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31. Sonntag

München Heilig Geist

 

Liebe Schwestern und Brüder,

worauf kommt es im Leben am meisten an?

So könnte man die Frage des Schriftgelehrten nach dem ersten und höchsten Gebot übersetzen. Worauf kommt es am meisten an, damit wir nicht fern vom Reich Gottes sind, von der Fülle des Lebens? Ja, worauf kommt es am meisten an, damit unser Menschenleben nicht verdirbt, nicht hässlich wird und unansehnlich, nicht verlogen, nicht unfrei und nicht in der Seele krank wird?

Jeder von uns kennt vermutlich solche Fragen. Mitunter verdrängen wir sie, weil der Alltag uns auffrisst mit seinen Pflichten und seiner Plage oder weil sie uns beängstigen und wir keine Antwort wissen. Wozu bin ich auf Erden? Was soll ich hier? Welchen Sinn hat das Ganze? Und worauf kommt es im letzten an? Was muss ich tun, damit mein Leben vor mir und vor anderen bestehen kann?  Dass ich gewürdigt werde für das, was ich bin und was aus mit geworden ist? Was muss ich tun, damit mein Leben nicht verkorkst, nicht vergeblich vergeht, nicht unvollendet bleibt.

Solche Fragen stehen unausgesprochen hinter fast allem, was wir tun. Wenn jemand – oft vergeblich – nach der großen Liebe sucht. Wenn wir um Anerkennung buhlen. Wenn wir unsere berufliche Zukunft planen. Wenn wir versuchen, unsere Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen und ihnen alles Glück auf Erden wünschen. Wenn wir verzweifelt und niedergeschlagen sind, uns grämen über das, was im Leben alles schief gelaufen ist. Und wenn uns die Angst überfällt, unser Leben könnte bald zuende sein und wir haben noch nicht das vollbracht, wozu wir gemacht sind. Das soll es gewesen sein? Solche und ähnliche Fragen standen wohl auch hinter der Frage des Schriftgelehrten: Welches Gebot ist das erste von allen, das höchste, das wichtigste? Worauf also kommt es im letzten und am meisten an? Was ist dein Ein und Alles?

Jesus antwortet, indem er schlicht und einfach die Bibel zitiert: Höre Israel! Der Herr, unser Gott, ist der Einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

Wir sollen also hören, uns das sagen lassen: Gott ist der einzige Herr! Der buchstäblich einzige. Niemand sonst. Dies ist ein Aufruf zur Freiheit. Niemand sonst soll unser Herr sein. Vor niemand sonst sollen wir in die Knie gehen. Aber gibt es nicht viele andere Herren, die uns Angst machen, die unterdrücken, die unsere Freiheit einschränken und beschneiden? Der allmächtige Chef, der despotische Ehemann, die Mutter, die ihre heranwachsenden Kinder nicht loslassen kann, eine strenge und enge Erziehung, die uns noch immer in den Knochen sitzt und uns daran hindert, frei zu sein. Die Folgen davon sind oft neue Herren, die uns abhängig machen: Drogen, Alkoholismus. Und wir können den Kreis noch weiter ziehen: Die Finanzmärkte, die inzwischen alles bestimmen, auch das Handeln der gewählten Regierung. Die Sucht nach Fortkommen, die mich beherrschen kann. Ja, welchen angstmachenden Herren dienen wir eigentlich? Wer oder was hat Macht über uns? In welchen Abhängigkeiten steckt unser Leben? Wen lasse ich über mich bestimmen? Die Gier nach Geld, die Angst um mich selbst, die Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen?

Selbstbestimmung ist heute ein großes Wort. Was Jesus zum Schriftgelehrten sagt, ist nichts anderes als ein Plädoyer für die Selbstbestimmung: Du hast auf Erden keinen Herrn, der über dich bestimmen darf, der dich abhängig macht, der dir dein Leben vorschreibt, wenn allein Gott dein Herr, dein Ein und Alles ist. Dann hängst du nicht mehr am unsichtbaren Halsband anderer, die mit dir Gassi gehen. Dann musst du nicht mehr geduckt und eingeschüchtert durchs Leben gehen, sondern aufrecht und mit Würde.  Dann bist du frei. Denn Gott lässt dich frei. Dies ist für Jesus offenbar die Voraussetzung, um wahrhaft menschlich zu werden. Nur in Gemeinschaft mit Gott kann man frei werden und seine Menschlichkeit entfalten.

Es ist wahr, Gott wurde oft instrumentalisiert, verzweckt, um moralische Ansprüche und Herrschaft, auch in der Kirche, durchzusetzen, um mit ihm Angst zu machen, Angst vor der Hölle, Angst vor dem Scheitern. Man stellte uns Gott wie einen zornigen Despoten, wie einen unsichtbaren Diktator vor. Gestrickt nach der Art von irdischen Herren und Herrschern. Einen solchen Gott aber kann man nicht liebhaben. Man kann sich ihm nicht anvertrauen. Doch das war nicht der Gott Israels und schon gar nicht der Gott, den Jesus uns gezeigt hat.

Jesus will uns zu wahrer Menschlichkeit führen. Du, Mensch, hast es nicht nötig, dich in irgendeine Abhängigkeit zu begeben, irgendwelche Herren anzuerkennen, wenn du Gott allein zu deinem Herrn machst, wenn Gott dein Ein und Alles wird, dann brichst du auf in die Freiheit der Kinder Gottes. Dann kann nichts und niemand dich daran hindern, deinen Weg zu gehen und der oder die zu werden, der oder die du bist. Denn Gott schaut dich nicht an wie ein Despot, er schaut dich nicht so an, wie du vielleicht meinst, es verdient zu haben. Er schaut dich an wie seinen eigenen Sohn. Er liebt dich, wie er von Ewigkeit her seinen Sohn liebt. Wer sich so von Gott angeschaut weiß, der muss nicht mehr um Anerkennung durch andere Herren buhlen, der muss nicht mehr fremdbestimmt leben, sondern kann das Bild verwirklichen, das Gott schon in ihm sieht: wahrhaft Mensch zu werden. Und den Mut haben, unsere Freiheit zu bewahren. Und einen solchen Gott, der dich frei lässt, der die Mächtigen vom Thron wirft, der dir Würde schenkt, der dir die Schuld vergibt, der bis ans Kreuz für dich geht, damit du frei und wahrhaft Mensch bist, einen solchen Gott kann man lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allem Denken und mit aller Kraft.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus fügt noch ein zweites Gebot hinzu: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieses Gebot hat Vorrang vor jedem anderen Gebot. Im Verhältnis zum Nächsten wird deutlich, wie sehr wir unsere Menschlichkeit entwickelt haben oder ob wir noch immer beherrscht werden von Gier, von Geiz, von Selbstmitleid, von Vorurteilen gegenüber Menschen, die anders sind, anders leben und uns fremd erscheinen. Es ist die Aufforderung, menschlich statt unmenschlich zu handeln. Denn Jesus weiß, man kann Gott nicht am Menschen vorbei lieben. Ohne Nächstenliebe gibt es auch keine Gottesliebe. Wie weit wir dabei gekommen sind, allein Gott als unseren einzigen Herrn anzuerkennen, erkennt man an unserer Menschlichkeit. An ihr erkennt man, ob wir wahrhaft Gott lieben.

Und dazu hat Gott noch etwas getan, das noch einmal völlig unbegreiflich ist, das Wunder über alle Wunder: Der Gott, der in unzugänglichem Licht wohnt, den niemand je gesehen hat, ist auf uns zugekommen. Er ist uns in Jesus als Mensch begegnet. Das Wort Gottes ist Fleisch geworden, hat sich in Jesus ausbuchstabiert. In Jesus hat unser Fleisch nicht mehr die Sprache der Angst und der Begierde gesprochen, nicht mehr die Sprache der Unfreiheit, der Knechtschaft und der Hörigkeit, sondern die Sprache Gottes, die Sprache der Freiheit und der Liebe. Denn nur in Freiheit kann man Liebe schenken. In Jesus begegnet uns der völlig freie Mensch, der keinen anderen Herrn hat als Gott allein. So zeigt er uns, wer Gott für uns sein will: unser Heil. Der ferne Gott ist uns menschlich nahe gekommen. Er hat uns in Jesus gesagt, was nur Gott sagen kann: dass wir uns von ihm unbedingt geliebt wissen sollen, und zwar in jeder Situation, in Gesundheit und Krankheit, in Glück und Unglück, im Leben und im Sterben. Jesus ging so weit, dass er Gott seinen Vater nannte. Auch die Jünger hat er aufgefordert, Gott als ihren Vater anzurufen. Wir dürfen uns im Glauben von Gott so angenommen wissen wie sein eigener Sohn.

