unserem Glauben geht es um eine letzte Geborgenheit, um das Wohnen in Gott. Diese Gewissheit ist stärker als alle Angst und Unsicherheit. Denn Gott liebt uns mit derselben Liebe, mit der er von Ewigkeit her seinen Sohn liebt. Wer auf den Sohn hört und ihn liebt, weiß sich auch von Gott geliebt. Er lebt und wohnt dann in Gott wie in den eigenen vier Wänden.

Auch die zweite Lesung aus der Offenbarung des Johannes verkündet uns dies als letzte Wahrheit über unser Leben. Es ist eine große Zukunftsvision: Die heilige Stadt Jerusalem, die aus dem Himmel herabkommt und unsere Erde verwandelt in eine neue Stadt. Man könnte denken, es sei Sciencefiction oder wie ein surrealistisches Gemälde von Salvador Dalí. Aber auch hier wird uns diese letzte Geborgenheit in Gott verheißen: Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel. Mit anderen Worten: Nicht mehr Gotteshäuser wird es geben, sondern Gott ist selbst der Tempel, ist selbst das Haus, in dem wir wohnen und von seiner Herrlichkeit erleuchtet werden.

Aus dieser Glaubensgewissheit entstehen Frieden und Freude: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt. Wir wissen: Die Welt ist zum Frieden unfähig. Sie ist zerstritten. Weil sie keinen Frieden mit Gott hat. Wer keinen Frieden mit Gott hat, wer sich nicht in ihm geborgen weiß, wird auch kaum Frieden mit anderen und mit sich selbst haben. Wer friedlos ist, bringt Unfrieden. Der Friede Christi aber ist der Friede mit Gott, der uns zu friedliebenden Menschen macht, die auch in Konflikten und Streit die Liebe Gottes nicht vergessen, sondern weitergeben auch an Gegner und Feinde.

Diese Liebe ist der neue Geist, der Heilige Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist. Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. In diesem Geist ist Frieden möglich, Versöhnung und gegenseitiges Verstehen. Ja, es ist dieser Heilige Geist, der uns überhaupt erst zur Vernunft bringt! In diesem Geist ist es möglich, anderen Menschen auch bei uns Wohnung und Heimat zu schenken.

Jesus nimmt im heutigen Evangelium Abschied von seinen Jüngern vor seinem Leiden. Er weiß: Sein Weg ans Kreuz ist der Weg zum Vater, ist der Weg auf Ostern zu. Verständlich, dass die Jünger darüber traurig sind, dass Jesus Abschied nimmt. Aber: Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe. Jesus wohnt in Gott. Und auch wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. Aber alles kommt darauf an, dass wir zum Glauben kommen und Jesus lieb haben. Ohne diesen Glauben an Jesus bleiben wir zurückgeworfen auf uns selbst. Ein letztes Zuhause können wir uns nicht geben. Nur im Glauben können wir uns geborgen wissen. Gott selbst ist unsere Zukunft und die Freude wird nicht mehr aufhören.

Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern jetzt Eucharistie. Wir nehmen Jesus auf in unser Herz, ganz leibhaftig, als Nahrung für unseren Glauben. Zu seinen Freunden sagt er: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück.  In der heiligen Kommunion, wenn wir voll Ehrfurcht diese allerkostbarste Speise essen, kommt er tatsächlich wieder zu uns. Er will in uns wohnen. Und wenn er in uns wohnt, dann wohnen wir schon in Gott.

Unbezahlbar! Aber gratis.

 

 

 

 

6. Sonntag im Jahreskreis

17.2.2019

Jer 17,5-8; 1 Kor 15,12.16-20; Lk 6,17.20-26

 

Gehalten in München, Heilig Geist

 

 

„Wehe euch, ihr Reichen!“ Solche Rufe scheinen nicht in unser Bild von Jesus zu passen. Und auch von Pfarrern auf der Kanzel erwartet man eher kuschelige Sätze, die uns nicht allzu sehr in Frage stellen. Aber Wehe-Rufe? Das klingt nach Drohbotschaft. Und man sieht sofort den erhobenen Zeigefinger.

Womit Pfarrer sich heute unbeliebt machen, ist dafür anderen erlaubt. Ärztinnen und Ärzten z. B. : Wehe euch, ihr Raucher; ihr Dicken; ihr Fastfood-Esser; ihr Sport-Muffel – ihr habt kein langes Leben zu erwarten! Auch Grüne dürfen so reden: Wehe euch, wenn ihr nichts ändert am CO2-Ausstoß, dann werden eure Enkel wie die Beduinen in der oberbayrischen Wüste leben und den Kölner Dom wird man nur noch besichtigen können, wenn die Nordsee gerade Ebbe hat.

Aber von Pfarrern hört man solche Worte nicht gerne, so real schlechte Karten, die irgendwie im Zusammenhang stehen mit unserer Lebensweise, mit Glauben und Unglauben und überhaupt mit der Orientierung unseres Lebens. Das grenzt dann schon an geistlichen Missbrauch, wenn unsere Lebenswirklichkeit in Frage gestellt wird. Darf man also nicht darauf hinweisen, dass auch das Wohl der Seele, das Seelenheil also, auch bedroht sein kann durch eine vor Gott falsche Lebensweise? Darf man das also nicht mehr sagen?: Wenn Du so gierig nach Geld, so karrieregeil, so rücksichtslos, zynisch und so gottlos lebst, wenn du nicht mehr loskommst von den Pornos im Internet, wenn du nicht mehr betest und deine Sünden nicht mehr bereust – ja, dann hast du auch vor Gott keine guten Karten. Dann kann auch deine Seele nicht heil vor Gott stehen. Dann verdirbst du sie.

Und dann kommt wieder so ein Sonntag wie heute, an dem diese Wehe-Rufe vorgelesen werden. Jesus hat nicht nur viele selig gepriesen, sondern eben auch andere mit Wehe-Rufen bedacht. Und damit hat er die Menschen alle in die Entscheidung gerufen. Und er hat die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Der Sinn des Lebens, das Lebensglück besteht eben nicht im materiellen Reichtum, im beruflichen Fortkommen, im gesellschaftlichen Aufstieg, im Gelingen unserer Pläne – in all den Dingen, die uns so heilig geworden sind. So kann man das Leben auch verfehlen, man kann Gott verfehlen und damit den Sinn des Lebens.

Jesus öffnet uns die Augen für ein neue Sichtweise. Und stellt uns in die Entscheidung. Ja, der heutige Abschnitt aus dem Evangelium erinnert uns daran, dass es bei Glauben und Unglauben um eine sehr ernste Entscheidung geht mit sehr weitreichenden Konsequenzen. Die christliche Botschaft ist eben nicht so etwas wie eine Droge oder eine süße Himbeersoße, die wir über unser Leben gießen. Und wenn wir einmal genau hinschauen, wer da gemeint ist mit den Wehe-Rufen, dann gelingt es wohl kaum mehr, mit dem Finger auf andere zu zeigen:

·    Wehe euch, ihr Reichen!, wird da gesagt. Sind wir das nicht? Gehören wir nicht zum reichen und wohlhabenden Teil der Menschheit, der im Überfluss lebt?

