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4. Fastensonntag

Jos 5,,9a.10-12; Ps 34; 2 Kor 5,17-21; Lk1-3.11-32

Gehalten in München, Heilig Geist, am 31.3.2019

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn – wir kennen es wohl alle seit Kindertagen. Jesus erzählt es den Pharisäern und Schriftgelehrten. Er hält ihnen den Spiegel vor. Sie sollen sich im älteren Bruder wiedererkennen. Denn sie können es nicht verknusen, dass Jesus mit Sündern Gemeinschaft pflegt, sogar mit ihnen isst und ihnen damit zeigt, wie zuvorkommend und barmherzig Gott zu ihnen ist.

Ob wir uns wohl auch wiederfinden können in einer der handelnden Personen, vielleicht in einem der beiden Brüder: der eine hat sein Erbteil verspielt und steht buchstäblich vor dem Nichts. Dem älteren dagegen gehört schon alles, und doch ist er – paradox eigentlich! – neidisch auf den Bruder. Er gönnt ihm das Glück nicht, einen barmherzigen Vater zu haben, der ihm einen Neuanfang ermöglicht.

Oberflächlich betrachtet haben wir es mit einem Nestflüchter zu tun und mit einem Nesthocker. Der jüngere Bruder hält es daheim nicht aus. Vielleicht leidet er auch unter dem älteren Bruder. Der Erstgeborene war im alten Israel immer bevorzugt, spielte die erste Geige. Er erbte auch doppelt soviel wie seine Brüder.

Man könnte sagen: Der Jüngere sucht Freiheit und Weite, will heraus aus den vorgezeichneten Bahnen. Er will nicht immer der Zweite sein. Er nimmt sein Leben selbst in die Hand und gestaltet es. Leider aber bringt er in dem fremden Land nichts zustande. Er vergeudet sein Geld, wird vielleicht auch über den Tisch gezogen, vergeudet viel Geld mit Dirnen und wird am Ende arbeitslos und hat keine soziale Sicherheit. Es gibt viele solcher Schicksale: Menschen, die ihr Leben nicht geregelt kriegen, die keine Disziplin aufbringen, die von Job zu Job gehen und überall nach kurzer Zeit herausfliegen. Oder solche, die einfach immer Pech haben.

Der Ältere hingegen ist der typische Nesthocker. Er braucht die Sicherheit, er macht alles richtig, er enttäuscht den Vater nicht. Er riskiert nichts. So verliert er zwar nicht, aber wer nicht wagt, gewinnt auch nicht.

Nun, diese Betrachtung ist nicht falsch, aber eben nur oberflächlich. Jesus will nicht zwei Charaktere zeichnen, sondern er spricht von Gott, ja, von Gottes Zuwendung zu den Menschen, zu den Sündern, zu denen, die sich verirrt und verloren haben. Die Geschichte ist ein Gleichnis, also ein Vergleich. Er will sagen: So ist Gott, so wie der Vater im Gleichnis. Und er will zeigen, dass Gottes Liebe nicht geteilt ist. Gott liebt den einen nicht mehr als den anderen, den Frommen nicht mehr als den Sünder. Aber der Fromme steht in Gefahr – wie der ältere Bruder -, das nicht zu verstehen. Er meint, auf Gottes Liebe mehr Anspruch zu haben als der Sünder. Er meint, Gott sei ungerecht, wenn er die Sünder genauso liebt wie die, die sich Tag für Tag bemühen, die Gebote zu halten und ein gottgefälliges Leben zu führen. Doch solche Frommen geben Gottes Liebe nicht weiter. Sie wollen sie allein für sich.

Jesus eckte bei den Frommen an, weil er sich ganz anders zu den Sündern verhielt als sie und ganz anders von Gott sprach als sie. Und mit diesem Gleichnis spricht Jesus ebenfalls von Gott und zeigt, dass Gott ganz anders ist, als wir uns ihn vorstellen. Wir stellen ihn uns nach unserem Bild vor und projizieren unser Verständnis in ihn hinein. Wie hätten wir uns an Stelle des Vaters aus dem Gleichnis verhalten? Hätte er den Heimkehrer verstoßen sollen? Dann ist Gott gütig zu den Guten und böse zu den Bösen. Aber diesen Gott nach unseren Maßstäben gibt es gar nicht, will Jesus sagen. Der Fromme hat deshalb keinen Grund, verächtlich auf die herabzuschauen, die in seinen Augen so verdorben, so gottlos und so unmoralisch sind. Und sie in die Hölle zu wünschen.

Aber vielleicht können wir uns auch im jüngeren, im sog. verlorenen Sohn wiedererkennen. Denn auch wenn wir uns bemühen, Gottes Willen zu erfüllen, so wissen wir doch, dass wir aus Gottes Barmherzigkeit leben. Denn niemand hat es verdient, ein Kind Gottes zu sein. Niemand hat einen Anspruch auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Aber nur Gottes Barmherzigkeit kann uns gut machen.

Der jüngere Sohn ist der Mensch, der Gott verloren hat. Indem er sich sein Erbteil schon zu Lebzeiten des Vaters hat auszahlen lassen, hat er den Vater eigentlich für tot erklärt. Der Vater war damit für ihn schon gestorben. Er kann jetzt nichts mehr von ihm erwarten. Deshalb ist dieses Gleichnis auch das Gleichnis vom verlorenen und wiedergefundenen Gott, vom für-tot-erklärten Gott, der in Wirklichkeit sich als lebendig erweist. Denn das Gleichnis spricht vom Menschen, der sein Glück, sein Heil, seine Zukunft selber machen will, ohne Gott, und dabei die Erfahrung macht, dass ihm die Mittel ausgehen. Und wenn er am Ende bei den Schweinen landet, dann ist das nicht nur ein sozialer Abstieg, sondern ein menschliches Desaster. Tiefer und gottferner konnte man in jüdischen Augen nicht fallen; denn das Schwein gilt den Juden – wie auch den Moslems -  als unreines Tier, das man nicht essen, ja nicht einmal berühren darf. Man fällt damit ganz aus der Gnade Gottes heraus. Das will das Gleichnis sagen. Man wird selbst zum Schwein. So kann es sein, wenn man Gott verliert und für tot erklärt. Dann ist man allein mit seinen selbstgemachten Göttern, mit seinem Geld, mit den eigenen Mitteln und Ressourcen, denen man alles zugetraut hat, die aber immer weniger werden und uns am Ende in Stich lassen. Das merken wir oft erst, wenn wir mit einer ausweglosen Situation konfrontiert werden, etwa mit unserer Vergänglichkeit, mit einer Krebsdiagnose oder einem Herzinfarkt. Wieviel Zeit habe ich noch? Oder alle gemeinsam mit dem rasanten Klimawandel. Wieviel Zeit haben wir noch?

Der verlorene Sohn hat nun keine Heilsperspektive mehr. Die Züge sind abgefahren. Sein Leben ist zur Sackgasse geworden. Nur die Umkehr kann ihn wieder herausführen aus der Sackgasse seines Lebens. Denn wer Gott verliert, sich abkoppelt von Gott, koppelt sich natürlich ab vom Leben, vom ewigen Leben. Aus seiner Sicht kann er keines haben.

Wenn man sieht, wie leer und verlassen unsere Beichtstühle sind, könnte man denken: Wir brauchen keine Umkehr mehr. Wir sündigen kaum. Wir sind schon auf dem richtigen Weg. Ob das nicht auch eine große Illusion ist? Muss nicht jeder von uns auch immer wieder sein Leben überprüfen? Und sich eingestehen, dass wir auch immer zurückbleiben hinter unserer Berufung? Falsche Bindungen, falsche Gewohnheiten, Neid und Eifersucht, Lieblosigkeit und Begierden, Lüge und scheinheiliges Getue, eheliche Untreue, Egoismus und selbst Gewalt kann es auch im Leben des Christen geben. Dass wir Gott den Rücken zukehren und zu spät merken, dass wir damit das Leben verlieren. Und wollten wir das alles ganz privat mit dem lieben Gott ausmachen, könnten wir erneut in die Illusion fallen, es sei ja doch alles nicht so schlimm. Dann reden wir uns die Vergebung nur ein. Deshalb gibt es ja die Beichte, weil nicht wir die letzte Instanz bei der Beurteilung unseres Lebens sind. Und wenn der Glaube vom Hören kommt, dann kommt auch die Vergebung vom Hören: Man muss sie sich sagen lassen, vollmächtig vom Priester, der uns hörbar losspricht von der Sünde und so den Dienst der Versöhnung tut. In der 2. Lesung hat Paulus dazu aufgerufen, diesen Dienst der Versöhnung in Anspruch zu nehmen. Nicht nur im allgemeinen, sondern auf meine ganz konkrete Schuld hin wird mir im Sakrament der Versöhnung die Vergebung geschenkt. Wie beim verlorenen Sohn: in der persönlichen Begegnung und im Bekenntnis geschieht es, dass wir uns aufmachen: „Ich will zu meinem Vater gehen.“ Und dass wir die Worte der Vergebung tatsächlich hören und uns nicht nur einbilden. Die Fastenzeit lädt dazu ein, den Weg zur Beichte, zum Sakrament der Versöhnung zu finden. Man verliert dabei nichts. Man gewinnt nur.

Es ist das, was Jesus uns sagen will: So tief ein Mensch auch fallen mag in den Augen der Mitmenschen, die Augen Gottes sehen anders. Es gibt keine Sünde, die so groß ist, dass Gott sie nicht vergeben kann, wenn wir ihn von Herzen darum bitten. Jesus selbst ist die Barmherzigkeit Gottes in Person. Er isst und trinkt mit den Sündern. Die Frommen regen sich darüber auf.

Der ältere Bruder im Gleichnis kann sich nicht freuen: weder mit seinem Bruder, der eine neue Perspektive erhalten hat, noch mit seinem Vater, der sich über die Heimkehr des Sohnes freut. Er gönnt beiden das Glück nicht. Heute würden wir sagen: Er ist voll Sozialneid, so wie Leute, die vor Flüchtlingsheimen demonstrieren und ihre Erbärmlichkeit und Hässlichkeit zur Schau stellen. Dabei hat der ältere Bruder gar nichts verloren. Alles, was dem Vater gehört, gehört auch ihm. Denn die Liebe Gottes ist so unerschöpflich, dass dem Frommen nichts genommen wird, wenn dem Sünder Gnade gewährt wird. Die Beziehung zwischen den beiden Brüdern zeigt sich als zutiefst gestört. Sie braucht eigentlich Versöhnung. Aber der ältere Bruder sagt zu seinem Vater nicht „mein Bruder“, sondern mit großer Distanz. „der hier, dein Sohn“. Man hört fast „igittigitt“ heraus. Er akzeptiert den Bruder nicht als Bruder. Darum ging es Jesus ja: Die verschiedenen Menschengruppen, sozialen Schichten miteinander zu versöhnen. Und das gilt heute auch für die Kirche mit ihren Grabenkämpfen, mit der unheilen Beziehung zwischen Progressiven und Konservativen, die doch alle Kinder eines Vaters sind, die aber so oft verächtlich übereinander denken und sprechen.

Denn Gott schaut uns nicht so an, wie wir es nach unseren Maßstäben verdient hätten, angeschaut zu werden. Er schaut uns an wie seinen eigenen Sohn. Wir sind von Gott mit derselben Liebe geliebt, mit der der Vater von Ewigkeit her seinen Sohn liebt. Laetare, heißt dieser 4. Fastensonntag: Freu dich! Gott hat dich bekleidet mit dem schönsten Gewand, mit einem Ring und mit Schuhen. Also mit der Würde des Freien, des Sohnes. Sklaven gingen barfuß und trugen keinen Ring. Wir aber wurden in der Taufe mit Christuswürde bekleidet, mit Sohneswürde vor Gott. Eine Würde, die Gott allen Menschen zugedacht hat. Und er möchte, dass wir die Würde auch derer, die Gott verloren haben, wieder zum Leuchten bringen.

Im Grunde ist unser Gleichnis bereits eine Ostergeschichte: „Mein Sohn war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden.“ Eine Geschichte, die Perspektive schafft und Zukunft eröffnet. Tatsächlich ein Grund zum Feiern und das Mastkalb, ja, das Lamm Gottes zu essen.

Eucharistie feiern - jetzt!

 

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3. Fastensonntag

24.3.2019

Ex 31-8a.10.13-15; Ps 103; 1 Kor 10,1-6.10-12; Lk 13,1-9

 

Gehalten in München, Heilig Geist

 

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte wenige Jahre vor seinem Tod in einer Talkshow im Fernsehen, als er nach seinem Glauben gefragt wurde: „Ich glaube nicht mehr an Gott. Er hat Auschwitz zugelassen. Er hat den Krieg zugelassen. Ich glaube nicht mehr an ihn.“ Als die Moderatorin frage: „Woran glauben Sie dann?“, sagte er: „Ich glaube an meine Frau.“

Als Loki dann kurze Zeit danach starb, da hatte er nicht nur Gott verloren, sondern auch seine Frau, die ihm Gott ersetzte. Armer Schmidt!