Gott hat sich in Jesus mit uns Menschen verbunden. In Jesus ist diese Verbundenheit so eng, dass Jesus in einer Person wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch ist wie wir. Dieser Mensch hat uns das gesagt, was nur Gott sagen kann: Im Glauben an dieses Wort ist niemand gottverlassen.

Damit ist aber etwas ganz Überraschendes passiert: Gott hat sich in Jesus so sehr mit den Menschen verbunden, dass man beide wohl unterscheiden, aber nicht mehr trennen kann. Gott wollte sich in einem Menschen lieben lassen, in einem Menschen wie wir, dem man um den Hals fallen kann, den man an sich drücken kann, dem man Gutes tun kann, den man trösten und ermutigen kann. Deshalb ist die Liebe zu Gott nicht mehr zu trennen von der Liebe zum Menschen. Man kann Gott nicht am Menschen vorbei lieben. Wer sagt, er liebe Gott, ihm aber seine Mitmenschen gleichgültig sind, der lügt. Und man kann auch den Menschen nicht lieben, ohne darin Gott zu lieben. Selbst ein Atheist, der seine Mitmenschen aufrichtig liebt und ihnen selbstlos dient, liebt darin Gott, ob er es weiß oder nicht. Deshalb gehören für Jesus die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten untrennbar zusammen. Kein Gebot ist größer als dies.

Jeder von uns wird wissen, wie weit er oder sie hinter diesem Gebot zurückbleibt, wie schwach mitunter unsere Liebe ist und unser Glaube. Wie wir in frommen Stunden meinen, Gott nahe zu sein und ihn zu lieben, dann aber versagen, wenn wir uns für die Not anderer öffnen sollen. Wie die Angst um uns selbst dann wieder die Oberhand bekommt und uns beherrscht. Weil das so ist, brauchen Glaube und Liebe Nahrung. Wir müssen uns die Liebe Gottes immer wieder sagen und unseren Glauben durch das Wort Gottes stärken lassen. Wir sind wirklich in Gottes Liebe geborgen. Gottes Wort ist Nahrung und Stärkung. Es ist das, worauf es am meisten ankommt.

In der Eucharistie, die wir jetzt feiern, wird dieses Wort zum Brot, zur Nahrung und Stärkung für unseren Glauben und für unsere Liebe.

 

 

 

Allerheiligen 2018

Offb 7,2–4; Ps 24,1–6; 1 Joh 3,1–3; Mt 5,1–12a

Gehalten in München, Heilig Geist

 

„Freut euch und jubelt!",

Allerheiligen, liebe Schwestern und Brüder, ist ein frohmachendes Fest. Es schenkt uns wieder Freude an unserer vielgeschmähten Kirche und am Glauben: Wir sind Kinder Gottes!

Allerheiligen sagt uns: Es gibt in der Kirche eben nicht nur Missbrauchstäter, nicht nur karrieregeile Kleriker oder selbstverliebte Pfarrer, nicht nur schwule Seilschaften im Vatikan. Unsere Kirche hat eine unermessliche Schar von Heiligen hervorgebracht. Dies ist eine Leuchtspur, die sich durch die ganze Geschichte zieht, eine Leuchtspur der Freiheit, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Es sind Männer und Frauen, die in ganz überzeugender Weise unseren Glauben gelebt haben und sich nicht leiten ließen von der Angst um sich selbst und das eigene Wohlergehen: Franz von Assisi, Mutter Theresa, Edith Stein, die Lübecker Märtyrer, Maximilian Kolbe, Erzbischof Romero – um nur ganz wenige zu nennen. Sie sind gelebtes Evangelium und ein Segen für die Menschheit. Wie arm wären wir ohne sie!

Die Heiligen sind die, die ihre wahre Berufung erkannt und danach gelebt haben. Gottes Wort hat ihr Leben geprägt. Heilig sind die, die sich als Kinder Gottes verstehen und wissen: Erfüllung und Vollendung unseres Lebens können wir uns nicht selber geben. Erst wenn wir Gott sehen wie er ist, wird auch unser Leben vollendet sein. „Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, ... denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1 Joh 3,2b) Ja, in den Heiligen ist die Kirche schön und nicht hässlich und zum Weglaufen. Wir wollen das Böse, das in der Kirche auch geschieht, nicht verharmlosen und verdrängen. Aber wir können als Kirche nicht nur geduckt und beschämt und also gelähmt durchs Leben gehen. Wir brauchen auch den Blick nach oben, in den Himmel, zu den Heiligen und zu Gott. Denn dort sind wir verwurzelt. Nur mit diesem hoffnungsvollen und dankbaren Blick nach oben kann die Kirche neue Kraft schöpfen und sich erneuern.

Wir alle sind zur Heiligkeit berufen. Denn uns allen ist das Evangelium der Hoffnung auf ewiges Leben gegeben. Diese Hoffnung reicht offenbar schon, um heilig zu werden. Denn wir werden Ihn sehen, wie er ist. „Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie Er heilig ist.“ (1 Joh 3,3)

Was heißt eigentlich „heilig“, liebe Schwestern und Brüder? Dieses Wort wird oft missverstanden. Wir denken an moralische Tadellosigkeit. Wenn wir dabei ertappt werden, dass wir doch nicht so tadellos sind, dann sagen wir vielleicht: „Ich bin ja kein Heiliger.“ So als wäre es abgehoben und anstrengend und weltfremd, ein Heiliger zu sein.

Tatsächlich ist in der Welt eigentlich auch nichts heilig. Auch wenn uns manches heilig ist: unser Geld, unsere Gesundheit, ein geliebter Mensch. Aber damit würden wir bereits etwas Welthaftes, etwas bloß Geschaffenes an Gottes Stelle setzen. Das ist nun wahrhaft unheilig. In der Welt gibt es tatsächlich nichts Heiliges. Alles ist nur Welt, vergänglich, unvollkommen, zerbrechlich, kaputtbar. Heilig ist nur Gott. Wenn wir von heiligen Menschen sprechen, dann deshalb, weil sie sich haben von Gott berühren, von ihm ansprechen lassen. Sie sind Geheiligte. Gottes Wort hat sie anders werden lassen: menschlich statt unmenschlich, freigebig statt geizig, gerecht und barmherzig statt ungerecht und hartherzig. Entscheidend ist also, dass man den Ruf Gottes vernommen hat und sich darauf wirklich einlässt, dass wir uns von Gott geliebt wissen wie sein eigener Sohn. Das heißt es, Kind Gottes zu sein (vgl. 1 Joh 3,1). Entscheidend ist, dass wir die Erfüllung unseres Lebens von Gott erwarten: „Jeder, der dies erhofft, heiligt sich, wie Er heilig ist“. Es ist diese Perspektive der Ewigkeit, die uns heilig macht.

Die vielen Heiligen, die unsere Kirche hervorgebracht hat und die jetzt bei Gott nicht mehr weinen, sondern in alle Ewigkeit vor Glück lachen, haben während ihres Erdenlebens mit dieser Perspektive der Ewigkeit gelebt. Sie konnten Erstaunliches an Menschlichkeit vollbringen, weil alles in der Welt, Geld, Gut, Schönheit, all die Dinge, die uns manchmal heilig sind, in dieser Perspektive relativiert wurde. Sie mussten es nicht geringschätzen, aber sie hängten auch nicht ihr Herz daran, weil ihr Herz an Gott hing. Nur Gott war ihnen heilig. Deshalb wurden auch sie heilig: arm und friedfertig wie Franz von Assisi; hungernd nach Gerechtigkeit für alle und sein Leben dafür aufs Spiel setzend wie Erzbischof Romero in El Salvador; trauernd und betroffen über den Zustand dieser Welt, aber aktiv und tatkräftig wie Mutter Teresa von Kalkutta; um Jesu willen verfolgt, verlacht und ermordet wie Edith Stein, wie die Lübecker Märtyrer und auch Dietrich Bonhoeffer und wie die verfolgten und gemarterten Christen im Nahen Osten; Gott suchend und über alles liebend wie Teresia von Avila, voller Liebe und Fürsorge für die Armen wie Vinzenz von Paul und viele andere; selbstlos wie Pater Maximilian Kolbe in Auschwitz;  voll Eifer für die größere Ehre Gottes wie Ignatius von Loyola und Katharina von Siena. Die Heiligen sind der Stolz und die Freude der Kirche.