·    Wehe euch, die ihr jetzt satt seid! Satt sind wir auch – im Gegensatz zu einem großen Teil der Menschheit.

·    Wehe euch, die ihr jetzt lacht! Naja, vielleicht ist nicht jedem jederzeit zum Lachen zumute. Aber im großen und ganzen bilden wir doch eine Spaßgesellschaft. Und nichts fürchten manche mehr als dass Schluss sei mit lustig.

Schon drei der vier Weherufe, liebe Gemeinde, passen doch genau auf uns. Es ist, als hätte Jesus uns vor Augen, eine Gemeinde mehr oder weniger wohlhabender Christen.

Nun, will er uns verfluchen? Sollen wir ihm aus den Augen gehen?

Anders scheint er zu den Armen zu stehen, zu den Hungernden, zu den Trauernden und zu denen, die wegen des Glaubens an Jesus Nachteile auf sich nehmen. Diese werden selig gepriesen. Aber in diesen können wir uns – wie gesagt - kaum wiederfinden.

Jesus ist offenbar nicht neutral, nicht unparteiisch. Er nimmt vielmehr Partei für die Benachteiligten, für die, die am Rande stehen. Es ist der Rand der Gesellschaft, den Jesus in die Mitte rückt. Und er selbst lässt sich an diesen Rand drängen, aus der Gemeinschaft, aus seiner Kirche ausschließen und beschimpfen und am Ende ans Kreuz nageln. Dieses Kreuz am Rande der Stadt wird zur Mitte der Kirche. Und damit ist eigentlich der Rand der Gesellschaft zur Mitte der Kirche geworden. Aber leben wir das wirklich? Ist der Rand der Gesellschaft wirklich die Mitte unseres kirchlichen Gemeindelebens? Sind nicht vielmehr das Geld, das Fortkommen, die Gesundheit, die Mobilität, unsere Idole und wir selbst das, worum sich in unserem Leben alles dreht? Kann man, wenn man das heutige Evangelium ernst nimmt, überhaupt noch Christ sein? Leben wir nicht auch auf Kosten der Armen, der Hungernden? Kommen wir noch weg von all den Dingen, die uns so heilig sind? Ich fürchte nicht. Und aus eigenem Vermögen können wir es auch gar nicht. Dafür ist unsere Angst auch viel zu groß, ungesichert zu sein und zu wenig vom Leben abzukriegen. Irgendwie ist das unser Dilemma: wir möchten gerne Christen sein – und doch können wir es nicht richtig.

Vielleicht können wir unseres Evangeliums etwas froher werden, wenn wir noch einmal den Text genau anschauen. Da werden Menschen selig gepriesen, die arm, hungrig, trauernd sind und verfolgt, beschimpft, gemobbt werden. Ist das nicht ziemlich unverschämt? Da werden Menschen, für die wir eher Mitleid empfinden sollten, glücklich geheißen. Hört sich ja geradezu zynisch an: Glücklich seid ihr Behinderten, ihr Bettler auf der Straße, ihr Abgehängten, ihr Migranten in der Abschiebehaft. Freut euch und jubelt! Kann das gemeint sein? Wollte Jesus sich über diese Menschen lustig machen? Wie hören sich die Seligpreisungen in deren Ohren eigentlich an?

Nun, Jesus sagt aber gar nicht, sie sollten sich über ihre Not freuen, oder über ihren Hunger. Jesus sagt auch nicht, das Glück liege im Weinen und im Gehasstwerden von anderen. Vielmehr spricht er von der Zukunft: ihr werdet satt werden; ihr werdet lachen. Er schenkt ihnen eine Glaubensperspektive. Sie können all das Unerträgliche annehmen, ertragen, wenn sie diese Glaubensperspektive haben und in ihrer Armut und ihrem Unglück nicht ihre letzte Gewissheit sehen. Es ist diese Perspektive, die sie am Leben nicht verzweifeln lässt und im tiefsten ihr Glück ausmacht. Jesus erkennt offenbar, dass diese Armen und Trauernden nur deshalb an ihrem Schicksal nicht zerbrechen, weil sie Glauben haben. Und bei selbstzufriedenen Reichen und Satten erkennt er offenbar, dass ihr Unglaube und ihre Angst sie daran hindert, menschlich zu sein und ihren Überfluss zu teilen. Sie haben keine Glaubensperspektive, die ihre Angst um sich selbst entmachtet. Das ist aber eine Perspektive, die kein Mensch sich selbst geben kann. Denn an der Welt ist tatsächlich nirgendwo abzulesen oder in Erfahrung zu bringen, dass unsere Freude im Himmelreich groß sein wird, dass Gott uns mit Liebe zugewandt ist. Die Welt bietet eben keinen Grund, um im letzten glücklich und rundum selig zu sein. Eben auch Reichtum nicht, auch Gesundheit nicht, auch Spaß nicht. Denn wer darauf setzt, setzt auf Vergängliches und lebt in Angst, das zu verlieren, worauf er setzt. Die Götter unseres Lebens sind eben nicht verlässlich. Sie betrügen, weil sie etwas versprechen, das sie erwiesenermaßen nicht halten können. Solche Götter muss man erst haben, um sich dann auf sie zu verlassen. Und eben deshalb sind sie nicht verlässlich. Sie sind ein Stück Welt. Die Welt ist nicht mit dem „Himmel“ zu verwechseln. Wer das macht, betrügt sich selbst. Ist – mit anderen Worten - ganz schön blöd.

Tatsächlich lautet das neue Dogma oder eine weitverbreitete Grundüberzeugung so: Das Heil liegt im Diesseits. Und es gehört denen, die es sich leisten können. Der erste Teil dieses Dogmas, dass das Heil im Diesseits liegt, ist eigentlich eine Grundüberzeugung der Neuzeit. Der Mensch der Bibel wusste, dass das Heil in diesem Leben nicht zu verwirklichen ist. Wenn, dann kann nur Gott das Heil des Menschen sein. Aber seit Gott tot ist, muss der Mensch das Heil in diesem Leben realisieren. Die Perspektive der Ewigkeit ist uns abhanden gekommen. Wir müssen alles Glück, alles Heil, aus der Welt und aus unseren Möglichkeiten ziehen. Zugleich leben viele von uns – ich will mich gar nicht ausnehmen - aus der Heidenangst, zu wenig vom Leben abzukriegen, zu kurz zu kommen, das Glück zu verpassen.

Der zweite Teil: Das Heil gehört denen, die es sich leisten können ist dann die postmoderne marktorientierte Version: Das Heil kann gekauft werden: Gesundheit, Fitness, Reisen, Erlebnisse, Liebe, Sex. Aber nur wer Geld hat, kann mithalten, kann es sich leisten. Extra mercatum nulla salus! D. h., man kann dieses Heil nur verwirklichen auf Kosten anderer, die dann eben im Unheil bleiben, weil sie auf dem Markt keine Chance haben, nicht konkurrenzfähig sind. Aber damit gesteht man schon ein: dieses Heil ist begrenzt, also nicht unbegrenzt. Himmel und Hölle sind dann bereits Realitäten dieser Welt: die einen sind happy und die anderen unglücklich. Es gibt Sieger und Verlierer.