„Wie konnte Gott das zulassen?“

So fragen wir manchmal, wenn wir oder andere Menschen von einem schweren Unglück getroffen werden, von einem Flugzeugabsturz, einem Terroranschlag, einem schweren Erdbeben: „Wie konnte Gott das zulassen?“

Mitunter fragen wir auch: „Womit habe ich das verdient?“ Ein schwerer Verlust, ein tragischer Unfall, eine schwere Krankheit, ein missgebildetes Kind.

Zur Zeit Jesu war es üblich, darin eine Strafe Gottes für ein sündiges Leben zu sehen. Man erklärte das Unheil mit der Sünde und mit dem Zorn Gottes.

Jesus tritt dieser Auffassung schroff entgegen. Einige Leute berichten ihm von einem Massaker im Tempel. Pilatus hatte als römischer Statthalter in Jerusalem wohl einen befürchteten jüdischen Aufstand mit seinen Truppen im Keim ersticken wollen. Und dabei hat er ein furchtbares Blutbad unter galiläischen Pilgern beim Opfergottesdienst im Tempel angerichtet.  Zwischen den Zeilen hört Jesus bei diesem Bericht die Frage heraus: Womit haben sie das verdient? Waren sie Sünder?

Jesus sagt: „Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, alle anderen aber nicht?“

Und dann erinnert Jesus an ein anderes aktuelles Ereignis: Ein Turm in Jerusalem ist eingestürzt und hat 18 Menschen erschlagen: „Meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen haben, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?“ 

Und dann sagt er: „Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ 

Schwer verständlich erscheint uns die Rede Jesu vielleicht, dunkel und rätselhaft. Was wollte er sagen? Wovor wollte er uns bewahren? Was ist die gute Nachricht?

Jesus zeigt – und das ist bereits gute Nachricht -, dass die Frage „Warum lässt Gott Unheil zu?“ falsch gestellt ist. So falsch, wie wenn ich frage: Welche Farbe hat das Gewicht meines Autos? Darauf gibt es keine Antwort; denn Gewicht hat keine Farbe. Auf falsch gestellte Fragen gibt es natürlich keine Antwort. Und Gott lässt überhaupt nichts zu. Alles ist von vornherein in seiner Hand. Gute und Böse, Gerechte und Sünder leben in ein und derselben Welt. In ihr gibt es Glück und Unglück, Freude und Leid, ohne dass man beides gegeneinander aufrechnen könnte. Alles Unheil hat innerweltliche Ursachen: Entweder in Menschen, die Böses tun, oder in technischem Versagen oder auch in der Natur wie bei einem Tsunami. Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (vgl. Mt 5,45). Deshalb kann man aus der Welt für sich allein genommen noch nicht erkennen, wie Gott es mit uns meint. Gott ist in seiner Majestät ein verborgener Gott. Aus dem Einsturz des Turmes kann man weder folgern, dass die von ihm Erschlagenen in besonderer Weise Sünder seien noch dass die anderen Menschen es nicht seien. Aber jedes Unglück in der Welt wird für die Menschen, die nur sich selber leben, zum Bild ihrer wahren Situation. Der Tod wird auch mich treffen. Punkt. Viele werden dann übermannt von der Angst um sich selbst, von der Angst, ihr Hab und Gut, ihre Gesundheit, ja, ihr Leben zu verlieren. Sie klammern sich mit aller Kraft daran fest. Und verlieren am Ende doch alles. Punkt. 

„Wie konnte Gott das zulassen?“; „Womit habe ich das verdient?“ – Mit solchen Fragen verbaut man sich den Weg zu Gott und den Weg zum Leben: „Wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr genauso umkommen“, sagt Jesus. Damit will er nicht sagen, dass auch uns ein Turm auf den Kopf fällt oder dass wir Opfer eines Massakers werden. Aber wir alle werden früher oder später sterben. Unser Leben wird zunichte. Und wenn wir uns nicht zuvor abgekehrt haben von diesem falschen Gottesverständnis, das Helmut Schmidt hatte und das uns von Gott entfremdet, dann bleibt der Tod tatsächlich unsere letzte Gewissheit. Ja, dann bleiben wir allein mit unserem Unheil. Denn man kann sich nicht in alle Ewigkeit auf sein irdisches Glück, auf seine Gesundheit oder auf seinen Erfolg  verlassen. Wer das tut, belügt und betrügt sich selbst.

Jesus ruft uns zur Umkehr von solchem falschen Gottesverständnis. Ja, er erlöst uns geradezu von dem Zwang zu solchen Frage. Er erlöst uns von der Theodizeefrage. Immer wieder kommt es vor, dass Menschen an Gott verzweifeln und völlig trostlos werden, wenn sie Unglück erfahren. Dahinter steht ein Gottesverständnis, das ganz und gar nicht christlich ist, das aber leider in der Katechese oft vermittelt wurde: Im Himmel sei ein höchstes, ein göttliches Wesen, das über uns wache und uns vor Schaden, vor Unglück und Krankheit bewahre, wenn wir fromm sind und uns an seine Gebote halten. Wenn wird dann aber trotzdem von einem schweren Unglück getroffen sind, dann bricht dieses ganze Weltbild wie ein Kartenhaus zusammen. Doch ein solcher Gott ist ein Götze. Den gibt es gar nicht. Es gibt ihn nur in unserer Phantasie. Denn Gott ist kein Teil der Gesamtwirklichkeit. Er ist vielmehr der, ohne den die ganze Wirklichkeit nicht wäre. Und auch das Heil besteht nicht im irdischen Glück, in Gesundheit, im beruflichen Erfolg. Denn das alles ist doch vergänglich und vergeht auch. Für glaubende Menschen sind Glück, Gesundheit, gute Beziehungen natürlich nicht belanglos. Sie sind wunderbare Bilder, Gleichnisse für unser Heil, für die wir dankbar sind. Aber sie sind nicht das Heil selbst. Und deshalb müssen wir auch nicht aus der Angst leben, sie zu verlieren. Wer diese Dinge verliert, der verliert damit nicht den Sinn des Lebens und auch nicht das Heil. Jesus wollte, dass wir auch im Unglück an die Liebe Gottes glauben können. In Freude und Leid, in Glück und Unglück sollen wir uns in Gott geborgen wissen. Doch dazu müssen wir auf das Wort Jesu hören. 

Jesus will uns Gemeinschaft mit Gott schenken. Wir sollen in Gott nicht eine rätselhafte Sphinx sehen, ein schweigendes Ungeheuer, sondern wir sollen – wie Jesus – Gott als unseren Vater anrufen und uns in ihm geborgen wissen. Wir sollen uns auf sein Wort verlassen – im Leben und im Sterben. M. a. W.: Jesus ruft uns zum Glauben, zum Vertrauen. Nicht unsere Erfahrung ist das letztlich Verlässliche. Gottes Wort ist verlässlicher als unsere Erfahrung. Das ist das Wagnis des Glaubens. Wenn wir es nicht eingehen, dann bleiben wir mit unseren Götzen allein. Dann ist der Tod unsere letzte Gewissheit. Und alles vorher bleibt ungewiss, brüchig, vergänglich, dem Tod geweiht.

Jesus zeigt und, dass Leid und Unglück uns nicht von Gott trennen, wenn wir nur Glauben haben. Am brennenden Dornbusch ist Mose dem Gott seiner Väter begegnet. Schon dort hat er sich als Jahwe geoffenbart, als der „Ich-bin-der-ich-bin“. Nicht wie die Götter der Heiden, nicht wie die Götzen ist unser Gott. Er ist nicht ein Teil der Welt. Jahwe, Ich-bin-der-ich-bin ist der, ohne den nichts ist.  Und in Jesus ist dieser Jahwe uns als Mensch begegnet. Er zeigt und, dass Gott in der Haltlosigkeit aller Dinge der einzig Verlässliche ist. Er lädt uns ein, an eine Liebe zu glauben, die über alles hinausgeht, was wir denken können und die wirklich alle umfängt im Leben und im Sterben. Es ist die Liebe des Vaters zum Sohn, in die wir im Glauben hineingenommen sind. Gottes Liebe hat nicht an uns ihr Maß. Deshalb kann man an der Welt diese Liebe nicht ablesen. Sie hat ihr Maß am Sohn, an Christus. Gott liebt uns mit derselben Liebe, mit der er von Ewigkeit her seinem Sohn zugewandt ist. Es ist diese Hoffnung, die uns bleibt auch angesichts des Grauens, das tagein tagaus in der Welt geschieht. 

Mit dem Gleichnis vom Feigenbaum sind wir gemeint. Wir können keine Frucht bringen, wenn wir vom Leben, von Gott abgeschnitten sind, wenn wir nicht in Gott verwurzelt sind. Nur im Glauben, nur in Gemeinschaft mit Gott können wir unsere Vergänglichkeit und die Bedrohung unseres Lebens aushalten und auch Unglück ertragen. Ohne ihn aber bleiben wir mit unserem Unglück allein.

Der Weingärtner sagte zum Besitzer des Weinbergs: Lass den Feigenbaum dieses Jahr noch stehen. Ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte. 

Diese Fastenzeit, Vorbereitung auf Ostern, könnte die Bewährungszeit sein, die uns geschenkt wird und in der wir uns neu in Gottes Wort verwurzeln, unsere Umgebung umgraben lassen, damit das Vertrauen in Gottes Wort unser Herz erfüllt. Denn Gottes Wort ist für glaubende Menschen die einzige Gewissheit in der Ungewissheit und Haltlosigkeit unseres so zerbrechlichen Lebens. Wenn wir es nicht lernen, unser Leben auf Gott auszurichten, uns ihm zu schenken und hinzugeben – dann verfehlen wir das ewige Heil, unsere ewige Vollendung. Denn wenn wir uns nicht zu Gott bekehren, dann bleibt Gott, das Ziel unseres Lebens, für uns unerreichbar.

Gottes Wort und die Eucharistie möchten unseren Glauben wieder stärken, unser Vertrauen festigen und unsere Liebe zu Gott entzünden. Jesus selbst hat in diesem Vertrauen gelebt.

 

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2. Fastensonntag

17.3.2019

Gen 15,5-12.17-18; Phil 3,17 - 4,1; Lk 9,28b-36

Gehalten in München Hl. Geist

  

IS THE SKY THE LIMIT? – Ist der Himmel die Grenze?

In der U-Bahnstation am Marienplatz war vor einiger Zeit diese Frage als große Werbeinschrift zu sehen. Aber welcher Himmel ist gemeint?

Anders als die deutsche Sprache, kennt das Englische zwei Wörter „Himmel“: Sky und Heaven. Sky ist der astronomische Himmel, der blaue Himmel, den wir sehen, wenn die Sonne scheint oder auch bei Nacht der Sternhimmel. Sky ist der Himmel, in dem die Astronauten spazieren fahren. Heaven meint dagegen den theologischen Himmel: Gott, der alle Grenzen übersteigt und in keinem Begriff zu fassen ist. Heaven meint im übertragenen Sinn auch Glück und Freude: Man kann im siebten Himmel sein.

IS THE SKY THE LIMIT? Ist der Himmel die Grenze? Mit anderen Worten: Ist im astronomischen Himmel Schluss? Dabei ist der astronomische Himmel ja unendlich weit. Aber dieser astronomische Himmel ist dennoch ein geschlossenes System. Sitzen wir in einem geschlossenen System?

„Unsere Heimat ist im Himmel“, sagt Paulus heute in der 2. Lesung. Er meint nicht Sky, sondern natürlich Heaven. In der Bibel ist Himmel oft nur ein Synonym, nur ein anderes Wort für „Gott“. Unsere Heimat ist in Gott. Gott ist das Ziel unseres Lebens. In dieser Welt, finden wir keine letzte Heimat und keine letzte Geborgenheit. Selbst das grenzenlose Universum ist zu klein für unsere Sehnsucht.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, sind wir hier auf Erden nur wie auf der Durchreise, wie Fremdlinge, wie Ausländer. Können wir das glauben? Ist das nur eine Vertröstung auf das Jenseits? Um uns unsere Vergänglichkeit ein wenig zu versüßen? Eine Fata Morgana, die uns hilft, die Wüste des Lebens zu ertragen, die aber nur ein Wunschgebilde ist?

Der 2. Fastensonntag ist ein Schlüssellochsonntag. Es ist so, als wenn wir schon mal durchs Schlüsselloch das Ziel unseres Lebens für einen Moment erkennen: den verklärten Jesus auf dem Berg, Highlight seines irdischen Lebens. Dahin also geht die Reise. Und Paulus fasst es in die Worte: Christus wird auch unseren armseligen Leib verwandeln in die Gestalt seines verherrlichten Leibes.