Doch man wird nicht heilig durch eigene moralische Klimmzüge. Nur wer schon heilig ist, lebt dann auch so, dass man erkennt: Er oder ist sie ist von Gott berührt, hat Gottes Wort an sich herangelassen.

Wir alle sind dazu berufen, heilig zu sein. Gottes Wort sagt uns, dass wir von Gott mit derselben Liebe geliebt sind, mit der Gott seinen Sohn liebt. Das ist die heiligmachende Gnade. Deshalb sind wir ja Kinder Gottes. Jeder, der dies glaubt und seine Erfüllung von Gott erhofft, heiligt sich. Wer dann in dieser Hoffnung lebt, bringt Gott zu den Menschen. Denn wer sich als Kind Gottes versteht, wird auch Bruder oder Schwester für andere.

In dieser Zeit, in der es die Kirche offenbar schwer hat, sich verständlich zu machen, in der sie traurig ist und sich schämt über all das Beschämende, was geschehen ist, sollen wir dennoch unser Haupt erheben und wieder Freude an unserer Kirche haben. Wir sollten nicht in das Horn jener stoßen, die jetzt schadenfroh auf die Kirche blicken und sie wegwünschen. Denn sie und nur sie sagt uns, wer wir in Wahrheit sind: Kinder Gottes, von Gott geliebt wie sein eigener Sohn. Außerhalb der Kirche gibt es diese Gewissheit nicht, gibt es diese Hoffnung nicht, gibt es keine Heilsperspektive. Außerhalb der Kirche ist der Tod die allerletzte Gewissheit. Außerhalb der Kirche triumphiert der Tod; allein in der Kirche siegt das Leben auch über den Tod, gibt es Hoffnung auf Vollendung unseres Lebens in der Gemeinschaft der Heiligen. Es ist dies, was Allerheiligen uns wieder sagen will.

Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern jetzt Eucharistie. Unsichtbar ist die ganze Schar der Heiligen mit uns versammelt. Und das Allerheiligste, was wir haben, ist in unserer Mitte: Jesus, berührt uns leibhaftig. Wer sich von ihm berühren lässt, von seiner Armut und Trauer, von seiner Sehnsucht nach Frieden und gerechten Verhältnissen, von seinem reinen Herzen und seiner Hingabe am Kreuz – der darf sich selig nennen.

Solche Menschen braucht die Welt. Unsere Kirche bringt sie hervor.

 

Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis (7.10.2018)

Gen 2,18-24; Hebr 2,9-11; Mk 10,2-16

Gehalten in München Hl. Geist

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“

Liebe Schwestern und Brüder, dieses Bibelwort aus der alttestamentlichen Lesung des heutigen Sonntags dürfte wohl allseits Zustimmung finden. Es entspricht einer unserer ganz grundlegenden Erfahrungen. Der Mensch kann nicht ohne den Menschen leben. Nur in Beziehungen, im Ja zueinander, im Mit- und Füreinander kann der Mensch wahrhaft Mensch sein.

Dabei kommt einer dieser Beziehungen in der Bibel eine Sonderstellung zu: der Beziehung von Mann und Frau: diese werden „ein Fleisch“. Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunft der Menschheit. Mann und Frau sind vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit füreinander geschaffen. Nur zusammen können sie neues Leben schenken und wachsen lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Bestimmung der fruchtbaren Weitergabe des Lebens. Sie ist einzigartig. Und sie entspricht deshalb der Schöpfungsordnung. Ja noch mehr: Die Menschheit besteht aus Frauen und Männern. Der Geschlechterkampf, wie er in der Geschichte immer wieder aufgebrochen ist, zeigt, dass wir uns schwer tun, die rechte Beziehung zwischen Mann und Frau zu definieren und zu leben. Doch schon auf ihren ersten Seiten zeigt uns die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und nicht seine Spaltung. Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden, bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Selbstverwirklichung und gegenseitige Beglückung. Es geht vielmehr um die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden anschaulich gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau „Fleisch von meinem Fleisch“, was die Gleichwertigkeit zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie in ihrem Wesen anders ist als der Mann. Nur dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen

Diese Gedanken sind heute keineswegs mehr selbstverständlich, zum Teil in dieser Zeit des schwachen Denkens nur sehr schwer vermittelbar. Zum einen erleben wir eine hohe Scheidungsrate und eine wachsende Anzahl von Scheidungswaisen. Diese sind nicht selten Opfer ihrer Eltern und deren Selbstverwirklichungsbedürfnis. Zum anderen will man uns einreden, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit der Ehe austauschbar und ihr gleichwertig seien. Sicher, auch homosexuelle Menschen haben den gleichen Wunsch nach Geborgenheit und Liebe und sehnen sich nach Partnerschaft wie alle anderen Menschen auch. Doch – bei allem Respekt vor ernstgemeinten homosexuellen Partnerschaften – man sollte sie nicht „Ehe“nennen. Nur willkürlich hat der Staat den Begriff „Ehe“ umdefiniert. Die Ehe von Mann und Frau aber ist einzigartig unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn nur die Liebesbeziehung von Frau und Mann verbürgt die Zukunft des Menschengeschlechts und dessen Einheit. Und auch Mann und Frau sind nicht austauschbar, wie es uns unsere Wirtschaft und die unsägliche Gender-Ideologie seit langem einredet, sondern zutiefst verschieden. Sie sind komplementär. Sie ergänzen einander und schaffen so und nur so eine neue Generation. Die Gesellschaft und der Staat sind für ihren Fortbestand auf die Ehe geradezu angewiesen. Auch stellen Mann und Frau in ihrem Aufeinanderbezogensein eine anthropologische Ganzheit dar. Jedes Ehepaar steht für die Einheit der ganzen Menschheit aus Frauen und Männern.

Auch Jesus stellt sich im Evangelium in diese Tradition. Ja, er radikalisiert dieses Verständnis, indem er die Ehescheidung ablehnt und sie als Ehebruch qualifiziert. Zweifellos eine der schwersten Sünden gegen die Zehn Gebote. Dass die Kirche bis heute an der Unauflöslichkeit der Ehe festgehalten hat, wird von vielen als hart und als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Oft wird unser christliches  Eheverständnis auch lächerlich gemacht. Viele sehen darin eine Überforderung der Ehepartner. Anderen leuchtet nicht mehr ein, warum man sich für immer an einen Partner binden soll. Aber der christliche Glaube ist nie zeitgemäß, sondern einfach human. Für alle Zeiten stellt er eine Zumutung dar.

Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um die menschenwürdigste Form der partnerschaftlichen Beziehung herauszufinden. Sie hat vermutlich mühsam lernen müssen, dass man nur in der Geborgenheit einer lebenslangen Bindung und verlässlichen Treue einander ganz anvertrauen kann. Dass man auch - es klingt paradox, ist es aber nicht - allein in der Bindung frei wird. Nur indem Mann und Frau einander Wohnung geben, und zwar mit umfassendem Kündigungsschutz, können sie auch das volle Glück einer Liebesbeziehung finden und zudem neues Leben in Geborgenheit heranwachsen lassen. So werden Mann und Frau in der Ehe zu Hütern der menschlichen Zukunft.

Haben wir in unserer Gesellschaft vielleicht diesen langen und mühsamen Lernprozess der Menschheit vergessen? Offenbar begeben wir uns auf Irrwege, deren fatale Folgen für das Menschenbild, für die Menschlichkeit und für das gesellschaftliche Zusammenleben wir noch gar nicht absehen.

Weil die Ehe eine einzigartige Beziehung ist, ist sie für uns Christen ein Sakrament, ein heiliges Zeichen. Denn sie stellt dar, was unsere Gemeinschaft mit Gott ist: Gott verbindet Mann und Frau in Liebe miteinander und lässt sie fruchtbar sein für die Zukunft. Doch diese Verbindung gründet darin, dass wir mit Gott verbunden sind, wie in einer Ehe: „neuer und ewiger Bund“. Im Alten Testament wird das Verhältnis zwischen Gott und Israel oft im Bild der Ehe veranschaulicht. Im Neuen Testament und bei den Kirchenvätern wird die Kirche als Braut Christi gesehen. Weil die Ehe diese unsere Gemeinschaft mit Gott abbildet, deshalb ist sie ein Sakrament. Die Eheleute bejahen einander mit derselben Liebe, mit der sie sich selbst und einander von Gott geliebt wissen. So wie ein Spiegel die Strahlen der Sonne reflektiert, so soll die Ehe die Liebe Gottes reflektieren und Kindern in dieser Liebe Geborgenheit schenken.