Jesus stellt sich auf die Seite der Verlierer. Und er stellt alle in die Entscheidung. Seinen Gott kann man nicht erst haben, um sich dann auf ihn zu verlassen. Sondern die einzige Weise, ihn zu haben, ist, sich auf ihn zu verlassen. Dazu lädt Jesus mit seiner Botschaft ein. Er will uns teilhaben lassen an diesem seinen Gott und uns mit hineinnehmen in sein Verhältnis zu Gott. Glauben bedeutet, Anteil haben an Jesu Gottesverhältnis, also an Jesu Gemeinschaft mit Gott. Wer diese Gemeinschaft mit Gott mit Jesus teilt, gewinnt diese österliche Perspektive der Ewigkeit, von der auch Paulus in der 2. Lesung gesprochen hat. Es ist der Mensch, von dem auch Jeremia in der 1. Lesung sprach: „Gesegnet der Mensch, dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. … Seine Blätter bleiben grün auch wenn Hitze kommt“. Denn er speist sich aus dieser Perspektive des Glaubens, die über alles das hinausgeht, was wir von uns wünschen und verwirklichen könnten.

Wer diese Perspektive hat, wer sich für den Gott Jesu entscheidet, der ist wahrhaft selig zu preisen. Er kann sich an allem erfreuen, auch an den Gütern und Freuden dieser Welt, an seiner Gesundheit, an seinen Mitmenschen – und braucht doch nicht zu verzweifeln, wenn er diese Dinge verliert. Denn das letzte Glück liegt nicht in ihnen, sondern in der Gemeinschaft mit Gott. Glücklich der Mensch, der alles das loslassen kann, ohne für immer zu sterben.

Unser Heil, liebe Gemeinde, liegt eben nicht im Diesseits. Es liegt aber auch nicht in irgendeinem religiösen Jenseits, das wir uns als Fortsetzung dieses Lebens vorstellen könnten. Damit bliebe es nämlich immer noch ein Stück Welt. Unser Heil liegt allein in unserer Gemeinschaft mit Gott, die keine andere als Jesu Gemeinschaft mit Gott ist. Dieses Heil ist so unbegreiflich wie Gott selbst. Wir haben keine Begriffe dafür. Aber Gemeinschaft mit Gott haben und die österliche Perspektive sind ein und dasselbe. In Jesu Wort und in der Eucharistie, die wir jetzt feiern, schenkt sich uns der gekreuzigte und auferstandene Herr. Er will in uns sein, damit Gott in uns seinen Sohn wiedererkennt und liebt.

Selig sind die, die sich so von Gott angeschaut wissen. Sie haben nichts mehr zu verlieren.

 

 

Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis (7.10.2018)

Gen 2,18-24; Hebr 2,9-11; Mk 10,2-16

Gehalten in München Hl. Geist

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“

Liebe Schwestern und Brüder, dieses Bibelwort aus der alttestamentlichen Lesung des heutigen Sonntags dürfte wohl allseits Zustimmung finden. Es entspricht einer unserer ganz grundlegenden Erfahrungen. Der Mensch kann nicht ohne den Menschen leben. Nur in Beziehungen, im Ja zueinander, im Mit- und Füreinander kann der Mensch wahrhaft Mensch sein.

Dabei kommt einer dieser Beziehungen in der Bibel eine Sonderstellung zu: der Beziehung von Mann und Frau: diese werden „ein Fleisch“. Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunft der Menschheit. Mann und Frau sind vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit füreinander geschaffen. Nur zusammen können sie neues Leben schenken und wachsen lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Bestimmung der fruchtbaren Weitergabe des Lebens. Sie ist einzigartig. Und sie entspricht deshalb der Schöpfungsordnung. Ja noch mehr: Die Menschheit besteht aus Frauen und Männern. Der Geschlechterkampf, wie er in der Geschichte immer wieder aufgebrochen ist, zeigt, dass wir uns schwer tun, die rechte Beziehung zwischen Mann und Frau zu definieren und zu leben. Doch schon auf ihren ersten Seiten zeigt uns die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und nicht seine Spaltung. Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden, bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Selbstverwirklichung und gegenseitige Beglückung. Es geht vielmehr um die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden anschaulich gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau „Fleisch von meinem Fleisch“, was die Gleichwertigkeit zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie in ihrem Wesen anders ist als der Mann. Nur dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen

Diese Gedanken sind heute keineswegs mehr selbstverständlich, zum Teil in dieser Zeit des schwachen Denkens nur sehr schwer vermittelbar. Zum einen erleben wir eine hohe Scheidungsrate und eine wachsende Anzahl von Scheidungswaisen. Diese sind nicht selten Opfer ihrer Eltern und deren Selbstverwirklichungsbedürfnis. Zum anderen will man uns einreden, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit der Ehe austauschbar und ihr gleichwertig seien. Sicher, auch homosexuelle Menschen haben den gleichen Wunsch nach Geborgenheit und Liebe und sehnen sich nach Partnerschaft wie alle anderen Menschen auch. Doch – bei allem Respekt vor ernstgemeinten homosexuellen Partnerschaften – man sollte sie nicht „Ehe“nennen. Nur willkürlich hat der Staat den Begriff „Ehe“ umdefiniert. Die Ehe von Mann und Frau aber ist einzigartig unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn nur die Liebesbeziehung von Frau und Mann verbürgt die Zukunft des Menschengeschlechts und dessen Einheit. Und auch Mann und Frau sind nicht austauschbar, wie es uns unsere Wirtschaft und die unsägliche Gender-Ideologie seit langem einredet, sondern zutiefst verschieden. Sie sind komplementär. Sie ergänzen einander und schaffen so und nur so eine neue Generation. Die Gesellschaft und der Staat sind für ihren Fortbestand auf die Ehe geradezu angewiesen. Auch stellen Mann und Frau in ihrem Aufeinanderbezogensein eine anthropologische Ganzheit dar. Jedes Ehepaar steht für die Einheit der ganzen Menschheit aus Frauen und Männern.

Auch Jesus stellt sich im Evangelium in diese Tradition. Ja, er radikalisiert dieses Verständnis, indem er die Ehescheidung ablehnt und sie als Ehebruch qualifiziert. Zweifellos eine der schwersten Sünden gegen die Zehn Gebote. Dass die Kirche bis heute an der Unauflöslichkeit der Ehe festgehalten hat, wird von vielen als hart und als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Oft wird unser christliches  Eheverständnis auch lächerlich gemacht. Viele sehen darin eine Überforderung der Ehepartner. Anderen leuchtet nicht mehr ein, warum man sich für immer an einen Partner binden soll. Aber der christliche Glaube ist nie zeitgemäß, sondern einfach human. Für alle Zeiten stellt er eine Zumutung dar.

Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um die menschenwürdigste Form der partnerschaftlichen Beziehung herauszufinden. Sie hat vermutlich mühsam lernen müssen, dass man nur in der Geborgenheit einer lebenslangen Bindung und verlässlichen Treue einander ganz anvertrauen kann. Dass man auch - es klingt paradox, ist es aber nicht - allein in der Bindung frei wird. Nur indem Mann und Frau einander Wohnung geben, und zwar mit umfassendem Kündigungsschutz, können sie auch das volle Glück einer Liebesbeziehung finden und zudem neues Leben in Geborgenheit heranwachsen lassen. So werden Mann und Frau in der Ehe zu Hütern der menschlichen Zukunft.

Haben wir in unserer Gesellschaft vielleicht diesen langen und mühsamen Lernprozess der Menschheit vergessen? Offenbar begeben wir uns auf Irrwege, deren fatale Folgen für das Menschenbild, für die Menschlichkeit und für das gesellschaftliche Zusammenleben wir noch gar nicht absehen.

Weil die Ehe eine einzigartige Beziehung ist, ist sie für uns Christen ein Sakrament, ein heiliges Zeichen. Denn sie stellt dar, was unsere Gemeinschaft mit Gott ist: Gott verbindet Mann und Frau in Liebe miteinander und lässt sie fruchtbar sein für die Zukunft. Doch diese Verbindung gründet darin, dass wir mit Gott verbunden sind, wie in einer Ehe: „neuer und ewiger Bund“. Im Alten Testament wird das Verhältnis zwischen Gott und Israel oft im Bild der Ehe veranschaulicht. Im Neuen Testament und bei den Kirchenvätern wird die Kirche als Braut Christi gesehen. Weil die Ehe diese unsere Gemeinschaft mit Gott abbildet, deshalb ist sie ein Sakrament. Die Eheleute bejahen einander mit derselben Liebe, mit der sie sich selbst und einander von Gott geliebt wissen. So wie ein Spiegel die Strahlen der Sonne reflektiert, so soll die Ehe die Liebe Gottes reflektieren und Kindern in dieser Liebe Geborgenheit schenken.

Die Unauflöslichkeit der Ehe gründet im Eheversprechen, das Mann und Frau sich geben. Dieses Versprechen umfasst auch die Zustimmung dazu, es nicht selber zurücknehmen und es auch nicht einvernehmlich zurückgeben zu können. Es ist als ob sie sich sagten: Ich will in alle Zukunft nur so glücklich sein, dass ich will, dass du es auch bist.

Das Leben in der Ehe ist sicher oft kein leichter Weg. Die vielen gescheiterten Ehen zeigen das. Man muss die Fähigkeit bewahren, einander immer wieder überraschende Freude zu bereiten und füreinander aufmerksam zu sein. Man muss auch immer wieder die Bereitschaft zur Versöhnung haben. Aber gerade in der Treue, in der Vergebung  und im Durchhalten von Krisen und Meinungsverschiedenheiten zeigt sich die Liebe.

Nun aber zeigt sich, dass viele Ehen trotzdem scheitern. Wie soll die Kirche damit umgehen? Könnte es nicht auch sein, dass eine Ehe endgültig tot ist, weil sie Gottes Liebe überhaupt nicht mehr widerspiegelt und somit nur noch schwerlich Sakrament genannt werden kann? Wenn das eucharistische Brot im Tabernakel verschimmelt und nicht mehr essbar ist, dann ist es kein Sakrament mehr. Könnte solches nicht auch von der Ehe gelten, so dass der Bischof eine solche Ehe für tot erklären könnte? In dieser Richtung könnte vielleicht eine Antwort auf das Problem der gescheiterten Ehen liegen.

Die Bibel sagt, dass die Eheleute ein Fleisch werden. Tatsächlich gehen alle unsere Beziehungen über das Fleisch. Der Mensch ist Fleisch, er ist Leib. Der Leib ist nicht nur ein Zusatz zur Seele. Nur in seinem Leib und als Leib kommt der Mensch zur Erscheinung, stellt er sich dar, wird er gegenwärtig. Der Leib spiegelt seine einmalige Geschichte wider. Sorge um den Menschen ist zuallererst Sorge um den Leib: dem Hunger, dem Durst, dem Schmerz, dem Frieren abhelfen. Ebenso geht alle Kommunikation über den Leib: Augen, Mund, Ohren, Hände.

Das gilt erst recht für die Liebe: Wenn ein junger Mann und eine junge Frau ineinander verliebt sind, sich gegenseitig begehrenswert und liebenswert finden und das Vertrauen zwischen ihnen wächst, dann sucht sich ihre Liebe einen leiblichen Ausdruck. Früher oder später gibt der eine dem anderen zu verstehen, ob nun mit Worten oder anders: „Schenk mir Deinen Leib!“ Wenn die Liebe erwidert wird, wird der andere sagen: „Nimm meinen Leib!“.

Nanu, das sind doch die Worte, die wir in jeder Eucharistiefeier hören: „Nehmt, das ist mein Leib“. In der hl. Messe geschieht eben das, was in jedem Brautgemach geschieht: Braut und Bräutigam schenken einander ihren Leib – und damit sich selbst. Christus und die Kirche schließen einen neuen und ewigen Bund, wie eine Ehe. Wir sehen: Auch die Liebe Gottes ist nicht platonisch. Die Eucharistie macht den Eros Gottes offenbar, den „neuen und ewigen Bund“, seine unverbrüchliche Liebe zur Menschheit bis zum Tod am Kreuz, zur Hingabe des Leibes im Feuer des Heiligen Geistes: „Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“, so die 2. Lesung. Die Kirche lebt von der Hingabe seines Leibes. In jeder hl. Messe feiert Christus Hochzeit mit uns, seiner Kirche, und wird mit uns „ein Fleisch“.

Die Ehe stellt so dieses Mysterium dar als sichtbares Zeichen dieser gegenseitigen und fruchtbaren Hingabe. Es ist das innigste Ineinander von Personen.

In der Eucharistie, die wir jetzt feiern, wird dieses Geheimnis für uns alle zur Quelle unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unserer Liebe.

 

 

 

 

 

9. Sonntag 2018

Dtn 5,12-15; 2 Kor 4,6-11; Mk 2,23-28

Gehalten in München Heilig Geist

 

„Sechs Tage magst du schaffen und jede Arbeit tun.

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn deinem Gott geweiht.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

dem alttestamentlichen Judentum verdanken wir die Sieben-Tage-Woche. Der Sabbat, also der Samstag, wurde zum Ruhetag erklärt. Die Juden sehen darin ein großes Geschenk Gottes an sein Volk: ein Tag der Ruhe, ein Tag zum Verschnaufen, zum Aufatmen, zum Feiern. Ein Tag, der ganz Gott gehört und genau deshalb ganz uns gehört. Und das nicht nur für die Freien, sondern auch „dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.“ Ja, noch mehr, „auch dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh.“ Also die Produktionsmittel, die ganze Wirtschaft, das ganze System von Arbeit, Produktion, Kaufen und Verkaufen sollte ruhen.

Nur die Juden genossen im Altertum diesen freien Tag. In allen anderen Völkern wurde die Arbeit nie unterbrochen. Sie war endlos. Es gab keine Unterbrechung. So als wäre der Mensch ein reines Arbeitstier.