Tatsächlich ist die österliche Bußzeit Vorbereitung auf Ostern, auf das Fest des Lebens und der unzerstörbaren Freude. Die Bußzeit ist ein Weg. Dieser Weg steht aber für unseren ganzen Lebensweg: Wir sind unterwegs in unsere Heimat. Gott ist diese Heimat. Solange wir nicht in Gott sind, sind wir Fremdlinge und nicht wirklich daheim. Denn nichts Irdisches kann unsere Sehnsucht stillen. Nichts Irdisches kann unser Leben vollenden. Wenn es eine Vollendung unseres Lebens gibt, dann kann nur Gott diese Vollendung, diese unausschöpfliche Fülle, ja Vollheit sein. Solange wir aber noch in diesem Leben unterwegs sind, sind wir eben noch unterwegs und noch nicht dort angekommen, wofür wir gemacht sind.

Doch dieser Weg ist kein leichter Weg. Für viele ist er ein schwerer Weg. Denn der Weg auf Ostern zu ist auch der Weg auf Karfreitag zu. Es ist derselbe Weg. Und dass unser Weg auf Karfreitag zu der Weg zum Leben ist – das lässt sich nur im Glauben erkennen.

Was ist das überhaupt – glauben. Wie kann man das glauben, dass wir auf unserem Weg, der oft so beschwerlich ist und für den man viel Mut braucht und der todsicher im Tod endet, dass das der Weg zum Himmel ist? Wie können wir so sicher sein, dass unser Lebensweg sich bei Gott im Himmel vollendet. Dass unser Leben, wenn wir es nicht durch die Sünde zerstören, herrlich sein wird?

Unser Glaube kann angefochten sein. Mitunter spüren wir, dass er schwach ist. Dass wir uns lieber mit dem Diesseits vertrösten, mit dem, was es hier wirklich gibt, was man sieht, was man kaufen kann, was man essen und genießen kann, womit man Freude hat und sich manchmal im 7. Himmel fühlt. Aber immer nur ganz kurz. Im Glück kann man keine Hütten bauen. So wie Petrus das wollte. Man kann das Glück nicht festhalten. Nur einen Moment sieht man es wie durchs Schlüsselloch.

Tatsächlich gibt es die Schicksalsschläge im Leben. Meint Gott es denn wirklich gut mit mir? Warum trifft mich dieses Unglück? Dieser Verlust? Diese Krankheit? Mitunter scheint auch in unserem Leben die Sonne unterzugehen wie bei Abraham. Große, unheimliche Angst und Finsternis überfiel ihn. Trotz der Verheißung, die an ihn erging und an die er glaubte. Auch Abraham, der Vater des Glaubens, zweifelt, ihm wird bang ums Herz und es wird dunkel um ihn. Erst Gottes Wort lichtet dieses Dunkel, als Gott den Bund mit ihm schließt: Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land vom Grenzbach Ägyptens bis zum großen Strom, dem Euphrat.

Gott schließt einen Bund mit Abraham und verspricht ihm Zukunft. Dieses vergängliche Leben ist eben nicht alles. Die Welt ist nicht alles, was wir haben. Und doch haben wir es nicht leicht mit dem Glauben. Man hat ihn nicht fix und fertig. Die Angst um uns selbst kann sich wieder einstellen wie bei Abraham und uns herunterziehen.

Das Evangelium von heute möchte uns Mut machen zum Glauben, zum Vertrauen. Die Jünger sehen Jesus im Glauben. Er sieht wie verwandelt aus. Kaum wiederzuerkennen. Sie verstehen sein Wort, sie erkennen ihn als Gottes Sohn. Sie hören Gottes Wort: „Das ist mein auserwählter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.

Der Glaube ist uns nicht angeboren. Dass Gott bei uns ist, dass er unsere Zukunft ist, dass er unser ewiges Leben und unsere himmlische Heimat ist – das kann man sich nur sagen lassen. Der Glaube kommt vom Hören. Man muss es sich sagen lassen: von Jesus und natürlich heute von anderen Menschen, die schon glauben und uns vorleben, was glauben, was Gottvertrauen heißt. Wer glaubt, vertraut sich diesem Wort an. Glauben ist Vertrauen. Dem Wort Gottes mehr vertrauen, als unserer Erfahrung, bloß vergänglich und gottverlassen zu sein.

Wer zum Glauben kommt, tritt ein in eine große Glaubensgemeinschaft, in einen großen Strom der Glaubenden: seit Abraham: „Sieh zum Himmel hinauf - jetzt ist Sky gemeint – und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ Wie ist doch diese Verheißung in Erfüllung gegangen: Schaut euch die Kirche an: Mehr als zwei Milliarden Christen, Sterne hier auf Erden. Ganz zu schweigen von den Sternen, die schon in der Heimat im Himmel, im haeven, sind. Jeder von uns wie ein Stern, einer von Myriaden Sternen. Sterne leuchten, funkeln, erhellen den Himmel und vertreiben die Finsternis. Jeder von uns kann so leuchten wie ein Stern in der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit des Lebens: unsere Hoffnung, unsere Liebe und Menschenfreundlichkeit, unser Vertrauen in Gottes Wort, unser Mut, auch Leiden anzunehmen, macht uns bereits in diesem Leben Jesus ähnlich. Vor 76 Jahren wurden die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der Weißen Rose hingerichtet, weil sie die Wahrheit sagten, obwohl sie wissen konnten, was ihnen blühte: funkelnde Sterne in tief dunkler Zeit. Das heißt an der Verklärung Christi schon in diesem Leben teilzuhaben: Verklärung heißt: in der Vergänglichkeit dieses Lebens das unzerstörbare Leben Gottes bezeugen, angesichts des Todes und der todbringenden Kräfte das Lied des Lebens singen, angesichts des Kreuzes die Auferstehung preisen. Im Vertrauen, dass wir mit Gott im Bund sind und er uns nicht fallen lässt in endgültige Finsternis.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, dieser Glaube braucht Nahrung. Man muss ihn sich immer wieder sagen lassen. Man muss sich nähren vom Wort Gottes. Dazu gehört die tägliche Bibellektüre oder die Teilnahme an einem Bibelkreis. Wir müssen uns auch gegenseitig darin bestärken und füreinander Glaubenszeugen sein, die Gottes Wort hören und es weitersagen.

Dieses Wort wird unsere Nahrung in der Eucharistie. Um unseren Glauben zu stärken und unsere Hoffnung zu beleben: Wir sind gemacht für die ewige Gemeinschaft mit Gott. Oder, wie Paulus sagt: für den Himmel und nicht für das Grab. Denn der Glaube kommt vom Hören. Aber er führt zum Sehen: die Jünger sahen auf dem Berg, wer Jesus wirklich ist. Und wir sehen darin auch, wer wir wirklich sind. Und wir werden eines Tages Ihn sehen wie er ist. 

 

 

 

 

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8. Sonntag im Jahreskreis

Sir 27,4-7; 1 Kor 15,54-58; Lk 6,39-45

Gehalten in München, Heilig Geist

3.3.2019

Liebe Schwestern und Brüder,

„Wenn sich dieses Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit – dann erfüllt sich das Wort der Schrift.“  (1 Kor 15,54) So schreibt Paulus an die Korinther. Was bedeutet das?

Ein Mensch stirbt. So wie unser lieber Herr Weirauch vergangene Woche. Seit vielen Jahren hat er unermüdlich seinen Dienst als Mesner hier bei uns getan. Bis vor wenigen Wochen hat er Sonntag für Sonntag in unserer Abendmesse die Schriftlesungen vorgetragen und beim Austeilen der heiligen Kommunion geholfen. Ich konnte ihn von Heilig Geist gar nicht mehr wegdenken.

Nun ist er tot.

Ein Mensch stirbt. Sein Herz hört auf zu schlagen. Das Gehirn erlischt, so wie wenn ein Computer abstürzt, die Festplatte plötzlich leer ist. Ein Organ nach dem anderen hört dann auf zu funktionieren. Der Körper – eben noch durchblutet und warm – wird eiskalt. Bald wird die Totenstarre eintreten.

Die Angehörigen, die dabei sind, blicken zu ihrem Toten. Sein Leichnam liegt bleich und stumm in seinem Bett. Er ist irgendwie noch da, aber tatsächlich doch nicht da. Kommunikation ist nicht mehr möglich. Wo ist er oder sie? Ist sie ins Nichts gefallen? Für immer?

Liebe Schwestern und Brüder, solche Momente berühren uns zutiefst. In dem Sterbenden und Toten sehen wir, was jedem von uns früher oder später blüht. Ist das unsere Zukunft? Hat der Tod das allerletzte Wort? Ist er unsere letzte Gewissheit?

Der Tod gibt zu denken. Er gibt viele Fragen auf. Aber er gibt keine Antwort. Man kann natürlich spekulieren und sich irgendein Leben nach dem Tod ausmalen. Oder Seelenwanderung und Reinkarnation. Aber das alles sind nur Spekulationen, Phantasien. Sie geben keine Gewissheit. Und niemand kann uns vor dem Tod retten: Kein Arzt, kein Wundermittel, keine Philosophie, keine Religion. Niemand kann dem Tod entrinnen. Er ist endgültig.

Alles in uns sträubt sich dagegen. Am liebsten verdrängen wir den Gedanken. Und aus Angst um unser Leben können wir auch böse, unmenschlich, egoistisch werden. Der Gedanke an den Tod holt uns immer wieder ein. Entfliehen kann man ihm nicht. Wir sind vergänglich und verwelken wie eine Blume in der Vase, die heute noch wunderschön ist und übermorgen entsorgt wird.

Sterben wir wirklich ins Nichts hinein? Verlöschen wir unwiederbringlich? Und bleiben wir so auf ewig unvollendet? Denn jeder Mensch stirbt unvollendet und vollendungsbedürftig. Und tatsächlich kann nichts Irdisches den Menschen vollenden. Selbst wenn wir großes Glück im Leben haben, gesund und reich sind, uns alles leisten könnten, was das Herz begehrt – es könnte uns alles nicht satt machen und vollenden. Wenn es eine Vollendung unseres Lebens gibt, dann kann nur Gott diese Vollendung sein. Der Mensch kann sich mit nichts zufrieden geben, was weniger als Gott ist, was also selbst nur vergänglich ist.

Aber woher nehmen wir das Vertrauen, dass es so ist, dass Gott uns auch im Tod rettet und vollendet?

Ja, liebe Schwestern und Brüder: Dafür haben wir nur ein Wort. Nichts weiter als ein Wort. Jesus ist dieses Wort. Wenn es wahr ist, muss es Gottes Wort sein. In Jesus hat sich ausbuchstabiert, wer Gott für uns sein will. Nur er kann uns retten vor dem ewigen Tod.

In der zweiten Lesung, in dem kurzen Abschnitt aus dem ersten Korintherbrief, haben wir es gehört: „Wenn sich das Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und das Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg.

Paulus bezieht sich hier auf die Auferstehung Jesu. Seine Gemeinschaft mit Gott war stärker als der Tod. Wenn wir von der Auferstehung Jesu sprechen, dann sagen wir, dass der Tod gegen seine Gemeinschaft mit dem Vater keine Macht mehr hatte.  In jeder Messe feiern wir also diese Entmachtung des Todes.

Es geht nicht um ein Leben nach dem Tod, also gewissermaßen eine Fortsetzung dieses Lebens in anderen Sphären, sondern um die Vollendung unseres Lebens in Gott. Und die ist so unbegreiflich wie Gott selbst. Nur in Bildern können wir davon sprechen. Mehr als Bilder haben wir nicht.

Paulus schreibt, dass sich das Verwesliche, also unser irdisches, vergängliches Leben, mit Unverweslichkeit bekleidet. Das ist sein Bild. Paulus will sagen: Es ist so, wie wenn man sich ein Kleid überzieht. Und er sagt es noch einmal: Das Sterbliche bekleidet sich mit Unsterblichkeit.

Aber wie geht das? Wie ziehen wir uns dieses Kleid der Unsterblichkeit an, um den Tod zu entmachten? Und wie sieht dieses Kleid aus? Und wie bekommen wir es?

Ganz einfach, liebe Schwestern und Brüder: Indem wir zum Glauben kommen.

Das ewige Leben beginnt nicht erst mit dem Tod, sondern es beginnt dann, wenn wir zum Glauben kommen. Jesus sagt es selbst im Johannesevangelium: „Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ (Joh 6,47) Also nicht erst in der Zukunft, sondern schon jetzt. Denn im Glauben vertrauen wir auf die Botschaft Jesu, dass wir Anteilhaben an seiner Gemeinschaft mit Gott. Wer Jesu Botschaft annimmt, bekommt Gemeinschaft mit Gott, dieselbe Gemeinschaft, die Jesus mit Gott hat. Denn Glauben heißt Anteilhaben am Gottesverhältnis Jesu. Wer verstanden hat, dass Jesus das Wort Gottes ist, dass in ihm der unbegreifliche Gott als Mensch begegnet, der kann sich im Leben und im Sterben auf dieses Wort verlassen.