Die Unauflöslichkeit der Ehe gründet im Eheversprechen, das Mann und Frau sich geben. Dieses Versprechen umfasst auch die Zustimmung dazu, es nicht selber zurücknehmen und es auch nicht einvernehmlich zurückgeben zu können. Es ist als ob sie sich sagten: Ich will in alle Zukunft nur so glücklich sein, dass ich will, dass du es auch bist.

Das Leben in der Ehe ist sicher oft kein leichter Weg. Die vielen gescheiterten Ehen zeigen das. Man muss die Fähigkeit bewahren, einander immer wieder überraschende Freude zu bereiten und füreinander aufmerksam zu sein. Man muss auch immer wieder die Bereitschaft zur Versöhnung haben. Aber gerade in der Treue, in der Vergebung  und im Durchhalten von Krisen und Meinungsverschiedenheiten zeigt sich die Liebe.

Nun aber zeigt sich, dass viele Ehen trotzdem scheitern. Wie soll die Kirche damit umgehen? Könnte es nicht auch sein, dass eine Ehe endgültig tot ist, weil sie Gottes Liebe überhaupt nicht mehr widerspiegelt und somit nur noch schwerlich Sakrament genannt werden kann? Wenn das eucharistische Brot im Tabernakel verschimmelt und nicht mehr essbar ist, dann ist es kein Sakrament mehr. Könnte solches nicht auch von der Ehe gelten, so dass der Bischof eine solche Ehe für tot erklären könnte? In dieser Richtung könnte vielleicht eine Antwort auf das Problem der gescheiterten Ehen liegen.

Die Bibel sagt, dass die Eheleute ein Fleisch werden. Tatsächlich gehen alle unsere Beziehungen über das Fleisch. Der Mensch ist Fleisch, er ist Leib. Der Leib ist nicht nur ein Zusatz zur Seele. Nur in seinem Leib und als Leib kommt der Mensch zur Erscheinung, stellt er sich dar, wird er gegenwärtig. Der Leib spiegelt seine einmalige Geschichte wider. Sorge um den Menschen ist zuallererst Sorge um den Leib: dem Hunger, dem Durst, dem Schmerz, dem Frieren abhelfen. Ebenso geht alle Kommunikation über den Leib: Augen, Mund, Ohren, Hände.

Das gilt erst recht für die Liebe: Wenn ein junger Mann und eine junge Frau ineinander verliebt sind, sich gegenseitig begehrenswert und liebenswert finden und das Vertrauen zwischen ihnen wächst, dann sucht sich ihre Liebe einen leiblichen Ausdruck. Früher oder später gibt der eine dem anderen zu verstehen, ob nun mit Worten oder anders: „Schenk mir Deinen Leib!“ Wenn die Liebe erwidert wird, wird der andere sagen: „Nimm meinen Leib!“.

Nanu, das sind doch die Worte, die wir in jeder Eucharistiefeier hören: „Nehmt, das ist mein Leib“. In der hl. Messe geschieht eben das, was in jedem Brautgemach geschieht: Braut und Bräutigam schenken einander ihren Leib – und damit sich selbst. Christus und die Kirche schließen einen neuen und ewigen Bund, wie eine Ehe. Wir sehen: Auch die Liebe Gottes ist nicht platonisch. Die Eucharistie macht den Eros Gottes offenbar, den „neuen und ewigen Bund“, seine unverbrüchliche Liebe zur Menschheit bis zum Tod am Kreuz, zur Hingabe des Leibes im Feuer des Heiligen Geistes: „Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“, so die 2. Lesung. Die Kirche lebt von der Hingabe seines Leibes. In jeder hl. Messe feiert Christus Hochzeit mit uns, seiner Kirche, und wird mit uns „ein Fleisch“.

Die Ehe stellt so dieses Mysterium dar als sichtbares Zeichen dieser gegenseitigen und fruchtbaren Hingabe. Es ist das innigste Ineinander von Personen.

In der Eucharistie, die wir jetzt feiern, wird dieses Geheimnis für uns alle zur Quelle unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unserer Liebe.

 

 

 

 

 

9. Sonntag 2018

Dtn 5,12-15; 2 Kor 4,6-11; Mk 2,23-28

Gehalten in München Heilig Geist

 

„Sechs Tage magst du schaffen und jede Arbeit tun.

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn deinem Gott geweiht.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

dem alttestamentlichen Judentum verdanken wir die Sieben-Tage-Woche. Der Sabbat, also der Samstag, wurde zum Ruhetag erklärt. Die Juden sehen darin ein großes Geschenk Gottes an sein Volk: ein Tag der Ruhe, ein Tag zum Verschnaufen, zum Aufatmen, zum Feiern. Ein Tag, der ganz Gott gehört und genau deshalb ganz uns gehört. Und das nicht nur für die Freien, sondern auch „dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.“ Ja, noch mehr, „auch dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh.“ Also die Produktionsmittel, die ganze Wirtschaft, das ganze System von Arbeit, Produktion, Kaufen und Verkaufen sollte ruhen.

Nur die Juden genossen im Altertum diesen freien Tag. In allen anderen Völkern wurde die Arbeit nie unterbrochen. Sie war endlos. Es gab keine Unterbrechung. So als wäre der Mensch ein reines Arbeitstier.

Nur die jüdische Bibel hat verstanden: Der Mensch ist eigentlich gar nicht dafür gemacht, ohne Unterlass zu arbeiten. Der Mensch ist für Gott gemacht. Das Sabbatgebot erinnert uns daran: Der Mensch ist nicht für pausenloses Arbeiten und Produzieren gemacht, sondern um bei Gott anzukommen. Jeder Sabbat im Jahreskreis lässt den Menschen schon mal bei Gott ankommen, lässt das Ziel unseres Lebens sichtbar und erfahrbar werden: Nur wenn der Mensch bei Gott ankommt, kommt er auch zu sich, findet er auch sich selbst.

Der Sabbat ist so zu einem Identitätsmerkmal der Juden geworden. Bis heute pflegen sie diesen Tag, ja, auch unter schwierigsten Bedingungen, selbst in den Konzentrationslagern haben sie – soweit es möglich war – den Sabbat zu halten versucht. Wer schon einmal in Israel war, hat es erlebt: Am Sabbat ruht das ganze Wirtschaftsleben, selbst Busse und Bahnen fahren nicht. Alles steht still.

Wir Christen feiern den Sabbat nicht mehr. Zwar haben auch wir die Sieben-Tage-Woche übernommen, aber unser Feiertag ist der Tag nach dem Sabbat, also der erste Tag der Woche, weil er der Tag der Auferstehung Christi ist. Deshalb ist der Sonntag auch kein Wochenende, sondern Wochenanfang. Dass vor einigen Jahrzehnten die weltlichen Kalender umgestellt wurden und der Sonntag auf den letzten Tag rutschte, ist respektlos sowohl gegenüber dem Judentum wie gegenüber uns Christen, die wir die Woche mit dem Sonntag beginnen. Ich wünsche auch nie ein schönes Wochenende, sondern immer „Gesegneten Sonntag!“ Der Sonntag ist der Ostertag der Woche. So wird deutlich, dass nicht die Arbeit zuerst kommt, sondern die Gnade, die Freiheit und das Leben. Jeder Sonntag ist ein Neubeginn. Und die Woche beginnt mit einem arbeitsfreien Tag. Dieses Bewusstsein ist vielen heute leider abhanden gekommen. Der Mensch ist eben nicht Produkt seiner Leistung und seiner Arbeit, sondern zuerst ein Kind Gottes bestimmt zum ewigen Leben. In diesem Bewusstsein sollen wir unsere Arbeit tun.