Nur die jüdische Bibel hat verstanden: Der Mensch ist eigentlich gar nicht dafür gemacht, ohne Unterlass zu arbeiten. Der Mensch ist für Gott gemacht. Das Sabbatgebot erinnert uns daran: Der Mensch ist nicht für pausenloses Arbeiten und Produzieren gemacht, sondern um bei Gott anzukommen. Jeder Sabbat im Jahreskreis lässt den Menschen schon mal bei Gott ankommen, lässt das Ziel unseres Lebens sichtbar und erfahrbar werden: Nur wenn der Mensch bei Gott ankommt, kommt er auch zu sich, findet er auch sich selbst.

Der Sabbat ist so zu einem Identitätsmerkmal der Juden geworden. Bis heute pflegen sie diesen Tag, ja, auch unter schwierigsten Bedingungen, selbst in den Konzentrationslagern haben sie – soweit es möglich war – den Sabbat zu halten versucht. Wer schon einmal in Israel war, hat es erlebt: Am Sabbat ruht das ganze Wirtschaftsleben, selbst Busse und Bahnen fahren nicht. Alles steht still.

Wir Christen feiern den Sabbat nicht mehr. Zwar haben auch wir die Sieben-Tage-Woche übernommen, aber unser Feiertag ist der Tag nach dem Sabbat, also der erste Tag der Woche, weil er der Tag der Auferstehung Christi ist. Deshalb ist der Sonntag auch kein Wochenende, sondern Wochenanfang. Dass vor einigen Jahrzehnten die weltlichen Kalender umgestellt wurden und der Sonntag auf den letzten Tag rutschte, ist respektlos sowohl gegenüber dem Judentum wie gegenüber uns Christen, die wir die Woche mit dem Sonntag beginnen. Ich wünsche auch nie ein schönes Wochenende, sondern immer „Gesegneten Sonntag!“ Der Sonntag ist der Ostertag der Woche. So wird deutlich, dass nicht die Arbeit zuerst kommt, sondern die Gnade, die Freiheit und das Leben. Jeder Sonntag ist ein Neubeginn. Und die Woche beginnt mit einem arbeitsfreien Tag. Dieses Bewusstsein ist vielen heute leider abhanden gekommen. Der Mensch ist eben nicht Produkt seiner Leistung und seiner Arbeit, sondern zuerst ein Kind Gottes bestimmt zum ewigen Leben. In diesem Bewusstsein sollen wir unsere Arbeit tun.

Zur Zeit Jesu – so zeigt es das heutige Evangelium – wurde das Sabbatgebot in einer unglaublich legalistischen Weise ausgelegt. Bis in alle Einzelheiten war festgelegt, was man am Sabbat tun durfte und was man nicht tun durfte. So war genau festgelegt, wie viele Schritte man am Sabbat gehen durfte. Selbst das harmlose Ährenraufen war verboten, wenn man an einem Kornfeld vorbeiging, weil es als Erntearbeit interpretiert wurde. Und Erntearbeit war am Sabbat streng untersagt. Die Pharisäer wachten mit Adleraugen darüber, gewissermaßen wie eine Religionspolizei. Und so wurde das Sabbatgebot in sein Gegenteil verkehrt: anstatt ein Geschenk Gottes wurde es zu einer Last. Anstatt Menschen zu befreien, engte es sie ein. Man hatte Angst, durch eine Kleinigkeit das Gesetz zu brechen und sich vor Gott schlecht fühlen zu müssen. Religion kann auch einschüchtern und den Menschen die Freiheit und die Freude am Glauben nehmen.

Jesus aber, der ein gläubiger Jude war, ließ sich diese Freiheit nicht nehmen. Seine Absicht war es nicht, Gesetze zu brechen, die für den Zusammenhalt der Gemeinschaft wichtig sind. Er zeigte vielmehr, dass es nicht nur um den Buchstaben geht, sondern um den Geist des Gesetzes. Stellen Sie sich vor, sie sehen am Ufer eines Sees, wie ein Kind dort hineinfällt, das nicht schwimmen kann. Sie möchten ins Wasser springen, um das Kind zu retten. Am Ufer steht aber eine große Tafel; darauf steht „Baden streng verboten!“ Wie verhalten Sie sich? Das eine ist der Buchstabe, das andere der Geist der Menschlichkeit.

So konnte Jesus sagen: „Der Sabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Religion soll also dem Menschen dienen und ihm in der Mühsal des Lebens eine Hilfe sein. Und so erklärte Jesus sich auch zum Herrn über den Sabbat und damit über die Religion.

Wir Christen feiern nicht mehr den Sabbat, sondern den Sonntag. Die Kirche hat nicht so stark reglementiert, was man am Sonntag darf oder nicht darf. Man sollte allerdings arbeitsfrei bleiben. Es ist auch schön, wenn er sich vom Alltag unterscheidet: in Kleidung, im Essen, im familiären Zusammensein. Das gehört zu einer Sonntagskultur. Selbstverständlich sind Berufe im Gesundheitswesen und manche andere davon ausgenommen. Aber grundsätzlich soll die Arbeit unterbrochen werden, das ganze Wirtschaftssystem, dieses große Räderwerk, einfach stillstehen. Denn der Mensch ist nicht dazu gemacht, in diesem System aufzugehen, atemlos zu arbeiten, ein namenloses Rädchen daran zu sein. Natürlich, aus Sicht der Wirtschaft wäre es wünschenswert, wenn die Geschäfte auch am Sonntag offen wären und das Kaufen und Verkaufen nie unterbrochen wird. Sollen wir wirklich ständig „auf dem Markt sein“, den Gesetzen des Marktes unterworfen? Soll die glitzernde Welt des Konsums unser weitester Sinnhorizont werden? Unser christliches Menschenbild sträubt sich dagegen. Denn die Bestimmung des Menschen ist eine andere. Er soll nicht im Alltag aufgehen, sondern in seiner Freundschaft mit Gott. Gott soll unser Gott sein und nicht Arbeit, Leistung, Waren, Geld unsere Götzen. Nur Gott verbürgt, dass wir in diesen Dingen nicht aufgehen und unser Leben ein Götzendienst wird. Und dazu braucht es Unterbrechung. Ja, „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“ – so sagt es der renommierte Theologe Johann Baptist Metz. Denn Gott kommt dazwischen. Und wir Christen lassen Gott heilsam dazwischen kommen, das ganze System unterbrechen. Der Sonntag ist das Dazwischenkommen Gottes in unser Leben.

Dazu hat die Kirche das Sonntagsgebot erlassen. Es fordert alle Christen auf, am Sonntag auch am Gottesdienst teilzunehmen. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch, dass das in unserer Kindheit und Jugend auch oft als Zwang empfunden wurde, wenn es hieß, man muss zur Kirche gehen. Der Sinn dieses Gebots wurde von vielen nicht verstanden und als lästige Pflicht empfunden. Welcher Sinn steckt hinter diesem Gebot, das auch heute noch gilt?