Deshalb kann jeder Christ mit Paulus sagen: „Tod, wo ist dein Sieg? Wo ist dein Stachel? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ Es ist, als würde Paulus den Tod auslachen. Dieser vermag es nicht mehr, uns aus Gottes Hand zu reißen.

Der christliche Glaube also schenkt uns ewiges Leben. Die Gemeinschaft mit Gott, die wir im Himmel haben werden, ist ja keine andere Gemeinschaft mit Gott als die, die wir schon jetzt im Glauben haben. Die Gewissheit, Gemeinschaft mit Gott zu haben, ist bereits das ewige Leben.

Unser Glaube ist also die Entmachtung des Todes. Er ist es ja, der uns mit Angst erfüllt und macht, dass wir uns an alles mögliche klammern und sogar egoistisch werden können. Aber wenn wir glauben, dass der Tod schon entmachtet ist, dann müssen wir nicht mehr von Angst um uns selbst getrieben sein. Denn im Glauben vertrauen wir darauf, dass sich unser Leben in Gott vollenden wird.

Ja, der Glaube ist es, der uns überhaupt erst gut macht. Weil er die Angst um uns selbst überwindet, die Angst, die uns egoistisch macht. Der Glaube entmachtet die Angst und befreit zur Liebe und gibt uns ein gutes Herz. Im Glauben wird der Mensch wie ein guter Baum, der auch gute Früchte bringt, wie Jesus im heutigen Evangelium sagt. Wer aber nur aus Angst um sich selbst, um den eigenen Vorteil, um sein eigenes Fortkommen lebt, der ist wie ein Baum, der keine gute Frucht bringt.

Und so sieht das Kleid der Unverweslichkeit aus: Es ist das Gewand eines Menschen, der liebt, der sich verschenkt, der anderen dient, weil er dem Wort Gottes vertraut. Man sieht einem solchen Menschen an, dass er das Kleid der Unsterblichkeit trägt.

Zum Glauben an Jesus kommen bedeutet also, dass wir unsere Vergänglichkeit mir Unvergänglichkeit zu bekleiden. Der christliche Glaube ist wie ein Kleid, das uns auch in Gottes Augen schön und unsterblich aussehen lässt wie sein eigener Sohn. In diesem Kleid sind wir geborgen. Ja, Gott selbst ist dieses Kleid, das uns umhüllt im Leben und im Tod.

Wenn wir jetzt Eucharistie feiern, dann feiern wir unsere Gemeinschaft mit Gott, dann lassen wir uns wieder mit Gott beschenken und bekleiden. Dann wird die eucharistische Gabe unsere Speise der Unsterblichkeit. „Denn wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6,58)

Domini sumus! Dem Herrn gehören wir. Alles andere findet sich.

 

 

 

6. Sonntag im Jahreskreis

17.2.2019

Jer 17,5-8; 1 Kor 15,12.16-20; Lk 6,17.20-26

 

Gehalten in München, Heilig Geist

 

 

„Wehe euch, ihr Reichen!“ Solche Rufe scheinen nicht in unser Bild von Jesus zu passen. Und auch von Pfarrern auf der Kanzel erwartet man eher kuschelige Sätze, die uns nicht allzu sehr in Frage stellen. Aber Wehe-Rufe? Das klingt nach Drohbotschaft. Und man sieht sofort den erhobenen Zeigefinger.

Womit Pfarrer sich heute unbeliebt machen, ist dafür anderen erlaubt. Ärztinnen und Ärzten z. B. : Wehe euch, ihr Raucher; ihr Dicken; ihr Fastfood-Esser; ihr Sport-Muffel – ihr habt kein langes Leben zu erwarten! Auch Grüne dürfen so reden: Wehe euch, wenn ihr nichts ändert am CO2-Ausstoß, dann werden eure Enkel wie die Beduinen in der oberbayrischen Wüste leben und den Kölner Dom wird man nur noch besichtigen können, wenn die Nordsee gerade Ebbe hat.

Aber von Pfarrern hört man solche Worte nicht gerne, so real schlechte Karten, die irgendwie im Zusammenhang stehen mit unserer Lebensweise, mit Glauben und Unglauben und überhaupt mit der Orientierung unseres Lebens. Das grenzt dann schon an geistlichen Missbrauch, wenn unsere Lebenswirklichkeit in Frage gestellt wird. Darf man also nicht darauf hinweisen, dass auch das Wohl der Seele, das Seelenheil also, auch bedroht sein kann durch eine vor Gott falsche Lebensweise? Darf man das also nicht mehr sagen?: Wenn Du so gierig nach Geld, so karrieregeil, so rücksichtslos, zynisch und so gottlos lebst, wenn du nicht mehr loskommst von den Pornos im Internet, wenn du nicht mehr betest und deine Sünden nicht mehr bereust – ja, dann hast du auch vor Gott keine guten Karten. Dann kann auch deine Seele nicht heil vor Gott stehen. Dann verdirbst du sie.

Und dann kommt wieder so ein Sonntag wie heute, an dem diese Wehe-Rufe vorgelesen werden. Jesus hat nicht nur viele selig gepriesen, sondern eben auch andere mit Wehe-Rufen bedacht. Und damit hat er die Menschen alle in die Entscheidung gerufen. Und er hat die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Der Sinn des Lebens, das Lebensglück besteht eben nicht im materiellen Reichtum, im beruflichen Fortkommen, im gesellschaftlichen Aufstieg, im Gelingen unserer Pläne – in all den Dingen, die uns so heilig geworden sind. So kann man das Leben auch verfehlen, man kann Gott verfehlen und damit den Sinn des Lebens.

Jesus öffnet uns die Augen für ein neue Sichtweise. Und stellt uns in die Entscheidung. Ja, der heutige Abschnitt aus dem Evangelium erinnert uns daran, dass es bei Glauben und Unglauben um eine sehr ernste Entscheidung geht mit sehr weitreichenden Konsequenzen. Die christliche Botschaft ist eben nicht so etwas wie eine Droge oder eine süße Himbeersoße, die wir über unser Leben gießen. Und wenn wir einmal genau hinschauen, wer da gemeint ist mit den Wehe-Rufen, dann gelingt es wohl kaum mehr, mit dem Finger auf andere zu zeigen:

·    Wehe euch, ihr Reichen!, wird da gesagt. Sind wir das nicht? Gehören wir nicht zum reichen und wohlhabenden Teil der Menschheit, der im Überfluss lebt?

·    Wehe euch, die ihr jetzt satt seid! Satt sind wir auch – im Gegensatz zu einem großen Teil der Menschheit.

·    Wehe euch, die ihr jetzt lacht! Naja, vielleicht ist nicht jedem jederzeit zum Lachen zumute. Aber im großen und ganzen bilden wir doch eine Spaßgesellschaft. Und nichts fürchten manche mehr als dass Schluss sei mit lustig.

Schon drei der vier Weherufe, liebe Gemeinde, passen doch genau auf uns. Es ist, als hätte Jesus uns vor Augen, eine Gemeinde mehr oder weniger wohlhabender Christen.

Nun, will er uns verfluchen? Sollen wir ihm aus den Augen gehen?

Anders scheint er zu den Armen zu stehen, zu den Hungernden, zu den Trauernden und zu denen, die wegen des Glaubens an Jesus Nachteile auf sich nehmen. Diese werden selig gepriesen. Aber in diesen können wir uns – wie gesagt - kaum wiederfinden.

Jesus ist offenbar nicht neutral, nicht unparteiisch. Er nimmt vielmehr Partei für die Benachteiligten, für die, die am Rande stehen. Es ist der Rand der Gesellschaft, den Jesus in die Mitte rückt. Und er selbst lässt sich an diesen Rand drängen, aus der Gemeinschaft, aus seiner Kirche ausschließen und beschimpfen und am Ende ans Kreuz nageln. Dieses Kreuz am Rande der Stadt wird zur Mitte der Kirche. Und damit ist eigentlich der Rand der Gesellschaft zur Mitte der Kirche geworden. Aber leben wir das wirklich? Ist der Rand der Gesellschaft wirklich die Mitte unseres kirchlichen Gemeindelebens? Sind nicht vielmehr das Geld, das Fortkommen, die Gesundheit, die Mobilität, unsere Idole und wir selbst das, worum sich in unserem Leben alles dreht? Kann man, wenn man das heutige Evangelium ernst nimmt, überhaupt noch Christ sein? Leben wir nicht auch auf Kosten der Armen, der Hungernden? Kommen wir noch weg von all den Dingen, die uns so heilig sind? Ich fürchte nicht. Und aus eigenem Vermögen können wir es auch gar nicht. Dafür ist unsere Angst auch viel zu groß, ungesichert zu sein und zu wenig vom Leben abzukriegen. Irgendwie ist das unser Dilemma: wir möchten gerne Christen sein – und doch können wir es nicht richtig.

Vielleicht können wir unseres Evangeliums etwas froher werden, wenn wir noch einmal den Text genau anschauen. Da werden Menschen selig gepriesen, die arm, hungrig, trauernd sind und verfolgt, beschimpft, gemobbt werden. Ist das nicht ziemlich unverschämt? Da werden Menschen, für die wir eher Mitleid empfinden sollten, glücklich geheißen. Hört sich ja geradezu zynisch an: Glücklich seid ihr Behinderten, ihr Bettler auf der Straße, ihr Abgehängten, ihr Migranten in der Abschiebehaft. Freut euch und jubelt! Kann das gemeint sein? Wollte Jesus sich über diese Menschen lustig machen? Wie hören sich die Seligpreisungen in deren Ohren eigentlich an?

Nun, Jesus sagt aber gar nicht, sie sollten sich über ihre Not freuen, oder über ihren Hunger. Jesus sagt auch nicht, das Glück liege im Weinen und im Gehasstwerden von anderen. Vielmehr spricht er von der Zukunft: ihr werdet satt werden; ihr werdet lachen. Er schenkt ihnen eine Glaubensperspektive. Sie können all das Unerträgliche annehmen, ertragen, wenn sie diese Glaubensperspektive haben und in ihrer Armut und ihrem Unglück nicht ihre letzte Gewissheit sehen. Es ist diese Perspektive, die sie am Leben nicht verzweifeln lässt und im tiefsten ihr Glück ausmacht. Jesus erkennt offenbar, dass diese Armen und Trauernden nur deshalb an ihrem Schicksal nicht zerbrechen, weil sie Glauben haben. Und bei selbstzufriedenen Reichen und Satten erkennt er offenbar, dass ihr Unglaube und ihre Angst sie daran hindert, menschlich zu sein und ihren Überfluss zu teilen. Sie haben keine Glaubensperspektive, die ihre Angst um sich selbst entmachtet. Das ist aber eine Perspektive, die kein Mensch sich selbst geben kann. Denn an der Welt ist tatsächlich nirgendwo abzulesen oder in Erfahrung zu bringen, dass unsere Freude im Himmelreich groß sein wird, dass Gott uns mit Liebe zugewandt ist. Die Welt bietet eben keinen Grund, um im letzten glücklich und rundum selig zu sein. Eben auch Reichtum nicht, auch Gesundheit nicht, auch Spaß nicht. Denn wer darauf setzt, setzt auf Vergängliches und lebt in Angst, das zu verlieren, worauf er setzt. Die Götter unseres Lebens sind eben nicht verlässlich. Sie betrügen, weil sie etwas versprechen, das sie erwiesenermaßen nicht halten können. Solche Götter muss man erst haben, um sich dann auf sie zu verlassen. Und eben deshalb sind sie nicht verlässlich. Sie sind ein Stück Welt. Die Welt ist nicht mit dem „Himmel“ zu verwechseln. Wer das macht, betrügt sich selbst. Ist – mit anderen Worten - ganz schön blöd.

Tatsächlich lautet das neue Dogma oder eine weitverbreitete Grundüberzeugung so: Das Heil liegt im Diesseits. Und es gehört denen, die es sich leisten können. Der erste Teil dieses Dogmas, dass das Heil im Diesseits liegt, ist eigentlich eine Grundüberzeugung der Neuzeit. Der Mensch der Bibel wusste, dass das Heil in diesem Leben nicht zu verwirklichen ist. Wenn, dann kann nur Gott das Heil des Menschen sein. Aber seit Gott tot ist, muss der Mensch das Heil in diesem Leben realisieren. Die Perspektive der Ewigkeit ist uns abhanden gekommen. Wir müssen alles Glück, alles Heil, aus der Welt und aus unseren Möglichkeiten ziehen. Zugleich leben viele von uns – ich will mich gar nicht ausnehmen - aus der Heidenangst, zu wenig vom Leben abzukriegen, zu kurz zu kommen, das Glück zu verpassen.