Zur Zeit Jesu – so zeigt es das heutige Evangelium – wurde das Sabbatgebot in einer unglaublich legalistischen Weise ausgelegt. Bis in alle Einzelheiten war festgelegt, was man am Sabbat tun durfte und was man nicht tun durfte. So war genau festgelegt, wie viele Schritte man am Sabbat gehen durfte. Selbst das harmlose Ährenraufen war verboten, wenn man an einem Kornfeld vorbeiging, weil es als Erntearbeit interpretiert wurde. Und Erntearbeit war am Sabbat streng untersagt. Die Pharisäer wachten mit Adleraugen darüber, gewissermaßen wie eine Religionspolizei. Und so wurde das Sabbatgebot in sein Gegenteil verkehrt: anstatt ein Geschenk Gottes wurde es zu einer Last. Anstatt Menschen zu befreien, engte es sie ein. Man hatte Angst, durch eine Kleinigkeit das Gesetz zu brechen und sich vor Gott schlecht fühlen zu müssen. Religion kann auch einschüchtern und den Menschen die Freiheit und die Freude am Glauben nehmen.

Jesus aber, der ein gläubiger Jude war, ließ sich diese Freiheit nicht nehmen. Seine Absicht war es nicht, Gesetze zu brechen, die für den Zusammenhalt der Gemeinschaft wichtig sind. Er zeigte vielmehr, dass es nicht nur um den Buchstaben geht, sondern um den Geist des Gesetzes. Stellen Sie sich vor, sie sehen am Ufer eines Sees, wie ein Kind dort hineinfällt, das nicht schwimmen kann. Sie möchten ins Wasser springen, um das Kind zu retten. Am Ufer steht aber eine große Tafel; darauf steht „Baden streng verboten!“ Wie verhalten Sie sich? Das eine ist der Buchstabe, das andere der Geist der Menschlichkeit.

So konnte Jesus sagen: „Der Sabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Religion soll also dem Menschen dienen und ihm in der Mühsal des Lebens eine Hilfe sein. Und so erklärte Jesus sich auch zum Herrn über den Sabbat und damit über die Religion.

Wir Christen feiern nicht mehr den Sabbat, sondern den Sonntag. Die Kirche hat nicht so stark reglementiert, was man am Sonntag darf oder nicht darf. Man sollte allerdings arbeitsfrei bleiben. Es ist auch schön, wenn er sich vom Alltag unterscheidet: in Kleidung, im Essen, im familiären Zusammensein. Das gehört zu einer Sonntagskultur. Selbstverständlich sind Berufe im Gesundheitswesen und manche andere davon ausgenommen. Aber grundsätzlich soll die Arbeit unterbrochen werden, das ganze Wirtschaftssystem, dieses große Räderwerk, einfach stillstehen. Denn der Mensch ist nicht dazu gemacht, in diesem System aufzugehen, atemlos zu arbeiten, ein namenloses Rädchen daran zu sein. Natürlich, aus Sicht der Wirtschaft wäre es wünschenswert, wenn die Geschäfte auch am Sonntag offen wären und das Kaufen und Verkaufen nie unterbrochen wird. Sollen wir wirklich ständig „auf dem Markt sein“, den Gesetzen des Marktes unterworfen? Soll die glitzernde Welt des Konsums unser weitester Sinnhorizont werden? Unser christliches Menschenbild sträubt sich dagegen. Denn die Bestimmung des Menschen ist eine andere. Er soll nicht im Alltag aufgehen, sondern in seiner Freundschaft mit Gott. Gott soll unser Gott sein und nicht Arbeit, Leistung, Waren, Geld unsere Götzen. Nur Gott verbürgt, dass wir in diesen Dingen nicht aufgehen und unser Leben ein Götzendienst wird. Und dazu braucht es Unterbrechung. Ja, „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“ – so sagt es der renommierte Theologe Johann Baptist Metz. Denn Gott kommt dazwischen. Und wir Christen lassen Gott heilsam dazwischen kommen, das ganze System unterbrechen. Der Sonntag ist das Dazwischenkommen Gottes in unser Leben.

Dazu hat die Kirche das Sonntagsgebot erlassen. Es fordert alle Christen auf, am Sonntag auch am Gottesdienst teilzunehmen. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch, dass das in unserer Kindheit und Jugend auch oft als Zwang empfunden wurde, wenn es hieß, man muss zur Kirche gehen. Der Sinn dieses Gebots wurde von vielen nicht verstanden und als lästige Pflicht empfunden. Welcher Sinn steckt hinter diesem Gebot, das auch heute noch gilt?

Zum einen: man kann auch geistlich aushungern. Der Glaube braucht Nahrung und Stärkung genau wie das leibliche Leben. Wenn wir Gebet und Gottesdienst vernachlässigen, dann läuft unser Glaube Gefahr, zu verdunsten. Dass Gott bei uns ist, müssen wir uns immer wieder sagen lassen. Man muss im Wort Gottes zuhause sein, damit der Glaube lebendig bleibt. Wir müssen die Sakramente feiern, damit unsere Lebensgemeinschaft mit Christus lebendig bleibt und auch unseren Alltag prägt. Es ist wie mit einer Freundschaft. Wenn man sie nicht pflegt, dann verflacht sie und verkommt schließlich.  

Das ist das eine.

Aber es gibt noch einen zweiten, sehr wichtigen Grund für das Sonntagsgebot. Es erinnert uns daran, dass der Glaube keine Privatsache ist, sondern vom Hören kommt, also aus zwischenmenschlicher Kommunikation. Man kann den Glauben nur mit anderen zusammen haben und leben. Und da sind wir alle füreinander verantwortlich, einander im Glauben zu bestärken und nicht zu schwächen. Jeder und jede, der oder die im Gottesdienst dabei ist, mitfeiert, mitbetet und singt bestärkt – ob bewusst oder unbewusst – die anderen im Glauben. Wir gehen ja nicht in die Kirche wie ins Kino, wo es egal ist wer außer mir auch noch da ist. In der Kirche sind wir eine Gemeinschaft von Glaubenden und nicht einander gleichgültig. Jeder Anwesende bestärkt die anderen im Glauben, aber jede Bank, die leer bleibt, schwächt die anderen im Glauben. Das Sonntagsgebot spricht uns also auf unsere Verantwortung füreinander an. Dies ist vermutlich der tiefe Sinn des Sonntagsgebots.

Und schließlich und endlich: Es ist Christus, der Auferstandene, der uns ruft und einlädt. Er möchte am Tag der Auferstehung mit uns zusammen feiern, uns durch sein Wort im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe stärken, damit wir den Alltag in seinem Sinn und in seinem Geist gestalten. Dazu schenkt er uns seinen Leib und damit sein Leben.

 

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Pfingsten 2018

Der Heilige Geist und unser Kleingeist

Apg 2,1-11; Joh 20,19-23

 

Da saßen sie nun am Osterabend hinter verriegelten Türen.

Hatten alles verrammelt.

Gelähmt vor Angst.

Es war ja erst der dritte Tag nach Jesu Tod am Kreuz.

Groß war die Angst, sie stünden auf der Fahndungsliste.

Die Angst, es könnte auch ihnen so ergehen wie IHM.

Denn schließlich waren sie seine Freunde gewesen, steckten mit IHM unter einer Decke.

Sympathisanten. Auf jeden Fall verdächtig.

Und nun verstecken sie sich.

Machen sich unzugänglich.

Schalten alle Handys aus.

Bis der Sturm hoffentlich vorbeigeht.

Bis Gras über sein Grab wächst.

 

Irgendwie verständlich.

 

Aber es wächst kein Gras drüber.

Denn ER ist da.

ER steht in der Mitte.

Der Gekreuzigte.

Er kommt durch die verschlossene Tür,

in die verschlossenen Herzen seiner Freunde.

ER findet Zugang zu ihnen.

ER ist da.

Den Menschen getötet haben, ist nicht tot bei Gott.

Mein Gott, ER lebt!

Man hat IHN nicht tot gekriegt.

 

Und ER sagt: Schalom aleichäm: Friede euch!

Friede euren friedlosen und zerrissenen Herzen!

Und dann zeigt er ihnen seine durchbohrten Hände und seine geöffnete Seite.

Die Jünger sehen, was man mit IHM gemacht hat, was man IHM angetan hat.

Aber ER sagt nicht: Rächt mich! Vergeltet! Zahlt es ihnen heim!, sondern:

Friede euch!

 

Da kommt Freude auf.

Da schwindet die Angst.

ER ist da.

ER ist bei uns.

So wie jetzt bei uns.

 

Und er sendet sie hinaus: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Sie sollen teilhaben an seiner Sendung, an der Sendung durch den Vater.

Und dann haucht er sie an: Empfang Heiligen Geist.

Im Johannesevangelium geschieht Pfingsten bereits am Ostertag. Denn wie sollten sie den Auferstandenen erkennen ohne Heiligen Geist?