Zum einen: man kann auch geistlich aushungern. Der Glaube braucht Nahrung und Stärkung genau wie das leibliche Leben. Wenn wir Gebet und Gottesdienst vernachlässigen, dann läuft unser Glaube Gefahr, zu verdunsten. Dass Gott bei uns ist, müssen wir uns immer wieder sagen lassen. Man muss im Wort Gottes zuhause sein, damit der Glaube lebendig bleibt. Wir müssen die Sakramente feiern, damit unsere Lebensgemeinschaft mit Christus lebendig bleibt und auch unseren Alltag prägt. Es ist wie mit einer Freundschaft. Wenn man sie nicht pflegt, dann verflacht sie und verkommt schließlich.  

Das ist das eine.

Aber es gibt noch einen zweiten, sehr wichtigen Grund für das Sonntagsgebot. Es erinnert uns daran, dass der Glaube keine Privatsache ist, sondern vom Hören kommt, also aus zwischenmenschlicher Kommunikation. Man kann den Glauben nur mit anderen zusammen haben und leben. Und da sind wir alle füreinander verantwortlich, einander im Glauben zu bestärken und nicht zu schwächen. Jeder und jede, der oder die im Gottesdienst dabei ist, mitfeiert, mitbetet und singt bestärkt – ob bewusst oder unbewusst – die anderen im Glauben. Wir gehen ja nicht in die Kirche wie ins Kino, wo es egal ist wer außer mir auch noch da ist. In der Kirche sind wir eine Gemeinschaft von Glaubenden und nicht einander gleichgültig. Jeder Anwesende bestärkt die anderen im Glauben, aber jede Bank, die leer bleibt, schwächt die anderen im Glauben. Das Sonntagsgebot spricht uns also auf unsere Verantwortung füreinander an. Dies ist vermutlich der tiefe Sinn des Sonntagsgebots.

Und schließlich und endlich: Es ist Christus, der Auferstandene, der uns ruft und einlädt. Er möchte am Tag der Auferstehung mit uns zusammen feiern, uns durch sein Wort im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe stärken, damit wir den Alltag in seinem Sinn und in seinem Geist gestalten. Dazu schenkt er uns seinen Leib und damit sein Leben.

 

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14. Sonntag 2017

München, Heilig Geist

Liebe Schwestern und Brüder,

Holterdiepolter wurde in Deutschland nach ganzen 38 Minuten Debatte im Bundestag die Homoehe gesetzlich eingeführt.  Für bestimmte Kreise gab es Grund zu überschwänglichem Jubeln und zum Feiern. Und wenn man die Berichterstattung und die Kommentare im Fernsehen gesehen hat, dann bekommt man den Eindruck: Alle sollen sich gefälligst freuen. Ich habe mich nicht gefreut. Wer sich nicht darüber freut – bei dem stimmt was nicht, der ist von gestern. So funktioniert Meinungsmache. Kritische Argumente wurden nicht mehr gehört oder einfach belächelt.

Wir sollten keine Angst davor haben.

Vielmehr sollten wir uns klar machen, was das für uns Christen und für christliches Eheverständnis bedeutet, dass wir in einer mehr oder weniger entchristlichten Gesellschaft leben, die auch die Ehe völlig anders versteht, nämlich als bloße Übernahme von gegenseitiger Verantwortung zweier Menschen beliebigen Geschlechts füreinander. Oder, wie die deutschen Bischöfe beklagen: Christliches und staatliches Eheverständnis klaffen immer mehr auseinander.

Wir sind damit aufgerufen, uns unser christliches Eheverständnis neu bewusst zu machen und unser Profil zu schärfen. Schließlich berührt das Thema auch die Lehre von den Sakramenten. Denn die Ehe von Mann und Frau ist für uns ein heiliges Sakrament, ein Spiegel der Liebe Gottes.

Wenn wir uns kritisch mit der sog. „Ehe für alle“ auseinandersetzen, dann ist damit keine Diskriminierung von homosexuellen Menschen gemeint. Davor sollte man sich hüten. Man kann durchaus verstehen und nachvollziehen, dass auch homosexuelle Menschen den Wunsch und die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit bei einem geliebten Menschen haben. Das gehört nun mal zum Humanum. Und homosexuelle Partnerschaften können deshalb auch von uns Christen respektiert werden. Worum es allein geht, ist der Begriff „Ehe“. Das ist nicht nur eine Bezeichnung, sondern meint eine für die Menschheit höchst bedeutsame Wirklichkeit, die nun umdefiniert und ausgehöhlt wird.

Sind homosexuelle Partnerschaften „Ehe“ wie es sie seit Menschengedenken gibt und vor allem wie die Bibel und wie die Kirche sie versteht? Hat der Staat überhaupt ein Recht dazu, ein so über Jahrtausende gewachsenes Kulturinstitut einfach umzudefinieren?

Tatsächlich ist die Ehe von Mann und Frau unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen (Verwandtschaft, Freundschaft, Wohngemeinschaft, Geschäftspartner usw.) einzigartig. Keine andere Beziehung kann mit ihr verglichen werden. Denn allein die Ehe (bzw. die stabile heterosexuelle Lebensgemeinschaft) hat es nicht nur mit der Gegenwart und mit gegenwärtiger individueller gegenseitiger Beglückung zu tun, sondern mit der Zukunft. Denn nur die Gemeinschaft von Mann und Frau gibt menschliches Leben weiter und bringt eine neue Generation hervor. Aus Ich und Du wird ein Wir. Damit verbürgt sie die Zukunft. Deshalb kommt der Beziehung von Mann und Frau in der Bibel auch eine Sonderstellung zu. Mann und Frau werden „ein Fleisch“ (Gen 2,24). Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Mann und Frau sind danach vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit (vgl. Gen 1,27) füreinander geschaffen, um neues Leben zu schenken, zu hüten und wachsen zu lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Berufung zur fruchtbaren Weitergabe des Lebens und vermag diese Aufgabe für die Gesellschaft zu erfüllen. Sie ist deshalb einzigartig. Und sie entspricht in christlicher Sicht aus diesem Grunde der Schöpfungsordnung.

Nur deshalb auch stehen Ehe und Familie verfassungsmäßig unter dem besonderen Schutz des Staates (vgl. Art 6 Abs 1 GG). Denn der Staat muss Interesse an seiner Zukunft haben und nicht an der Förderung steriler Lebensgemeinschaften, so sehr ihm auch das individuelle Glück seiner Bürger am Herzen liegen mag. Mag es auch eine gewisse Anzahl unfruchtbar bleibender Ehen geben, so ist dennoch die homosexuelle Partnerschaft prinzipiell und a priori steril. Sie kann per definitionem kein neues Leben hervorbringen. Deshalb ist sie in einem ganz wesentlichen Punkt der Ehe ungleich und kann mit ihr mitnichten gleichgestellt werden.

Mit der Homo-„Ehe“ aber wird der Ehebegriff vergleichgültigt. Aus christlicher Sicht ist es so, als würde man auf eine Flasche Traubensaft ein Weinetikett kleben und den Traubensaft als Wein verkaufen. So kann man natürlich das Etikett „Ehe“ auf jedwede zwischenmenschliche Beziehung kleben. Aber wo Ehe draufsteht, muss auch Ehe drin sein.