Der zweite Teil: Das Heil gehört denen, die es sich leisten können ist dann die postmoderne marktorientierte Version: Das Heil kann gekauft werden: Gesundheit, Fitness, Reisen, Erlebnisse, Liebe, Sex. Aber nur wer Geld hat, kann mithalten, kann es sich leisten. Extra mercatum nulla salus! D. h., man kann dieses Heil nur verwirklichen auf Kosten anderer, die dann eben im Unheil bleiben, weil sie auf dem Markt keine Chance haben, nicht konkurrenzfähig sind. Aber damit gesteht man schon ein: dieses Heil ist begrenzt, also nicht unbegrenzt. Himmel und Hölle sind dann bereits Realitäten dieser Welt: die einen sind happy und die anderen unglücklich. Es gibt Sieger und Verlierer.

Jesus stellt sich auf die Seite der Verlierer. Und er stellt alle in die Entscheidung. Seinen Gott kann man nicht erst haben, um sich dann auf ihn zu verlassen. Sondern die einzige Weise, ihn zu haben, ist, sich auf ihn zu verlassen. Dazu lädt Jesus mit seiner Botschaft ein. Er will uns teilhaben lassen an diesem seinen Gott und uns mit hineinnehmen in sein Verhältnis zu Gott. Glauben bedeutet, Anteil haben an Jesu Gottesverhältnis, also an Jesu Gemeinschaft mit Gott. Wer diese Gemeinschaft mit Gott mit Jesus teilt, gewinnt diese österliche Perspektive der Ewigkeit, von der auch Paulus in der 2. Lesung gesprochen hat. Es ist der Mensch, von dem auch Jeremia in der 1. Lesung sprach: „Gesegnet der Mensch, dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. … Seine Blätter bleiben grün auch wenn Hitze kommt“. Denn er speist sich aus dieser Perspektive des Glaubens, die über alles das hinausgeht, was wir von uns wünschen und verwirklichen könnten.

Wer diese Perspektive hat, wer sich für den Gott Jesu entscheidet, der ist wahrhaft selig zu preisen. Er kann sich an allem erfreuen, auch an den Gütern und Freuden dieser Welt, an seiner Gesundheit, an seinen Mitmenschen – und braucht doch nicht zu verzweifeln, wenn er diese Dinge verliert. Denn das letzte Glück liegt nicht in ihnen, sondern in der Gemeinschaft mit Gott. Glücklich der Mensch, der alles das loslassen kann, ohne für immer zu sterben.

Unser Heil, liebe Gemeinde, liegt eben nicht im Diesseits. Es liegt aber auch nicht in irgendeinem religiösen Jenseits, das wir uns als Fortsetzung dieses Lebens vorstellen könnten. Damit bliebe es nämlich immer noch ein Stück Welt. Unser Heil liegt allein in unserer Gemeinschaft mit Gott, die keine andere als Jesu Gemeinschaft mit Gott ist. Dieses Heil ist so unbegreiflich wie Gott selbst. Wir haben keine Begriffe dafür. Aber Gemeinschaft mit Gott haben und die österliche Perspektive sind ein und dasselbe. In Jesu Wort und in der Eucharistie, die wir jetzt feiern, schenkt sich uns der gekreuzigte und auferstandene Herr. Er will in uns sein, damit Gott in uns seinen Sohn wiedererkennt und liebt.

Selig sind die, die sich so von Gott angeschaut wissen. Sie haben nichts mehr zu verlieren.

 

 

Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis (7.10.2018)

Gen 2,18-24; Hebr 2,9-11; Mk 10,2-16

Gehalten in München Hl. Geist

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“

Liebe Schwestern und Brüder, dieses Bibelwort aus der alttestamentlichen Lesung des heutigen Sonntags dürfte wohl allseits Zustimmung finden. Es entspricht einer unserer ganz grundlegenden Erfahrungen. Der Mensch kann nicht ohne den Menschen leben. Nur in Beziehungen, im Ja zueinander, im Mit- und Füreinander kann der Mensch wahrhaft Mensch sein.

Dabei kommt einer dieser Beziehungen in der Bibel eine Sonderstellung zu: der Beziehung von Mann und Frau: diese werden „ein Fleisch“. Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunft der Menschheit. Mann und Frau sind vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit füreinander geschaffen. Nur zusammen können sie neues Leben schenken und wachsen lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Bestimmung der fruchtbaren Weitergabe des Lebens. Sie ist einzigartig. Und sie entspricht deshalb der Schöpfungsordnung. Ja noch mehr: Die Menschheit besteht aus Frauen und Männern. Der Geschlechterkampf, wie er in der Geschichte immer wieder aufgebrochen ist, zeigt, dass wir uns schwer tun, die rechte Beziehung zwischen Mann und Frau zu definieren und zu leben. Doch schon auf ihren ersten Seiten zeigt uns die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und nicht seine Spaltung. Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden, bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Selbstverwirklichung und gegenseitige Beglückung. Es geht vielmehr um die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden anschaulich gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau „Fleisch von meinem Fleisch“, was die Gleichwertigkeit zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie in ihrem Wesen anders ist als der Mann. Nur dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen

Diese Gedanken sind heute keineswegs mehr selbstverständlich, zum Teil in dieser Zeit des schwachen Denkens nur sehr schwer vermittelbar. Zum einen erleben wir eine hohe Scheidungsrate und eine wachsende Anzahl von Scheidungswaisen. Diese sind nicht selten Opfer ihrer Eltern und deren Selbstverwirklichungsbedürfnis. Zum anderen will man uns einreden, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit der Ehe austauschbar und ihr gleichwertig seien. Sicher, auch homosexuelle Menschen haben den gleichen Wunsch nach Geborgenheit und Liebe und sehnen sich nach Partnerschaft wie alle anderen Menschen auch. Doch – bei allem Respekt vor ernstgemeinten homosexuellen Partnerschaften – man sollte sie nicht „Ehe“nennen. Nur willkürlich hat der Staat den Begriff „Ehe“ umdefiniert. Die Ehe von Mann und Frau aber ist einzigartig unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn nur die Liebesbeziehung von Frau und Mann verbürgt die Zukunft des Menschengeschlechts und dessen Einheit. Und auch Mann und Frau sind nicht austauschbar, wie es uns unsere Wirtschaft und die unsägliche Gender-Ideologie seit langem einredet, sondern zutiefst verschieden. Sie sind komplementär. Sie ergänzen einander und schaffen so und nur so eine neue Generation. Die Gesellschaft und der Staat sind für ihren Fortbestand auf die Ehe geradezu angewiesen. Auch stellen Mann und Frau in ihrem Aufeinanderbezogensein eine anthropologische Ganzheit dar. Jedes Ehepaar steht für die Einheit der ganzen Menschheit aus Frauen und Männern.

Auch Jesus stellt sich im Evangelium in diese Tradition. Ja, er radikalisiert dieses Verständnis, indem er die Ehescheidung ablehnt und sie als Ehebruch qualifiziert. Zweifellos eine der schwersten Sünden gegen die Zehn Gebote. Dass die Kirche bis heute an der Unauflöslichkeit der Ehe festgehalten hat, wird von vielen als hart und als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Oft wird unser christliches  Eheverständnis auch lächerlich gemacht. Viele sehen darin eine Überforderung der Ehepartner. Anderen leuchtet nicht mehr ein, warum man sich für immer an einen Partner binden soll. Aber der christliche Glaube ist nie zeitgemäß, sondern einfach human. Für alle Zeiten stellt er eine Zumutung dar.

Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um die menschenwürdigste Form der partnerschaftlichen Beziehung herauszufinden. Sie hat vermutlich mühsam lernen müssen, dass man nur in der Geborgenheit einer lebenslangen Bindung und verlässlichen Treue einander ganz anvertrauen kann. Dass man auch - es klingt paradox, ist es aber nicht - allein in der Bindung frei wird. Nur indem Mann und Frau einander Wohnung geben, und zwar mit umfassendem Kündigungsschutz, können sie auch das volle Glück einer Liebesbeziehung finden und zudem neues Leben in Geborgenheit heranwachsen lassen. So werden Mann und Frau in der Ehe zu Hütern der menschlichen Zukunft.

Haben wir in unserer Gesellschaft vielleicht diesen langen und mühsamen Lernprozess der Menschheit vergessen? Offenbar begeben wir uns auf Irrwege, deren fatale Folgen für das Menschenbild, für die Menschlichkeit und für das gesellschaftliche Zusammenleben wir noch gar nicht absehen.

Weil die Ehe eine einzigartige Beziehung ist, ist sie für uns Christen ein Sakrament, ein heiliges Zeichen. Denn sie stellt dar, was unsere Gemeinschaft mit Gott ist: Gott verbindet Mann und Frau in Liebe miteinander und lässt sie fruchtbar sein für die Zukunft. Doch diese Verbindung gründet darin, dass wir mit Gott verbunden sind, wie in einer Ehe: „neuer und ewiger Bund“. Im Alten Testament wird das Verhältnis zwischen Gott und Israel oft im Bild der Ehe veranschaulicht. Im Neuen Testament und bei den Kirchenvätern wird die Kirche als Braut Christi gesehen. Weil die Ehe diese unsere Gemeinschaft mit Gott abbildet, deshalb ist sie ein Sakrament. Die Eheleute bejahen einander mit derselben Liebe, mit der sie sich selbst und einander von Gott geliebt wissen. So wie ein Spiegel die Strahlen der Sonne reflektiert, so soll die Ehe die Liebe Gottes reflektieren und Kindern in dieser Liebe Geborgenheit schenken.

Die Unauflöslichkeit der Ehe gründet im Eheversprechen, das Mann und Frau sich geben. Dieses Versprechen umfasst auch die Zustimmung dazu, es nicht selber zurücknehmen und es auch nicht einvernehmlich zurückgeben zu können. Es ist als ob sie sich sagten: Ich will in alle Zukunft nur so glücklich sein, dass ich will, dass du es auch bist.

Das Leben in der Ehe ist sicher oft kein leichter Weg. Die vielen gescheiterten Ehen zeigen das. Man muss die Fähigkeit bewahren, einander immer wieder überraschende Freude zu bereiten und füreinander aufmerksam zu sein. Man muss auch immer wieder die Bereitschaft zur Versöhnung haben. Aber gerade in der Treue, in der Vergebung  und im Durchhalten von Krisen und Meinungsverschiedenheiten zeigt sich die Liebe.

Nun aber zeigt sich, dass viele Ehen trotzdem scheitern. Wie soll die Kirche damit umgehen? Könnte es nicht auch sein, dass eine Ehe endgültig tot ist, weil sie Gottes Liebe überhaupt nicht mehr widerspiegelt und somit nur noch schwerlich Sakrament genannt werden kann? Wenn das eucharistische Brot im Tabernakel verschimmelt und nicht mehr essbar ist, dann ist es kein Sakrament mehr. Könnte solches nicht auch von der Ehe gelten, so dass der Bischof eine solche Ehe für tot erklären könnte? In dieser Richtung könnte vielleicht eine Antwort auf das Problem der gescheiterten Ehen liegen.

Die Bibel sagt, dass die Eheleute ein Fleisch werden. Tatsächlich gehen alle unsere Beziehungen über das Fleisch. Der Mensch ist Fleisch, er ist Leib. Der Leib ist nicht nur ein Zusatz zur Seele. Nur in seinem Leib und als Leib kommt der Mensch zur Erscheinung, stellt er sich dar, wird er gegenwärtig. Der Leib spiegelt seine einmalige Geschichte wider. Sorge um den Menschen ist zuallererst Sorge um den Leib: dem Hunger, dem Durst, dem Schmerz, dem Frieren abhelfen. Ebenso geht alle Kommunikation über den Leib: Augen, Mund, Ohren, Hände.

Das gilt erst recht für die Liebe: Wenn ein junger Mann und eine junge Frau ineinander verliebt sind, sich gegenseitig begehrenswert und liebenswert finden und das Vertrauen zwischen ihnen wächst, dann sucht sich ihre Liebe einen leiblichen Ausdruck. Früher oder später gibt der eine dem anderen zu verstehen, ob nun mit Worten oder anders: „Schenk mir Deinen Leib!“ Wenn die Liebe erwidert wird, wird der andere sagen: „Nimm meinen Leib!“.

Nanu, das sind doch die Worte, die wir in jeder Eucharistiefeier hören: „Nehmt, das ist mein Leib“. In der hl. Messe geschieht eben das, was in jedem Brautgemach geschieht: Braut und Bräutigam schenken einander ihren Leib – und damit sich selbst. Christus und die Kirche schließen einen neuen und ewigen Bund, wie eine Ehe. Wir sehen: Auch die Liebe Gottes ist nicht platonisch. Die Eucharistie macht den Eros Gottes offenbar, den „neuen und ewigen Bund“, seine unverbrüchliche Liebe zur Menschheit bis zum Tod am Kreuz, zur Hingabe des Leibes im Feuer des Heiligen Geistes: „Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“, so die 2. Lesung. Die Kirche lebt von der Hingabe seines Leibes. In jeder hl. Messe feiert Christus Hochzeit mit uns, seiner Kirche, und wird mit uns „ein Fleisch“.

Die Ehe stellt so dieses Mysterium dar als sichtbares Zeichen dieser gegenseitigen und fruchtbaren Hingabe. Es ist das innigste Ineinander von Personen.