Lukas streckt hingegen zwischen Ostern und Pfingsten die Zeit. 50 Tage.

Die Jünger treten heraus aus den verschlossenen Türen.

Sie haben Mut gefunden, Mut, der die Angst besiegt.

Ihr Glaube wird öffentlich. Er wird zu einer res publica.

Sie schreien ihn hinaus in die Welt, in diese zerstrittene, friedlose und aus den Fugen geratene Welt.

Sie bringen den Frieden und die Versöhnung, die er ihnen geschenkt hat.

Sie erleben wie Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Sprachen und Kulturen sich verstehen und eine Sprache sprechen.

Das ist das Pfingstwunder.

 

Liebe Schwestern und Brüder, wenn das Evangelium von den Jüngern spricht, dann spricht es auch von uns. Wir sind doch die Jünger heute.

Der Herr spricht uns auf unsere Angst an, auf unsere Angst, unser Herz zu öffnen, es groß und weit zu machen.

Denn auch bei uns regiert Angst: Angst vor Krieg, Angst vor Veränderung, Angst vor dem Islam, Angst um die Gesundheit, Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen und den Kürzeren zu ziehen. Auch bei uns gibt es Rückzug ins Private, hinter verriegelte Türen, hinter verschlossene Grenzen. Nur noch Ichs und kein WIR mehr.

 

Auch unser Glaube ist weithin zur Privatsache geworden. Man spricht nicht drüber. Von den Muslimen könnten wir lernen, was es bedeutet, den Glauben offen zu bekennen, zu ihm zu stehen. Unser Glaube ist doch eine öffentliche Angelegenheit. Christus und seinen Geist in die Welt tragen, die Welt anhauchen mit seinem Geist.

 

Angst kommt von eng. Wer ängstlich ist, denkt eng und wird engherzig und kleingeistig, nur noch auf sich selbst bedacht. Es ist dieser Kleingeist, der die Welt aus den Fugen bringt, der Spaltung bewirkt, der Versöhnung und Verstehen, Frieden und gerechte Verhältnisse verhindert. Der egoistische Kleingeist, der uns in letzter Zeit immer wieder auch in der Politik begegnet und der zum Ungeist wird, zum bösen Geist, der zerstörerisch und spaltend wirkt. Der Krieg bringt statt Frieden.

 

Der Heilige Geist, der Geist Gottes  aber ist der Geist Jesu, der Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist. In Gott ist der Heilige Geist das göttliche WIR von Vater und Sohn. Er verbindet also Personen. Er ist der Geist, der uns mit Gott verbindet und untereinander verbindet. Wir nehmen im Glauben teil am WIR Gottes. Denn Gott will die Menschen aus lauter Ichs zum WIR führen, zu einem neuen Miteinander, in dem wir nicht Angst voreinander haben müssen und sogar bereit werden, Angst auch auszuhalten und zu ertragen, ohne den mutlos zu werden und uns in uns selbst zu verschließen..

 

Der Heilige Geist ist der feurige Geist, der unseren Kleingeist überwindet, der Mut gibt, Mut zum Sein, Mut zum Leben und zu seinen Herausforderungen und auch Mut zum Sterben. Er wirkt überall dort, wo ganz verschiedene Menschen zueinander finden, wo Feinde Frieden schließen, wo Christen ihren Glauben auch öffentlich bezeugen, wo sie auch in Verfolgung standhalten, wo Politiker über ihren Schatten springen. Er schenkt Mut, auch auf Fremde zuzugehen und sie in ihrer Andersartigkeit zu verstehen. Er gibt Mut, in dieser verlogenen Welt auch die Wahrheit zu sagen. Er gibt Mut auch denen zu vergeben, die an uns schuldig wurden. Denen, die uns verletzt haben, Frieden zu wünschen und nicht Vergeltung. Ja, der Heilige Geist ist die Gabe der Vergebung, das große JA Gottes zu uns und zur ganzen Menschheit. Wir stehen unter diesem JA. Gott will die Menschheit zum WIR führen.

 

„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Sünden behaltet, dem sind sie behalten.“ Das ist der Auftrag des Auferstandenen Herrn an uns, seine Jünger: Die Botschaft der Versöhnung. Wenn ihr euch nicht versöhnt mit all dem Unversöhnten in eurem Leben, mit all den Wunden der Vergangenheit, mit den Menschen, die euch Unrecht getan haben, dann bleibt alles beim Alten. Der Herr vertraut uns diese Vollmacht zur Vergebung an, zur Heilung und zur Versöhnung. Denn wenn ihr Christen das nicht tut, dann bleibt die Unversöhntheit erhalten, die Sünde der Welt; dann bleibt alles beim Alten, dann bluten die Wunden weiter, die Wunden des Gekreuzigten, die der Auferstandene den Jüngern gezeigt hat. Dann gibt es keinen neuen Anfang.

 

Wir feiern Pfingsten, das Fest des feurigen Geistes, der uns begeistern und entflammen will für eine neue Welt des Friedens. Der Geist, der die Welt heilen kann. Feuer und Flamme für das Evangelium will er uns machen. Wir singen wunderbare Lieder und stimmen ein in die herrliche Melodie des Heiligen Geistes: „Komm o du glückselig Licht,/ fülle Herz und Angesicht, /dring bis auf der Seele Grund.“

 

Singend und feiern hoffen wir, ein wenig weiterzukommen auf unserem Lebensweg: vertrauend und mutig, die Herausforderungen, die kommen, anzunehmen.

 

„Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird verwandelt.“

 

Es ist Zeit, Eucharistie zu feiern, ein versöhntes WIR zu werden um diesen Tisch des Herrn. Es ist die Feier der Wandlung. Ein kleines Stück Brot wird verwandelt in IHN. Schon ein kleines Stück Welt, das verwandelt wird durch den Heiligen Geist. Damit wir es im Geiste Jesu essen und selbst verwandelt werden wie die Jünger am Osterabend und am Pfingsttag.

 

Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen!

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14. Sonntag 2017

München, Heilig Geist

Liebe Schwestern und Brüder,

Holterdiepolter wurde in Deutschland nach ganzen 38 Minuten Debatte im Bundestag die Homoehe gesetzlich eingeführt.  Für bestimmte Kreise gab es Grund zu überschwänglichem Jubeln und zum Feiern. Und wenn man die Berichterstattung und die Kommentare im Fernsehen gesehen hat, dann bekommt man den Eindruck: Alle sollen sich gefälligst freuen. Ich habe mich nicht gefreut. Wer sich nicht darüber freut – bei dem stimmt was nicht, der ist von gestern. So funktioniert Meinungsmache. Kritische Argumente wurden nicht mehr gehört oder einfach belächelt.

Wir sollten keine Angst davor haben.

Vielmehr sollten wir uns klar machen, was das für uns Christen und für christliches Eheverständnis bedeutet, dass wir in einer mehr oder weniger entchristlichten Gesellschaft leben, die auch die Ehe völlig anders versteht, nämlich als bloße Übernahme von gegenseitiger Verantwortung zweier Menschen beliebigen Geschlechts füreinander. Oder, wie die deutschen Bischöfe beklagen: Christliches und staatliches Eheverständnis klaffen immer mehr auseinander.

Wir sind damit aufgerufen, uns unser christliches Eheverständnis neu bewusst zu machen und unser Profil zu schärfen. Schließlich berührt das Thema auch die Lehre von den Sakramenten. Denn die Ehe von Mann und Frau ist für uns ein heiliges Sakrament, ein Spiegel der Liebe Gottes.

Wenn wir uns kritisch mit der sog. „Ehe für alle“ auseinandersetzen, dann ist damit keine Diskriminierung von homosexuellen Menschen gemeint. Davor sollte man sich hüten. Man kann durchaus verstehen und nachvollziehen, dass auch homosexuelle Menschen den Wunsch und die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit bei einem geliebten Menschen haben. Das gehört nun mal zum Humanum. Und homosexuelle Partnerschaften können deshalb auch von uns Christen respektiert werden. Worum es allein geht, ist der Begriff „Ehe“. Das ist nicht nur eine Bezeichnung, sondern meint eine für die Menschheit höchst bedeutsame Wirklichkeit, die nun umdefiniert und ausgehöhlt wird.

Sind homosexuelle Partnerschaften „Ehe“ wie es sie seit Menschengedenken gibt und vor allem wie die Bibel und wie die Kirche sie versteht? Hat der Staat überhaupt ein Recht dazu, ein so über Jahrtausende gewachsenes Kulturinstitut einfach umzudefinieren?