Es gibt noch weitere Gründe, warum wir die „Ehe für alle“ kritisch betrachten sollten. Jede Ehe steht für die ganze Menschheit, die aus Frauen und Männern besteht. Indem Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen, geschieht stellvertretend die Überwindung und Versöhnung des Geschlechterkampfes. Die Ehe von Mann und Frau steht also für die von Gott gewollte Einheit des ganzen Menschengeschlechts. Sie ist eine runde Sache. In ihr zeigt sich Gottes Wille, das Verschiedenartige, das Andersartige anzunehmen. Denn Mann und Frau, Vater und Mutter sind sehr verschiedene Weisen, Mensch zu sein und das Menschsein zu verwirklichen.

Mit der Homoehe aber ist im Prinzip bereits auch die Monogamie, die Einehe, aufgegeben. Denn Frau und Mann sind so etwas wie ein in sich abgerundetes Paar, eine gewisse anthropologische Ganzheit oder Vollkommenheit. Man kann deshalb auch die Unteilbarkeit der gegenseitigen Liebe begründen. Eine Mann/Mann- oder Frau/Frau-Beziehung kann dagegen prinzipiell offen sein auch für eine Dreier- oder Mehrfachbeziehung. Es wird auf Dauer nur schwer zu begründen sein, warum nur zwei Männer oder nur zwei Frauen miteinander eine „Ehe“ eingehen können, wenn nur die gegenseitige Übernahme von Verantwortung das Kriterium für die Eheschließung ist.

Auch muss man sich darauf vorbereiten, dass bald neue Rechtsansprüche angemeldet werden. Es gibt ja z. B. auch bisexuelle Menschen. Warum sollte ein Bisexueller nicht fordern dürfen, sowohl einen Mann als auch eine Frau heiraten zu dürfen? Er fühlte sich sonst in seinem Recht beschnitten.

Als Christen, liebe Schwestern und Brüder, sollten wir uns beim Thema „Ehe“ an das Menschenbild der Bibel halten. Schon auf ihren ersten Seiten sagt die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und weder seine Spaltung noch seine Vergleichgültigung (vgl. Gen 1,27f; 2,22-25). Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden und ihre Fruchtbarkeit bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Verwirklichung. Es geht vielmehr um die Einheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden unvermischt und ungetrennt gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem grundsätzlichen Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau, wie Adam sagt, „Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23), was ihre Gleichwertigkeit mit dem Mann zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie anders ist. Sie wird offenbar als das dem Mann entsprechende menschliche Gegenüber gesehen und umgekehrt. Und allein dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen, und zwar nicht nur für die Ehepartner individuell, sondern auch für die aus ihnen entlassenen Kinder und somit für die Zukunft der Menschheit. Die Ehe steht somit repräsentativ für die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts in seiner Verschiedenheit. Der Mann bedarf zu seinem, aber nicht nur zu seinem Glück der Frau und die Frau des Mannes. Und nur so werden sie zum Segen auch für die Zukunft der Menschheit.

Das Neue Testament hat dieses Zusammensein von Mann und Frau zum Sakrament erhoben (vgl. Eph 5,31f.). Für uns Christen ist es also ein Zeichen für die unverbrüchliche Treue Christi zu seiner Kirche, die seine Braut ist. Wo Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen und in Treue zueinander stehen in guten und in bösen Tagen, da zeigen sie, was wir meinen, wenn wir von der Liebe Gottes sprechen, von unserer Gemeinschaft mit Gott, die alles übersteigt, was wir uns ausdenken können: wir sind hineingenommen in die Liebe des Vaters zum Sohn, nämlich in die Liebe Gottes, die Jesus uns geoffenbart hat.

Christliches Eheverständnis ist also etwas grundsätzlich anderes als das unserer Gesellschaft. Wir sollten unser Profil nicht verlieren, sondern schärfen.

Wir feiern jetzt Eucharistie. Auch das ist eine Hochzeit, nämlich der neue und ewige Bund. Christus und seine Kirche stehen einander gegenüber wie Bräutigam und Braut. Ein besseres Bild haben wir dafür nicht. Und es geschieht, was in jedem Brautgemach geschieht: Der Bräutigam schenkt seiner Braut seinen Leib, damit seine Braut, die Kirche, fruchtbar und guter Hoffnung wird für die Welt.

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Pfingstmontag 2017

München, Heilig Geist

Predigt zu Joh 15,26 – 16,1-3.12-15

 

„Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Worte Jesu aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums haben es in sich: „Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Diese Stunde ist gekommen!

Es ist das, was fast täglich geschieht und für Schlagzeilen in den Zeitungen sorgt. Eine grausame Christenverfolgung im Nahen Osten und in vielen anderen Ländern und auch bei uns in Europa. Der sog. Islamische Staat tötet auf grausame Weise unsere Glaubensbrüder und –schwestern in deren Heimatländern, die ursprünglich christliche Stammlande waren. Schon das muss uns als Christen weh tun! Denn durch die Taufe sind wir mit ihnen ein Leib.

Und auch bei uns in Europa sorgt der IS mit Terroranschlägen und vielen Toten für Angst und Schrecken in der Bevölkerung. In Flüchtlingsheimen werden christliche Flüchtlinge von Muslimen nicht selten schikaniert und mit dem Tod bedroht. Wer die Augen aufhält, nimmt eine schleichende Islamisierung unseres Lebens wahr, die Hand in Hand geht mit einer Verächtlichmachung unserer christlichen Kultur. Lehrerinnen in Berlin dürfen in der Schule kein kleines Kreuz mehr an ihrer Halskette tragen. Aufgeklärte intellektuelle Muslime wie Hamed Abdel-Samad müssen bei uns unter ständigem Polizeischutz leben. Viele Menschen sind verunsichert, die Politik scheint hilflos zu sein. Und die Christenverfolgung wird – selbst von den Bischöfen – nur sehr wenig beachtet und thematisiert. Und viele fragen sich: Welcher Zeit gehen wir entgegen? Was wird noch kommen?

Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt: Die solches tun, meinen tatsächlich, damit Gott einen heiligen Dienst zu erweisen. „This is for Allah“ – dies ist für Gott!“, riefen die Gewalttäter vorletzte Nacht in London. Die Christenverfolger und die Attentäter tun das nicht aus bloß irdischen Interessen. Sie meinen, damit für Gott etwas Gutes und Ihm Wohlgefälliges zu tun. Die Selbstmordattentäter sprengen sich selbst in die Luft, weil sie davon überzeugt sind, dafür von Gott im Paradies belohnt zu werden. Und von vielen ihrer Glaubensgenossen werden sie als Märtyrer verehrt und gefeiert.

Nur fassungslos kann man vor einer solchen Mentalität stehen. Solche Gewalttäter sind gerade deswegen in ihrem Denken kaum zu verändern. Denn sie meinen, nicht für einen bloß irdischen, vergänglichen, relativen Wert zu kämpfen wie z. B. für das Vaterland, für eine Partei oder für eine politische Befreiung. Sie meinen vielmehr, das alles für einen absoluten Wert zu tun, nämlich für Gott. Sie töten und morden für Gott. Sie legen Bomben für Gott und richten ganze Blutbäder an. Wie pervers das klingt! Wie verblendet!