In der Eucharistie, die wir jetzt feiern, wird dieses Geheimnis für uns alle zur Quelle unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unserer Liebe.

 

 

 

 

 

9. Sonntag 2018

Dtn 5,12-15; 2 Kor 4,6-11; Mk 2,23-28

Gehalten in München Heilig Geist

 

„Sechs Tage magst du schaffen und jede Arbeit tun.

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn deinem Gott geweiht.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

dem alttestamentlichen Judentum verdanken wir die Sieben-Tage-Woche. Der Sabbat, also der Samstag, wurde zum Ruhetag erklärt. Die Juden sehen darin ein großes Geschenk Gottes an sein Volk: ein Tag der Ruhe, ein Tag zum Verschnaufen, zum Aufatmen, zum Feiern. Ein Tag, der ganz Gott gehört und genau deshalb ganz uns gehört. Und das nicht nur für die Freien, sondern auch „dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.“ Ja, noch mehr, „auch dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh.“ Also die Produktionsmittel, die ganze Wirtschaft, das ganze System von Arbeit, Produktion, Kaufen und Verkaufen sollte ruhen.

Nur die Juden genossen im Altertum diesen freien Tag. In allen anderen Völkern wurde die Arbeit nie unterbrochen. Sie war endlos. Es gab keine Unterbrechung. So als wäre der Mensch ein reines Arbeitstier.

Nur die jüdische Bibel hat verstanden: Der Mensch ist eigentlich gar nicht dafür gemacht, ohne Unterlass zu arbeiten. Der Mensch ist für Gott gemacht. Das Sabbatgebot erinnert uns daran: Der Mensch ist nicht für pausenloses Arbeiten und Produzieren gemacht, sondern um bei Gott anzukommen. Jeder Sabbat im Jahreskreis lässt den Menschen schon mal bei Gott ankommen, lässt das Ziel unseres Lebens sichtbar und erfahrbar werden: Nur wenn der Mensch bei Gott ankommt, kommt er auch zu sich, findet er auch sich selbst.

Der Sabbat ist so zu einem Identitätsmerkmal der Juden geworden. Bis heute pflegen sie diesen Tag, ja, auch unter schwierigsten Bedingungen, selbst in den Konzentrationslagern haben sie – soweit es möglich war – den Sabbat zu halten versucht. Wer schon einmal in Israel war, hat es erlebt: Am Sabbat ruht das ganze Wirtschaftsleben, selbst Busse und Bahnen fahren nicht. Alles steht still.

Wir Christen feiern den Sabbat nicht mehr. Zwar haben auch wir die Sieben-Tage-Woche übernommen, aber unser Feiertag ist der Tag nach dem Sabbat, also der erste Tag der Woche, weil er der Tag der Auferstehung Christi ist. Deshalb ist der Sonntag auch kein Wochenende, sondern Wochenanfang. Dass vor einigen Jahrzehnten die weltlichen Kalender umgestellt wurden und der Sonntag auf den letzten Tag rutschte, ist respektlos sowohl gegenüber dem Judentum wie gegenüber uns Christen, die wir die Woche mit dem Sonntag beginnen. Ich wünsche auch nie ein schönes Wochenende, sondern immer „Gesegneten Sonntag!“ Der Sonntag ist der Ostertag der Woche. So wird deutlich, dass nicht die Arbeit zuerst kommt, sondern die Gnade, die Freiheit und das Leben. Jeder Sonntag ist ein Neubeginn. Und die Woche beginnt mit einem arbeitsfreien Tag. Dieses Bewusstsein ist vielen heute leider abhanden gekommen. Der Mensch ist eben nicht Produkt seiner Leistung und seiner Arbeit, sondern zuerst ein Kind Gottes bestimmt zum ewigen Leben. In diesem Bewusstsein sollen wir unsere Arbeit tun.

Zur Zeit Jesu – so zeigt es das heutige Evangelium – wurde das Sabbatgebot in einer unglaublich legalistischen Weise ausgelegt. Bis in alle Einzelheiten war festgelegt, was man am Sabbat tun durfte und was man nicht tun durfte. So war genau festgelegt, wie viele Schritte man am Sabbat gehen durfte. Selbst das harmlose Ährenraufen war verboten, wenn man an einem Kornfeld vorbeiging, weil es als Erntearbeit interpretiert wurde. Und Erntearbeit war am Sabbat streng untersagt. Die Pharisäer wachten mit Adleraugen darüber, gewissermaßen wie eine Religionspolizei. Und so wurde das Sabbatgebot in sein Gegenteil verkehrt: anstatt ein Geschenk Gottes wurde es zu einer Last. Anstatt Menschen zu befreien, engte es sie ein. Man hatte Angst, durch eine Kleinigkeit das Gesetz zu brechen und sich vor Gott schlecht fühlen zu müssen. Religion kann auch einschüchtern und den Menschen die Freiheit und die Freude am Glauben nehmen.

Jesus aber, der ein gläubiger Jude war, ließ sich diese Freiheit nicht nehmen. Seine Absicht war es nicht, Gesetze zu brechen, die für den Zusammenhalt der Gemeinschaft wichtig sind. Er zeigte vielmehr, dass es nicht nur um den Buchstaben geht, sondern um den Geist des Gesetzes. Stellen Sie sich vor, sie sehen am Ufer eines Sees, wie ein Kind dort hineinfällt, das nicht schwimmen kann. Sie möchten ins Wasser springen, um das Kind zu retten. Am Ufer steht aber eine große Tafel; darauf steht „Baden streng verboten!“ Wie verhalten Sie sich? Das eine ist der Buchstabe, das andere der Geist der Menschlichkeit.

So konnte Jesus sagen: „Der Sabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Religion soll also dem Menschen dienen und ihm in der Mühsal des Lebens eine Hilfe sein. Und so erklärte Jesus sich auch zum Herrn über den Sabbat und damit über die Religion.

Wir Christen feiern nicht mehr den Sabbat, sondern den Sonntag. Die Kirche hat nicht so stark reglementiert, was man am Sonntag darf oder nicht darf. Man sollte allerdings arbeitsfrei bleiben. Es ist auch schön, wenn er sich vom Alltag unterscheidet: in Kleidung, im Essen, im familiären Zusammensein. Das gehört zu einer Sonntagskultur. Selbstverständlich sind Berufe im Gesundheitswesen und manche andere davon ausgenommen. Aber grundsätzlich soll die Arbeit unterbrochen werden, das ganze Wirtschaftssystem, dieses große Räderwerk, einfach stillstehen. Denn der Mensch ist nicht dazu gemacht, in diesem System aufzugehen, atemlos zu arbeiten, ein namenloses Rädchen daran zu sein. Natürlich, aus Sicht der Wirtschaft wäre es wünschenswert, wenn die Geschäfte auch am Sonntag offen wären und das Kaufen und Verkaufen nie unterbrochen wird. Sollen wir wirklich ständig „auf dem Markt sein“, den Gesetzen des Marktes unterworfen? Soll die glitzernde Welt des Konsums unser weitester Sinnhorizont werden? Unser christliches Menschenbild sträubt sich dagegen. Denn die Bestimmung des Menschen ist eine andere. Er soll nicht im Alltag aufgehen, sondern in seiner Freundschaft mit Gott. Gott soll unser Gott sein und nicht Arbeit, Leistung, Waren, Geld unsere Götzen. Nur Gott verbürgt, dass wir in diesen Dingen nicht aufgehen und unser Leben ein Götzendienst wird. Und dazu braucht es Unterbrechung. Ja, „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“ – so sagt es der renommierte Theologe Johann Baptist Metz. Denn Gott kommt dazwischen. Und wir Christen lassen Gott heilsam dazwischen kommen, das ganze System unterbrechen. Der Sonntag ist das Dazwischenkommen Gottes in unser Leben.

Dazu hat die Kirche das Sonntagsgebot erlassen. Es fordert alle Christen auf, am Sonntag auch am Gottesdienst teilzunehmen. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch, dass das in unserer Kindheit und Jugend auch oft als Zwang empfunden wurde, wenn es hieß, man muss zur Kirche gehen. Der Sinn dieses Gebots wurde von vielen nicht verstanden und als lästige Pflicht empfunden. Welcher Sinn steckt hinter diesem Gebot, das auch heute noch gilt?

Zum einen: man kann auch geistlich aushungern. Der Glaube braucht Nahrung und Stärkung genau wie das leibliche Leben. Wenn wir Gebet und Gottesdienst vernachlässigen, dann läuft unser Glaube Gefahr, zu verdunsten. Dass Gott bei uns ist, müssen wir uns immer wieder sagen lassen. Man muss im Wort Gottes zuhause sein, damit der Glaube lebendig bleibt. Wir müssen die Sakramente feiern, damit unsere Lebensgemeinschaft mit Christus lebendig bleibt und auch unseren Alltag prägt. Es ist wie mit einer Freundschaft. Wenn man sie nicht pflegt, dann verflacht sie und verkommt schließlich.  

Das ist das eine.

Aber es gibt noch einen zweiten, sehr wichtigen Grund für das Sonntagsgebot. Es erinnert uns daran, dass der Glaube keine Privatsache ist, sondern vom Hören kommt, also aus zwischenmenschlicher Kommunikation. Man kann den Glauben nur mit anderen zusammen haben und leben. Und da sind wir alle füreinander verantwortlich, einander im Glauben zu bestärken und nicht zu schwächen. Jeder und jede, der oder die im Gottesdienst dabei ist, mitfeiert, mitbetet und singt bestärkt – ob bewusst oder unbewusst – die anderen im Glauben. Wir gehen ja nicht in die Kirche wie ins Kino, wo es egal ist wer außer mir auch noch da ist. In der Kirche sind wir eine Gemeinschaft von Glaubenden und nicht einander gleichgültig. Jeder Anwesende bestärkt die anderen im Glauben, aber jede Bank, die leer bleibt, schwächt die anderen im Glauben. Das Sonntagsgebot spricht uns also auf unsere Verantwortung füreinander an. Dies ist vermutlich der tiefe Sinn des Sonntagsgebots.

Und schließlich und endlich: Es ist Christus, der Auferstandene, der uns ruft und einlädt. Er möchte am Tag der Auferstehung mit uns zusammen feiern, uns durch sein Wort im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe stärken, damit wir den Alltag in seinem Sinn und in seinem Geist gestalten. Dazu schenkt er uns seinen Leib und damit sein Leben.

 

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Pfingsten 2018

Der Heilige Geist und unser Kleingeist

Apg 2,1-11; Joh 20,19-23

 

Da saßen sie nun am Osterabend hinter verriegelten Türen.

Hatten alles verrammelt.

Gelähmt vor Angst.

Es war ja erst der dritte Tag nach Jesu Tod am Kreuz.

Groß war die Angst, sie stünden auf der Fahndungsliste.

Die Angst, es könnte auch ihnen so ergehen wie IHM.

Denn schließlich waren sie seine Freunde gewesen, steckten mit IHM unter einer Decke.

Sympathisanten. Auf jeden Fall verdächtig.

Und nun verstecken sie sich.

Machen sich unzugänglich.

Schalten alle Handys aus.

Bis der Sturm hoffentlich vorbeigeht.

Bis Gras über sein Grab wächst.

 

Irgendwie verständlich.

 

Aber es wächst kein Gras drüber.

Denn ER ist da.

ER steht in der Mitte.

Der Gekreuzigte.

Er kommt durch die verschlossene Tür,

in die verschlossenen Herzen seiner Freunde.

ER findet Zugang zu ihnen.

ER ist da.

Den Menschen getötet haben, ist nicht tot bei Gott.

Mein Gott, ER lebt!

Man hat IHN nicht tot gekriegt.

 

Und ER sagt: Schalom aleichäm: Friede euch!

Friede euren friedlosen und zerrissenen Herzen!

Und dann zeigt er ihnen seine durchbohrten Hände und seine geöffnete Seite.

Die Jünger sehen, was man mit IHM gemacht hat, was man IHM angetan hat.

Aber ER sagt nicht: Rächt mich! Vergeltet! Zahlt es ihnen heim!, sondern:

Friede euch!

 

Da kommt Freude auf.

Da schwindet die Angst.

ER ist da.

ER ist bei uns.

So wie jetzt bei uns.

 

Und er sendet sie hinaus: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Sie sollen teilhaben an seiner Sendung, an der Sendung durch den Vater.

Und dann haucht er sie an: Empfang Heiligen Geist.

Im Johannesevangelium geschieht Pfingsten bereits am Ostertag. Denn wie sollten sie den Auferstandenen erkennen ohne Heiligen Geist?

Lukas streckt hingegen zwischen Ostern und Pfingsten die Zeit. 50 Tage.

Die Jünger treten heraus aus den verschlossenen Türen.

Sie haben Mut gefunden, Mut, der die Angst besiegt.

Ihr Glaube wird öffentlich. Er wird zu einer res publica.