Tatsächlich ist die Ehe von Mann und Frau unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen (Verwandtschaft, Freundschaft, Wohngemeinschaft, Geschäftspartner usw.) einzigartig. Keine andere Beziehung kann mit ihr verglichen werden. Denn allein die Ehe (bzw. die stabile heterosexuelle Lebensgemeinschaft) hat es nicht nur mit der Gegenwart und mit gegenwärtiger individueller gegenseitiger Beglückung zu tun, sondern mit der Zukunft. Denn nur die Gemeinschaft von Mann und Frau gibt menschliches Leben weiter und bringt eine neue Generation hervor. Aus Ich und Du wird ein Wir. Damit verbürgt sie die Zukunft. Deshalb kommt der Beziehung von Mann und Frau in der Bibel auch eine Sonderstellung zu. Mann und Frau werden „ein Fleisch“ (Gen 2,24). Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Mann und Frau sind danach vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit (vgl. Gen 1,27) füreinander geschaffen, um neues Leben zu schenken, zu hüten und wachsen zu lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Berufung zur fruchtbaren Weitergabe des Lebens und vermag diese Aufgabe für die Gesellschaft zu erfüllen. Sie ist deshalb einzigartig. Und sie entspricht in christlicher Sicht aus diesem Grunde der Schöpfungsordnung.

Nur deshalb auch stehen Ehe und Familie verfassungsmäßig unter dem besonderen Schutz des Staates (vgl. Art 6 Abs 1 GG). Denn der Staat muss Interesse an seiner Zukunft haben und nicht an der Förderung steriler Lebensgemeinschaften, so sehr ihm auch das individuelle Glück seiner Bürger am Herzen liegen mag. Mag es auch eine gewisse Anzahl unfruchtbar bleibender Ehen geben, so ist dennoch die homosexuelle Partnerschaft prinzipiell und a priori steril. Sie kann per definitionem kein neues Leben hervorbringen. Deshalb ist sie in einem ganz wesentlichen Punkt der Ehe ungleich und kann mit ihr mitnichten gleichgestellt werden.

Mit der Homo-„Ehe“ aber wird der Ehebegriff vergleichgültigt. Aus christlicher Sicht ist es so, als würde man auf eine Flasche Traubensaft ein Weinetikett kleben und den Traubensaft als Wein verkaufen. So kann man natürlich das Etikett „Ehe“ auf jedwede zwischenmenschliche Beziehung kleben. Aber wo Ehe draufsteht, muss auch Ehe drin sein.

Es gibt noch weitere Gründe, warum wir die „Ehe für alle“ kritisch betrachten sollten. Jede Ehe steht für die ganze Menschheit, die aus Frauen und Männern besteht. Indem Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen, geschieht stellvertretend die Überwindung und Versöhnung des Geschlechterkampfes. Die Ehe von Mann und Frau steht also für die von Gott gewollte Einheit des ganzen Menschengeschlechts. Sie ist eine runde Sache. In ihr zeigt sich Gottes Wille, das Verschiedenartige, das Andersartige anzunehmen. Denn Mann und Frau, Vater und Mutter sind sehr verschiedene Weisen, Mensch zu sein und das Menschsein zu verwirklichen.

Mit der Homoehe aber ist im Prinzip bereits auch die Monogamie, die Einehe, aufgegeben. Denn Frau und Mann sind so etwas wie ein in sich abgerundetes Paar, eine gewisse anthropologische Ganzheit oder Vollkommenheit. Man kann deshalb auch die Unteilbarkeit der gegenseitigen Liebe begründen. Eine Mann/Mann- oder Frau/Frau-Beziehung kann dagegen prinzipiell offen sein auch für eine Dreier- oder Mehrfachbeziehung. Es wird auf Dauer nur schwer zu begründen sein, warum nur zwei Männer oder nur zwei Frauen miteinander eine „Ehe“ eingehen können, wenn nur die gegenseitige Übernahme von Verantwortung das Kriterium für die Eheschließung ist.

Auch muss man sich darauf vorbereiten, dass bald neue Rechtsansprüche angemeldet werden. Es gibt ja z. B. auch bisexuelle Menschen. Warum sollte ein Bisexueller nicht fordern dürfen, sowohl einen Mann als auch eine Frau heiraten zu dürfen? Er fühlte sich sonst in seinem Recht beschnitten.

Als Christen, liebe Schwestern und Brüder, sollten wir uns beim Thema „Ehe“ an das Menschenbild der Bibel halten. Schon auf ihren ersten Seiten sagt die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und weder seine Spaltung noch seine Vergleichgültigung (vgl. Gen 1,27f; 2,22-25). Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden und ihre Fruchtbarkeit bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Verwirklichung. Es geht vielmehr um die Einheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden unvermischt und ungetrennt gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem grundsätzlichen Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau, wie Adam sagt, „Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23), was ihre Gleichwertigkeit mit dem Mann zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie anders ist. Sie wird offenbar als das dem Mann entsprechende menschliche Gegenüber gesehen und umgekehrt. Und allein dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen, und zwar nicht nur für die Ehepartner individuell, sondern auch für die aus ihnen entlassenen Kinder und somit für die Zukunft der Menschheit. Die Ehe steht somit repräsentativ für die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts in seiner Verschiedenheit. Der Mann bedarf zu seinem, aber nicht nur zu seinem Glück der Frau und die Frau des Mannes. Und nur so werden sie zum Segen auch für die Zukunft der Menschheit.

Das Neue Testament hat dieses Zusammensein von Mann und Frau zum Sakrament erhoben (vgl. Eph 5,31f.). Für uns Christen ist es also ein Zeichen für die unverbrüchliche Treue Christi zu seiner Kirche, die seine Braut ist. Wo Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen und in Treue zueinander stehen in guten und in bösen Tagen, da zeigen sie, was wir meinen, wenn wir von der Liebe Gottes sprechen, von unserer Gemeinschaft mit Gott, die alles übersteigt, was wir uns ausdenken können: wir sind hineingenommen in die Liebe des Vaters zum Sohn, nämlich in die Liebe Gottes, die Jesus uns geoffenbart hat.

Christliches Eheverständnis ist also etwas grundsätzlich anderes als das unserer Gesellschaft. Wir sollten unser Profil nicht verlieren, sondern schärfen.

Wir feiern jetzt Eucharistie. Auch das ist eine Hochzeit, nämlich der neue und ewige Bund. Christus und seine Kirche stehen einander gegenüber wie Bräutigam und Braut. Ein besseres Bild haben wir dafür nicht. Und es geschieht, was in jedem Brautgemach geschieht: Der Bräutigam schenkt seiner Braut seinen Leib, damit seine Braut, die Kirche, fruchtbar und guter Hoffnung wird für die Welt.

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Pfingstmontag 2017

München, Heilig Geist

Predigt zu Joh 15,26 – 16,1-3.12-15

 

„Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Worte Jesu aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums haben es in sich: „Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Diese Stunde ist gekommen!

Es ist das, was fast täglich geschieht und für Schlagzeilen in den Zeitungen sorgt. Eine grausame Christenverfolgung im Nahen Osten und in vielen anderen Ländern und auch bei uns in Europa. Der sog. Islamische Staat tötet auf grausame Weise unsere Glaubensbrüder und –schwestern in deren Heimatländern, die ursprünglich christliche Stammlande waren. Schon das muss uns als Christen weh tun! Denn durch die Taufe sind wir mit ihnen ein Leib.

Und auch bei uns in Europa sorgt der IS mit Terroranschlägen und vielen Toten für Angst und Schrecken in der Bevölkerung. In Flüchtlingsheimen werden christliche Flüchtlinge von Muslimen nicht selten schikaniert und mit dem Tod bedroht. Wer die Augen aufhält, nimmt eine schleichende Islamisierung unseres Lebens wahr, die Hand in Hand geht mit einer Verächtlichmachung unserer christlichen Kultur. Lehrerinnen in Berlin dürfen in der Schule kein kleines Kreuz mehr an ihrer Halskette tragen. Aufgeklärte intellektuelle Muslime wie Hamed Abdel-Samad müssen bei uns unter ständigem Polizeischutz leben. Viele Menschen sind verunsichert, die Politik scheint hilflos zu sein. Und die Christenverfolgung wird – selbst von den Bischöfen – nur sehr wenig beachtet und thematisiert. Und viele fragen sich: Welcher Zeit gehen wir entgegen? Was wird noch kommen?

Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt: Die solches tun, meinen tatsächlich, damit Gott einen heiligen Dienst zu erweisen. „This is for Allah“ – dies ist für Gott!“, riefen die Gewalttäter vorletzte Nacht in London. Die Christenverfolger und die Attentäter tun das nicht aus bloß irdischen Interessen. Sie meinen, damit für Gott etwas Gutes und Ihm Wohlgefälliges zu tun. Die Selbstmordattentäter sprengen sich selbst in die Luft, weil sie davon überzeugt sind, dafür von Gott im Paradies belohnt zu werden. Und von vielen ihrer Glaubensgenossen werden sie als Märtyrer verehrt und gefeiert.

Nur fassungslos kann man vor einer solchen Mentalität stehen. Solche Gewalttäter sind gerade deswegen in ihrem Denken kaum zu verändern. Denn sie meinen, nicht für einen bloß irdischen, vergänglichen, relativen Wert zu kämpfen wie z. B. für das Vaterland, für eine Partei oder für eine politische Befreiung. Sie meinen vielmehr, das alles für einen absoluten Wert zu tun, nämlich für Gott. Sie töten und morden für Gott. Sie legen Bomben für Gott und richten ganze Blutbäder an. Wie pervers das klingt! Wie verblendet!

Auch damit verunsichern sie und schüren sie Angst. Denn man fragt sich: Wer ist denn nun Gott? Und was ist sein Wille? Meinen sie einen anderen Gott als wir? Meinen sie, Gottes Willen besser erkannt zu haben als die Christen? Ist der Koran so ambivalent, so mehrdeutig? So verschieden auslegbar als Botschaft der Barmherzigkeit und als Botschaft des Hasses? Darf sich jeder herauslesen, was er will? In jeder Sure spricht der Koran auch von Gottes Barmherzigkeit. Kann er beides sein – eine Botschaft der Barmherzigkeit für Muslime und eine Botschaft des Hasses für alle anderen? Der Islam kennt ja kein verbindliches Lehramt, das über die rechte Auslegung des heiligen Buches wacht. Aber kann es wirklich Gottes Wort sein, das befiehlt, Andersgläubige zu hassen und zu töten und die Welt mit Gewalt zu islamisieren?

Nun, alle Schriften, auch heilige Schriften sind von Menschen verfasst und nicht vom Himmel gefallen. Sie spiegeln auch die menschliche Ambivalenz ihrer Verfasser wider, die menschliche Zwielichtigkeit, gute und schlechte Motivationen und Absichten, eben Licht und Schatten. Wenn wir wollten, könnten wir auch aus dem Alten Testament solche Stellen finden, in denen Gott angeblich zur Gewalt aufruft, in denen Gott befiehlt, Homosexuelle zu töten und Ehebrecherinnen zu steinigen. Ja, wenn man das Alte Testament liest, z. B. das Buch Josua, dann meint man manchmal, im Islamischen Staat zu sein. So groß ist die Ähnlichkeit! Vieles hat der Koran aus der Bibel Israels übernommen, und der Islamische Staat überträgt es auf unsere Zeit und versucht es 1:1 umzusetzen. In der Meinung, Gott damit einen heiligen Dienst zu tun. Aber wer ist und was will Gott wirklich?

Nun, wie kommt es eigentlich, dass solche alttestamentlichen Stellen für uns Christen heute keinerlei Bedeutung haben? Wir können sie nicht als Wort Gottes verstehen. Denn was wirklich Gottes Wille ist, das hat Jesus uns gezeigt.

Deshalb sagt Jesus im heutigen Evangelium von denen, die durch ihre bösen Taten meinen, Gott einen heiligen Dienst zu tun: „Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“

Beides gehört zusammen: der Vater und Jesus. Wer Jesus nicht erkennt als den Sohn Gottes, der erkennt auch den Vater nicht.  Für den bleibt Gott ein rätselhaftes, mehrdeutiges Wesen, und man meint dann, alles Beliebige von Gott herleiten zu können, z. B. auch den Auftrag, unschuldige Menschen zu töten.

Aber mit Jesus ist ein neuer Geist in die Welt gekommen: Heiliger Geist. Pfingsten lassen wir uns neu inspirieren von diesem Geist. Ohne diesen Geist kann man nicht erkennen, wie Gott es mit uns meint und dass er durch Jesus unser aller Vater geworden ist.

Es ist Jesus Christus, der uns zeigt, wie die alte Schrift auszulegen und zu verstehen ist. Eben in seinem Geist ist sie auszulegen!  Jesus ist so etwas wie ein Verstehensschlüssel. Er schließt uns den Willen Gottes auf, weil er der Sohn ist und den Vater kennt wie sonst niemand. Jesus selbst hat sich ja in seiner Zeit immer wieder gegen ein falsches Verstehen des Wortes Gottes gewandt. Feinde hat er sich damit gemacht, vor allem unter den Frommen, die meinten, er würde Gott verraten. Wegen Gotteslästerung wurde er ja hingerichtet. Er wurde selber Opfer eines religiös-politischen Wahns.

Aber durch sein Wort und durch sein Beispiel, durch seine Menschlichkeit hat Jesus uns gezeigt, wie Gott wirklich ist: Er ist die Liebe. Und diese Liebe hat Jesus ausbuchstabiert in seiner Verkündigung und bis zum Tod am Kreuz. Jesus ist der wahre Sachwalter Gottes. Und jeder, der an ihn glaubt, bekommt auch Anteil an seinem Geist, an Gottes Geist, von dem wir schon erfüllt sind, wenn wir gläubig auf Jesus schauen und ihm nachzufolgen suchen, auch wenn wir immer wieder dahinter zurückbleiben und versagen.

Wo Menschlichkeit wächst und sich ausbreitet, da zeigt sich Gottes Geist. Wo Unmenschliches geschieht, da ist Gotets Geist nicht. Unmenschlichkeit kommt nicht von Gott. Denn Gott ist nicht als Gott, sondern als Mensch zu uns gekommen, als wahrer Mensch.

Es ist wohl dies die Tragik des Islam, dass dem Koran ein Neues Testament fehlt, ja, dass ihm Christus fehlt als Verstehensschlüssel, der die Ambivalenz, die Mehrdeutigkeit des Gottesverständnisses zur Eindeutigkeit, zur Klarheit bringt und so die Wahrheit Gottes offenbart: Gott will nicht den Tod – er will das Leben, nicht den Hass, sondern die Liebe, nicht die Gewalt sondern das Erbarmen, nicht Strafe, sondern Vergebun.

Und so ist mit Jesus dieser neue Geist in die Welt gekommen. Jesus nennt ihn den Geist der Wahrheit, der uns in die ganze Wahrheit einführt, in die Wahrheit Gottes. Er möchte die Verblendung, auch die religiöse Verblendung wegnehmen. Ja, wer diesen Heiligen Geist hat, der ist wirklich in Gott. Und wer aus diesem Geist lebt, wird ihn weiterschenken. Er oder sie wird nicht mehr Böses mit Bösem, Unrecht mit Unrecht vergelten, sondern das Böse durch das Gute überwinden helfen. Und dieser Geist gibt auch den Mut, einzutreten für die Verfolgten und überhaupt sich zu Christus zu bekennen in dieser Zeit, in der unser Christsein mehr und mehr verächtlich gemacht wird.

Und das schönste am heutigen Evangelium ist wohl, dass Jesus diesen Heiligen Geist „Beistand“ nennt. Er ist unser Beistand, wie ein Anwalt beim Gericht, der für das Recht eines zu Unrecht Angeklagten kämpft und ihn in der Hoffnung stärkt, dass es gut ausgehen wird. Der Heilige Geist ist der, der uns beisteht in all unserer Unsicherheit und Gefahr, der uns die Zuversicht gibt, die wir brauchen, und die Kraft zum christlichen Zeugnis, damit wir uns nicht von der Angst um uns selbst treiben lassen und aus lauter Angst egoistisch und unmenschlich werden und mit Hass auf andere blicken, auch wenn sie uns feindlich gegenüber stehen. Der Heilige Geist steht uns bei, damit wir nicht in alte Denk- und Verhaltensmuster zurückfallen, sondern – wie Paulus schreibt – „friedfertig und geduldig einander in Liebe ertragen“, weil wir in diesem Geist geborgen sind im Leben und im Sterben.

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, schenkt uns dieses Unterpfand der Hoffnung – bar auf die Hand!