Auch damit verunsichern sie und schüren sie Angst. Denn man fragt sich: Wer ist denn nun Gott? Und was ist sein Wille? Meinen sie einen anderen Gott als wir? Meinen sie, Gottes Willen besser erkannt zu haben als die Christen? Ist der Koran so ambivalent, so mehrdeutig? So verschieden auslegbar als Botschaft der Barmherzigkeit und als Botschaft des Hasses? Darf sich jeder herauslesen, was er will? In jeder Sure spricht der Koran auch von Gottes Barmherzigkeit. Kann er beides sein – eine Botschaft der Barmherzigkeit für Muslime und eine Botschaft des Hasses für alle anderen? Der Islam kennt ja kein verbindliches Lehramt, das über die rechte Auslegung des heiligen Buches wacht. Aber kann es wirklich Gottes Wort sein, das befiehlt, Andersgläubige zu hassen und zu töten und die Welt mit Gewalt zu islamisieren?

Nun, alle Schriften, auch heilige Schriften sind von Menschen verfasst und nicht vom Himmel gefallen. Sie spiegeln auch die menschliche Ambivalenz ihrer Verfasser wider, die menschliche Zwielichtigkeit, gute und schlechte Motivationen und Absichten, eben Licht und Schatten. Wenn wir wollten, könnten wir auch aus dem Alten Testament solche Stellen finden, in denen Gott angeblich zur Gewalt aufruft, in denen Gott befiehlt, Homosexuelle zu töten und Ehebrecherinnen zu steinigen. Ja, wenn man das Alte Testament liest, z. B. das Buch Josua, dann meint man manchmal, im Islamischen Staat zu sein. So groß ist die Ähnlichkeit! Vieles hat der Koran aus der Bibel Israels übernommen, und der Islamische Staat überträgt es auf unsere Zeit und versucht es 1:1 umzusetzen. In der Meinung, Gott damit einen heiligen Dienst zu tun. Aber wer ist und was will Gott wirklich?

Nun, wie kommt es eigentlich, dass solche alttestamentlichen Stellen für uns Christen heute keinerlei Bedeutung haben? Wir können sie nicht als Wort Gottes verstehen. Denn was wirklich Gottes Wille ist, das hat Jesus uns gezeigt.

Deshalb sagt Jesus im heutigen Evangelium von denen, die durch ihre bösen Taten meinen, Gott einen heiligen Dienst zu tun: „Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“

Beides gehört zusammen: der Vater und Jesus. Wer Jesus nicht erkennt als den Sohn Gottes, der erkennt auch den Vater nicht.  Für den bleibt Gott ein rätselhaftes, mehrdeutiges Wesen, und man meint dann, alles Beliebige von Gott herleiten zu können, z. B. auch den Auftrag, unschuldige Menschen zu töten.

Aber mit Jesus ist ein neuer Geist in die Welt gekommen: Heiliger Geist. Pfingsten lassen wir uns neu inspirieren von diesem Geist. Ohne diesen Geist kann man nicht erkennen, wie Gott es mit uns meint und dass er durch Jesus unser aller Vater geworden ist.

Es ist Jesus Christus, der uns zeigt, wie die alte Schrift auszulegen und zu verstehen ist. Eben in seinem Geist ist sie auszulegen!  Jesus ist so etwas wie ein Verstehensschlüssel. Er schließt uns den Willen Gottes auf, weil er der Sohn ist und den Vater kennt wie sonst niemand. Jesus selbst hat sich ja in seiner Zeit immer wieder gegen ein falsches Verstehen des Wortes Gottes gewandt. Feinde hat er sich damit gemacht, vor allem unter den Frommen, die meinten, er würde Gott verraten. Wegen Gotteslästerung wurde er ja hingerichtet. Er wurde selber Opfer eines religiös-politischen Wahns.

Aber durch sein Wort und durch sein Beispiel, durch seine Menschlichkeit hat Jesus uns gezeigt, wie Gott wirklich ist: Er ist die Liebe. Und diese Liebe hat Jesus ausbuchstabiert in seiner Verkündigung und bis zum Tod am Kreuz. Jesus ist der wahre Sachwalter Gottes. Und jeder, der an ihn glaubt, bekommt auch Anteil an seinem Geist, an Gottes Geist, von dem wir schon erfüllt sind, wenn wir gläubig auf Jesus schauen und ihm nachzufolgen suchen, auch wenn wir immer wieder dahinter zurückbleiben und versagen.

Wo Menschlichkeit wächst und sich ausbreitet, da zeigt sich Gottes Geist. Wo Unmenschliches geschieht, da ist Gotets Geist nicht. Unmenschlichkeit kommt nicht von Gott. Denn Gott ist nicht als Gott, sondern als Mensch zu uns gekommen, als wahrer Mensch.

Es ist wohl dies die Tragik des Islam, dass dem Koran ein Neues Testament fehlt, ja, dass ihm Christus fehlt als Verstehensschlüssel, der die Ambivalenz, die Mehrdeutigkeit des Gottesverständnisses zur Eindeutigkeit, zur Klarheit bringt und so die Wahrheit Gottes offenbart: Gott will nicht den Tod – er will das Leben, nicht den Hass, sondern die Liebe, nicht die Gewalt sondern das Erbarmen, nicht Strafe, sondern Vergebun.

Und so ist mit Jesus dieser neue Geist in die Welt gekommen. Jesus nennt ihn den Geist der Wahrheit, der uns in die ganze Wahrheit einführt, in die Wahrheit Gottes. Er möchte die Verblendung, auch die religiöse Verblendung wegnehmen. Ja, wer diesen Heiligen Geist hat, der ist wirklich in Gott. Und wer aus diesem Geist lebt, wird ihn weiterschenken. Er oder sie wird nicht mehr Böses mit Bösem, Unrecht mit Unrecht vergelten, sondern das Böse durch das Gute überwinden helfen. Und dieser Geist gibt auch den Mut, einzutreten für die Verfolgten und überhaupt sich zu Christus zu bekennen in dieser Zeit, in der unser Christsein mehr und mehr verächtlich gemacht wird.

Und das schönste am heutigen Evangelium ist wohl, dass Jesus diesen Heiligen Geist „Beistand“ nennt. Er ist unser Beistand, wie ein Anwalt beim Gericht, der für das Recht eines zu Unrecht Angeklagten kämpft und ihn in der Hoffnung stärkt, dass es gut ausgehen wird. Der Heilige Geist ist der, der uns beisteht in all unserer Unsicherheit und Gefahr, der uns die Zuversicht gibt, die wir brauchen, und die Kraft zum christlichen Zeugnis, damit wir uns nicht von der Angst um uns selbst treiben lassen und aus lauter Angst egoistisch und unmenschlich werden und mit Hass auf andere blicken, auch wenn sie uns feindlich gegenüber stehen. Der Heilige Geist steht uns bei, damit wir nicht in alte Denk- und Verhaltensmuster zurückfallen, sondern – wie Paulus schreibt – „friedfertig und geduldig einander in Liebe ertragen“, weil wir in diesem Geist geborgen sind im Leben und im Sterben.

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, schenkt uns dieses Unterpfand der Hoffnung – bar auf die Hand!