Sie schreien ihn hinaus in die Welt, in diese zerstrittene, friedlose und aus den Fugen geratene Welt.

Sie bringen den Frieden und die Versöhnung, die er ihnen geschenkt hat.

Sie erleben wie Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Sprachen und Kulturen sich verstehen und eine Sprache sprechen.

Das ist das Pfingstwunder.

 

Liebe Schwestern und Brüder, wenn das Evangelium von den Jüngern spricht, dann spricht es auch von uns. Wir sind doch die Jünger heute.

Der Herr spricht uns auf unsere Angst an, auf unsere Angst, unser Herz zu öffnen, es groß und weit zu machen.

Denn auch bei uns regiert Angst: Angst vor Krieg, Angst vor Veränderung, Angst vor dem Islam, Angst um die Gesundheit, Angst, nicht genug vom Leben abzukriegen und den Kürzeren zu ziehen. Auch bei uns gibt es Rückzug ins Private, hinter verriegelte Türen, hinter verschlossene Grenzen. Nur noch Ichs und kein WIR mehr.

 

Auch unser Glaube ist weithin zur Privatsache geworden. Man spricht nicht drüber. Von den Muslimen könnten wir lernen, was es bedeutet, den Glauben offen zu bekennen, zu ihm zu stehen. Unser Glaube ist doch eine öffentliche Angelegenheit. Christus und seinen Geist in die Welt tragen, die Welt anhauchen mit seinem Geist.

 

Angst kommt von eng. Wer ängstlich ist, denkt eng und wird engherzig und kleingeistig, nur noch auf sich selbst bedacht. Es ist dieser Kleingeist, der die Welt aus den Fugen bringt, der Spaltung bewirkt, der Versöhnung und Verstehen, Frieden und gerechte Verhältnisse verhindert. Der egoistische Kleingeist, der uns in letzter Zeit immer wieder auch in der Politik begegnet und der zum Ungeist wird, zum bösen Geist, der zerstörerisch und spaltend wirkt. Der Krieg bringt statt Frieden.

 

Der Heilige Geist, der Geist Gottes  aber ist der Geist Jesu, der Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist. In Gott ist der Heilige Geist das göttliche WIR von Vater und Sohn. Er verbindet also Personen. Er ist der Geist, der uns mit Gott verbindet und untereinander verbindet. Wir nehmen im Glauben teil am WIR Gottes. Denn Gott will die Menschen aus lauter Ichs zum WIR führen, zu einem neuen Miteinander, in dem wir nicht Angst voreinander haben müssen und sogar bereit werden, Angst auch auszuhalten und zu ertragen, ohne den mutlos zu werden und uns in uns selbst zu verschließen..

 

Der Heilige Geist ist der feurige Geist, der unseren Kleingeist überwindet, der Mut gibt, Mut zum Sein, Mut zum Leben und zu seinen Herausforderungen und auch Mut zum Sterben. Er wirkt überall dort, wo ganz verschiedene Menschen zueinander finden, wo Feinde Frieden schließen, wo Christen ihren Glauben auch öffentlich bezeugen, wo sie auch in Verfolgung standhalten, wo Politiker über ihren Schatten springen. Er schenkt Mut, auch auf Fremde zuzugehen und sie in ihrer Andersartigkeit zu verstehen. Er gibt Mut, in dieser verlogenen Welt auch die Wahrheit zu sagen. Er gibt Mut auch denen zu vergeben, die an uns schuldig wurden. Denen, die uns verletzt haben, Frieden zu wünschen und nicht Vergeltung. Ja, der Heilige Geist ist die Gabe der Vergebung, das große JA Gottes zu uns und zur ganzen Menschheit. Wir stehen unter diesem JA. Gott will die Menschheit zum WIR führen.

 

„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Sünden behaltet, dem sind sie behalten.“ Das ist der Auftrag des Auferstandenen Herrn an uns, seine Jünger: Die Botschaft der Versöhnung. Wenn ihr euch nicht versöhnt mit all dem Unversöhnten in eurem Leben, mit all den Wunden der Vergangenheit, mit den Menschen, die euch Unrecht getan haben, dann bleibt alles beim Alten. Der Herr vertraut uns diese Vollmacht zur Vergebung an, zur Heilung und zur Versöhnung. Denn wenn ihr Christen das nicht tut, dann bleibt die Unversöhntheit erhalten, die Sünde der Welt; dann bleibt alles beim Alten, dann bluten die Wunden weiter, die Wunden des Gekreuzigten, die der Auferstandene den Jüngern gezeigt hat. Dann gibt es keinen neuen Anfang.

 

Wir feiern Pfingsten, das Fest des feurigen Geistes, der uns begeistern und entflammen will für eine neue Welt des Friedens. Der Geist, der die Welt heilen kann. Feuer und Flamme für das Evangelium will er uns machen. Wir singen wunderbare Lieder und stimmen ein in die herrliche Melodie des Heiligen Geistes: „Komm o du glückselig Licht,/ fülle Herz und Angesicht, /dring bis auf der Seele Grund.“

 

Singend und feiern hoffen wir, ein wenig weiterzukommen auf unserem Lebensweg: vertrauend und mutig, die Herausforderungen, die kommen, anzunehmen.

 

„Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird verwandelt.“

 

Es ist Zeit, Eucharistie zu feiern, ein versöhntes WIR zu werden um diesen Tisch des Herrn. Es ist die Feier der Wandlung. Ein kleines Stück Brot wird verwandelt in IHN. Schon ein kleines Stück Welt, das verwandelt wird durch den Heiligen Geist. Damit wir es im Geiste Jesu essen und selbst verwandelt werden wie die Jünger am Osterabend und am Pfingsttag.

 

Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen!

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14. Sonntag 2017

München, Heilig Geist

Liebe Schwestern und Brüder,

Holterdiepolter wurde in Deutschland nach ganzen 38 Minuten Debatte im Bundestag die Homoehe gesetzlich eingeführt.  Für bestimmte Kreise gab es Grund zu überschwänglichem Jubeln und zum Feiern. Und wenn man die Berichterstattung und die Kommentare im Fernsehen gesehen hat, dann bekommt man den Eindruck: Alle sollen sich gefälligst freuen. Ich habe mich nicht gefreut. Wer sich nicht darüber freut – bei dem stimmt was nicht, der ist von gestern. So funktioniert Meinungsmache. Kritische Argumente wurden nicht mehr gehört oder einfach belächelt.

Wir sollten keine Angst davor haben.

Vielmehr sollten wir uns klar machen, was das für uns Christen und für christliches Eheverständnis bedeutet, dass wir in einer mehr oder weniger entchristlichten Gesellschaft leben, die auch die Ehe völlig anders versteht, nämlich als bloße Übernahme von gegenseitiger Verantwortung zweier Menschen beliebigen Geschlechts füreinander. Oder, wie die deutschen Bischöfe beklagen: Christliches und staatliches Eheverständnis klaffen immer mehr auseinander.

Wir sind damit aufgerufen, uns unser christliches Eheverständnis neu bewusst zu machen und unser Profil zu schärfen. Schließlich berührt das Thema auch die Lehre von den Sakramenten. Denn die Ehe von Mann und Frau ist für uns ein heiliges Sakrament, ein Spiegel der Liebe Gottes.

Wenn wir uns kritisch mit der sog. „Ehe für alle“ auseinandersetzen, dann ist damit keine Diskriminierung von homosexuellen Menschen gemeint. Davor sollte man sich hüten. Man kann durchaus verstehen und nachvollziehen, dass auch homosexuelle Menschen den Wunsch und die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit bei einem geliebten Menschen haben. Das gehört nun mal zum Humanum. Und homosexuelle Partnerschaften können deshalb auch von uns Christen respektiert werden. Worum es allein geht, ist der Begriff „Ehe“. Das ist nicht nur eine Bezeichnung, sondern meint eine für die Menschheit höchst bedeutsame Wirklichkeit, die nun umdefiniert und ausgehöhlt wird.

Sind homosexuelle Partnerschaften „Ehe“ wie es sie seit Menschengedenken gibt und vor allem wie die Bibel und wie die Kirche sie versteht? Hat der Staat überhaupt ein Recht dazu, ein so über Jahrtausende gewachsenes Kulturinstitut einfach umzudefinieren?

Tatsächlich ist die Ehe von Mann und Frau unter allen zwischenmenschlichen Beziehungen (Verwandtschaft, Freundschaft, Wohngemeinschaft, Geschäftspartner usw.) einzigartig. Keine andere Beziehung kann mit ihr verglichen werden. Denn allein die Ehe (bzw. die stabile heterosexuelle Lebensgemeinschaft) hat es nicht nur mit der Gegenwart und mit gegenwärtiger individueller gegenseitiger Beglückung zu tun, sondern mit der Zukunft. Denn nur die Gemeinschaft von Mann und Frau gibt menschliches Leben weiter und bringt eine neue Generation hervor. Aus Ich und Du wird ein Wir. Damit verbürgt sie die Zukunft. Deshalb kommt der Beziehung von Mann und Frau in der Bibel auch eine Sonderstellung zu. Mann und Frau werden „ein Fleisch“ (Gen 2,24). Eben hier sieht die Schrift nicht nur die individuelle Verwirklichung der beiden Partner, sondern auch die Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Mann und Frau sind danach vor Gott gleichwertig und in ihrer Verschiedenheit (vgl. Gen 1,27) füreinander geschaffen, um neues Leben zu schenken, zu hüten und wachsen zu lassen. Keine andere zwischenmenschliche Beziehung hat diese Berufung zur fruchtbaren Weitergabe des Lebens und vermag diese Aufgabe für die Gesellschaft zu erfüllen. Sie ist deshalb einzigartig. Und sie entspricht in christlicher Sicht aus diesem Grunde der Schöpfungsordnung.

Nur deshalb auch stehen Ehe und Familie verfassungsmäßig unter dem besonderen Schutz des Staates (vgl. Art 6 Abs 1 GG). Denn der Staat muss Interesse an seiner Zukunft haben und nicht an der Förderung steriler Lebensgemeinschaften, so sehr ihm auch das individuelle Glück seiner Bürger am Herzen liegen mag. Mag es auch eine gewisse Anzahl unfruchtbar bleibender Ehen geben, so ist dennoch die homosexuelle Partnerschaft prinzipiell und a priori steril. Sie kann per definitionem kein neues Leben hervorbringen. Deshalb ist sie in einem ganz wesentlichen Punkt der Ehe ungleich und kann mit ihr mitnichten gleichgestellt werden.

Mit der Homo-„Ehe“ aber wird der Ehebegriff vergleichgültigt. Aus christlicher Sicht ist es so, als würde man auf eine Flasche Traubensaft ein Weinetikett kleben und den Traubensaft als Wein verkaufen. So kann man natürlich das Etikett „Ehe“ auf jedwede zwischenmenschliche Beziehung kleben. Aber wo Ehe draufsteht, muss auch Ehe drin sein.

Es gibt noch weitere Gründe, warum wir die „Ehe für alle“ kritisch betrachten sollten. Jede Ehe steht für die ganze Menschheit, die aus Frauen und Männern besteht. Indem Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen, geschieht stellvertretend die Überwindung und Versöhnung des Geschlechterkampfes. Die Ehe von Mann und Frau steht also für die von Gott gewollte Einheit des ganzen Menschengeschlechts. Sie ist eine runde Sache. In ihr zeigt sich Gottes Wille, das Verschiedenartige, das Andersartige anzunehmen. Denn Mann und Frau, Vater und Mutter sind sehr verschiedene Weisen, Mensch zu sein und das Menschsein zu verwirklichen.

Mit der Homoehe aber ist im Prinzip bereits auch die Monogamie, die Einehe, aufgegeben. Denn Frau und Mann sind so etwas wie ein in sich abgerundetes Paar, eine gewisse anthropologische Ganzheit oder Vollkommenheit. Man kann deshalb auch die Unteilbarkeit der gegenseitigen Liebe begründen. Eine Mann/Mann- oder Frau/Frau-Beziehung kann dagegen prinzipiell offen sein auch für eine Dreier- oder Mehrfachbeziehung. Es wird auf Dauer nur schwer zu begründen sein, warum nur zwei Männer oder nur zwei Frauen miteinander eine „Ehe“ eingehen können, wenn nur die gegenseitige Übernahme von Verantwortung das Kriterium für die Eheschließung ist.

Auch muss man sich darauf vorbereiten, dass bald neue Rechtsansprüche angemeldet werden. Es gibt ja z. B. auch bisexuelle Menschen. Warum sollte ein Bisexueller nicht fordern dürfen, sowohl einen Mann als auch eine Frau heiraten zu dürfen? Er fühlte sich sonst in seinem Recht beschnitten.

Als Christen, liebe Schwestern und Brüder, sollten wir uns beim Thema „Ehe“ an das Menschenbild der Bibel halten. Schon auf ihren ersten Seiten sagt die Bibel, dass Gott die Einheit des Menschengeschlechtes will und weder seine Spaltung noch seine Vergleichgültigung (vgl. Gen 1,27f; 2,22-25). Das Zueinander von Mann und Frau, ihr Ein-Fleisch-Werden und ihre Fruchtbarkeit bedeutet doch ganz offensichtlich, dass hier mehr gemeint ist als nur individuelle Verwirklichung. Es geht vielmehr um die Einheit des Menschengeschlechts, das in diesem Ein-Fleisch-Werden unvermischt und ungetrennt gelebt wird. Es geht um Liebe, die den anderen in seinem grundsätzlichen Anderssein und nicht bloß in seinem Wie-ich-Sein annimmt. Zwar ist die Frau, wie Adam sagt, „Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23), was ihre Gleichwertigkeit mit dem Mann zum Ausdruck bringt. Und doch wird sie anders bezeichnet als der Mann: „Frau soll sie heißen“. Weil sie anders ist. Sie wird offenbar als das dem Mann entsprechende menschliche Gegenüber gesehen und umgekehrt. Und allein dem Zusammenkommen dieser Andersheiten, ihrer gegenseitigen Annahme und Liebe, ist auch Zukunft verheißen, und zwar nicht nur für die Ehepartner individuell, sondern auch für die aus ihnen entlassenen Kinder und somit für die Zukunft der Menschheit. Die Ehe steht somit repräsentativ für die Einheit und Versöhntheit des Menschengeschlechts in seiner Verschiedenheit. Der Mann bedarf zu seinem, aber nicht nur zu seinem Glück der Frau und die Frau des Mannes. Und nur so werden sie zum Segen auch für die Zukunft der Menschheit.

Das Neue Testament hat dieses Zusammensein von Mann und Frau zum Sakrament erhoben (vgl. Eph 5,31f.). Für uns Christen ist es also ein Zeichen für die unverbrüchliche Treue Christi zu seiner Kirche, die seine Braut ist. Wo Mann und Frau einander vorbehaltlos annehmen und in Treue zueinander stehen in guten und in bösen Tagen, da zeigen sie, was wir meinen, wenn wir von der Liebe Gottes sprechen, von unserer Gemeinschaft mit Gott, die alles übersteigt, was wir uns ausdenken können: wir sind hineingenommen in die Liebe des Vaters zum Sohn, nämlich in die Liebe Gottes, die Jesus uns geoffenbart hat.

Christliches Eheverständnis ist also etwas grundsätzlich anderes als das unserer Gesellschaft. Wir sollten unser Profil nicht verlieren, sondern schärfen.

Wir feiern jetzt Eucharistie. Auch das ist eine Hochzeit, nämlich der neue und ewige Bund. Christus und seine Kirche stehen einander gegenüber wie Bräutigam und Braut. Ein besseres Bild haben wir dafür nicht. Und es geschieht, was in jedem Brautgemach geschieht: Der Bräutigam schenkt seiner Braut seinen Leib, damit seine Braut, die Kirche, fruchtbar und guter Hoffnung wird für die Welt.

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Pfingstmontag 2017

München, Heilig Geist

Predigt zu Joh 15,26 – 16,1-3.12-15

 

„Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Worte Jesu aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums haben es in sich: „Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

Diese Stunde ist gekommen!

Es ist das, was fast täglich geschieht und für Schlagzeilen in den Zeitungen sorgt. Eine grausame Christenverfolgung im Nahen Osten und in vielen anderen Ländern und auch bei uns in Europa. Der sog. Islamische Staat tötet auf grausame Weise unsere Glaubensbrüder und –schwestern in deren Heimatländern, die ursprünglich christliche Stammlande waren. Schon das muss uns als Christen weh tun! Denn durch die Taufe sind wir mit ihnen ein Leib.

Und auch bei uns in Europa sorgt der IS mit Terroranschlägen und vielen Toten für Angst und Schrecken in der Bevölkerung. In Flüchtlingsheimen werden christliche Flüchtlinge von Muslimen nicht selten schikaniert und mit dem Tod bedroht. Wer die Augen aufhält, nimmt eine schleichende Islamisierung unseres Lebens wahr, die Hand in Hand geht mit einer Verächtlichmachung unserer christlichen Kultur. Lehrerinnen in Berlin dürfen in der Schule kein kleines Kreuz mehr an ihrer Halskette tragen. Aufgeklärte intellektuelle Muslime wie Hamed Abdel-Samad müssen bei uns unter ständigem Polizeischutz leben. Viele Menschen sind verunsichert, die Politik scheint hilflos zu sein. Und die Christenverfolgung wird – selbst von den Bischöfen – nur sehr wenig beachtet und thematisiert. Und viele fragen sich: Welcher Zeit gehen wir entgegen? Was wird noch kommen?

Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt: Die solches tun, meinen tatsächlich, damit Gott einen heiligen Dienst zu erweisen. „This is for Allah“ – dies ist für Gott!“, riefen die Gewalttäter vorletzte Nacht in London. Die Christenverfolger und die Attentäter tun das nicht aus bloß irdischen Interessen. Sie meinen, damit für Gott etwas Gutes und Ihm Wohlgefälliges zu tun. Die Selbstmordattentäter sprengen sich selbst in die Luft, weil sie davon überzeugt sind, dafür von Gott im Paradies belohnt zu werden. Und von vielen ihrer Glaubensgenossen werden sie als Märtyrer verehrt und gefeiert.

Nur fassungslos kann man vor einer solchen Mentalität stehen. Solche Gewalttäter sind gerade deswegen in ihrem Denken kaum zu verändern. Denn sie meinen, nicht für einen bloß irdischen, vergänglichen, relativen Wert zu kämpfen wie z. B. für das Vaterland, für eine Partei oder für eine politische Befreiung. Sie meinen vielmehr, das alles für einen absoluten Wert zu tun, nämlich für Gott. Sie töten und morden für Gott. Sie legen Bomben für Gott und richten ganze Blutbäder an. Wie pervers das klingt! Wie verblendet!

Auch damit verunsichern sie und schüren sie Angst. Denn man fragt sich: Wer ist denn nun Gott? Und was ist sein Wille? Meinen sie einen anderen Gott als wir? Meinen sie, Gottes Willen besser erkannt zu haben als die Christen? Ist der Koran so ambivalent, so mehrdeutig? So verschieden auslegbar als Botschaft der Barmherzigkeit und als Botschaft des Hasses? Darf sich jeder herauslesen, was er will? In jeder Sure spricht der Koran auch von Gottes Barmherzigkeit. Kann er beides sein – eine Botschaft der Barmherzigkeit für Muslime und eine Botschaft des Hasses für alle anderen? Der Islam kennt ja kein verbindliches Lehramt, das über die rechte Auslegung des heiligen Buches wacht. Aber kann es wirklich Gottes Wort sein, das befiehlt, Andersgläubige zu hassen und zu töten und die Welt mit Gewalt zu islamisieren?

Nun, alle Schriften, auch heilige Schriften sind von Menschen verfasst und nicht vom Himmel gefallen. Sie spiegeln auch die menschliche Ambivalenz ihrer Verfasser wider, die menschliche Zwielichtigkeit, gute und schlechte Motivationen und Absichten, eben Licht und Schatten. Wenn wir wollten, könnten wir auch aus dem Alten Testament solche Stellen finden, in denen Gott angeblich zur Gewalt aufruft, in denen Gott befiehlt, Homosexuelle zu töten und Ehebrecherinnen zu steinigen. Ja, wenn man das Alte Testament liest, z. B. das Buch Josua, dann meint man manchmal, im Islamischen Staat zu sein. So groß ist die Ähnlichkeit! Vieles hat der Koran aus der Bibel Israels übernommen, und der Islamische Staat überträgt es auf unsere Zeit und versucht es 1:1 umzusetzen. In der Meinung, Gott damit einen heiligen Dienst zu tun. Aber wer ist und was will Gott wirklich?

Nun, wie kommt es eigentlich, dass solche alttestamentlichen Stellen für uns Christen heute keinerlei Bedeutung haben? Wir können sie nicht als Wort Gottes verstehen. Denn was wirklich Gottes Wille ist, das hat Jesus uns gezeigt.

Deshalb sagt Jesus im heutigen Evangelium von denen, die durch ihre bösen Taten meinen, Gott einen heiligen Dienst zu tun: „Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“

Beides gehört zusammen: der Vater und Jesus. Wer Jesus nicht erkennt als den Sohn Gottes, der erkennt auch den Vater nicht.  Für den bleibt Gott ein rätselhaftes, mehrdeutiges Wesen, und man meint dann, alles Beliebige von Gott herleiten zu können, z. B. auch den Auftrag, unschuldige Menschen zu töten.

Aber mit Jesus ist ein neuer Geist in die Welt gekommen: Heiliger Geist. Pfingsten lassen wir uns neu inspirieren von diesem Geist. Ohne diesen Geist kann man nicht erkennen, wie Gott es mit uns meint und dass er durch Jesus unser aller Vater geworden ist.

Es ist Jesus Christus, der uns zeigt, wie die alte Schrift auszulegen und zu verstehen ist. Eben in seinem Geist ist sie auszulegen!  Jesus ist so etwas wie ein Verstehensschlüssel. Er schließt uns den Willen Gottes auf, weil er der Sohn ist und den Vater kennt wie sonst niemand. Jesus selbst hat sich ja in seiner Zeit immer wieder gegen ein falsches Verstehen des Wortes Gottes gewandt. Feinde hat er sich damit gemacht, vor allem unter den Frommen, die meinten, er würde Gott verraten. Wegen Gotteslästerung wurde er ja hingerichtet. Er wurde selber Opfer eines religiös-politischen Wahns.

Aber durch sein Wort und durch sein Beispiel, durch seine Menschlichkeit hat Jesus uns gezeigt, wie Gott wirklich ist: Er ist die Liebe. Und diese Liebe hat Jesus ausbuchstabiert in seiner Verkündigung und bis zum Tod am Kreuz. Jesus ist der wahre Sachwalter Gottes. Und jeder, der an ihn glaubt, bekommt auch Anteil an seinem Geist, an Gottes Geist, von dem wir schon erfüllt sind, wenn wir gläubig auf Jesus schauen und ihm nachzufolgen suchen, auch wenn wir immer wieder dahinter zurückbleiben und versagen.

Wo Menschlichkeit wächst und sich ausbreitet, da zeigt sich Gottes Geist. Wo Unmenschliches geschieht, da ist Gotets Geist nicht. Unmenschlichkeit kommt nicht von Gott. Denn Gott ist nicht als Gott, sondern als Mensch zu uns gekommen, als wahrer Mensch.

Es ist wohl dies die Tragik des Islam, dass dem Koran ein Neues Testament fehlt, ja, dass ihm Christus fehlt als Verstehensschlüssel, der die Ambivalenz, die Mehrdeutigkeit des Gottesverständnisses zur Eindeutigkeit, zur Klarheit bringt und so die Wahrheit Gottes offenbart: Gott will nicht den Tod – er will das Leben, nicht den Hass, sondern die Liebe, nicht die Gewalt sondern das Erbarmen, nicht Strafe, sondern Vergebun.

Und so ist mit Jesus dieser neue Geist in die Welt gekommen. Jesus nennt ihn den Geist der Wahrheit, der uns in die ganze Wahrheit einführt, in die Wahrheit Gottes. Er möchte die Verblendung, auch die religiöse Verblendung wegnehmen. Ja, wer diesen Heiligen Geist hat, der ist wirklich in Gott. Und wer aus diesem Geist lebt, wird ihn weiterschenken. Er oder sie wird nicht mehr Böses mit Bösem, Unrecht mit Unrecht vergelten, sondern das Böse durch das Gute überwinden helfen. Und dieser Geist gibt auch den Mut, einzutreten für die Verfolgten und überhaupt sich zu Christus zu bekennen in dieser Zeit, in der unser Christsein mehr und mehr verächtlich gemacht wird.

Und das schönste am heutigen Evangelium ist wohl, dass Jesus diesen Heiligen Geist „Beistand“ nennt. Er ist unser Beistand, wie ein Anwalt beim Gericht, der für das Recht eines zu Unrecht Angeklagten kämpft und ihn in der Hoffnung stärkt, dass es gut ausgehen wird. Der Heilige Geist ist der, der uns beisteht in all unserer Unsicherheit und Gefahr, der uns die Zuversicht gibt, die wir brauchen, und die Kraft zum christlichen Zeugnis, damit wir uns nicht von der Angst um uns selbst treiben lassen und aus lauter Angst egoistisch und unmenschlich werden und mit Hass auf andere blicken, auch wenn sie uns feindlich gegenüber stehen. Der Heilige Geist steht uns bei, damit wir nicht in alte Denk- und Verhaltensmuster zurückfallen, sondern – wie Paulus schreibt – „friedfertig und geduldig einander in Liebe ertragen“, weil wir in diesem Geist geborgen sind im Leben und im Sterben.

Die Eucharistie, die wir jetzt feiern, schenkt uns dieses Unterpfand der Hoffnung – bar auf die Hand!